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Ferdinand Buer, Gertrud Siller (Hrsg.): Die flexible Supervision

Rezensiert von Prof. Dr. Anton Hahne, 01.03.2005

Cover Ferdinand Buer, Gertrud Siller (Hrsg.): Die flexible Supervision ISBN 978-3-531-14418-4

Ferdinand Buer, Gertrud Siller (Hrsg.): Die flexible Supervision. Herausforderungen - Konzepte – Perspektiven. Eine kritische Bestandsaufnahme. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 247 Seiten. ISBN 978-3-531-14418-4. 29,90 EUR. CH: 52,20 sFr.
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Einführung

"Supervision flexibilisierter Verhältnisse" oder "Halt im Strudel der Veränderung mittels Supervision" müsste ein Buch heißen, dass die beiden Supervisoren Buer und Siller jüngst herausgegeben haben. Sie postulieren, Supervision selbst sei flexibel geworden, beweglich, dehnbar, offen und damit auch potentiell beliebig sowie angstbesetzt. Komplexitätstoleranz fordernd eröffnen sie drei Problembereiche: Sie fragen

  1. nach Erkenntnissen zum Wandel der Arbeitsgesellschaft als aktuelle Herausforderungen für die Supervision,
  2. nach angemessenen Antworten in Form von Supervisionskonzepten und sie wollen
  3. aktuelle Professionalisierungsprozesse beleuchten.

Aufbau und Inhalt

Der dritte Problembereich interessiert den Rezensenten vordringlich und ist vermutlich auch für den lesenden Insider der Einstieg in die Lektüre:

  • Ferdinand Buer schreibt (mit 40 Seiten) im längsten Beitrag des Sammelbands "Über die professionelle Kompetenz, Professionalität kompetent darzustellen", dass mancher Anbieter der Verführung unterliege, einen Auftrag anzunehmen, den er gar nicht seriös bedienen könne. Wenn die Dienstleistung dann - aus fachlicher Sicht ungerechtfertigterweise - Supervision genannt werde, dann sei die Verwirrung groß. Buer bemüht sich daher um eine klare Darlegung, was heute unter Supervision verstanden werden sollte. Danach fasst er in Anlehnung an Pfadenhauer Professionalität als "institutionalisierte Kompetenzdarstellungkompetenz". Erlernt und geübt werden muss dabei das "diskrete Ausbalancieren professioneller Antonomien", das Austarieren der supervisorischen Arbeitsbeziehung "zwischen Authentizität und Show".
  • Heinz J. Kersting geht in seinem Beitrag auf Masterstudiengänge Supervision an den Hochschulen ein. Er rekapituliert zuerst die Verbandsentwicklung der DGSv, die in gut 20 Jahren zum etablierten Berufsverband führte, in welchem die Ausbildungsinstitute allerdings ihre Vormachtstellung einbüßten. Danach schildert er den derzeitigen Stand der Etablierung von Masterstudiengängen. Auch hier wird der Berufsverband dauerhaft kaum Einfluss ausüben können, da autonome Hochschulen zukünftig unabhängig von Fächer- und Berufsidentitäten angesiedelte Studiengänge anbieten werden. Was wird aber aus den bisherigen Ausbildungen auf Institutsebene? Kersting erwartet, dass in zehn Jahren nichthochschulische Ausbildungen in Supervision gesellschaftlich und bildungspolitisch nur noch eine marginale Bedeutung haben werden.
  • Margrit Brückner thematisiert Geschlechterverhältnisse und Doing Gender in Professionalisierungsprozessen. Knapp und präzise kennzeichnet sie die Widersprüchlichkeiten der heutigen Genderdiskussion und das noch wie vor virulente Faktum, dass Geschlecht als "sozialer Platzanweiser" fungiert. Der männliche Rezensent bezweifelt allerdings, dass die geringe Thematisierung der Geschlechterdimension in der Profession Supervision dazu beitrage, "die Geschlechterdynamik weitgehend unbewusst zu halten", wodurch sie ihre Wirkung umso stärker entfalte. Alarmierend ist aber der generelle Trend, personenbezogene Dienstleistungen an Zweckrationalität und ökonomischem Kalkül auszurichten, wenn die berufliche Qualifikation der Beziehungsorientierung und die weiblich konnotierte Beziehungsfähigkeit - wieder - in einen als privat angesehenen Bereich verschoben werden. Nicht empirisch bewiesen, aber plausibel erscheint, dass der Frauenanteil in der Supervision weiter steigen wird, was gleichzeitig den sinkenden gesellschaftlichen Wert symbolisiert, wenn "männlich dominierte" Beratungsformen wie Coaching und Organisationsberatung an Prestige und Wertschätzung gewinnen.
  • Wolfgang Schmidbauer fragt, ob eine Professionalisierung im Nebenberuf sinnvoll sei. Er greift das Stichwort Flexibilität auf: Eine große Reservearmee von Supervisoren mache schon heute schnelle und kostengünstige Angebote je nach Bedarf. Die meisten sind im Nebenberuf tätig und erfüllen eine wichtige Scharnierfunktion: "Sie können sich besser als alle anderen in die Situation der Menschen einfühlen, die in dem Feld um sie herum arbeiten; und sie können, was sie dort erfahren, in die Entwicklung supervisorischer Konzepte, in Organisationsveränderungen, Leitbilder und Qualitätszirkel einbringen." Ein qualifizierender Berufsabschluss, ein Diplom oder auch ein Master, sei doch nicht viel mehr als ein Führerschein, allerdings gleichzeitig ein probates Mittel, um mit dem eigenem Burnout umzugehen.

Im Schwerpunkt "Supervisionskonzepte im gesellschaftlichen Flexibilisierungprozess" behandelt

  • Adrian Gaertner Supervision in der Krise, sieht sie im polypragmatischen Instrumentalismus aufgehen, der durch Größenphantasien in den 90er Jahren genährt heute zu einem desillusionierenden Nachfragerückgang führe. Der Weg aus der Krise führe über eine trennscharfe, forschungsgestützte Weiterentwicklung und Abgrenzung gegenüber dem Profitsektor.
  • Astrid Schreyögg greift die alte Dichotomie von Personen- und Personalentwicklung auf, dem die Unterscheidung Supervision/Coaching zugeordnet werden kann. Sie stellt Changeprozesse in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen, bei denen letztlich nur Coaches gefragt sind, denn selbst die genannte Personenentwicklung inklusive Krisenintervention, ethischer Reflexion oder biographischer Aufarbeitung, also das originär supervisorische Feld, wird von diesen übernommen.
  • Demgegenüber argumentiert Annemarie Bauer psychoanalytisch und sieht Organisationen als Orte der Angstbindung und Angstproduktion. Mit dem Blick auf das Unbewusste wäre der Coach überfordert, so erfolgreich er bei der Bewältigung der Probleme auch sein mag. Erst Supervision, so Bauer, durchschaue die Komplexität zumindest von psychotischen (oder doch eher neurotischen? A.H.) Organisationen.
  • Heinz J. Kersting bricht eine Lanze für die systemische Supervision, interessant und lesenswert, aber wenig Neues für entsprechend ausgebildete Leser. Auch fragt sich, welcher Beitrag damit geleistet werden kann, generelle Antworten auf den gesellschaftlichen Flexibilisierungsprozess zu geben.

Im dritten - bzw. in der Chronologie der Buches ersten - Schwerpunkt des Sammelbandes wird der "Wandel der Arbeitsgesellschaft" individuumzentriert anhand des Typus "Arbeitskraftunternehmer" (Pongratz/Voß) verdeutlicht. Darunter werden neue Erwerbsformen gefasst, die zwischen Selbstständigkeit und rein abhängiger Tätigkeit anzusiedeln sind. Dieser Typus einer komplexen selbstorganisierten Alltagsorganisation bedarf - laut Pongratz - einer Supervision, die sich weder allein an der Unternehmenslogik noch an der Professionslogik orientiert.

  • Gertrud Siller knüpft inhaltlich an, wenn sie Ökonomisierungsprozesse im Sozial- und Gesundheitswesen und ihre Folgen für Supervision aus individueller Perspektive diskutiert. Mittels einer Fallrekonstruktion aus einer aktuellen empirischen Untersuchung arbeitet sie heraus, dass im Verlauf organisatorischer Umstrukturierungsprozesse der strukturelle Widerspruch zwischen "funktionalem Reduktionismus" und "mehr Mensch" auch die Supervisionsprozesse durchdringt. Da dort aber eine "inszenierte Gemeinschaft" Lernfelder der Emotionalität schaffen hilft, gilt es - laut Siller - den "kritischen Zweifel stärkende Reflexions- und Aufklärungsfunktion von Supervision neu zu stärken". Keineswegs sollte dem "Druck der Verhältnisse" eilfertig gefolgt und Supervision auf ein Kompensationsinstrument für Ökonomisierungsschäden reduziert werden.
  • In einem kurzen Grundsatzbeitrag zu Modernisierungsprozessen vertritt Katharina Gröning die These, dass der Supervisionsmarkt auf Grund knapper Zeit- und Geldressourcen zusammenbreche. Sie ist eine der wenigen Autoren, die den Terminus der Flexibilität explizit aufgreift. Sie fordert eine verstärkte Theoriebildung zum Verstehen dieser gesellschaftlichen Flexibilisierungs- und Desintegrationsprozesse. Hier schließt sich der Kreis zum eingangs vorgestellten Schwerpunkt aktueller Professionalisierungsprozesse, denn wer sonst als die neu einzurichtenden Hochschulschwerpunkte könnte diese Theorieentwicklung leisten.

Fazit

Zusammenfassend kann man diesen Sammelband als gelungene Mischung einer reflexiven Aneignung supervisorischer (Grundsatz-)Probleme bezeichnen. Schon der Beitrag Buers rechtfertigt den Kauf und die Lektüre, denn er formuliert tiefschürfend und gewohnt kurzweilig. In Kombination mit den anderen Beiträgen werden Dilemmata, gegenwärtige Chancen und Risiken der Supervision deutlich. Jede(r) Supervisor(in) sollte diesen aktuellen State of the Art zur Kenntnis nehmen, jede(r), die/der eine Supervisionsausbildung anstrebt, sollte sich mit den differenziert dargestellten Aussichten beschäftigen. Bleibt die Frage, ob der Titel des Sammelbandes gerechtfertigt ist.

Rezension von
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Wismar International Graduation Services WINGS
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Es gibt 16 Rezensionen von Anton Hahne.

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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 01.03.2005 zu: Ferdinand Buer, Gertrud Siller (Hrsg.): Die flexible Supervision. Herausforderungen - Konzepte – Perspektiven. Eine kritische Bestandsaufnahme. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. ISBN 978-3-531-14418-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2530.php, Datum des Zugriffs 12.08.2022.


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