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Franz Kasper Krönig (Hrsg.): Kritisches Glossar Kindheitspädagogik

Cover Franz Kasper Krönig (Hrsg.): Kritisches Glossar Kindheitspädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 225 Seiten. ISBN 978-3-7799-3724-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Deutlich durch den Titel angekündigt, handelt es sich bei der von Franz Kasper Krönig herausgegebenen Publikation wenig überraschend um ein Nachschlagewerk für das und zum Fach Kindheitspädagogik. Zentrale Begriffe des Fachs sind herausgegriffen und einer kritischen Betrachtung unterzogen worden. Ziel der Publikation ist insbesondere die Dekonstruktion von „diesem oder jenem ‚schönen‘ Begriff“ (S. 9) und die Problematisierung der mit den Begriffen einhergehenden Implikationen.

Herausgeber

Der Herausgeber Frans Kasper Krönig ist Wissenschaftler, Musiker und Songwriter zugleich. Seit 2016 ist er Professor für Elementarpädagogik und Kulturelle Bildung an der Technischen Hochschule Köln.

In dem Band „Kritisches Glossar Kindheitspädagogik“ befassen sich zahlreiche Autor*innen mit Themen rund um Kindheitspädagogik:

  • Joanne Ailwood,
  • Ansgar Allen,
  • Donja Amirpur,
  • Stephanie Blankart,
  • Mai-Anh Boger,
  • Matthias Burchardt,
  • Jan de Vos,
  • Miriam Fritzemeier,
  • Salomé Grams,
  • Susanne Groos,
  • Steffen Großkopf,
  • Carla Heinen,
  • Emily Johnson,
  • Nick Klapproth,
  • Michael Knoll,
  • Sandra Koch,
  • Ute Müller-Giebeler,
  • Argiri Papadopoulou,
  • Andrea Platte,
  • Stefan Schäfer,
  • Marc Schulz,
  • Melina Stevens,
  • Angela Tillmann,
  • Marga Vicedo,
  • Melanie Werner sowie
  • Franz Kasper Krönig (der Herausgeber hat selbst mit vierzehn Artikeln ungefähr ein Drittel der Beiträge selbst verfasst.)

Die Autor*innen schreiben aus vollkommen unterschiedlichen Perspektiven heraus: Während einige Autor*innen Professuren bekleiden und einen großen wissenschaftlichen Erfahrungsschatz haben, studieren andere an der Technischen Hochschule Köln (einige Texte sind im Rahmen von Seminaren entstanden, die der Herausgeber geleitet hat, S. 11) und bringen große Neugier und Praxisbezug in ihre Texte ein. Hinzu kommen Beiträge von wissenschaftlichen MitarbeiterInnen sowie Angehörigen weiterer Berufsgruppen, die mit dem Bereich der Kindheitspädagogik verbunden sind.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Der Band enthält 47 alphabetisch geordnete Beiträge – von A wie „Aesthetische Bildung“ (Nick Klapproth) bis zu W wie „Wirksamkeit“ (Stefan Schäfer). Allem voran geht eine Einleitung durch den Herausgeber Franz Kasper Krönig. Die Beiträge beschäftigen sich jeweils mit den „Semantiken des Feldes“ (S. 10). Der Herausgeber führt in seiner Einleitung aus: „In diesem Sinne ist das vorliegende Glossar nicht mehr und nicht weniger als eine erziehungswissenschaftliche Beschreibung ausgewählter kindheitspädagogischer Selbstbeschreibungen. ‚Kritisch‘ ist es daher weniger in einem methodologischen Sinn – ist doch alle Wissenschaft nach diesem Verständnis kritisch – sondern thematisch“ (S. 9).

Die Beiträge weisen recht unterschiedlichen Umfang auf; während beispielsweise der Eintrag „Menschenrechte“ (Thore Prien) sieben gedruckte Seiten umfasst, ist dem Begriff „Bildungsarrangement“ (Matthias Burchardt) nur eine knappe halbe Seite gewidmet.

Ausgesprochen informativ ist beispielsweise der Eintrag zu „Bindungstheorie“. In dem Artikel beschreibt Marga Vicedo den Stand der Forschung zu „Bindungen an Bezugspersonen“ von Kindern und Säuglingen (S. 48). Sie beschreibt die „Ethological Attachment Theory (EAT)“ (S. 48), den wissenschaftlichen Umgang mit dieser Theorie seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts sowie Studien zur Stützung dieser Theorie (S. 51). Marga Vicedo schließt mit einem Aufruf zu kritischem Umgang mit Bindungen und Bindungstheorien um der Diversität und der Vielfalt von Kindheitserfahrungen „und den vielen Arten und Weisen, in denen verschiedene Gesellschaften ihre Kinder in liebevoller Weise auf- und erziehen“ (S. 53) gerecht zu werden.

In „Empathie I“ durchleuchtet Miriam Fritzemeier den Begriff auf kritische Art und Weise. Sie erläutert zunächst „drei Konstruktionen des Empathiebegriffs“ (S. 80), stellt das „Empathieverständnis in der Kindheitspädagogik“ vor (S. 80 f) und zeigt auf, dass Empathie eine unabdingbare Eigenschaft des Menschen darstellt (S. 82). Sie resümiert, dass in der Kindheitspädagogik der Begriff oftmals fälschlicherweise mit dem Begriff „Mitgefühl“ gleichgesetzt werde. Marie Fritzemeier zufolge handelt es sich bei dem Streben nach Empathie um das Streben nach angepassten Kindern bzw. späteren Erwachsenen. Franz Kasper Krönig arbeitet in „Stärkenorientierung“ heraus, inwieweit der Begriff „Stärke“ nicht ohne das Gegenstück „Schwäche“ auskommen kann und es somit bei einer „Stärkenorientierung“ immer auch zu einer „Schwächenorientierung“ kommt.

Mehrere Abbildungen – meist aus der Feder von Melina Stevens – illustrieren die Beiträge.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Diskussion

Trotz der insgesamt überzeugenden Gesamtkonzeption des Buches regen einige Aspekte zum Nachdenken an. So wird beispielsweise nicht klar, nach welchen Kriterien die Auswahl der Begriffe getroffen wurde. Gerade in einem ‚kritischen‘ Glossar wäre es von Bedeutung zu wissen, ob zum Beispiel die Häufigkeit oder die Relevanz der Begriffe aus Sicht des Herausgebers ausschlaggebend für die Aufnahme in das Glossar waren. Die Begriffe „Kindheit“ oder „Pädagogik“ und das daraus resultierende Kompositum „Kindheitspädagogik“ werden beispielsweise nicht erläutert.

Auch zu dem Begriff „Gender“ oder damit zusammenhängenden Begriffen findet sich kein Eintrag. Der Herausgeber äußert, keine Vorgaben zu genderbewusster Sprache zu machen, auch wenn „ein kritisches Denken ein Bewusstsein der Bedeutung von Sprache bei genderbezogener Normierung und Diskriminierung“ einschlösse (S. 11). Der Herausgeber führt weiter aus, dass sprachliche Vorgaben mit kritischem Denken unvereinbar seien. Dieser Aspekt allerdings mutet insbesondere in einem kritischen Glossar merkwürdig an, da geschlechtssensible Formulierungen eigentlich eine Selbstverständlichkeit darstellen sollten. Hinzu kommt, dass zum sprachlichen Umgang mit Menschen mit Spezifika wie etwa Menschen bzw. Kinder mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung, Menschen bzw. Kinder mit Handicap oder Lernbeeinträchtigung oder Menschen bzw. Kinder aus LGBT-Familien keine einführenden Worte notwendig zu sein scheinen, obwohl für diese Menschen bzw. Kinder ein sensibler und wertschätzender sprachlicher Umgang unter den Aspekten der Partizipation, Inklusion und der Gleichbehandlung von Bedeutung ist. Teilweise nehmen die einzelnen Autor*innen hierzu in den Fließtexten von sich aus Stellung.

Insgesamt sind einige Beiträge außerdem ausgesprochen kurz gehalten und spiegeln insbesondere die Meinung des/der Autor/in ohne wissenschaftliche Belege oder wissenschaftliches Vorgehen wider („Inkludieren“ von Matthias Buchardt beispielsweise (S. 130)). Diese Artikel erfüllen im Kontext einer wissenschaftlichen Veröffentlichung in einem „sozialwissenschaftlichen Fachverlag mit einem anspruchsvollen und umfangreichen Buch- und Zeitschriftenprogramm“ (https://www.beltz.de/fachmedien/juventa.html) und neben ausgesprochen wissenschaftlich aufgearbeiteten Artikeln wie etwa „Bindungstheorie“ (Marga Vicedo) auch unter dem Paradigma einer „kritischen“ Herangehensweise vermutlich keinen abschließenden Zweck.

Fazit

Trotz einiger „kritischer“ Überlegungen liegt mit „Kritisches Glossar Kindheitspädagogik“ eine ausgesprochen lesenswerte Veröffentlichung vor. Die „kritische“ – und auch unterschiedlich kritische – Herangehensweise des Glossars ist mehr als erfrischend. Zahlreiche Begriffe werden dekonstruiert, die dahinter stehenden Bedeutungsdimensionen enthüllt und es werden teilweise Begriffe als bedeutungsleere Floskeln aufdeckt. Das Buch regt zu kritischem Nachdenken und Reflektieren an und es ist zu wünschen, dass die darin geäußerten Aspekte rasch Eingang in die wissenschaftliche Auseinandersetzung im Fach Kindheitspädagogik sowie auch in die kindheitspädagogische Praxis finden. 


Rezensentin
Dr. Raika Maier
M.A.(Musikwissenschaften) Neuere Rezensionen siehe Raika Lätzer
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Zitiervorschlag
Raika Maier. Rezension vom 05.03.2019 zu: Franz Kasper Krönig (Hrsg.): Kritisches Glossar Kindheitspädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3724-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25331.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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