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Paula Stehr, Dorothee Heinemeier u.a. (Hrsg.): Evidenzbasierte/-informierte Gesundheitskommunikation

Cover Paula Stehr, Dorothee Heinemeier, Constanze Rossmann (Hrsg.): Evidenzbasierte - evidenzinformierte Gesundheitskommunikation. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 256 Seiten. ISBN 978-3-8487-5024-5. 49,00 EUR.
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Thema

In der Gesundheitskommunikation stellt sich die Frage, welche Informationen verbreitet werden müssen oder dürfen – und vor allem, auf welche Art und Weise dies geschieht.

Autorinnen

Paula Stehr, Dorothee Heinemeier und Constanze Rossmann arbeiten am Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt. Für das Buch haben sie über 30 Autorinnen und Autoren gewonnen.

Aufbau und Zielgruppe

Auf 252 Seiten finden sich 18 Beiträge in sechs Teilen:

  1. Interdisziplinäre Bezüge der Diskussion über Evidenz
  2. Kriterien evidenzbasierter Gesundheitskommunikation
  3. Evidenzbasierung von Kampagnen
  4. Darstellung medizinischer Evidenz in Informationsmaterialien
  5. Darstellung medizinischer Evidenz im Journalismus
  6. Kommunikation über Gesundheit und Krankheit in verschiedenen Formaten

Das Buch ist für Personen geeignet, die aus medizinischer, psychologischer und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive über Evidenz nachdenken wollen oder müssen. Es ist die Dokumentation der Fachbeiträge der 2. Jahrestagung der Fachgruppe Gesundheitskommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, die 2017 in Erfurt stattgefunden hat.

Inhalt

Teil 1 nimmt in zwei Beiträgen die Interdisziplinarität in den Blick. Das Grundthema des Buches wird mit einem Kommentar zu Patienten- und Gesundheitsinformation aus der Perspektive evidenzbasierter Medizin eingeleitet. Die informierte Patientenentscheidung wird dabei als Kernelement der evidenzbasierten Medizin gesehen. Dafür braucht es Informationsmaterial und eine Verinnerlichung des Konzepts auf den Seiten der Ärzte. Risikokommunikation sollte Inhalt von ärztlicher Aus- und Weiterbildung werden. Speziell ausgebildete Gesundheitsfachpersonen wie z.B. als Pflegefachkräfte als „decision coaches“ erscheinen erfolgversprechend.

Zu Teil 2, Kriterien der evidenzbasierten Gesundheitskommunikation, wurde auf der oben benannten Tagung eine Befragung durchgeführt. 38 Personen haben teilgenommen. Die Mehrheit hält Evidenzinformierung für wichtig, von der Statusgruppe – Professor oder Doktorand – ist aber die Haltung zu Open Science abhängig. Eine Selbstverpflichtung zu Open Science kann einen Beitrag zu mehr Transparenz und besserer Forschung leisten. Des Weiteren betrachtet ein Scoping Review den Methodeneinsatz in der deutschsprachigen Forschung zu Gesundheitskommunikation. Die Autoren kommen hier zu dem Schluss, dass die deutschsprachige Forschung hauptsächlich quantitativ forscht und Formen kosteneffizienter Befragungen einsetzt.

Teil 3 zeigt die Evidenzbasierung von Kampagnen auf. Zunächst leitet ein Beitrag aus der Organisations- und Prozessperspektive Empfehlungen für die Entwicklung und Durchführung evidenzbasierter Kommunikationskampagnen ab. Grundlage sollte dabei eine übergeordnete Präventionsstrategie sein. Am Beispiel der Förderung der Impfbereitschaft (Projekt impfen60+) werden die Grenzen der Evidenzbasierung in Inhalt, Aufbereitung und Distribution deutlich. Die Forschungslage bei wissenschaftlichen Befunden ist lückenhaft, widersprüchlich und die Zielgruppe nicht ausreichend erforscht. Darüber hinaus schränken ökonomische Restriktionen die Umsetzung empirisch angezeigter Strategien bei der Implementierung von Kampagnen ein.

In Teil 4 steht die Darstellung in Informationsmaterialien im Fokus. Für welche Informationen eignen sich verbale, numerische oder visuelle Darstellungsformen? Ein weiterer Beitrag berichtet die Ergebnisse einer qualitativen Studie zu den Faktoren einer informierten Entscheidung über die Teilnahme an dem Mammographie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs. Die untersuchten Frauen standen der Möglichkeit der Früherkennung positiv gegenüber. Ihre Entscheidungskriterien zeigen, dass evidenzbasierte Informationen und deren Vermittlung im Kontext der Förderung informierter Entscheidungen nicht ausreichend sind.

Eine weitere wichtige Perspektive wird in Teil 5 behandelt: gesundheitsjournalistische Beiträge. Auch im Gesundheitsjournalismus ist Evidenzbasierung neben Richtigkeit und Objektivität ein Qualitätskriterium. Daneben sollte ein journalistischer Text zugänglich, verständlich und attraktiv zu lesen sein, um einen Wissenserwerb zu ermöglichen. Es werden die Ergebnisse eines Online-Experimentes dargelegt: statistische Informationen haben einen schwachen negativen Effekt auf die Verständlichkeit des Textes und die Erinnerungsleistung. Der Einfluss von Visualisierungen war knapp signifikant für die Verständlichkeit, positiv hingegen für die Erinnerungsleistung. Ein weiteres Autorentandem stellen eine Inhaltsanalyse von Print- und Onlinemedien vor und konstatieren, dass evidenzrelevante Informationen und (explizite) Ungesichertheit selten Bestandteil medialer Berichterstattung sind. Wissenschaftliche Ergebnisse werden in der Mehrheit gesichert dargestellt. Sie schlagen für zukünftige Forschung vor, z.B. bei der Darstellung sich kontrastierender Meinungen das gleiche Set an Quellen zu verwenden und damit vermehrt Qualitätsaspekte und die Wirkungsperspektive verschiedener Darstellungen zu berücksichtigen.

Teil 6 widmet sich weiteren Formaten medialer Darstellung. Unterhaltungsangebote, die Informationen nebenbei vermitteln, prägen die Vorstellung von Gesundheit und Krankheit – als Katalysator oder als Nebenprodukt von Storytelling. Stereotypen und negative Darstellung von Erkrankungen im TV können dazu führen, das Serienfiguren von den Zuschauern als repräsentativ für die Gruppe der Betroffenen wahrgenommen werden und damit Stigmatisierung begünstigen können. Mithilfe einer Inhaltsanalyse wurden TV-Krimiserien wie Alarm für Cobra 11, Tatort und Criminal Minds daraufhin untersucht, inwiefern Erkrankungen adressiert, negativ dargestellt oder ursächlich für Straftaten dargestellt werden. Im Ergebnis zeigt sich die Darstellung primär in Stereotypen. Erkrankungen werden als individuelles Problem dargestellt und strukturelle Ebenen außen vor gelassen. Betroffene werden als destruktiv, überforderte mit spezifischen soziodemografischen Merkmalen dargestellt.

Diskussion

Besonders gefallen hat mir an diesem Buch die breite Sichtweise auf Gesundheitskommunikation und die medialen Aspekte. Es werden theoretische Beiträge und empirische Ergebnisse dargelegt, an die vielfältig angeknüpft werden kann. Die Autoren bereichern mit ihren vielen Perspektiven die Sicht auf die Gesundheitskommunikation.

Fazit

Für die akademische Perspektive auf Gesundheitskommunikation ist dieses Buch eine anregende Lektüre. Im Kontext von Evidenzbasierung, Zielgruppenorientierung und inhaltlichen Anforderungen an die Gesundheitskommunikation zeigt es wesentliche Inhalte und aktuelle empirische Befunde auf.


Rezensentin
Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
M.A. Public Health und Pflegewissenschaft
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 15.04.2019 zu: Paula Stehr, Dorothee Heinemeier, Constanze Rossmann (Hrsg.): Evidenzbasierte - evidenzinformierte Gesundheitskommunikation. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-5024-5.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25308.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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