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Anne Böckler-Raettig: Theory of Mind

Cover Anne Böckler-Raettig: Theory of Mind. UTB (Stuttgart) 2019. 100 Seiten. ISBN 978-3-8252-5133-8. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema

Menschen sind Meister der sozialen Interaktion: Wir kommunizieren und kooperieren mit Leichtigkeit und schaffen gemeinsam, was alleine unmöglich wäre. Dafür ist es unabdingbar, sich in andere hineinzuversetzen. Was denkt, weiß, will unser Gegenüber? Dieses Erschließen der mentalen Zustände anderer Menschen wird als Theory of Mind bezeichnet. Doch wie entwickelt sich diese Fähigkeit vom Säuglings- bis ins Seniorenalter? Welche psychischen Störungen gehen mit einer Beeinträchtigung der Theory of Mind einher? Kann diese Fähigkeit trainiert werden und existiert sie auch bei Tieren?

Autorin

Anne Böckler-Raettig ist Juniorprofessorin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg in der Abteilung Psychologie. Ihre Forschungsinteressen beziehen sich hauptsächlich auf Soziale Kognition (Blickverarbeitung, Empathie, Perspektivübernahme, Theory of Mind), sowie auf Soziale Interaktion (Prosoziales Verhalten, sozialer Ausschluss)

Entstehungshintergrund

Wie sieht die Welt aus den Augen meines Gegenübers aus? Dies zu beantworten ist eine wesentliche Grundlage unseres sozialen Miteinanders. Theorie of Mind (ToM) ist der Versuch, die Gedanken, Überzeugungen und Absichten, also die mentalen Zustände Anderer zu verstehen. In den 95 Seiten dieses utb-Bandes werden kurz und übersichtlich die wesentlichen Fragen zur ToM behandelt.

Aufbau

Zunächst wird der Begriff geklärt und von verwandten Konzepten abgegrenzt. Dazu werden neuronale und kognitive Grundlagen beleuchtet sowie persönliche und situative Faktoren erörtert, die mit ToM zusammenhängen. Vertieft wird dies durch die Behandlung empirischer Fragen und die Darstellung der Entwicklung von ToM über die Lebensspanne. Die Frage: bei wem ist die ToM beeinträchtigt führt direkt zu den Möglichkeiten der Förderung von ToM. Beinahe als Exkurs zu werten, aber interessant für das Verständnis ist ein Blick in das Tierreich: Gibt es ToM bei Tieren?

Ein Glossar und ein umfangreiches Literaturverzeichnis schließen das Buch ab.

Inhalt

Was ist ToM? Diese Frage wird in einem Merksatz definiert mit dem „Versuch, zu verstehen, was Andere denken, wissen, glauben, wolle, planen oder mögen. ToM bezeichnet also den Prozess die mentalen Zustände Anderer zu erschließen und über diese nachzudenken“ (S. 11). Das Ganze in unterschiedlichen Situationen (bei Ironie, Small Talk, Taktgefühl, Verhandlungen, Bluffen, Teamführung, Beziehungsarbeit) und auf verschiedenen komplexen Niveaus (S. 13):

  1. „Alice glaubt, dass das Fenster offen ist“
  2. „Felix weiß, dass Alice glaubt, dass das Fenster offen ist“
  3. „Alice hofft, dass Felix weiß, dass sie glaubt, dass das Fenster offen ist“

Deutlich wird die Bestimmung von ToM in der Abgrenzung von Begriffen, die auch zum Verstehen des Anderen und damit zur Gestaltung der Interaktion und Kommunikation beitragen: Empathie, Mitgefühl, Räumliche Perspektivenübernahme, Metakognition.

Ein erster Blick in die Forschung wird vermittelt durch ein kurzes Kapitel über die neuronalen Grundlagen der ToM, verbunden mit dem Hinweis auf interindividuelle Unterschiede bzw. Stabilität über die Lebensspanne. Zu merken ist: „Die Motivation und/oder die Fähigkeit zu ToM scheinen sich systematisch zwischen Menschen zu unterscheiden. Auf der Seite persönlicher Faktoren zeigt hierbei vor allem die Fähigkeit zu inhibitorischer exekutiver Kontrolle einen positiven Zusammenhang zu ToM. Situative Faktoren, die die ToM-Leistungen beeinflussen können, sind negativer Affekt und Stress“ (S. 24).

Im 2. Kapitel wird die Frage beantwortet, wie ToM gemessen werden kann. Als Paradebeispiel gelten hierfür die „False-Belief-Aufgaben“. Genutzt werden auch Verbale Mental-State-Aufgaben, „Strange Physical Story“, „Imposing Memory Task“, „Social Animations“, „Bildbasierte Handlungsvorhersagen“ und „Reading the Mind in the Eyes Test“.

Das 3. Kapitel gibt einen Überblick über die ontogenetische Entwicklung der Fähigkeit bzw. Tendenz, die mentalen Zustände Anderer zu erschließen und zur Vorhersage von Verhalten zu nutzen. Dabei zeigen neueste Forschungsergebnisse bereits bei sieben Monate alten Säuglingen erste Anzeichen von ToM. Spätere Untersuchungen bei vier Jahre alten Kindern legen nahe, dass die ToM-Entwicklung kontinuierlich verläuft und schon sehr früh erfasst werden kann. Werden diese Ergebnisse noch kontrovers diskutiert, so wird die ToM-Fähigkeit bei dreijährigen Kindern allgemein anerkannt. Diese Fähigkeiten nehmen im Jugendlichen- und Erwachsenenalter zu, im Seniorenalter jedoch wieder ab, was vermutlich „mit einer reduzierten Fähigkeit zu Inhibition eigener mentaler Zustände zusammenhängt“ (S. 51).

Das 4. Kapitel gibt einen Überblick über die Einschränkungen in ToM bei unterschiedlichen Störungsbildern. Dabei ist das am besten untersuchte die Autismus-Spektrum-Störung, die durch Abweichungen sozialer Interaktions- und Kommunikationsmuster und eingeschränkte, stereotype, sich wiederholende Interessen und Aktivitäten gekennzeichnet ist. Dieses beeinträchtigte Verständnis für soziale Situationen wird teilweise auf ToM-Defizite zurückgeführt.

Zu beobachten sind diese Defizite auch bei Schizophrenie, bei Depression, Alkoholabhängigkeit, Bipolare affektive Störung, Frontotemporale Demenz, Morbus Parkinson und spezifischen Sprachentwicklungsstörungen.

Im 5. Kapitel werden Förderbeispiele für Kinder, Erwachsene und Senioren, sowie für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen vorgestellt.

Im 6. Kapitel wird schließlich diskutiert, ob ToM auch bei Tieren nachgewiesen werden kann, mit dem Ergebnis, „dass sich auch bei nicht-menschlichen Tieren eine mit ToM vergleichbare Fertigkeit herausgebildet hat, die erlaubt, das eigene Verhalten effizient an die Herausforderung des Gruppenlebens anzupassen“ (S. 82).

Ein Glossar und ein ausführliches Literaturverzeichnis schließen das Buch ab.

Diskussion und Fazit

Mit diesem komprimierten und gut lesbaren Buch kann man sich einen Überblick verschaffen über das Thema Theorie of Mind, das im Spektrum der Pädagogik und Psychologie in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. ToM, vor allem der Mangel daran, vermag einiges zu erklären, was in Interaktion und Kommunikation, im sozialen Miteinander nicht gut läuft. Hilfreich sind vor allem die Kapitel über die Begriffsklärung und die Abgrenzung zu anderen Begriffen und Theorien, weil dadurch eine Trennschärfe erzeugt wird, die hilft, ToM zu verstehen. Der Blick in die ontogenetische Entwicklung führt direkt zu den Fördermöglichkeiten, die in der gesamten Lebensspanne eröffnet bleiben und vor allem auch für Menschen mit unterschiedlichen Störungsbildern Hoffnung wecken lassen.

Der klare Aufbau, bestückt mit Merksätzen und zusätzlichen Literaturempfehlungen hilft der neugierigen Leser*in weiter zu forschen und sich in das Thema zu vertiefen.


Rezensent
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 24.04.2019 zu: Anne Böckler-Raettig: Theory of Mind. UTB (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8252-5133-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25295.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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