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Mathias Schwabe: Methoden der Hilfeplanung

Cover Mathias Schwabe: Methoden der Hilfeplanung. Zielentwicklung, Moderation und Aushandlung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 5. Auflage. 390 Seiten. ISBN 978-3-7799-6006-5. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Die Methoden der Hilfeplanung beziehen sich explizit auf das SGB VIII, auf die Kinder- und Jugendhilfe. Andere Bereiche der Sozialen Arbeit können von diesen Ausführungen sicher profitieren. 2005 erschien dieses Buch in der 1. Auflage. Damals war es vermutlich eines der ersten, das sich inhaltlich – und nicht nur rechtlich – mit der Hilfeplanung befasste. Es scheint so, als ob es weiterhin wenig Material gibt, das sich methodisch mit der Hilfeplanung in der Kinder- und Jugendhilfe auseinandersetzt. Meine Recherche ergab, dass insbesondere die Landesjugendämter qualifizierte Fortbildungen und Handreichungen zu diesem Thema anbieten. In der Fachliteratur lässt sich wenig finden, das sich in der Breite diesem Thema widmet. Hilfeplanung in der Jugendhilfe ist nach wie vor ein zentrales Thema. Mit der aktuellen Debatte zur Partizipation und der Kinderrechte sowie Hilfeplanung als zentrale Stellschraube für die Qualität und Steuerung der individuellen Hilfen bleibt sie im Fokus der Kinder- und Jugendhilfe.

Autor

Prof. Dr. Mathias Schwabe Evangelische Hochschule Berlin, Methoden der Sozialen Arbeit am Institut für Innovation und Beratung, Systemischer Berater, Supervisor, Denkzeit-Trainer

Entstehungshintergrund

Methoden der Hilfeplanung ist 2019 in der 5. Auflage erschienen und wurde 2005 erstmalig publiziert. Es ist immer noch eine der wenigen Veröffentlichungen, die sich mit der Hilfeplanung als professionellen sozialpädagogischen Prozess in der Jugendhilfe auseinandersetzt. Bei socialnet wurde bereits die 2. Auflage besprochen: (www.socialnet.de/rezensionen/6865.php). Mathias Schwabe hat zahlreiche Fachkräfte der Jugendämter und von freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe fortgebildet. Diese Erfahrungen bilden die Basis des Buches. Somit ist es sehr praxisorientiert ausgerichtet.

Aufbau

Das Buch ist wie folgt aufgebaut

  1. Einführung zur Hilfeplanung und Zielsetzung des Buches
  2. Nachdenken über Ziele
  3. Hilfekonzept, Hilfeform, individueller Hilfeplan
  4. Zielfindung, Zielformulierung und Zielentwicklungssysteme
  5. Moderation von Hilfeplangesprächen
  6. Die kommunikative Gestaltung von konflikthaften Aushandlungsprozessen
  7. Hilfeplanung und Qualitätsentwicklung
  8. Das verstehen von Systemdynamik als Grundlage für die Hilfeplanung und Konstruktion von passenden Settings

Mathias Schwabe führt die Lesenden mit seinen zentralen Ideen und wichtigen Thesen in das Buch ein. Schwabe empfiehlt das Buch nicht von vorne bis hinten durchzulesen, sondern sich das herauszupicken, was gerade interessant ist, es auszuprobieren und sich an anderer Stelle wieder zu vertiefen. So ist dieses Buch wohl so verschlungen, wie mancher Hilfeplanungsprozess es ist. Die Mühe lohnt sich, denn es sind viele auch praktische Anregungen zu finden.

Zudem wird viel Material online zur Verfügung gestellt. Zum einem sind Fälle, auf die sich bezogen wird oder die den Inhalt des Buches vertiefen, dort zu finden. Zum anderen sind auch thematische Inhalte nur Online zu finden. So werden drei Zielentwicklungssysteme im Buch dargestellt. Zwei weitere sind im Online-Material zu finden.

Als Rezensentin stellte ich fest, dass es wirklich schwierig ist dieses Buch von vorne bis hinten zu lesen. Ich „ertappte“ mich auch dabei, mal hier und da zu lesen, Dinge miteinander zu vergleichen, mal online zu schauen und dann wieder im Buch zu lesen. Es ist ein wirkliches Arbeitsbuch, das immer wieder neue Anregungen liefert.

Inhalt

Im Vorwort zur aktuellen Auflage weist Mathias Schwabe darauf hin, dass sich seit der 1. Auflage an den zentralen Aufgaben der Hilfeplanung nichts verändert hat, aber sie weiterhin schwierig umzusetzen sind. Hilfeverläufe sind Koproduktionsprozesse. Hilfeverläufe sind lebendig, unvorhersehbar und zuweilen chaotisch, dennoch lohnt es sich eine gemeinsame Richtung einzuschlagen. Auch ist und bleibt Hilfeplanung ein kommunikativer Prozess. Das Fokussieren auf Einhalten von Verfahren und Checklisten ermöglichen keine sinnvolle Hilfeplanung.

Im ersten Kapitel erfolgt eine Einführung in die Hilfeplanung und wird die Zielsetzung des Buches in den Blick genommen. Mit diesem Buch sollen Fachkräfte der freien UND öffentlichen Träger angesprochen werden, dabei werden überwiegend die Querschnittsaufgaben der Hilfeplanung thematisiert. Auch soll deutlich werden, welche Schwierigkeiten in der Praxis auftreten und das Scheitern dazu gehört. Gleichzeitig möchte der Autor aber Lust darauf machen in der Praxis methodisch vorzugehen.

Mathias Schwabe ist bewusst, dass er den Lesenden etwas zumutet. Ihm zufolge bliebe Aktion ohne konzentrierte Analyse nur agieren (vgl. Schwabe S. 15). Hilfeplanung bedeutet die Situationen zu analysieren, diese zu reflektieren um anschließend zu überlegen, was zu tun ist. Dies können sehr verschlungene Pfade sein. Die Haltung der sozialpädagogischen Fachkräfte ist ebenfalls eine Voraussetzung, damit die angebotenen Werkzeuge ihre Absichten auch wirklich entfalten können. Denn auch mit diesen Methoden kann lt. Mathias Schwabe Schaden angerichtet werden. Dennoch: Klienten sind geduldig und diese lernen ebenfalls etwas beim gemeinsamen Ausprobieren.

Mathias Schwabe konzentriert sich in diesem Buch auf den Abschnitt, vom Antrag auf Hilfe zur Erziehung bis zum ersten Hilfeplangespräch. Dabei wird deutlich, wieviel Kommunikation, Abstimmungen und Treffen notwendig sind, damit eine Hilfe gestaltet werden kann, die sich auf Ziele ausrichtet.

Den Kern des Buches bilden die Themen Ziele, Zielsystematiken, Zielfindung und Zielformulierungen. So bietet er Anregungen für eine fachlich-theoretische Auseinandersetzung, aber auch viel konkretes Material. In diesem Buch gibt es viele Fallbeschreibungen und auch quasi transkribierte Gespräche, die während der Hilfeplanung stattfinden. Mathias Schwabe arbeitet mit diesen Texten als Beispiel und zeigt somit, welche Wirkungen Aussagen oder Fragen erzielen können.

Beim Nachdenken über Ziele, untersucht Mathias Schwabe die Begriffe Idee, Wunsch, Anliegen, Traum, Wille, Motive, Interessen etc. Diese Auseinandersetzung ist wichtig, damit das Konglomerat von dem, was unter dem Deckmantel von Zielen daher kommt, letztlich zu realisierbaren Zielen im Hilfeplan formuliert werden kann. Es wird deutlich gemacht, dass die Helfenden schnell in die Dynamik der Familien verwickelt werden können. Zielentwicklung kann für die Klienten ebenfalls eine Zumutung darstellen, da sie eine solche Form der Kommunikation und Auseinandersetzung sehr oft nicht gewohnt sind und manchmal schlichtweg nicht können. Damit wird deutlich, die Helfenden haben die Aufgabe, die Klienten bei diesem Prozess zu unterstützen. Damit ein Ziel eigenständig formuliert werden kann, sind oftmals erst die Voraussetzungen herzustellen. Die betrifft beispielsweise: Das Selbstbild, Selbsterfahrung und Selbstwirksamkeit, Wissen wie man plant oder das Erleben von Verlässlichkeit.

Für die 5. Auflage wurden Texte zwischen der Papierfassung und dem Online-Material ausgetauscht und überarbeitet. Gänzlich neu ist das 8. Kapitel „Das Verstehen des Systemdynamik als Grundlage für die Hilfeplanung und die Konstruktion von passenden Settings“ Er beschreibt vier sozialpädagogische Typologien, die dabei unterstützen können die schwierigen Lebenslagen junger Menschen einzuschätzen. Mathias Schwabe entwickelt daraus ein komplexes Schema, das sich dem Fallverstehen Systemtheoretisch nähert.

Diskussion

Dieses Buch stellt unterschiedliche Möglichkeiten vor, wie Hilfeplanung gelingen kann. Bewusst stellt Mathias Schwabe heraus, dass es unterschiedliche Wege gibt, mit den Klienten zu arbeiten und gemeinsam Ziele zu formulieren. So komplex und chaotisch Lebensverläufe sind, denen sich die Fachkräfte stellen müssen, so komplex ist auch die Hilfeplanung.

Dieses Buch ist auch eine Zumutung. Es fordert heraus. Gerne würde ich die Auseinandersetzung mit der Planung von Hilfen und der damit verbundenen Haltung in der Ausbildung und im Studium verortet wissen. Dieses findet in dieser ganzheitlichen Form nicht (mehr) oder eher selten statt. So müssen Berufseinsteigende sich manches mühsam während der Einarbeitung und der Tätigkeit aneignen. Dieses Buch kann diesen Prozess unterstützen. Während des Lesens habe ich mir durchaus mehr Systematik gewünscht, aber gleichzeitig bemerkt, dass Hilfeplanung zunächst Verstanden werden muss und verschiedene Exkurse benötigt. Hilfeplanung kann nicht systematisch abgearbeitet werden. Die Professionellen müssen zunächst verstehen und verinnerlichen, was Hilfeplanung bedeutet. Sie müssen eine Haltung einnehmen, damit sie ihre Rolle auch professionell ausüben können. Dann können sie gemeinsam mit den Klienten und anderen Kooperationspersonen Ziele entwickeln, um einen Hilfeplan zu erstellen. Wichtige Voraussetzung für diesen Prozess ist die Kommunikation und Gesprächsführung. Mathias Schwabe weist in der Einführung darauf hin, dass die Kommunikation das Instrument der Sozialen Arbeit ist. Dieses Instrument müsse immer wieder geübt und gestimmt werden. So bleibt Hilfeplanung als kommunikativer Prozess etwas, was immer wieder trainiert werden sollte, damit sie immer besser gelingt. Letztlich sind es die Biografien von Kindern und Jugendlichen, die damit gestaltet und beeinflusst werden. Aus meiner Sicht lohnt es sich in jedem Einzelfall detailliert zu schauen, damit die bestmögliche Hilfeplanung erfolgt.

Checklisten unterstützen zwar dabei, an die notwendigen Schritte zu denken, sich zu erinnern, was im chaotischen Arbeitsalltag untergehen zu droht, auch dann, wenn das Familiensystem droht die Fachkräfte mitzureißen. Das eigentliche Instrument bleibt die Kommunikation, die auch das Unausgesprochene erfasst, damit es in die Hilfeplanung einfließt.

Das 8. Kapitel, das sich mit dem Verstehensprozess und den Konstruktionen von passenden Hilfen beschäftigt, ist eine sinnvolle Bereicherung im Themenkomplex Hilfeplanung. Das SGB VIII hat, mit der eigenen Systematik dazu geführt, dass zu schnell in Hilfeformen gedacht wird und weniger darauf geschaut wird, welche pädagogische Antwort sinnvoll ist, was individuell wirklich passt und erfolgreich wirken könnte. Ich freue mich, dass diese Darstellung den sozialpädagogischen Diskurs hoffentlich wieder anregt. So wird zum Fallverstehen, die Orientierung an einem Schema empfohlen.

Ich möchte anregen beispielsweise das oben erwähnte Schema und auch den Ablauf der Kollegialen Beratung (sowie andere Abbildungen aus anderen Kapiteln) auch in den Online-Materialien als Handreichung zur Verfügung zu stellen. Im Buch ist es aufgrund der Schriftgrößen sehr mühsam zu lesen und es wäre für die gemeinsame Hilfeplanung allen zugänglich.

Generell halte ich es für sinnvoll die Systematik des Buches anders zu gestalten, damit es lesefreundlicher wird, damit möglicherweise noch mehr Fachkräfte erreicht werden. Vielleicht hat die Überarbeitung aber auch dazu geführt, dass manche Pfade verschlungener wurden? Es stecken so viele wertvolle Ideen in diesem Buch, die sich manchmal schwer wieder finden lassen. An einigen Stellen hat keine Überarbeitung stattgefunden, denn beispielsweise gibt es auch in Hamburg seit mehr als 10 Jahren keine Erziehungskonferenzen mehr. Vielleicht wird es nächstes Mal eine Neuauflage, die sich an einem Handbuch orientiert. Für meinen Arbeitsalltag wäre es praktisch, übersichtlich aus Anregungen auswählen zu können. 

Fazit

Mathias Schwabe stellt in Methoden der Hilfeplanung umfangreiches Material sowohl für eine theoretische als auch eine praktische Auseinandersetzung mit der Hilfeplanung in der Kinder- und Jugendhilfe zur Verfügung. Es ist eine Fundgrube sowohl für beginnende Fachkräfte in diesem Arbeitsfeld, aber auch für bereits erfahrene Fachkräfte, um sich für diesen komplexen Prozess anregen zu lassen. Dieses Buch fokussiert auf die sozialpädagogischen Prozesse in der Hilfeplanung. Auch bei einer Veränderung des SGB VIII wird dieses Buch weiterhin aktuell bleiben.

Der Schwerpunkt des Buches liegt in der Auseinandersetzung zur Thematik von Zielen und im kommunikativen Prozessen der Hilfeplanung. Dabei bietet es die Möglichkeit die eigene Rolle und Haltung zu reflektieren und zu schärfen. Es bietet viel Material, dass in der Praxis direkt einsetzbar ist. Zu beachten ist, dass dieses Buch die Komplexität von Hilfeplanungsprozessen widerspiegelt.


Rezensentin
Sabine Meyer
Abschluss als Diplom-Sozialpädagogin (FH) und Diplom-Pädagogin, derzeit angestellt bei der Freien und Hansestadt Hamburg im Sozialpädagogischen Fortbildungszentrum als Fortbildungsreferentin. Vorher 9-jährige Leitung eines ASD in Hamburg. Diverse berufliche und ehrenamtliche Erfahrungen in der Jugendhilfe und -Bildung sowie Erwachsenenbildung.
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Zitiervorschlag
Sabine Meyer. Rezension vom 08.11.2019 zu: Mathias Schwabe: Methoden der Hilfeplanung. Zielentwicklung, Moderation und Aushandlung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 5. Auflage. ISBN 978-3-7799-6006-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25317.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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