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Uwe Backes, Alexander Gallus u.a. (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie

Cover Uwe Backes, Alexander Gallus, Eckhard Jesse, Tom Thieme (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E & D). Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 532 Seiten. ISBN 978-3-8487-5542-4. 98,00 EUR.

30. Jahrgang 2018.
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Thema

Laut einer Umfrage des US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center sehen 71 Prozent der Deutschen im Klimawandel die größte Bedrohung für ihre Sicherheit und ihren Wohlstand; in den USA sind es 59 Prozent und weltweit 67 Prozent, die sich wegen des Klimawandels große Sorgen machen (Pew Reserarch, 2018). Anhänger und Unterstützer rechtspopulistischer Parteien sind – verglichen mit der Mehrheitsbevölkerung – klimawandelskeptischer. So sind die gefühlten Bedrohungen angesichts des Klimawandels bei Anhängern der AfD um 28 Prozentpunkte geringer als in der Durchschnittsbevölkerung. Auch die Anhänger von Front National in Frankreich oder der britischen, europafeindlichen UKIP äußern sich klimawandelskeptischer als der jeweilige nationale Durchschnitt.

Neben dem Klimawandel fühlen sich die Menschen durch die USA unter der Führung von Präsident Trump bedroht. Im Jahre 2018 meinten 69 Prozent der Deutschen ihre größte Angst speise sich aus der „gefährlichen Welt durch die Trump-Politik“ (R+V Versicherung, 2018).

Christian Crandall und Kollegen (2018) sprechen gar von einem „Trump Effekt“, der durch die Wahl des US-amerikanischen Präsidenten eingeleitet wurde und sich vor allem in der Veränderung des sozialen Klimas widerspiegele sowie an der Zunahme von Vorurteilen gegenüber ethnischen Minderheiten und Übergriffen auf Migrant/innen und Flüchtlingen messen lasse.

Die wahrgenommenen Bedrohungen durch die USA und Donald Trumps sind allerdings auch nur Zeichen, die für etwas Anderes stehen – für die dunklen Seiten der Globalisierung, für die Angriffe auf die demokratischen und humanistischen Grundwerte, für einen autoritären Kapitalismus, für den autoritären Nationalradikalismus (Heitmeyer, 2018). Wie sehen das die deutschen Extremismus-Forscher/innen?

Herausgeber

  • Uwe Backes ist Professor am Institut für Politikwissenschaft an der TU Dresden und stellvertretender Direktor des dortigen Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung.
  • Eckard Jesse war bis zu seiner Emeritierung Professor für Politikwissenschaft an der TU Chemnitz.
  • Alexander Gallus arbeitet ebenfalls als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Chemnitz.
  • Tom Thieme ist Professor für gesellschaftspolitische Bildung an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg/Oberlausitz.

AutorInnen

  1. Neben Tom Thieme sind im ersten Teil des Jahrbuches, der den Titel „Analysen“ trägt, Tom Mannewitz (Juniorprofessor an der Technischen Universität Chemnitz), Stefan Brieger (Politikwissenschaftler aus Dresden) und Sebastian Gräfe (Sächsisches Staatsministerium des Innern) vertreten.
  2. Eckard Jesse, Uwe Backes, Alexander Gallus, Isabelle-Christine Panreck (wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Uni Münster, Clemens Pleul (Politikwissenschaftler aus Dresden), Michail Logvinov (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Demokratische Kultur in Berlin), Jürgen P. Lang (Redakteur des Bayerischen Rundfunks), Florian Hartleb (Politikberater in Tallinn/Estland) und noch einmal Eckhard Jesse äußern sich in dieser Reihenfolge im zweiten Teil des Jahrbuches („Daten, Dokumente, Dossiers“).
  3. Der dritte Teil umfasst – wie in den Jahrbüchern zuvor – Literaturberichte, Sammelrezessionen, Rezessionsessays, umfangreiche Einzelbesprechungen und kommentierte Bibliographien, auf deren Verfasserinnen und Verfasser der Rezensent aus Platzgründen nur beispielhaft eingeht.

Die Herausgeber stimmen im Editorial die Leserinnen und Leser auf die Lektüre ein, in dem sie darauf verweisen, dass der Verfassungsstaat seit der Jahrhundertzäsur 1989/90, der deutschen Einheit und dem „End of History“ hierzulande und anderswo noch nie vor solch tiefgreifenden Herausforderungen gestanden habe wie gegenwärtig. Die Themen Migration und Flüchtlinge, der islamistisch motivierte Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin im Dezember 2016, die Wahlerfolge der AfD bei der Bundestagswahl und in einigen Landtagswahlen und manch andere politische Ereignisse gehören zu den Merkzeichen, die auf eine bedrohliche Polarisierung der Gesellschaft verweisen. Dass sich darauf auch die Extremismusforschung einstellen und ihr theoretisches und methodisches Instrumentarium schärfen muss, liegt eigentlich auf der Hand.

Inhalt

Zum ersten Teil

Tom Thieme fragt im Auftaktbeitrag zum ersten Teil des Buches u.a. danach, inwieweit der Extremismusbegriff geeignet ist, die neuen politischen Entwicklungen und Bewegungen (AfD, Pegida, Occupy, Neue Linke, Neue Rechte) auf einer Dimension von Demokratie und Extremismus einordnen zu können. Bekanntlich sind diverse Grauzonen vielfältig und die daraus sich ergebenden Probleme in der politischen Praxis doch recht komplex. So etwa, wenn es um Fragen der Akzeptanz und Abgrenzung von neu-rechten Entwicklungen im politischen Tagesgeschäft geht. Derartige Problemlagen finden sich nicht nur im nationalen Kontext, sondern auch auf internationaler Bühne. „So gilt mancherorts längst als extremistisch, was anderswo noch als verfassungskonform eingeordnet wird“ (S. 18). Um die Tragfähigkeit und Operationalisierbarkeit des Extremismusbegriffs zu beleuchten, setzt sich Thieme mit scheinbar bedeutungsähnlichen Begriffen auseinander, mit dem Begriff des Populismus, dem des Radikalismus, mit Semi-Extremismus als Zwischenkategorie sowie mit „weichem“ und „hartem“ Extremismus. All diese Begriffe scheinen nicht nur nicht griffig, sondern auch inhaltlich vage und beliebig. Populismus und Radikalismus klammern die Verfassungsmäßigkeit aus (S. 25) und die Arbeit mit dem Semi-Extremismus würde nicht nur die Einordnung politischer Bewegungen als demokratisch oder extremistisch erschweren, sondern auch eine konkrete Extremismusmessung keinesfalls leichter machen (S. 24). Geht man nun davon aus, wie Tom Thieme in Anlehnung an das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im NPD-Verbotsprozess darlegt (S. 26), dass die freiheitlich demokratische Grundordnung an drei zentralen Kategorien gemessen werden müsse – Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit –, dann könne auf den Extremismusbegriff nicht verzichtet werden, weil nur er auf Demokratie abstelle (S. 28). Aus Sicht der Extremismusforscher/innen mag das so sein. Aber auch andere Sichtweisen sind möglich. Wilhelm Heitmeyer z.B. sieht im autoritären Nationalradikalismus einen Gegenbegriff zur Demokratie und einen Ansatz, um die Erfolge rechter Bewegungen und Parteien zu erklären (Heitmeyer, 2018). Probleme hat der Rezensent auch mit folgenden Formulierungen: „Die Auswahl von Indikatoren zur Analyse extremistischer Verfasstheit und Massivität muss – so gut es geht – die Gütekriterien sozialwissenschaftlichen Messens (Objektivität, Reliabilität und Validität) berücksichtigen; und diese transparent darlegen“ (S. 28). Geht das denn, fragt der Rezensent, extremistische Verfasstheit zu messen? Hans K. Hansen hat vor einiger Zeit von der „transparency illusion“ geschrieben (Hansen, 2015). Oftmals werden Maßzahlen und Indikatoren für (politische) Entscheidungen genutzt, die nur scheinbar ein passendes Bild von der Wirklichkeit zu zeichnen vermögen, tatsächlich aber von mangelnder Validität sind. Ursachen für eine derartige Illusion von Wirklichkeit sind nicht selten Versuche, Wirklichkeitsbereiche vermessen zu wollen, obwohl die Messinstrumente keine Messinstrumente sind. Messen ist bekanntlich ein Zuordnen von Zahlen (den Messwerten) zu Objekten, Ereignissen oder Merkmalen nach festgelegten Regeln. Das Problem besteht allerdings darin, eine solche Regel zu entwickeln, nach der die Zahlen den Objekten so zugeordnet werden können, dass die numerischen Angaben (das numerische Relativ) der empirischen Ordnung der Dinge, Ereignisse etc. (dem empirischen Relativ) entspricht. Das dürfte sich bei der Messung von Extremismus wohl ausgesprochen schwierig, wenn nicht gar unmöglich erweisen.

Mit anderen Worten und mit der Bitte um Vergebung für die Abschweifung: Sozial- oder politikwissenschaftliches Messen gaukelt nicht selten eine Exaktheit von Wirklichkeitserfassung vor, die meist gar nicht erreicht werden kann. Lassen sich die Formen von Extremismus, also jene politischen Phänomene und Bewegungen, die den Kriterien von Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht entsprechen, wirklich messen oder reicht es, bescheidener zu sein und einfach nur zu klassifizieren (was eh schon nicht einfach zu sein scheint)?

Ums Messen von Extremismus geht es auch im zweiten Beitrag. Tom Mannewitz (Das normative Extremismuskonzept – Ein Vorschlag zur Rekonzeptualisierung und Messung). Der Autor entwickelt eine Extremismustypologie, mit der er auch auf fortlaufende Kritiken am normativen Extremismuskonzept reagieren möchte. Herausgekommen ist ein Kriterienkatalog mit sechs Oberkategorien (Antidemokratischer Extremismus, antikonstitutioneller Extremismus, illiberaler Semi-Extremismus, exkludierender Semi-Extremismus, antirechtsstaatlicher Semi-Extremismus, anti-konstitutiver Semi-Extremismus). Jede Oberkategorie ist mit einer sechsstufigen Skala versehen, um das Ausmaß des jeweiligen Extremismus abschätzen zu können. Abgesehen davon, dass sich der Rezensent mit dem Begriff eines Semi-Extremismus schwertut (und naiver Weise annimmt, entweder ist jemand extremistisch oder nicht; ein bisschen schwanger geht ja auch nicht), vermutet er, dass es sich bei der vorgeschlagenen Skalierung um Ordinalskalen (wie zum Beispiel bei Schulnoten) handelt, mit denen man kaum statistisch rechnen kann.

Der dritte Beitrag im ersten Teil des Buches stammt von Stefan Brieger und beschäftigt sich mit der Vereinsverbotspraxis im vereinten Deutschland und dem Einfluss machtpolitischer Kalküle. Brieger prüft mittels einer Kombination von quantitativen Methoden (Vergleich von Vereinsverboten über verschiedene Zeiträume) und qualitativen Instrumenten (Interviews mit ehemaligen Innenministern auf Bundes- und Länderebene) die Hypothese, dass Vereinsverbote nicht nur Instrumente zum Schutze der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, sondern auch Teil des politischen Kräftespiels sind (S. 56). Die Analyseergebnisse stützen weitgehend die Haupthypothese. Stefan Brieger schlussfolgert: „Es scheint, als seien Öffentlichkeit und Medien daran gewöhnt, dass zur Adressierung extremistischer und strafrechtlich relevanter Vereinigungen jene Methoden, welche normalerweise als letzte in Erwägung gezogen werden sollten, mittlerweile zum politischen Alltag gehören. Für die streitbare Demokratie ist dies höchst problematisch…“ (S. 78).

Sebastian Gräfe untersucht im vierten Beitrag die „Logik der Gewalt“ am Beispiel von RAF und NSU. Wichtiger Nebenbefund: Während der Einstieg in die militante Szene des Linksextremismus stärker mit ideologischen Begründungen und einem moralischen Rigorismus verbunden ist, sind bei Rechtsextremisten bereits vor ihren politischen Karrieren Hinweise auf Gewaltbereitschaft und Gewalthandeln erkennbar (S. 85; siehe auch Frindte & Neumann, 2002).

Bei aller Unterschiedlichkeit gleichen sich aber Terroristen aller Couleur: „Die Unkalkulierbarkeit von terroristischen Gewalttaten – der Versuch, ein Fanal zu setzen, lässt sich nur selten mit rationalen Kategorien erfassen…“ (S. 99).

Zum zweiten Teil

  • Eckard Jesse trägt im Eröffnungsbeitrag des zweiten Teils des Jahrbuches (Daten, Dokumente, Dossiers) eine Analyse der Wahlen im Jahre 2017 bei. Es geht um die Bundestagwahl und um die Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein, in Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen. Die Analyse ist – wie schon jene von Jesse in den früheren Jahrbüchern – sehr lesenswert. „Bei aller begründeten Kritik an den Positionen der AfD und der Partei Die Linke: Diese sind weit von denen der NSDAP und DKP entfernt“ (S. 123).
  • Uwe Backes liefert wieder eine Dokumentation über die im Jahre 2017 auffälligen politischen Organisationen. Gegliedert ist die Dokumentation im Stile der Verfassungsschutzberichte: Linksextremismus, Rechtsextremismus, Politisch-religiöser Fundamentalismus.
  • Die kurze und interessante Dokumentation von Alexander Gallus über ein Manifest von international bekannten Historiker/innen, Politikwissenschaftler/innen, Publizist/innen und Politiker/innen (Manifest 1918-2018) erinnert daran, wie wichtig es ist, durch den Blick auf historische Konstellationen die Sensibilisierung für gegenwärtige Gefahren zu befördern.
  • Es gibt sie noch, die linken Splitterparteien. Isabelle-Christine Panreck nennt sie „linksextremistische Splitterparteien“ und zählt dazu die DKP, die MLPD und die SGD. Wem diese Abkürzungen nichts sagen, der frage den webbasierten Weltgeist. Da alle drei Parteien bei den letzten Bundestagswahl Stimmenanteile zwischen 0,00 und 0,10 erreichten, verzichtet der Rezensent an dieser Stelle auf die Auflösung der Namensrätsel.
  • Sehr aufschlussreich indes ist der Beitrag von Clemens Pleul (Die Identitären – Soziale Bewegung oder virtueller Scheinriese). Bekanntlich gehören die Identitären zu den Neuen Rechten. Wurzeln der Neuen Rechten finden sich u.a. in der von Alain de Benoist 1968 gegründeten Nouvelle Droite, eine an Akademiker und Intellektuelle gerichtete soziale Bewegung mit dem Ziel einer „Kulturrevolution von rechts“. In der Öffentlichkeit fallen die Identitären vor allem durch Aktionismus im Real Life und in der virtuellen Welt auf. Angelehnt an linke Aktionsformen präferieren die Identitären z.B. die Besetzung öffentlicher Gebäude, laden zu Tanzflashmobs ein oder hinterlassen in öffentlichen Räumen Aufkleber mit dem Lambda-Symbol oder mit der Zahl 732 [1]. Zum politischen und publizistischen Umfeld der Neuen Rechten und der Identitären gehören Verlage (z.B. der von Götz Kubitschek betriebene und von Björn Höcke sehr gemochte Verlag Antaios), Blogs, Zeitschriften (wie die Junge Freiheit oder das Compact Magazin), politische Netzwerke (wie die Bewegung „Ein Prozent für unser Land“) und neurechte Zentren bzw. Think Tanks (z.B. das von Götz Kubitschek geleitete Institut für Staatspolitik, in dem sich – wie könnte es anders sein – auch Björn Höcke gern aufhält). Clemens Pleul stellt fest, dass die Ablehnung der bestehenden politischen Ordnung durch die Identitären offenbar ist und von Hass und Gewaltfantasien begleitet wird (S. 178).
  • Michail Logvinov untersucht das „Ausmaß der Gefährdung durch Rückkehrer“, gemeint sind jene Männer und Frauen, die vor einiger Zeit Deutschland verlassen haben, um sich dem IS anzuschließen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz vermutet, dass ca. 1.050 deutsche Islamist/innen in Richtung Syrien ausgereist sind (Bundesamt für Verfassungsschutz, 2019). Nun, nachdem der IS weitgehend besiegt ist, wollen viele wieder nach Deutschland zurück. Die Befunde, wie groß die Gefahr ist, dass die Rückkehrer nun den Terrorismus nach Deutschland und Europa tragen, sind allerdings – wie erwartet – nicht eindeutig. Logvinov fordert deshalb nach eingehender Diskussion der besagten Befunde „eine Kriminalstrategie, die auf unterschiedliche Risiken, verstanden als Eintrittswahrscheinlichkeit einer Gefährdung, abhebt“ (S. 189).
  • Im sehr lesenswerten „Biographischen Porträt: Björn Höcke“ stellt Jürgen P. Lang den Lebenslauf von Höcke vor, schildert die parteiinternen Machtkämpfe in der AfD, analysiert den „völkischen Nationalismus“ von Höcke und kommt zu dem Schluss, „…all das weist Höcke als Extremisten aus“ (S. 206).
  • Auch anderswo ist es meist nicht anders. Das zeigt das „Länderporträt Österreich“, das Florian Hartleb vorstellt. Er schildert die rechtsextremen Strukturen (den parteiförmigen und den nichtparteiförmigen Rechtsextremismus), den kaum noch wahrnehmbaren Einfluss linksextremer Strukturen und das Ausmaß islamistisch-fundamentalistischer Gefährdungen in Österreich. Ein kurzer, aber gut recherchierter Beitrag, findet der Rezensent.
  • Zum Abschluss des präsentiert Eckhard Jesse ein Zeitschriftporträt der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz, die seit 1996 Jahr für Jahr in Berlin stattfindet und von der Tageszeitung „junge Welt“ organisiert und publizistisch begleitet wird. Dass auf der Konferenz und in den Tagungsbänden vornehmlich Autoren zu Wort kommen, „die sich eine revolutionäre Umgestaltung auf ihr Panier geschrieben haben“ (S. 244) ist erwähnenswert, aber wohl auch nicht so gemeingefährlich für die demokratisch verfasste deutsche Gesellschaft.

Zum dritten Teil

Lesenswerte Literaturbesprechungen finden sich im abschließenden dritten Teil des Jahrbuches:

  • Ein umfangreicher Literaturbericht von Gerhard Wettig (emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Hamburg) über fünfzehn Publikationen zur Russischen Revolution,
  • eine Sammelrezension zu 40 Jahren nach dem „deutschen Herbst“ von Eckard Jesse,
  • kontroverse Besprechungen von Clemens Albrecht, Gerd Koenen, Jürgen P. Lang und Barbara Zehnpfennig zum Buch „Die Angstmacher“ von Thomas Wagner,
  • ein Rezensionsessay von Alfons Söllner zum Buch „Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“ (Autor: Philipp Thier),
  • eine Erinnerung von Hubertus Buchstein an Otto Kirchheimers Buch „Weimar … und was dann?“ aus dem Jahre 1930,
  • eine Besprechung von Wilfried von Bredow zum Buch „Identitär!“ von Martin Sellner
  • sowie 21 Hauptbesprechungen, 50 Kurzbesprechungen und 195 (falls sich der Rezensent nicht verzählt haben sollte) kommentierte Bibliographien und eine Zeitschriftenauslese finden sich in diesem Teil.

Pars pro toto erlaubt sich der Rezensent auf folgende Rezensionen aufmerksam zu machen:

  • Lesenswert ist der Literaturbericht zur „Russischen Revolution“ von Gerhard Wettig, auch wenn der Rezensent nicht ganz nachvollziehen kann, warum der Autor meint, die Machtergreifung der Bolschewiki im Herbst 1917 sei keine Revolution gewesen, sondern nur ein „generalstabmäßig geplanter und durchgeführter Umsturz“ (S. 273). Vielleicht war es beides, weil die Oben nicht mehr konnten und die Unten nicht mehr wollten.
  • Das kontrovers besprochene Buch „Die Angstmacher“ von Thomas Wagner ist nicht minder lesenswert, besonders die kritischen Einwände von Gerd Koenen.
  • „Vergleichen heißt nicht Gleichsetzen“ meint Isabelle-Christine Panreck in ihrer Besprechung des Buches „Politischer Extremismus im Vergleich“ von Ralf Altenhof, Sarah Bunk und Melanie Piepenschneider. Keine Frage.

Spannend fand der Rezensent auch die Besprechungen:

  • von Mario Neumann „Das große Haus – die Parteizentrale der SED“ (Autor: Rüdiger Bergien),
  • von Oliver W. Lembcke („Skandal im Sperrbezirk … Karlsruhe“, in dem Josef Foschpoth das KPD-Verbot im Lichte des kalten Krieges analysiert),
  • von Matthias Lemke zum Buch „Die ganze Geschichte“ (Autor: Yanis Varoufakis),
  • von Ilko-Sascha Kowalczuk („Das lässt einen nicht mehr los“, Autor: Nancy Aris; ein Buch über die Opfer politischer Gewalt in der DDR),
  • von Patrick Keller über zwei Bücher von Jacques Derrida,
  • von Werner Abel, der das Buch „Spanische Eröffnung“ von Romy und Erich Günthart bespricht und auf den im Westen längst vergessenen Ludwig Renn, vormalsArnold Vieth von Golßenau aufmerksam macht, Mitglied der KPD, Kommandeur im Spanischen Bürgerkrieg, später in der DDR Schriftsteller u.a. von Kinderbüchern,
  • von Manuel Becker zum Buch „Der Marxismus-Leninismus in der DDR – eine politische Religion?“ von Ulrike Klötzing-Madest,
  • sowie von Werner Müller über das Buch „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution. Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte“, Autor: Peter Wensierski.

Fazit

Das Jahrbuch 2018 enthält wieder, wie auch seine Vorgänger, viele lesenswerte und aufschlussreiche Beiträge. Nicht alle überzeugen den Rezensenten als Belege für die Nützlichkeit der Extremismustheorie. Aber das ist ja bekannt.

Leider ist das Jahrbuch erneut teurer geworden, was die Leserschaft einschränkt. Das ist schade. Denn lohnenswert ist das Jahrbuch allemal.

Zitierte Literatur

  • Bundesamt für Verfassungsschutz (2019). Islamistisch motivierte Reisebewegungen in Richtung Syrien/Irak. Quelle: www.verfassungsschutz.de/; aufgerufen: 8.04.2019.
  • Crandall, Christian S.; Miller, Jason M., & White, Mark H. (2018). Changing norms following the 2016 US presidential election: the Trump effect on prejudice. Social Psychological and Personality Science, 9(2), 186–192.
  • Frindte, Wolfgang & Neumann, Jörg (Hrsg.). (2002). Fremdenfeindliche Gewalttäter – Biografien und Tatverläufe. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Hansen, Hans K. (2015). Numerical operations, transparency illusions and the datafication of governance. European Journal of Social Theory, 18(2), 203–220.
  • Heitmeyer, Wilhelm (2018). Autoritäre Versuchungen: Signaturen der Bedrohung I. Berlin: Suhrkamp Verlag.
  • Pew Research (2018). Climate Change Still Seen as the Top Global Threat, but Cyberattacks a Rising Concern: Quelle: www.pewglobal.org/; aufgerufen: 26.03.2019.
  • R+V Versicherung (2018). Die Ängste der Deutschen. Quelle: www.ruv.de/presse/; aufgerufen: 01.02.2019.

[1] Der griechische Buchstabe Lambda auf gelbem Grund wurde der Comicverfilmung „300“ entnommen. In dem Film trugen Spartaner in der Schlacht bei den Thermopylen gegen die Perser (vermutlich 480 v.Chr.) dieses Zeichen auf ihren Schutzschilden. Die Zahl 732 soll an das Jahr erinnern, in dem die Franken die nach Gallien vorgestoßenen muslimischen Araber besiegten.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 17.05.2019 zu: Uwe Backes, Alexander Gallus, Eckhard Jesse, Tom Thieme (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie (E & D). Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-5542-4. 30. Jahrgang 2018. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25306.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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