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Jutta Heckhausen, Heinz Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln

Cover Jutta Heckhausen, Heinz Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. 5., überarbeitete und erweiterte Auflage. 648 Seiten. ISBN 978-3-662-53926-2. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.

Reihe: Lehrbuch. Mit 167 Abbildungen.
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HerausgeberInnen

Jutta Heckhausen & Heinz Heckhausen sind die Herausgeber dieses Lehrbuches.

Heinz Heckhausen, der von 1964 bis 1982 Professor für Psychologie an der Ruhruniversität Bochum war, war einer der wenigen international bekannten und angesehenen deutschen Motivationsforscher, der sich unter anderem mit der Leistungsmotivation auseinandergesetzt hat. Er verstarb kurz vor der Veröffentlichung der zweiten Auflage von »Motivation und Handeln« im Jahr 1988.

Seine Tochter Jutta Heckhausen, die an University of Strathclyde, Glasgow, promovierte und an der Freien Universität Berlin 1996 habilitierte, ist sei dem Jahr 2000 Professorin im Fach Psychologie an der University of California, Irvine, USA.

Entstehungshintergrund

Die 1. Auflage von » Motivation und Handeln« erschien Anfang 1980 als Monographie von Heinz Heckhausen. Damals beschrieb er die Situation treffend, indem er feststellte, dass das Wort »Motivation« in die Umgangssprache eingedrungen sei: »Man benutzt es, um zu sagen, daß jemand etwas gern tut oder von sich aus tut.« So offensichtlich der Begriff ist, umso schwieriger ist eine exakte Definition. Die lange und verwickelte Begriffsgeschichte, die häufige Verwendung des Wortes – und sei es nur, um unerwartete Forschungsbefunde nachträglich zu erklären – machen es schwer, das Forschungsgebiet zu überblicken. In der vorliegenden 5. Auflage, fast vierzig Jahre nach der Erstauflage, haben sich neben den beiden Herausgebern insgesamt weitere 21 Autorinnen und Autoren zum Themenkomplex »Motivation und Handeln« wissenschaftlich geäußert. Viele sind Schüler und Schülerschüler von Heinz Heckhausen, die sich der Herkulesaufgabe gestellt haben, die Motivationspsychologie umfassend darzustellen. Eine Besonderheit ist, dass Heinz Heckhausen bei den Kapiteln, die er ursprünglich verfasst hat, als Koautor genannt wird.

Aufbau

Es ist seitens der Gestaltung und des Layouts ein Lehrbuch, welches dem eines englischsprachigen Textbooks entspricht; dies ist ein Lob, das man nur wenigen deutschsprachigen Lehrbüchern zuwenden kann. Definitionen sind hervorgehoben, Abbildungen hervorragend gestaltet, eine Griffleiste erleichtert das Auffinden. Didaktisch gibt es die Elemente Zusammenfassung und Wiederholungsfragen und wissenschaftlich nach jedem Kapitel ein Literaturverzeichnis, das auf dem neuesten Forschungsstand ist. Zudem gibt es im Internet weitere Informationen wie ein umfassendes Literaturverzeichnis. Das Buch ist grob in vier Teile gegliedert: In den ersten fünf Kapiteln werden die Grundlagen sowie die verschiedenen Perspektiven und Forschungstraditionen der Motivationspsychologie vorgestellt. Die Kapitel 6 bis 11 sind weitere Grundlagenkapitel, in denen die wichtigsten thematischen Klassen menschlichen Handelns sowie Motive, biopsychologische Grundlagen und Ziele behandelt werden. In der dritten Gruppe, den Kapiteln 12 bis 17, wird das Handeln in seinen wesentlichen Elementen hinsichtlich seiner Ablaufregulation und seiner Entwicklung erörtert. Die vierte Gruppe, Kapitel 18 bis 20, wurde in dieser Auflage neu hinzugefügt, in denen es um die Rolle von Motivation und Volition in den Anwendungsgebieten Schule und Hochschule, Beruf und Arbeitsplatz sowie Sport geht.

Inhalte

Kapitel 1. J. Heckhausen & H. Heckhausen Motivation und Handeln: Einführung und Überblick. Die Erforschung der Entwicklung der Motivation und der Motivation der Entwicklung ergänzen einander. Viele Entwicklungserrungenschaften von Wirksamkeitsverhalten liegen in der frühen Kindheit und sind eng mit den Bezugspersonen verknüpft.

Kapitel 2. H. Heckhausen Entwicklungslinien der Motivationsforschung. Es ist ein problemgeschichtlicher Abriss der Motivation, mit dem ein Eindruck von der Verschiedenartigkeit und Weitläufigkeit der Forschungsaktivitäten und Theoriebildungen vermittelt werden soll. Hierzu werden die willenspsychologischen, instinkttheoretischen, persönlichkeitstheoretischen und assoziationstheoretischen Problemstränge diskutiert.

Kapitel 3. D. Scheffer & H. Heckhausen Eigenschaftstheorien der Motivation. Längsschnittuntersuchungen zeigen, dass sich aus der Motivationsforschung sehr wirkungsvolle Modelle und Theorien ableiten lassen; sie können belegen, dass sich mithilfe von Motiven und „traits“ Verhalten aus ganz verschiedenen Bereichen über sehr lange Zeiträume (bis zu 16 Jahren) vorhersagen lässt.

Kapitel 4. J. Beckmann & H. Heckhausen Situative Determinanten des Verhaltens. Es wird über verschiedene Zugangsweisen wie Bedürfnis und Trieb, Konflikte oder kognitive Situationsbeurteilungen berichtet. Zu Erkennen ist bei den unterschiedlichen Zugängen eine Konvergenz auf das Hauptproblem der Motivation, nämlich wie das Anstreben von Zielzuständen zu erklären ist.

Kapitel 5. J. Beckmann & H. Heckhausen Motivation durch Erwartung und Anreiz. Untersucht werden die beiden Basiskonstrukte: Erwartung und Anreiz. Erwartungs-Wert-Theorien bilden die beiden Grundvariablen ab, aus denen resultierende Motivationstendenzen hervorgehen, die das zur Wahl stellen, was wir schließlich tun oder lassen. Allerdings sind individuelle Unterschiede zu berücksichtigen.

Kapitel 6. J. C. Brunstein & H. Heckhausen Leistungsmotivation. Erfolgs- und Misserfolgsmotivation können als zwei in sich stabile Gleichgewichtssysteme beschrieben werden, in denen eine bestimmte Direktive die Handlungssteuerung übernimmt und durch affektive Prozesse (Selbstbewertungsemotionen) fortlaufend bestätigt bzw. bekräftigt wird.

Kapitel 7. J. Hofer & B. Hagemeyer Soziale Anschlussmotivation: Affiliation und Intimität. Im Mittelpunkt steht das Bedürfnis nach sozialer Verbundenheit. Das Erleben von Akzeptanz und Verbundenheit ist mit Gefühlen der Zufriedenheit und des Glücks, soziale Zurückweisung dagegen mit stark negativen Gefühlen verbunden.

Kapitel 8. H. Busch Machtmotivation. Wenn Menschen durch ihr Handeln Einfluss auf die Gedanken, Gefühle und das Verhalten anderer Personen nehmen und dies als affektiv angenehm wahrnehmen, so handeln sie aus einem Machtmotiv heraus. Umgekehrt empfinden sie es als aversiv, wenn andere auf sie Einfluss zu nehmen versuchen oder sich einer Einflussnahme widersetzen.

Kapitel 9. J. C. Brunstein Implizite und explizite Motive. Hierbei handelt es sich wohl um eine, der am häufigsten in die Managementlehren eingeführte, Erkenntnis der Motivationsforschung. Denn sowohl im Leistungsbereich als auch bei den zwischenmenschlichen Beziehungen sind gleichzeitig hohe Ausprägungen der zugehörigen impliziten und expliziten Motive mit günstigen Effekten auf die Handlungseffizienz und auf Erfahrungen der Zufriedenheit verknüpft.

Kapitel 10. O.C. Schultheiss & M.M. Wirth Biopsychologische Aspekte der Motivation. Seit es die bildgebenden Verfahren wie fMRT, fCT, EEG oder PET gibt, wird auch die Verortung der Motivation in den Hirnstrukturen und die Bedeutung von Neurotransmittern untersucht. Derzeit besteht noch eine Kluft zwischen zwei Ansätzen der Motivationsforschung, den sozial-kognitiven und den biopsychologischen Vertretern, die aber zunehmend überwunden werden dürfte.

Kapitel 11. V. Brandstätter & M. Hennecke Ziele. Ziele als kognitive Repräsentationen von zukünftigen Ereignissen beruhen auf der Fähigkeit des Menschen, das Hier und Jetzt zu transzendieren und das eigene Verhalten auf in der Zukunft antizipierte Anreize auszurichten, was dem Individuum das Gefühl der Kontrolle über sich und sein Umwelt vermittelt.

Kapitel 12. A. Achtziger & P.M. Gollwitzer Motivation und Volition im Handlungsverlauf. Unterschieden werden kann im Handlungsverlauf zwischen dem Phänomen der Zielsetzung (Motivation) und der Zielrealisierung (Volition). Neben der kognitiven Orientierung geht es auch darum, welche effektiven Selbstregulationsstrategien es erleichtern, die verschiedenen Aufgaben effektiv zu lösen.

Kapitel 13. J. Kuhl Individuelle Unterschiede in der Selbststeuerung. Aufbauend auf der Funktionsanalyse selbstregulatorischer Kompetenzen werden die für das Zusammenspiel von Motivation und Selbstregulation relevanten Prozesse näher erläutert. Unter anderem wird die affektmodulierte Interaktion persönlichkeitsrelevanter Systeme (PSI-Theorie) dargestellt.

Kapitel 14. F. Rheinberg & S. Engeser Intrinsische Motivation und Flow-Erleben. Der Begriff „Flow“ ist zwischenzeitlich in der Alltagssprache angekommen. Unter dem Flow-Erleben wird das freudige Aufgehen in der Tätigkeit verstanden. Die Autoren sprechen statt von intrinsischer eher auch von tätigkeitszentrierter Motivation.

Kapitel 15. J. Steinsmeier-Pelster & H. Heckhausen. Kausalattribution von Verhalten und Leistung. Die Kausalattribution, also Ursachenzuschreibung, ist von entscheidender Bedeutung, um die Dinge, die geschehen, zu verstehen, vorherzusagen und zu kontrollieren. Wie diese Attribution geschieht und welche Auswirkungen sie hat wird in diesem Kapitel beschrieben.

Kapitel 16. J. Heckhausen & H. Heckhausen Entwicklung der Motivation. Im Rahmen der fortschreitenden kognitiven Entwicklung wird es dem Menschen ermöglicht, Aufgabenschwierigkeit, Fähigkeit, Anstrengung und ihre komplexen Relationen bei der Vorhersage und Erklärung von Leistungsergebnissen zunehmend differenziert zu verstehen.

Kapitel 17. J. Heckhausen Motivation entwicklungsregulativen Handelns. Der Lebenslauf als Handlungsfeld, so lautet das erste Kapitel hier. Individuen streben altersgradierte Lebensziele an und handeln dabei orientiert an und eingeschränkt durch biologische und gesellschaftliche Gelegenheitsstrukturen.

Kapitel 18. J. Steinsmeier-Pelster & N. Otterpohl Motivation in Schule und Hochschule. Dies ist das erste der drei abschließenden Kapitel, die sich mit Anwendungsfeldern beschäftigen. Dargestellt wird, wie motivationale Variablen das Lernverhalten von Schülern und Studenten und in der Folge deren Lernleistung ganz wesentlich beeinflussen.

Kapitel 19. H.M. Kehr, M. Strasser & A. Paulus Motivation und Volition im Beruf und am Arbeitsplatz. Die Arbeitsmotivation wird als entscheidend für den Erfolg von Individuen, Teams und Organisationen angesehen. Erklärt werden die Leistung, das Commitment und die Arbeitszufriedenheit als direkt hiervon abhängig.

Kapitel 20. J. Beckmann & T.-N. Kossak Motivation und Volition im Sport. Das Leistungsmotiv im Leistungssport und das Anschlussmotiv im Freizeitsport spielen eine entscheidende Rolle. Daneben ist Volition in Form von Selbstregulationsprozessen eine Komponente, ohne die das Durchhalten im Training oder das erfolgreiche Absolvierens eines Wettkampfs kaum möglich erscheinen.

Diskussion

Das Buch zeigt sehr deutlich, wie verschlungen die Problemlinien der Motivationspsychologie sind und welche unterschiedlichen Forschungsansätze und Methoden Anwendung finden. Oft widmen sich auch unterschiedliche Forschungsrichtungen denselben Problemstellungen; herausragendes Beispiel sind die sozial-kognitiven und die biopsychologischen Forschungsansätze, bei denen geistes- mit naturwissenschaftlichen Strukturen konkurrieren. Trotz dieser Komplexität werden extrahierte Erkenntnisse der Motivationspsychologie, oft simplifiziert und aus dem Zusammenhang gerissen, in der populärwissenschaftlichen Literatur, in Ratgebern und in unzähligen Führungsseminaren vermittelt. Es ist eben der bekannte „Mythos Motivation“. Aktuell sind Ansätze wie das „Neuroleadership“ sehr populär, bei dem es um die Verortung von Prozessen und ihren Auswirkungen in spezifischen Gehirnregionen wie der Amygdala, Striatum, dem orbitofrontalem Cortex oder Hypothalamus geht. Oft wird wenig verstanden, was wirklich dahinter steckt und welche theoretische Basis, welche Forschungsrichtung dem zugrunde liegt. Wer hierzu – und zu allen anderen Themen rund um den Bereich „Motivation, Volition und Handeln“ – fundiertes Wissen auf aktuellen Stand und Niveau erwerben möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Es ist überwiegend leicht verständlich geschrieben, teilweise muss man sich die Inhalte aber auch erarbeiten, was dem Objekt und seiner Komplexität geschuldet ist. Aber diesen Preis in Form intensiveren Verstehens zahlt man angesichts des anschließenden Wissenszuwachses gerne; auch und gerade im Vergleich zu den Motivations-Ratgebern, die vermeintliches Wissen in leicht verdaulichen Fast-Food-Häppchen anbieten, die dann doch nicht zum Verständnis von Motivation weiterhelfen.

Fazit

Der Büchermarkt ist geradezu überschwemmt mit Büchern und Zeitschriften zur Motivation, ob als Ratgeber für jede Lebenslage, für Erziehung, für Studium und Beruf, als wissenschaftspropädeutische oder als populärwissenschaftliche Abhandlung – diese Aufzählung könnte fortgeführt werden. Dieses Buch ragt aus dieser Publikationsflut wie ein Leuchtturm heraus: Wer wirklich verstehen will, was Motivation ist, was sie bewirkt, welche Formen es gibt, für den ist dieses Buch ein absolutes Muss!


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management, an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 05.04.2019 zu: Jutta Heckhausen, Heinz Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. 5., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-662-53926-2. Reihe: Lehrbuch. Mit 167 Abbildungen.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25313.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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