socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Helen Knauf: Bildungsdokumentation in Kindertageseinrichtungen

Cover Helen Knauf: Bildungsdokumentation in Kindertageseinrichtungen. Prozessorientierte Verfahren der Dokumentation von Bildung und Entwicklung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. 153 Seiten. ISBN 978-3-658-24100-1. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 55,50 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Buch stellt Untersuchungen zu Zielen, Inhalten und Formen von Bildungsdokumentationen in deutschen Kindertageseinrichtungen vor. Dies tut es von der Warte eines sozialkonstruktivistischen Bildungsverständnisses aus, das die Subjektstellung des Kindes hervorhebt. Die Autorin lehrt als Professorin für frühkindliche Bildung an der Hochschule Fulda. Sie erinnert in ihrer Einleitung, dass im Zuge der Aufwertung und Qualifizierung von Kindertageseinrichtungen als Bildungsinstitutionen die Beobachtung und Dokumentation von kindlichen Bildungs- und Entwicklungsprozessen quantitativ und qualitativ erheblich an Bedeutung gewonnen hat. Zu dieser Entwicklung will sie mit einer theoretischen und empirischen Verortung der Dokumentationspraxis einen professionalisierenden Beitrag beisteuern.

Aufbau

Das Buch folgt auf 153 Seiten den Hauptschritten

  • Begründungen für die Dokumentation in Kindertageseinrichtungen, darunter
  • der Stellenwert des Themas in vier ausgewählten pädagogischen Konzepten,
  • das Thema in den Bildungsplänen der Länder,
  • Ziele, Funktionen und Adressaten von Bildungsdokumentation,
  • und setzt sich in seinem umfangreichsten Teil mit der Praxis auseinander, indem es
  • die verbreiteten Dokumentationsformen Portfolios, Lerngeschichten, Dokumentation im Raum, Projektdokumentation und digitale Dokumentation untersucht.
  • Abschließend werden vier Typen von Dokumentationsstilen in Kindertageseinrichtungen herausgearbeitet.

Inhalt

Vor dem Hintergrund ihres sozialkonstruktivistischen Bildungsverständnisses folgt die Autorin unter Verweis auf den Bildungsforscher Gerd E. Schäfer einem Beobachtungsansatz, der „möglichst breit und unspezifisch, alle möglichen Verhaltens-, Erlebnis- und Denkprozesse“ (S. 18) erfassen will. Aus dieser Perspektive untersucht sie die elementarpädagogischen Ansätze der Montessori-, der Waldorf-, der Reggiopädagogik und des Situationsansatzes und kommt zu dem Schluss, dass Beobachtung in allen, deren Dokumentation jedoch eine unterschiedlich bedeutsame Rolle spielt, am meisten noch in der Reggiopädagogik behandelt wird.

Des Weiteren untersucht die Autorin die einschlägigen Aussagen der Bildungspläne und stellt fest, dass die meisten dem Thema Dokumentation ein eigenes Kapitel widmen, wobei Dokumentation als Verschriftlichung des beobachteten Verhaltens der Kinder verstanden wird und Kinder mehrheitlich als Objekte von Beobachtung und Dokumentation aufgefasst werden. Nur wenige dieser Pläne betonten den Subjektstatus des Kindes, einige seien in dieser Hinsicht widersprüchlich.

Aus diesen Erkenntnissen entwickelt sie eine Kategorisierung von sieben Funktionen der Dokumentation:

  1. Kommunikations-,
  2. Erkenntnis-,
  3. Partizipations-,
  4. Erinnerungs-,
  5. Repräsentations-,
  6. Diagnostik- und
  7. Kohärenzfunktion.

Im empirischen Teil werden dann einige weit verbreitete Formen der Dokumentation aus 23 Kindertageseinrichtungen analysiert. Portfolios werden nach formalen Kriterien (Gliederung, Inhaltskategorien, Zielgruppen) gesichtet und einer Tiefenanalyse der Botschaften unterzogen. Demnach werden sie schwerpunktmäßig von Fachkräften (und nicht von Kindern) erstellt, Eltern – erkennbar an der sprachlichen Diktion – als „sekundäre Adressaten“ mitgedacht und bestimmte Bilder über die Arbeit der Kita erzeugt, fokussiert etwa (S. 46):

  • Die Kinder haben Spaß.
  • Sie gehen Freundschaften ein.
  • Sie werden gut auf die Schule vorbereitet.
  • Sie erhalten hochwertige Angebote.
  • Sie werden individuell gesehen und gewürdigt.

Die Analyse von Lerngeschichten ergibt eine Typologie von sechs Formen:

  1. Ereignisbericht,
  2. Fotostory,
  3. Mikrobeschreibung,
  4. Sammelrezension,
  5. Forschungsbericht sowie
  6. Leistungs- und Fortschrittsdarstellung.

Es zeigt sich, dass auch hier ein Subjektivitätsbezug nur teilweise erkennbar wird. Bewertung und Lob spielen eine große Rolle. Es wird durchschnittlich auf 2,5 Lerndispositionen Bezug genommen, wobei es eine stärkere Gewichtung auf den ersten Lerndispositionen, etwa von „Interessiert sein“, gegenüber den letzteren, z.B. „Verantwortung übernehmen“, festgestellt wird.

Im Weiteren untersucht die Autorin auch die vielfältigen Formen der Bildungsdokumentation im Raum (Ausstellungen, Wanddokumentationen) und widmet sich der wachsenden Verbreitung von digitalen Dokumentationsformen, sowohl der einrichtungsinternen, als auch der in sozialen Netzwerken.

Abschließend präsentiert sie eine Typologie der Dokumentationspraxis in Kitas, mit der sie anhand der Kriterien „Standardisierung“ und „Bedeutung von Dokumentation im Selbstverständnis der Einrichtung“ vier Stile identifiziert, wobei derjenige, bei dem beide Kriterien als hoch bzw. wichtig eingestuft werden, als der professionellste bewertet wird.

Zusammenfassend stellt die Autorin bei der Analyse des empirischen Materials fest, dass sich Ambivalenzen sowohl beim Bild vom Kind, bei der Aufgabenbeschreibung der Kita, als auch bezüglich diagnostischer versus prozessorientierter Varianten von Dokumentation durch den gesamten Diskurs ziehen.

Diskussion und Fazit

Die Praxis der Bildungs- und Entwicklungsdokumentation in Kindertageseinrichtungen einmal systematisch zu beleuchten, ist ein besonderes Verdienst dieser Publikation. Die Analyseergebnisse und vorgeschlagenen Typologien sind für die systematische Betrachtung und kollegiale Auseinandersetzung in Kita-Praxis, Aus- und Fortbildung von frühpädagogischen Fachkräften sehr hilfreich. Erhellend ist auch das Licht, das auf die Widersprüche und Ungeklärtheiten im Verhältnis von Theorie und Praxis geworfen wird. So ist es bezeichnend, dass etwa Portfolios eine Reihe von Funktionen zugeschrieben werden, dabei aber so wesentliche, zumal professionalisierende, wie Beziehungsgestaltung zum Kind, Reflexion des Fachkrafthandelns oder pädagogisches Planungsinstrumentarium keine Rolle zu spielen scheinen. Ebenso zeigt sich in der Praxis eine offenbar „verwässerte“ Umsetzung der der potenziell beziehungsstiftenden und -begleitenden Funktion von Lerngeschichten. In beiden Fällen werden die Dokumentationsformen stark fachkraftzentriert zulasten der Partizipation und der gemeinsamen Arbeit mit dem Kind betrieben und folglich als große zusätzliche Anforderung denn als Medium des pädagogischen Alltags erlebt. Es erstaunt, wie wenig konsequent und konsistent die Idee einer subjektorientierten Dokumentation von Bildungsprozessen in der Praxis Raum gegriffen hat.

Das Buch regt an, sich auf die eigenen konzeptionellen Grundlagen und pädagogischen Ziele zu besinnen. Es bietet Fachkräften in Kindertageseinrichtungen Orientierungen für die professionelle Entwicklung ihrer Dokumentationspraxis – vorausgesetzt, eine standardisierte und konzeptionell begründete Dokumentation wird tatsächlich angestrebt. Der Fachberatung und Aus- und Fortbildung frühpädagogischer Fachkräfte kann es wichtige Impulse für die Qualifizierungsarbeit geben.

Die Zusammenfassungen der Kapitel wären noch hilfreicher, wenn sie weniger anmoderierende Inhaltsangabe, als vielmehr inhaltliche Quintessenzen wären. Schließlich muss der außerordentlich hohe Preis der Publikation gerade im Blick auf ihre wünschenswerte Verbreitung in der Praxis als großes Manko bezeichnet werden.


Rezensent
Herbert Vogt
Grundschullehrer und Diplompädagoge
Tätigkeiten als Kita-Leiter und Fachberater für Kindertageseinrichtungen
seit 25 Jahren in der Fortbildung von Beratung von sozilapädagogischen Fachkräften aktiv
22 Jahre lang Redakteur der Fachzeitschrift TPS (Theorie und Praxis der Sozialpädagogik)
Homepage www.balance-freinet-paedagogik.de/index.php/mitglie ...
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Herbert Vogt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Herbert Vogt. Rezension vom 21.05.2019 zu: Helen Knauf: Bildungsdokumentation in Kindertageseinrichtungen. Prozessorientierte Verfahren der Dokumentation von Bildung und Entwicklung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-24100-1.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25322.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung