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Carmen Hofer-Temmel, Christina Rothdeutsch-Granzer: Selbst sicher sein

Cover Carmen Hofer-Temmel, Christina Rothdeutsch-Granzer: Selbst sicher sein. Eine Grounded-Theory-Studie zu Besuchskontakten in Pflegeverhältnissen basierend auf der Sichtweise von Kindern und ihren Familien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 336 Seiten. ISBN 978-3-7799-3931-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

Reihe: Pflegekinderforschung.
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Die Autorinnen

Carmen Hofer-Temmel, Jg. 1984, Dr. phil. in Sozialpädagogik, Sozialarbeiterin (Mag. (FH)), ist Praktikerin und Forscherin. Derzeit tätig in der psychiatrischen Behandlung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in den Niederlanden.

Christina Rothdeutsch-Granzer, Jg. 1981, Dr. phil., ist Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin und Gründerin des Institutes wundeRkinder für Traumapädagogik und interdisziplinäre Traumaarbeit. Sie lehrt u.a. an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Anlass des Buches

Das Buch ist die veröffentliche Doppelpromotion der beiden Autorinnen, die an der Universität Graz erfolgte.

Aufbau des Buches

Das Buch gliedert sich in 9 Kapitel, die wiederum alle weiter unterteilt sind.

In der Einleitung (Kapitel 1) wird das Thema der Arbeit skizziert, was sich gut auf folgenden Punkt bringen lässt: „Die bisherige Literatur zu Besuchskontakten beschäftigt sich vor allem mit den Wirkungen von Besuchen und häufig auch mit der Frage, wieviele Besuche stattfinden. Das Forschungsinteresse in dieser Arbeit bezieht sich darauf, WIE Besuchskontakte sich für alle beteiligten Personen darstellen. Es ist nicht Ziel der Arbeit zu evaluieren, welche Kontakte gut und welche schlecht. Die Arbeit ist viel grundlegender daraufhin ausgerichtet, wie diese komplexen sozialen Situationen funktionieren.“ (S. 12).

Kapitel 2 beschreibt das Forschungsdesign, das hier die Grounded Theory bildet. Zum einem geht es um die Beschreibung des Samplings und der Vorgehensweise, zum anderen wird anhand von Fallbeschreibungen deutlich, wie die Datengewinnung erfolgte. Dazu werden die Vorgehensweisen (Interviews mit Erwachsenen, methodische Befragung von Kindern) kurz vorgestellt. Die Autorinnen problematisieren und rechtfertigen (gut begründet) ihre Rollen als Forscherinnen und Praktikerinnen.

Die Besuchskontakte sind – wie sich im Laufe des Buches noch deutlicher zeigt – auch aus rechtlicher Sicht „bestimmt“, weshalb Kapitel 3 sich damit thematisch auseinandersetzt. Hier wird der Bogen von der UN-Kinderrechtskonvention über Europarecht hin zu nationalem Recht (Österreich) geschlagen. Auch wenn Österreich natürlich ein eigenes Rechtssystem hat und die zitierten Gesetze mit den deutschen Gesetzen nicht identisch sind, so sind es in beiden Rechtssystemen die gleichen Leitgedanken, die hinter der jeweiligen Gesetzgebung stehen.

Besuchskontakte von Kindern in Pflegefamilien zu ihren Verwandten sind von jeher schwierig, manchmal problematisch und gelegentlich auch (sehr) belastend. Dabei gibt es zu diesem Thema vergleichsweise wenige Studien, wie die Autorinnen in ihrer Übersicht in Kapitel 4 feststellen. Deshalb haben sie den Fokus erweitert und beziehen die relevanten Studien aus Großbritannien mit ein, da es dort eine lange Forschungstradition zu Pflegekinderfamilien gibt. Dadurch erfolgt eine Differenzierung in Kindbezogene Ergebnisse, Pflegefamilienbezogenen Ergebnisse sowie Herkunftsfamilienbezogene Ergebnisse. Schließlich wird auch noch nach Verwandten- und Netzwerkpflegefamilien differenziert.

Das Pflegekinderwesen ist – insbesondere in Kontext von Besuchskontakten – thematisch auch von Bindung und Trauma bestimmt (Kapitel 5). Im Kontext von Bindung werden die relevanten Ergebnisse von Bowlby, Ainsworth und Grossmann & Grossmann zitiert. Von den allgemeinen Ausführungen findet eine Überleitung zu Bindung und Besuchskontakten statt. Zusammenfassend stellen die Autorinnen fest, dass „Bindung stets als ein Angebot der Eltern an die Kinder zu betrachten (ist). Bindung sollte nie eine Verpflichtung der Kinder gegenüber den Erwachsenen sein. Diese Haltung lässt sich auch auf Besuchsregelungen übertragen. Besuchskontakte sollen vor allem dem Kind und seiner Entwicklung dienen und ihm nicht schaden. Sie sind vor allem ein Recht des Kindes, nicht aber seine Pflicht“ (S. 128). In diesen Kontext gehören auch Trauma und Besuchskontakte, was im Folgenden aufgegriffen wird. Neben allgemeinen Ausführungen zu Trauma werden auch traumatische Bindungs- und Beziehungserfahrungen von Pflegekindern angesprochen.

Im Fokus von Pflegeverhältnissen sollte Kindeswohl und Kindeswille stehen (Kapitel 6). Dabei gilt auch zu beachten, dass Kinder ihren Willen längst nicht immer direkt und verbal äußern können. Auch braucht es eine Form von Beistandschaft, die in Österreich und Deutschland unterschiedlich geregelt ist. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie schwierig es ist, eine Regelung zu treffen, die die Perspektive der Pflegeeltern, der Kindesmutter und vor allen Dingen des Kindes berücksichtigt.

Im Sinne der komplexen Fragestellung dieser Arbeit und des gewählten Forschungsansatzes werden in Kapitel 7 die Besuchskontakte aus ökosystemischer Sicht untersucht. Dabei wird der systemische Ansatz nach Bronfenbrenner zugrunde gelegt und auf Besuchskontakte übertragen. Anhand eines Beispiels aus der eigenen Forschung werden die Einflüsse auf Mikro-, Meso- und Exoebene dargestellt und beschrieben. Dabei werden die Perspektiven der beteiligten Personen (Mutter, Großeltern und Pflegetochter wie auch Pflegeeltern) aufgezeigt. Wenig überraschend lässt sich feststellen, „dass Besuchskontakte eine komplexe sozial Situation mit vielen Einflüssen und Wechselwirkungen sind“ (S. 206).

Kapitel 8 ist das eigentliche Ergebnis des Forschungsprozesses, wozu die Autorinnen einen Kreisel als Modell wählen, um die Schlüsselthese bildlich darzustellen. Die Schlüsselthese lautet: „Die einzigartige prozesshafte Dynamik, welche sich durch subjektiv empfundene Sicherheit und Unsicherheit in jeder Besuchskonstellation von Herkunftsfamilie, Kind und Pflegefamilie ergibt, bildet sich durch das Zusammenspiel innerer und äußerer Faktoren und ist wesentlich für das Gelingen des Kontaktes“ (S. 207). In diesem sehr umfangreichen Kapitel (fast 100 Seiten) werden die verschiedenen beeinflussenden und gestaltenden Elemente von Besuchskontakten dargestellt und erläutert. Im Sinne des ökosystemischen Ansatzes und unter Berücksichtigung der dargestellten Theorien zu Bindung und Trauma kann es immer wieder Störungen geben, die den Kreisel taumeln lassen. „Zusammenfassend geht das Kreiselmodell bzw. die Schlüsselkategorie von folgenden grundsätzlichen theoretischen Elementen aus:

  • Gesellschaftliche Werte und gesetzliche Grundlagen bilden die Achse und persönliche Kontaktbedürfnisse geben den Drehimpuls
  • Besuchskontakte entwickeln sich prozesshaft, individuell und experimentell
  • Die Kreiselstruktur bildet sich aus neutralen, sicherheits- und unsicherheitsstiftenden Elementen und bestimmen den Energiehaushalt
  • Es können Interaktionsblockaden auftauchen
  • Besuchskontakte sind gerahmt durch gestaltende und begrenzende Rahmenbedingungen
  • Fachkräfte wirken auf die Besuchskonstellation“ (S. 210).

Das letzte, sehr kurze Kapitel 9 (acht Seiten) ist eine Zusammenfassung, was (wie einige andere Teile der Arbeit auch) schon an anderer Stelle publiziert wurde. Zwar steht in der Überschrift auch noch Diskussion, doch faktisch findet die hier nicht statt. Insbesondere das Kreiselmodell als systemisches Verstehen des komplexen Bedingungsgefüges bei Besuchskontakten als anwendbares Praxismodell wird hier gut und übersichtlich beschrieben.

Diskussion

Das Buch muss aus zwei Perspektiven gesehen werden: zum einen als forschungstheoretischer Beitrag zu Besuchskontakten bei Pflegekindern (akademische Ebene) und zum anderen als Ergebnis der Forschung in ein anwendbares System für die Praxis (Kreiselmodell). Der forschungstheoretische Teil, der den weit überwiegenden Raum dieses Buches einnimmt, ist gut gelungen, substantiell, nachvollziehbar und erkenntnisgewinnend. Es ist den Autorinnen sehr gut gelungen, ihr Forschungsinteresse auf theoretischen Herleitungen beruhend zuzuspitzen und die Fragestellung zu verfolgen bzw. die Ausarbeitungen auf die jeweilige Perspektive bzw. das jeweilige Thema zu beziehen. So gelingen ihnen (und den Leser_innen) differenzierte Einblicke. Jedes Kapitel hat am Ende eine Zusammenfassung (und teilweise Überleitung zum nächsten Kapitel), sodass der rote Faden immer erkennbar ist und bleibt.

Die zweite, wesentlich kürzere (von Umfang her) Perspektive ist die Praxisebene. Mit dem entwickelten Kreiselmodell (bereits 2015 in der österreichischen Fachzeitung frühe Kindheit publiziert) ist den Autorinnen ein gut handhabbares, vielschichtiges Modell gelungen, was in Behörden, bei Pflegeeltern, vor Gericht und anderen Kontexten unbedingt Einzug halten sollte, weil es so manche Komplexität entwirren hilft und gleichzeitig Kongruenzen und Divergenzen sichtbar macht. Das Modell ist kein Ersatz für psychologische und pädagogische Gutachten, wohl aber eine hervorragende Ergänzung dazu. Für die Praxis sind damit die letzten 8 Seiten des Buches von Relevanz (aber die anderen 306 Seiten schaden der Praxis auch nicht) und es lohnt sich die Auseinandersetzung mit diesem Modell. Dazu sollte die Grafik des Kreiselmodells von Seite 209 unbedingt hinzugezogen werden.

„Die Kreisel-Theorie stellt der Wissenschaft eine Grundlage zur Verfügung, den vielschichtigen und komplexen Faktoren nicht nur von Besuchskontakten von Pflegekindern und ihrer Herkunftsfamilie, sondern möglicherweise von Pflegeverhältnissen bzw. Familenkonstellationen im Allgemeinen in einem übergeordneten Rahmen zu verstehen“ (S. 325), so die Autorinnen am Schluss des Buches. Das kann an dieser Stelle nur bekräftigt werden, hier ist tatsächlich relevante Grundlagenforschung im Pflegekinderbereich erfolgt. Das Buch gehört auf jeden Fall in alle frühpädagogischen Studiengänge, aber auch in forschungsmethodischen Seminaren bietet es einen breiten Fundus. Außerdem sollte das Kreiselmodell nicht nur auf den Pflegekinderbereich beschränkt bleiben, es liegt auch nahe, es in der (teil-) stationären Kinder- und Jugendhilfe einzusetzen, wo es ganz ähnliche Konstellationen geben kann. Schließlich -auch wenn es noch nicht so verbreitet ist- kann es in anderen Kontexten wie der Altenhilfe auch zum Einsatz kommen, wenngleich hier die Gesprächsebenen und Interaktionspartner anders besetzt sind.

Fazit

Allen Praktiker_innen in Ämtern, Pflegekinderstellen, Gutachter_innen, Richter_innen und Pflegeeltern sei das Kreiselmodell als Konstrukt zum Verstehen, Beurteilen und Entscheiden sehr empfohlen.


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 16.05.2019 zu: Carmen Hofer-Temmel, Christina Rothdeutsch-Granzer: Selbst sicher sein. Eine Grounded-Theory-Studie zu Besuchskontakten in Pflegeverhältnissen basierend auf der Sichtweise von Kindern und ihren Familien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3931-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25298.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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