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Elisa Heinrich, Johann Karl Kirchknopf (Hrsg.): Homosexualitäten revisited

Cover Elisa Heinrich, Johann Karl Kirchknopf (Hrsg.): Homosexualitäten revisited. Studienverlag (Innsbruck, Wien, München, Bozen) 2018. 176 Seiten. ISBN 978-3-7065-5683-5. D: 32,00 EUR, A: 32,00 EUR.

Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften - 2/2018.
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Thema

Zwanzig Jahre nach einem ersten Schwerpunktheft zu Homosexualität wendet sich die „Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften“ mit einem weiteren Schwerpunktheft diesem Thema zu. Bereits der Titel „Homosexualitäten revisited“, der das lesbische und schwule Begehren im Plural fasst, deutet an, dass an den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand und an aktuelle gesellschaftliche Diskussionen angeschlossen wird.

Zeitschrift

Die „Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften“ (ÖZG) ist ein zentrales geschichtswissenschaftliches Publikationsorgan, dass sich für die Disziplinen Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Kulturgeschichte, Geistesgeschichte und Wissenschaftsgeschichte als zuständig begreift.

Entstehungshintergrund

In Aufsätzen, die einem Peer Review Prozess unterlagen, werden aktuelle Entwicklungen der Gay and Lesbian Studies nachvollzogen bzw. – da diese Disziplinen erst in den USA ausreichend institutionalisiert sind – wird der geschichtswissenschaftliche Stand der Homosexualitäten-Forschung (im Plural) nachvollzogen.

Inhalt

Im Heft „Homosexualitäten revisited“ der ÖZG werden die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse im Forschungsfeld komprimiert dargestellt. Dabei spielt das Motiv der Zeitlichkeit („Queer temporalities“) eine bedeutsame Rolle, gleichzeitig werden österreichische politische Herrschafts- und Abgrenzungsmechanismen reflektiert und im Sinne eines „österreichischen Homonationalismus“ eingeordnet.

Das Heft enthält insgesamt sieben Beiträge. Der einführende Beitrag schließt dabei die Lücke zum Schwerpunktheft vor zwanzig Jahren. Zugleich legt die Autorin Hanna Hacker darin die Basis, um an den aktuellen internationalen Erkenntnisstand anzuschließen. Nach Yener Bayramoğlu mit seinem Band „Queere (Un-)Sichtbarkeiten“ (siehe www.socialnet.de/rezensionen/24039.php ) ist Hanna Hacker die zweite im deutschsprachigen Raum, die das Konzept „queerer Zeitlichkeiten“ anwendet und damit die Regionalität queeren Streitens betont und zugleich der Sichtweise, dass es sich bei der Geschichte der Anerkennung und rechtlichen Möglichkeiten von LSBTTI (Lesben, Schwulen, Bis, Trans*, Inter*) um eine stete Fortschrittserzählung handele, eine Abfuhr erteilt.

Mit Blick auf die Situation in Österreich liefern die weiteren Beiträge einen Einblick in den Umgang mit Klienten in der Heimunterbringung, bei denen gleichgeschlechtliche sexuelle Verbindungen Eingang in die Akten gefunden hatten (Beitrag von Ina Friedmann) und die Situation von homosexuellen Männern in der Nazi-Zeit (Beitrag von Manuela Bauer et al.). Beide Perspektiven offenbaren Verfolgungsgeschichte, mit weitreichenden Auswirkungen auf die betroffenen Menschen – in Bezug auf die Nazi-Zeit gehen die Autor*innen aber auch kritisch mit der Geschichtsschreibung der 1980er und 90er Jahre um. Sie blicken so in Bezug auf die Nazizeit sowohl auf die schwulen Opfer der Nazi-Justiz als auch auf die schwulen Nutznießer. (Auch wenn der österreichische Strafparagraf 129 auch in der Nazi-Zeit Bestand hatte und sich sowohl gegen gleichgeschlechtlichen Sex unter Männern und unter Frauen richtete, fokussieren die Autor*innen auf den gleichgeschlechtlichen Sex unter Männern und beschränken ihre Aussagen entsprechend.)

Durchaus überraschend, aber nicht weniger reflektiert, wenden sich zwei weitere Beiträge der spezifischen Geschichte Homosexueller in der Deutschen Demokratischen Republik zu. Maria Bühner geht den Initiativen lesbischer Frauen nach, der homosexuellen Opfer der Nazis in der Gedenkstätte des KZ Ravensbrück zu gedenken. Teresa Tammer fokussiert auf die Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin (HIB), die in der DDR als Selbstorganisation Homosexueller für Gleichberechtigung stritt. Beide Beiträge sind erfreulich unaufgeregt und wenden sich kritisch, aber mit Achtung vor dem Streiten der Personen den Facetten der DDR-Geschichte zu. In der Bundesrepublik Deutschland sind so geartete zurückhaltende und sachliche Reflexionen zur DDR noch Mangelware.

Schließlich zeigen Masha Neufeld und Katharina Wiedland auf, wie sich in (homo-)sexuell orientierten Argumentationsstrategien aus Österreich gegenüber Russland homonationalistische Motive zeigen, wie sich also Österreicher*innen als emanzipatorisch darstellen und über Russ*innen stellen wollen. Auch dieser Beitrag ist nah am internationalen wissenschaftlichen Diskussionsstand – und bricht ihn auf die Situation in Österreich herunter.

Diskussion und Fazit

Das Heft „Homosexualitäten revisited“ ist sehr informiert und auf dem Stand der aktuellen internationalen Diskussion. Es trägt damit zur Weiterentwicklung des Diskussionsstandes für den deutschsprachigen Raum bei. Beziehungsweise, anders gesagt, es wäre wünschenswert, wenn auch in der Bundesrepublik Deutschland mehr geschichtswissenschaftliche Reflexionen möglich würden, die an den internationalen Sachstand – etwa das Konzept der „Queer temporalities“ – anschließen. Bislang sind die Geschichtswissenschaften hierzulande sehr zurückhaltend, sich überhaupt mit Homosexualitäten zu befassen –, und die historischen Studien zu „Homosexualität“ (im Singular) bleiben meist in alten Kategorien verhaftet und schließen noch viel zu selten an Konzepte wie die der Queer temporalities an. Das Heft „Homosexualitäten revisited“ ist informativ und führt, auch über Österreich hinaus, die notwendigen Diskussionen weiter.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 20.05.2019 zu: Elisa Heinrich, Johann Karl Kirchknopf (Hrsg.): Homosexualitäten revisited. Studienverlag (Innsbruck, Wien, München, Bozen) 2018. ISBN 978-3-7065-5683-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25301.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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