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Bettina Stangneth: Hässliches Sehen

Cover Bettina Stangneth: Hässliches Sehen. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2018. 160 Seiten. ISBN 978-3-498-06448-8. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Man sieht nur mit dem Herzen gut!

„Siehst du das nicht?“ – „Schau genau hin!“. Mit dieser Frage und Aufforderung wird deutlich, dass der anthrôpos, der Mensch, mit Sinnen ausgestattet ist, klassischerweise mit dem Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Es sind Eigenschaften, die im Lebensprozess erworben, gelernt und erfahren werden müssen. Wo sie fehlen oder nicht entwickelt werden – abgesehen von krankhaften Zuständen (vgl:. Ursula Büchler / Klaus Jürgen Becker, Freude am Durchblick. Besser sehen lernen. Eine systemische Sehtherapie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11728.php) – entstehen Defizite, die ein humanes Zusammenleben der Menschen behindern oder gar unmöglich machen. Das „Schau, wie schön die Welt… ist“ drückt doch aus, dass Sehen eine Fähigkeit ist, die selten zufrieden stellt, wenn der Blick sich im abgeschlossenen Kämmerlein oder in der Einöde ereignet, wenn das Schöne nicht (mit)geteilt werden kann, oder wenn die Auseinandersetzung mit dem Unangenehmen und Bösen nicht im Kommunikationsprozess mit anderen Menschen möglich ist. Es ist die Last und Verzweiflung, nicht selten auch das Achselzucken und die Spekulation, dass der Mensch weiß oder zu wissen glaubt, was das Richtige und Gute ist; sobald es aber ans Handeln geht, er allzu oft das eigene Wissen und die Erfahrung ignoriert.

Entstehungshintergrund und Autorin

Wir sollten, wenn wir uns der Fähigkeit bedienen wollen, unseren Verstand zu benutzen, das Denken als die höchststehende, humane Kompetenz begreifen. Die Herausforderung freilich besteht darin, das „richtige“ vom „falschen“ Denken unterscheiden zu können (Bettina Stangneth, Böses Denken, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/23593.php).

Die Hamburger Philosophin Bettina Stangneth kommt im intellektuellen, öffentlichen Diskurs immer wieder zu Wort, wenn es um die „Kritik des dialogischen Denkens“ geht – eindeutig und reflektierend an Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ orientiert. Wege des Denkens, so lesen wir es aus dem philosophischen, lebensweltlichen Diskurs, sind nicht Einbahn-, auch keine Stoppstraßen und Sackgassen, sondern auf Hoffnung, Einsicht und Zuversicht gebaute, trittfeste Richtungszeiger. „Ich bin dann mal weg“ will ja nicht bedeuten, weg- und niemals wieder zu kommen, sondern mit der Kreisbewegung den Stand(punkt)ort zu wechseln, bei sich und sich seiner sicher zu sein, mit dem Bewusstsein, dass das Individuum auf das Wir angewiesen ist. Um diesen Weg gehen zu können, sollte man, so die Autorin, mit dem Sehen beginnen.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und dem Schlusswort gliedert Bettina Stangneth ihr Essay „Hässliches Sehen“ in die weiteren Kapitel:

  • „Das menschliche Maß oder Ästhetik des Denkens“
  • „Du sollst dir kein Bild machen oder Der gelenkte Blick“
  • „Helden und andere Opfer oder Das Ritual der moralischen Vernunft“
  • „Vom Schönen“

Der anthrôpos, als ein vernunft- und sprachbegabtes Lebewesen, ist in der Lage, Allgemeinurteile zu bilden und zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können (Aristoteles). Es ist das Erleben und die Erfahrung, dass die Vernunft den Menschen erst fähig macht, sich, die Mitmenschen und die (Um)Welt zu verstehen und human zu leben. Das ist nur mit Denken und der Vision möglich, dass es der Menschheit möglich ist, eine friedliche, gerechte, also humane (Eine?) Welt zu gestalten. Rechtsphilosophische und moralische Ansprüche sind dazu notwendig: „Moral zielt … auf die Gründe, aus denen ein Mensch tut, was er tut“. Das freilich schließt das Bewusstsein ein, dass Individuen und Gemeinschaften nicht alles tun dürfen, was sie können oder zu können glauben. Es ist die individuelle und kollektive, lokale und globale Identitätsentwicklung, die den humanen und moralischen Anspruch herausfordert, „alles, was wir tun, immer … darauf zu prüfen, ob es zu einer allgemeinen, also wirklich alle Menschen einschließenden Gesetzgebung taugt“. Wir sind beim Kantischen kategorischen Imperativ, der sich im Sprichwort verdeutlicht: „Was du nicht willst das man dir tu‘, das füg‘ auch keinen andern zu!“.

In den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzter und global entwickelnden Welt kommt es entscheidend darauf an, welche Wertvorstellungen, Tugenden und Traditionen in den nationalen und internationalen Gemeinschaften gelten. Dort, wo Fake News, populistische Parolen, menschenfeindliche und geschichtsvergessende Parolen propagiert werden, haben Ja-Nein-Denker und Verführer das Wort; und es sind die Schwarz-Weiß-Bilder, die Ich- und Weltanschauung bestimmen. Es ist also Habacht bei der Suche und Anerkennung von Vor-Bildern geboten: „Symbole sind wesentlich Überbetonungen einiger und damit ebenso wesentlich Missachtung der meisten Fakten“. Wenn also falsche Bilder, vorgegaukelte Vorbilder und manipulierte Ideale im individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Dasein die Oberhand erringen, kann man vom „hässlichen Sehen“ sprechen, das nichts anderes vom „Sehenden verlangt, als sich zu empören“. Der Widerstand gegen solches hässliches Denken und Handeln lässt sich durch die Herausbildung einer individuell und kollektiv geprägten „Wir-Moral“ ermöglichen. Um das Hässliche, das Böse und Unzumutbare zu erkennen, braucht es den Blick auf das Schöne, Gute und Erstrebenswerte.

Fazit

Bettina Stangneth warnt in ihrer „Trilogie des dialogischen Denkens“ vor der „Empörungsgesellschaft“, in der Lügen, Bosheit und Hässlichkeit vorherrschen, Meinungen und Einstellungen zu bestimmen versuchen. Dagegen hilft nur Denken! Und es braucht die Anstrengung, den Mut und die Lust zu philosophieren! Die Praktische Philosophie sollte deshalb im Bildungs-, Erziehungs- und Lebensprozess der Menschen als Grundlage für eine humane Existenz der Menschheit dienen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.01.2019 zu: Bettina Stangneth: Hässliches Sehen. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2018. ISBN 978-3-498-06448-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25303.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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