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Monika Jesenitschnig: Holocaust, Trauma und Resilienz

Cover Monika Jesenitschnig: Holocaust, Trauma und Resilienz. Eine entwicklungspsychologische Studie am Beispiel von Ruth Klügers Autobiografie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. 258 Seiten. ISBN 978-3-8379-2807-5. D: 33,90 EUR, A: 33,90 EUR.

Reihe: Forschung psychosozial.
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Thema

Traumatische Erfahrungen und deren Verarbeitung, speziell des Holocaust, werden mittels der hermeneutischen Methode anhand einer Autobiografie untersucht und Forschungsergebnisse über die Langzeitfolgen von Extremtraumatisierungen dargestellt und diskutiert.

Entstehungshintergrund

Die Spätfolgen von Extremtraumatisierungen und Resilienz.

Autorin

Monika Jesenitschnig studierte Germanistik und Anglistik in Köln und Klagenfurt, sowie Psychologie in Klagenfurt mit dem Abschluss eines Mag. phil.

Aufbau

Nach einem Vorwort von Judith Glück und einer Einleitung durch die Autorin wird im theoretischen Teil speziell auf die traumatischen Folgen des Holocaust und die Themen Resilienz und posttraumatisches Wachstum eingegangen. Nach ausführlichen theoretischen Erörterungen und dem Stand der Forschung folgt ein empirischer Teil, in dem zunächst die Fragestellung, Methodik und das Material von Einzelfallanalysen vorgestellt und anschließend anhand von Boris Cyrulnik und Ruth Klüger die Bewältigungsstrategien während der Verfolgung, im Konzentrationslager und danach unter dem speziellen Aspekt von Ressourcen, Schutz- und Risikofaktoren. Im letzten Kapitel werden die Ergebnisse diskutiert und kritisch in die Resilienzforschung eingeordnet.

Inhalt

Vorwort (2 Seiten).

Die Resilienzforschung habe sich zum Teil auf simple Formeln reduziert und zum Teil zu einem impliziten Imperativ entwickelt. So erhielten z.B. Menschen, die den Tod von nahen Angehörigen erlitten hatten, bei massiven Traureaktionen nach mehr als zwei Wochen bereits die Diagnose Depression (Diagnostisch-Statistisches Manual der American Psychiatric Association). Damit werden traumatisierende und Verfolgungserfahrungen, z.B. in der NS-Zeit, pathologisiert. Sind letztere überhaupt resilient zu verarbeiten? Gebrochenheit, Ambivalenz, aber auch Weiterentwicklung finden sich bei Ruth Klüger. Die Autorin untersucht anhand von Ressourcen und Resilienzprozessen die Komplexität solcher Traumatisierungen in Gestalt von lebenslanger Verletztheit und gleichzeitig Unzerstörtheit.

Einleitung (9 Seiten).

Die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne – Entwicklung von der Empfängnis bis zum Tod – hat sich seit 1997 zu einem eigenständigen Forschungsgebiet entwickelt, das biologische, sozio-kulturelle, psychische und historische Faktoren berücksichtigt: Konzeption einer dynamischen Multidimensionalität. Individuelle Entwicklung wird in einen historischen und kulturellen Kontext eingeordnet. Krisen können auch positiv (Reifung, Weisheit) bewältigt werden. Die salutogenetische Forschung stellt Risiken und Defiziten ganzheitlich die Ressourcen zur Bewältigung gegenüber.

Es folgt ein Exkurs über den Holocaust in der Wissenschaft und den Medien, verstärkt seit 1990, und die Entwicklung einer Erinnerungs- und Gedenkkultur. Nicht allen Opfern gelang es, nach den traumatischen Erfahrungen weiter zu leben. Andererseits waren auch Adaptationen (?) und Regenerationen zu beobachten. Anhand der Autobiografien von Ruth Klüger werden die Texte unter dem Aspekt der Salutogenese gelesen und interpretiert. Die Erkenntnisse lassen sich möglicherweise auch übertragen auf aktuelle Völkermorde und Traumatisierungen durch Krieg und Verfolgung.

Der Aufbau beginnt mit der Theorie der Traumatisierung, speziell durch den Holocaust, und stellt Untersuchungen über das Überlebendensyndrom und Child survivors und das empirische und methodische Vorgehen der Autorin vor.

I. Theoretischer Teil

1) Holocaust (17 Seiten).

Die Etymologie und Semantik des Begriffs wird untersucht und die ideologischen Grundlagen von Rassismus, Antisemitismus und Herrschaftsutopie. Nach Friedländer handelte es sich um einen „Erlösungsantisemitismus“ mit einem messianischen Sendungsbewusstsein, der in der „Endlösung der Judenfrage“ kulminierte. Die Chronologie der Judenvernichtung wird dargestellt und die Idiosynkrasien politischer und sozialer Prozesse, die Systematik und Zielgerichtetheit und Strategie dieses gigantischen bürokratisch-arbeitsteiligen Staatsverbrechens.

2) Psychotraumata (34 Seiten).

Einer Definition und Konzeptualisierung was ein psychisches Traum ist: „Ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz oder lang anhaltend), das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.“ (Dilling 2000) „Ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“ (Fischer/Riedesser 2009). Das Ergebnis ist eine posttraumatische Belastungsstörung mit den Symptomen des Wiedererlebens der bedrohlichen Situation, angestrengten Versuchen der Vermeidung (Nivellierung der Gefühlswelt) und Übererregbarkeit (Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Empfindlichkeit); Erinnerungsspuren werden entchronologisiert.

Spezifika des Holocaust-Traumas sind: Zurückgeworfensein auf die nackte Existenz, Unfähigkeit zur Symbolisierung, Bruch des Selbstverständnisses. Holocauststudien beschreiben das „Überlebenden-Syndrom“ als ständiges Gefühl von Bedrohung, Schutz- und Rechtlosigkeit, Todesangst, Verunsicherung in Kontakten, und darüber hinaus eine ‚sequentielle Traumatisierung‘ (Keilson 1979) durch Erfahrungen vor, während und nach der Verfolgung.

Über die Lebensspanne äußert sich das Trauma in unterschiedlichen Lebensphasen: Im Kindes- und Jugendalter in einem Schock durch Zerstörung des bisherigen Wertesystem, Erlenen von Überlebensstrategien und Verleugnung der Todesgefahr. Im Gegensatz zu Erwachsenen sind in der Adoleszenz größere adaptive Ressourcen und ein stärkerer Gruppenzusammenhalt zu beobachten, allerdings auch ein vorzeitiges Erwachsenwerden (Kestenberg 1992). Überlebende Kinder mussten mit Entwurzelung, unsicherer Zukunft und Unverständnis oder sogar Feindseligkeit zurechtkommen, was oft zu verstärkter Leistungsbereitschaft, Arbeitswilligkeit, Ehrgeiz und Streben nach Zugehörigkeit führte. Im Alter machte sich das Fehlen von Verwandtschaft und Familie, Entwurzelung und Heimatlosigkeit durch eine erhöhte Vulnerabilität, verstärkt durch Isolation und Hilflosigkeit, besonders bemerkbar. Psychosoziale Organisationen wie AMCHA (Israel), TAMACH (Schweiz) und ESRA (Österreich) bieten Hilfen an.

3) Resilienz (37 Seiten).

Seit den 90er Jahren hat die Verlagerung des Forschungsinteresses von der Pathogenese zur Salutogenese, einem Gesundheitsmodell anstelle eines Krankheitsmodells, stattgefunden (Antonovsky 1997). Auf einem multidimensionalen Gesundheits-Krankheits-Kontinuum wird zwischen maximaler Gesundheit und maximaler Krankheit unterschieden. Während die Pathogenese sich auf eine bestimmte Krankheit konzentriere, betrachtet die Salutogenese den Menschen ganzheitlich unter dem Gesichtspunkt eines Gesundheitskontinuums, konzentriert auf die vorhandenen Ressourcen. Dabei können Stressoren ambivalent, pathogen, neutral und salutogen wirken, entscheidend sind die Bewältigungsmöglichkeiten und das Kohärenzgefühl (Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit). Daraus ergibt sich das psychologische Konstrukt der Resilienz, fokussiert auf den Prozess der positiven Anpassung, Entwicklung und Bewältigung von Bedrohungen und Verletzungen. Es handelt sich nicht um eine „elastische Anpassung“, sondern um einen erfolgreichen Umgang mit Traumatisierungen. Drei Kategorien werden untersucht:

  1. gesunde Entwicklung trotz z.B. chronischer Armut oder Krankheit der Eltern,
  2.  Erhaltung der Kompetenz unter belastenden Bedingungen (Trennung, Scheidungen),
  3. Bewältigung schwerer traumatischer Erfahrungen (Krieg, Gewalt, Konzentrationslager). 

Es folgt eine Geschichte der Resilienzforschung seit den 70er Jahren in Gestalt von Langzeitstudien, Entwicklungsverläufen und Untersuchung protektiver Faktoren. Die zentralen Konzepte sind das Risikofaktorenkonzept (Kumulation, Dauer und Chronologie der Belastungen, Alter und Entwicklungsstand, Geschlechtsspezifität, subjektive Bewertung und Multifinalität, d.h. unterschiedliche Auswirkungen der Risikofaktoren). Dabei spielen Vulnerabilitätsfaktoren (genetisch oder durch unsichere Bindung) und Stressoren (Probleme der Eltern) eine wichtige Rolle.

Schutzfaktoren sind

  1. Persönlichkeitsmerkmale, u.a. auch Bewältigungsstrategien,
  2. soziale Ressourcen innerhalb der Familie oder
  3. im Makrosystem von Freunden, Nachbarn, Betreuern.

Ein spezielles Kapitel beschäftigt sich mit der Resilienz bei Holocaustüberlebenden. Neben Glück, guter Konstitution und günstigen Umständen spielen Anpassungsfähigkeit, Selbstbehauptung, Beharrlichkeit, Optimismus, Intelligenz, Fähigkeit zur Distanzierung, soziale Anschlussfähigkeit, Integration des Bewusstseins überlebt zu haben (lebendig geblieben zu sein) und persönliche Sinnfindung, ein Kohärenzgefühl und Mut eine wichtige Rolle. Dabei geht es weniger um ein Charakterzug als um einen Heilungsprozess durch handlungsorientierte Hoffnung und Sinnfindung, evtl. aber auch Einkapselung der negativen Erfahrungen. Die Forschungsergebnisse widersprechen sich teilweise. Ein Funktionieren auf der Alltagsebene kann auch durch Verdrängung und Verleugnung erkauft werden. Individuelle Bindungserfahrungen spielen eine wichtige Rolle und eine Abwehr von Übergeneralisierungen, Verzerrungen, Mythenbildungen, Klischees und Ritualisierungen.

Es folgt ein Abschnitt über den Neurologen und Psychiater Boris Cyrulnik, der als Kind den Holocaust in einem Versteck in Südfrankreich überlebte und sich als Erwachsener auf die Suche nach der eigenen Resilienz machte. Schutzfaktoren waren eine sichere Bindung, die Fähigkeit zur Verbalisierung, gute Erinnerungen, Handlungsfähigkeit und Selbstvergewisserung, aber auch Tagträumereien als Ersatzidentifikationen, positive Identifikationsfiguren, z.B. Lehrer, und gesellschaftliche Anerkennung.

4) Posttraumatisches Wachstum (7 Seiten).

Es handelt sich dabei um Veränderungs- und Bewältigungsprozesse wie Wertschätzung des Lebens überhaupt, veränderte persönliche Beziehungen, Bewusstwerden der eigenen Kraft und Stärke, Entdeckung neuer Möglichkeiten der Entwicklung und Intensivierung eines spirituellen, bzw. religiösen, Bewusstseins (Klärung fundamentaler Fragen). Auf diese Weise kann aus Verlust auch ein Gewinn werden, der Wachstum ermöglicht i.S. einer posttraumatischen Reifung, – ein fragiles mehrdimensionales Konstrukt, das personale und soziale Ressourcen einschließt.

II. Empirischer Teil 

1) Design, Fragestellung, Methodik und Material (11 Seiten).

Eine Einzelfallanalyse eignet sich zur Darstellung des historischen und lebensgeschichtlichen Hintergrundes, da Individuelles und Typisches dargestellt werden kann.

Forschungsfragen, betr. Ruth Klüger, waren

  1. Schutz- und Risikofaktoren vor der Deportation,
  2. Strategien des Überlebens in drei Konzentrationslagern,
  3. Vulnerabilitäten und Resilienzen anhand der autobiographischen Bücher.

Dabei setzt die Autorin hermeneutische Methoden der klinischen und tiefenpsychologischen Tradition ein in der Erforschung der methodischen Suche nach Sinnstrukturen, ausgehend von der subjektiven Darstellung und Deutung der traumatischen Erfahrung und den Folgen für das persönliche Erleben. Nach diesen methodischen Erörterungen folgt eine Chronologie der biographischen Eckdaten, eine Darstellung und Kommentierung des Materials, beginnend in Wien, fortgesetzt mit den Erfahrungen in den Konzentrationslagern, der Zeit danach in Deutschland und den USA und zum Schluss die Göttinger Zeit.

2) Fallanalyse und -interpretation von „weiter leben“ (44 Seiten).

Beginnend mit den Schutz- und Risikofaktoren vor der Deportation (den Eltern, dem Halbbruder und dem Kindermädchen, dem Umgang mit dem Judentum und der frühen Beschäftigung mit Literatur, z.B. Gedichte) werden Überlebensstrategien in den verschiedenen Konzentrationslagern geschildert: In Theresienstadt die Freundschaften mit Altersgleichen und Entwicklung einer jüdischen kulturellen Identität, in Auschwitz-Birkenau die Bedeutung der anwesenden Mutter und der Überlebenswille (durch Beschäftigung/Ablenkung mit Lyrik), Überlebenshoffnung und die Erfahrung von Mitmenschlichkeit; in Christianstadt-Groß Rosen die Familieneinheit mit der „adoptierten“ Pflegeschwester Ditha und – wieder – die Literatur als ein „Zuhause und Geborgensein“ in einer anderen Welt.

Nach dem Kriegsende der Weg in die Autonomie getragen von Hoffnung, Optimismus und Lebenslust und die schwierigen Resilienzprozesse angesichts neuer Traumatisierungen durch verhinderte Zukunftspläne, Emigration nach den USA, Retraumatisierung durch Unverständnis eines Psychotherapeuten, Depression und einer „Mutter-Tochter-Neurose“. Als Ressourcen Freundschaften, zunehmend selbstbewusste Auseinandersetzung mit Sexismus (auch im akademischen Milieu) und mit der Vergangenheit und Gegenwart.

Zusammenfassend werden die Schutz- und Risikofaktoren beschrieben: Die schwierigen Eltern, die gute Erfahrung mit dem Kindermädchen Anja, die Bedeutung von Lernen, Bildung und Rationalität und Herstellung einer jüdischen kulturellen Identität und die Fähigkeit zur Freundschaft.

3) Fallanalyse und -interpretation von „unterwegs verloren“ (44 Seiten).

Es geht um die Zeit nach der Emigration in den 1950er Jahren, die vielen Abschiede von der Mutter, dem Cousin, der (äußeren) KZ-Nummer und um die Entdeckung neuer Welten wie Princeton ( als akademisches Dorf), eine unglückliche Ehe, spätes Studium, nach der Scheidung ein Leben als allein erziehende Mutter und Universitätsprofessorin und ein Wiederanknüpfen an die europäische literarische kulturelle Welt, die sie zwar äußerlich, aber nie innerlich verlassen hatte, der späte Ruhm als Schriftstellerin, das problematische (neurotische?) Verhältnis zu Göttingen/Deutschland und Wien/Österreich und die Wahrnehmung der Verletzlichkeit und gleichzeitig der Resilienz.

III. Ergebnisse & Diskussion

1) Ergebnisse (10 Seiten).

Die Forschungsfragen

1) Welche Schutz- und Risikofaktoren lassen sich bei Ruth Klüger aus dem ersten Band ihrer Autobiographie („weiter leben“) für die Zeit ihrer Kindheit vor der Deportation ableiten? Auf welche individuellen Ressourcen und auf welche Ressourcen in ihrem sozialen Umfeld konnte sie zurückgreifen? Wie ging sie mit den zunehmenden antijüdischen Diffamierungen, Restriktionen und Verboten um? Schutzfaktoren waren das Kindermädchen Anja, die wache Intelligenz und Liebe zur Literatur und die Entwicklung einer bewussten jüdischen Identität; Risikofaktoren die schwierige Beziehung zu den Eltern, besonders zur Mutter und das judenfeindliche Wien.

2) Welche Bewältigungsstrategien halfen Ruth Klüger die Aufenthalte in drei Konzentrationslagern auszuhalten und zu überleben? Theresienstadt war nach der zunehmenden Vereinsamung in Wien positiv durch den Kontakt mit Gleichaltrigen und Festigung einer jüdischen kulturellen Identität. In Auschwitz-Birkenau wurde die Ablehnung der Mutter zu einer Gefahr, positiv hingegen das Vertrauen in den Rat einer Fremden (keine Vorurteile?). Ein Rettungsanker die innere Anwesenheit von Literatur/Lyrik. In Christianstadt die Familieneinheit mit der von der Mutter „adoptierten“ Ditha und erneut die Literatur und Sprache als Zugang zu einer anderen Welt und Widerstand (gegen die KZ-Welt). Nach Kriegsende Autonomie, Freiheit und Wahlmöglichkeiten verbunden mit Hoffnung, Optimismus und Lebenslust.

3) Welche resilienten Verhaltensweisen lassen sich bei Ruth Klüger für ihr „weiter leben“ aus ihren autobiographischen Büchern ableiten? Welche Resilienzfaktoren trugen dazu bei, dass sie sich in den USA eine neue Existenz aufbauen und ein als sinnvoll empfundenes und erfolgreiches Leben führten konnte? Der Kulturschock führte zu Depression und Suizidgedanken, dazu die negative Erfahrung mit einem Psychotherapeuten, doch gelang es ihr einen eigenen (im Gegensatz zur Mutter) Bekannten- und Freundeskreis aufzubauen. Trotz einer unglücklichen Ehe und komplizierten materiellen und familiären Verhältnissen war sie ihren Söhnen eine „ausreichend gute Mutter“ (was Fehler einschließt, insbesondere wenn man selbst noch in einem Prozess der Entwicklung und Reifung ist). Freundschaften, vor allem mit Frauen; Sprache, Literatur, vor allem Lyrik, sind für Ruth Klüger Ressourcen seit der Kindheit gewesen als ein Tor zu einer anderen Welt, das auch unter widrigen Umständen offen geblieben ist. Hinzukommen persönlichen Eigenschaften wie Hartnäckigkeit, Eigenwilligkeit, Eigensinn, Mut und Durchsetzungsvermögen, Selbstvertrauen und ein kritisch reflektierendes Selbst, das sich gegen Vorurteilen und Vereinnahmung wehrt. Das Trauma der Verfolgung wird dadurch nicht aufgehoben, auch nicht die Verletzungen durch Kränkungen, die eine erhöhte Sensibilität hinterlassen haben.

2) Diskussion (10 Seiten).

Wenn man diese biographischen Erinnerungen einordnet in die Resilienzforschung, so ist die Bedeutung von familiären Bindungen nach der Autorin bei Ruth Klüger eher fragil (doch auch die Bindung an die Sprache und Literatur ist eine Bindung…); diese sind aber auf der freundschaftlichen Ebene durchaus vorhanden und auch in der kulturellen Anbindung an das – zeitweise auch zionistische – Judentum. Personale Ressourcen waren Intelligenz und intellektuelle Fähigkeiten, einschließlich der Phantasie. Spaltung, Verdrängung und Verleugnung sind unsichere Abwehrmechanismen, weil die Realität sich nicht verleugnen lässt und Spuren hinterlassen hat, die bei einer offenen Konfrontation lebenslang auch Unversöhnlichkeit und trotzige widerständige Selbstbehauptung hervorgerufen haben. Ein Vergleich der Biographien von Boris Cyrulnik und Ruth Klüger zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Gemeinsamkeiten sind soziale Identifizierungen (Judentum, Kommunismus), personale Ressourcen wie Intelligenz, Sprachkompetenz und Kreativität, Entwicklungsfähigkeit durch Arbeit und Beruf und gesellschaftliche Anerkennung, verbunden mit einer Rückgewinnung der Kontrolle über das eigene Leben und damit Autonomie.

Kritisch geht die Autorin darauf ein, dass autobiographische Dokumente zu wenig wissenschaftlich genutzt werden, obgleich sie insbesondere für die Resilienzforschung ein nützliches Instrument sein können, das man nicht den Literaturwissenschaftlern überlassen sollte. Dazu eignen sich allerdings nur die Texte, die über das Faktische hinausgehend Narrations- und Reflexionsanteile enthalten. Hilfreich seien zudem für Traumatisierte die öffentlichen Anerkennung und ein sensibler und empathischer öffentlicher Diskurs.

Literatur (15 Seiten).

Diskussion

So ansprechend das Bild von Frau Klüger auf der Titelseite dieses Buches ist, so sehr kann es aber auch zu Missverständnissen verleiten, dass es inhaltlich nur um ein individuelles Schicksal einer Frau geht, die als Kind und Heranwachsende den Holocaust überlebt hat. Das Buch bietet jedoch sehr viel mehr durch den ausführlichen, und durch den umfangreichen Literaturanhang noch erweiterten, theoretischen Teil zur Resilienzforschung und ist deshalb allen zu empfehlen, die mit traumatisierten Menschen arbeiten und auf der Suche nach den vorhandenen oder unterstützungsbedürftigen Kräften sind, den Folgen des Traumas, das nicht ungeschehen gemacht werden kann und lebenslange Spuren hinterlässt, nicht ausgeliefert zu sein und Vertrauen in die eigenen resilienten Kräfte/Ressourcen zu gewinnen. Die Fallbeispiele zeigen, dass jeder Fall individuell, und damit anders, ist und auch als solcher gesehen werden muss. Psychodynamisch erschließt das gewählte und bewährte hermeneutische Verfahren einen differenzierten Zugang zu bewussten und unbewussten Bewältigungsstrategien.

Da Menschen nicht Nummern sondern eigenständige lebendige Wesen sind, setzen sie die Interpretation und Selbstvergewisserung ihrer vergangenen und gegenwärtigen Erfahrungen lebenslang fort, insbesondere wenn durch gegenwärtige antisemitische Erfahrungen alte Wunden und Verletzungen wieder schmerzlich bewusst werden.

Zu den Kindheitserfahrungen gehört bei Ruth Klüger aber auch die diskriminierende Erfahrung, als kleines Mädchen von bestimmten patriarchalen religiösen Ritualen oder den, für Kinder angeblich ungeeigneten, Geheimnissen der Erwachsenen ausgeschlossen zu sein.

Das autobiographische Erzählen ist ein Versuch der Rückgewinnung der Kontrolle über sich selbst und das eigenen Leben, eine Selbstvergewisserung zu einem bestimmten Zeitpunkt, der als lebenslanger Prozess zukünftige Veränderungen nicht ausschließt. Deshalb muss auch diese Forschung unabgeschlossen bleiben, was die Ergebnisse anbetrifft. Methodisch eröffnet jedoch das hermeneutische Verfahren eine Öffnung zum Verständnis der Psychodynamik von Resilienz, das innere und äußere Faktoren einschließt. Die Ergebnisse können eine Hilfe sein für alle, die mit traumatisierten Menschen arbeiten, nicht an den eigenen oder fremden, inneren und äußeren Tabus zu scheitern.

Jesenitschnig ist Psychologin und Literaturwissenschaftlerin, aus psychoanalytischer Perspektive hat offensichtlich auch das (als Objektrepräsentanz verinnerlichte?) Kindermädchen bleibende gute Erfahrungen nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit einem gesunden, widerständigen Selbstbewusstsein hinterlassen, ebenso die trotz ihrer Schwächen auch lebensbejahende und kämpferische Haltung der Mutter, was nicht ausschließt, dass ihr dieses Kind in vieler Hinsicht auch fremd geblieben ist gerade in den Eigenschaften, die Frau Klüger so anschlussfähig für Freundschaften machte.

Fazit

Ein sehr lesenswertes Buch, das allen zu empfehlen ist, die mit traumatisierten Menschen arbeiten oder auch selbst traumatisiert sind, weil es den Zugang zu möglichen Quellen der Resilienz eröffnet. Den Weg zu den resilienten Quellen muss allerdings jeder selbst finden.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 14.02.2019 zu: Monika Jesenitschnig: Holocaust, Trauma und Resilienz. Eine entwicklungspsychologische Studie am Beispiel von Ruth Klügers Autobiografie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2807-5. Reihe: Forschung psychosozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25315.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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