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Donja Amirpur, Andrea Platte (Hrsg.): Handbuch Inklusive Kindheiten

Cover Donja Amirpur, Andrea Platte (Hrsg.): Handbuch Inklusive Kindheiten. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 664 Seiten. ISBN 978-3-8252-8713-9. D: 49,99 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 65,00 sFr.

Reihe: UTB - 8713.
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Thema

Das erziehungswissenschaftliche „Handbuch Inklusive Kindheiten“ hat es sich zum Ziel gemacht, sich der Entwicklungsphase der Frühen Kindheit unter einem spezifischen Blickwinkel zu nähern: Es geht darum, „die Phase der Kindheit […] im Spiegel von Inklusion als bildungspolitische Leitidee“ zu betrachten (S. 10).

Herausgeberinnen und Autor*innen

Die beiden Herausgeberinnen Donja Amirpur und Andrea Platte sind beide an der „Technischen Hochschule Köln“ tätig.

Donja Amirpur forscht dort zum Themenfeld „Bildungsräume in Kindheit und Familie“.

Andrea Platte ist Professorin für Bildungsdidaktik mit dem Schwerpunkt Didaktik der Elementarpädagogik.

Die beiden Herausgeberinnen haben ca. 54 Autor*innen für Einzelbeiträge gewinnen können. Die Herausgeberinnen erklären, dass in der Auswahl der Autor*innen eine Gemeinsamkeit zu erkennen ist: Sie verstehen alle das „Inklusive“ als eine der Pädagogik notwendigerweise innewohnende Qualität (S. 11).

Die Autor*innen sind namentlich in der Reihenfolge der Einzelbeiträge:

  • Clemens Dannenbeck & Carmen Dorrance,
  • Franz Kasper Krönig,
  • Judith Mai, Friederike Schmidt & Marc Schulz,
  • Autor*innen des Magazins „Ohrenkuss“ (Texte zusammengestellt durch Anne Leichtfuß),
  • Marianne Krüger-Potratz,
  • Birgit Papke,
  • Katharina Gerarts,
  • Georg Feuser,
  • Nektarios Ntemiris,
  • Albert Scherr,
  • Bedia Akbaş & Paul Mecheril & Anke Spies,
  • Tobias Buchner & Lisa Pfahl,
  • Erica Burman,
  • Heinz-Jürgen Voß,
  • Nathalie Thomauske,
  • Susanne Miller,
  • Eva-Maria Thoms,
  • Kathrin Günnewig & Sandra Reitz,
  • Jörg Maywald,
  • Dita Vogel & Yasemin Karakaşoğlu,
  • Petra Focks,
  • Klaus Kokemoor,
  • Tina Friederich & Regine Schelle,
  • Anja Steinbach,
  • Bedia Akbaş & Rudolf Leiprecht,
  • Nina Bittner,
  • Jürgen Kühl,
  • Oliver Tibussek,
  • Gabriele Nordt,
  • Tanja Sturm,
  • Laura Holtbrink & Nicole Kastirke,
  • Janina Birwer,
  • Gunda Voigts,
  • Walter Hövel,
  • Helen Knauf,
  • Andrea Tures,
  • Thorsten Neubert,
  • Sarah Alexi,
  • Ulf Sauerbrey sowie
  • die beiden Herausgeberinnen Donja Amirpur und Andrea Platte selbst.

Entstehungshintergrund

2014 erschien im Verlag „Barbara Budrich“ ein Handbuch mit dem Titel „Frühe Kindheit“. Aus einem darin enthaltenen Fachartikel aus der Feder von Andrea Platte („Inklusion – Implikationen eines Leitbegriffes für die Pädagogik der frühen Kindheit“) entstand die Idee zu dem nun nur drei Jahre später veröffentlichten „Handbuch Inklusive Kindheiten“. Die beiden Herausgeberinnen äußern: „Wenn nun nach kurzer Zeit ein weiteres Handbuch in Arbeit genommen wurde, so in der Absicht, die Perspektive auf die Phase der Kindheit und diese adressierende kindheitspädagogische Theorie und Praxis im Spiegel von Inklusion als bildungspolitischer Leitidee zu richten und damit eine spezifische Reflexion und Ergänzung des Feldes vorzunehmen.“ (S. 10).

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Studierende verschiedener Fachrichtungen, an Wissenschaftler*innen, sowie an diejenigen Menschen, die professionell im Bereich Kindheitspädagogik tätig sind (S. 10).

Aufbau

Das Buch enthält insgesamt vierzig Einzelbeiträge, sowie eine Einleitung der Herausgeberinnen („Inklusive Kindheiten als pädagogische Orientierung“) und den Epilog „Merkmale gesellschaftlicher Verhältnisse in frühpädagogischen Handbüchern. Eine ideologiekritische Inhaltsanalyse“ von Ulf Sauerbrey.

Die vierzig Einzelbeiträge sind in acht Themenbereiche gegliedert:

  • „I. Grundlagen für inklusive Kindheiten“,
  • „II. Wege & Traditionslinien (zu) einer inklusiven Kindheitspädagogik“,
  • „III. Macht- und Dominanzstrukturen in der Kindheit“,
  • „IV. Konstruktionen von Kindheiten“,
  • „V. Realisierung der Menschenrechte für inklusive Kindheiten“,
  • „VI. Professionalisierung für inklusive Kindheiten“,
  • „VII. Institutionen der Kindheit(spädagogik)“ und
  • „VIII. Didaktik inklusiver Bildung“.

Jedem dieser Themenfelder geht eine Übersicht über die folgenden Einzelbeiträge sowie eine kurze inhaltliche Zusammenfassung voraus. Die Überschriften sind von den Herausgeberinnen insbesondere dazu vorgesehen, Charakteristika innerhalb der Beiträge zu benennen.

Bei der Arbeit an dem Handbuch hatten die Herausgeberinnen offenbar andere Themenfelder angedacht; erst im Laufe der Arbeit an dem Buch kristallisierten sich die oben aufgezeigten Themenfelder für die Herausgeberinnen endgültig heraus. Die Herausgeberinnen merken als Folge dessen an, dass es sich bei dem ausgewählten Aufbau um einen möglichen Aufbau handele. Es gibt darüber hinaus weitere Möglichkeiten einer systematischen Zusammenstellung nach anderen Schwerpunkten (S. 12).

In der Einleitung zeigen die Herausgeberinnen diesen Aspekt noch einmal deutlich auf: „Wir hoffen, dass dieser Aufbau für sich spricht und dass die den Kapiteln vorangestellten kurzen Zusammenfassungen der einzelnen Beiträge gebündelt oder chronologisch studiert werden können. Das soll – unabhängig von weiteren möglichen Orientierungen – den Prozess unserer Auseinandersetzung mit Konzeption, Kommunikation und Konstruktion durch das Handbuch und damit auch den darum erfolgten Erkenntnisgewinn widerspiegeln.“ (S. 13).

Ausgewählte Inhalte

Dem Titel entsprechend beschäftigt sich das „Handbuch Inklusive Kindheiten“ auf insgesamt 664 Seiten mit dem Themenfeld Inklusion im Kontext (früher) Kindheiten. Durch den Begriff „Kindheiten“ wollen die Herausgeberinnen darauf hinweisen, dass es zahlreiche unterschiedliche Kindheitsverläufe und Perspektiven auf Kindheit(en) geben kann.

Aus den insgesamt vierzig Einzelbeiträgen und den vierzig unterschiedlichen Zugängen und Perspektiven auf Kindheiten seien exemplarisch drei Beispiele vorgestellt.

Anne Leichtfuß hat aus Texten von Natalie Dedreux, Dominic Edler, Nora Fiedler, Angela Fritzen, Julian Göpel, Patrick Görres, Verena Günnel, Andrea Halder, Judith Klier, T.K., Björn Langenfeld, Marc Lohmann, Anna-Lotte Mentzendorff, Anna-Lisa Plettenberg, Dorothee Reumann, Katrin Schaller, Johanne von Schönfeld, Marley Thelen, Verena Elisabeth Turin, Maria Trojer, Martin Weser und Tobias Wolf einen Beitrag zusammengestellt unter dem Titel „Ohrenkuss schreibt zum Thema Kindheit: Wann ist man ein Kind? Wann ist man jugendlich? Und was muss man über Kinder mit Down-Syndrom wissen? – Ich war ein Kleinkind und zarthaft“. Die genannten Autor*innen schreiben für das Magazin „Ohrenkuss“ („Alle Texte im Magazin sind von Menschen mit Down-Syndrom geschrieben“, https://ohrenkuss.de/projekt/). In dem Beitrag befassen sich die Autor*innen mit den im Titel genannten Fragen und zeigen ihre individuellen Perspektiven zu den Fragestellungen auf.

Katharina Gerarts beschäftigt sich in „Inklusive Forschung über Kinder mit Kindern“ mit den Möglichkeiten, inklusive Forschungsprozesse über Kinder mit Kindern durchzuführen. Sie konstatiert: „Kindheitsforschung aus einer inklusiven Perspektive versteht Kinder als Subjekte und Expert*innen ihrer Lebenswelten; […].“ (S. 131).

Jörg Maywald setzt sich in seinem Beitrag „Das Kind als Träger eigener Rechte: Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention“ gemäß dem Titel mit den Rechten von Kindern auseinander. Er eröffnet seinen Beitrag mit einer Feststellung, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit darstellen müsste: „Jedes Kind ist einzigartig. Es hat eine eigene Würde und ist als Subjekt von Beginn an Träger eigener Rechte. Kinderrechte müssen nicht erworben oder verdient werden, sie sind nicht abhängig.“ (S. 323). Jörg Maywald erläutert unter verschiedenen Zwischenüberschriften („Das Gebäude der Kinderrechte: Schutz, Förderung, Beteiligung“, „Kindeswohl und Kinderrechte“, „Kindeswille und Kindeswohl“, „Kinderrechte und Elternrechte“ und „Der Kinderrechtsansatz in der Kita“) verschiedene Aspekte zu den Rechten von Kindern. Er stellt dar, dass die Kinderrechtskonvention als Bestandteil einer Reihe von internationalen Konventionen zur Wahrung der Menschenrechte für besonders schutzbedürftige Gruppen erlassen wurde (S. 325). Er stellt außerdem dar, dass für den auch juristisch relevanten Begriff des Kindeswohls auch der Kindeswille von zentraler Bedeutung ist (S. 331 f). Davon unabhängig ist allerdings das asymmetrische Verhältnis zu Erwachsenen: Die Erwachsenen tragen aufgrund der besonderen Phase der Entwicklung von Kindern die Verantwortung für die Kinder mit (S. 323).

Diskussion

Das „Handbuch Inklusive Kindheiten“ umfasst zahlreiche Perspektiven auf Kindheit(en) und Inklusion als bildungspolitische Leitidee. Die Vielzahl der Einzelbeiträge und die Vielzahl der unterschiedlichen Autor*innen gewähren Einblick in unterschiedliche Ansätze und Betrachtungsweisen. Besonders lesefreundlich ist die Untergliederung in acht Großkapitel und die jeweils vorangestellte Zusammenfassung der Einzelbeiträge.

Etwas nachdenklich stimmt allerdings, dass der Aspekt der Inklusion von den Herausgeber*innen auf übergeordneter Ebene kaum berücksichtigt wurde: Die Nivellierung der „klassischen Ungleichheitskategorien race, class und gender“ (S. 406, Kursivierungen im Original) hat wohl bei der Auswahl der Autor*innen keine Rolle gespielt. Bei fast allen Autor*innen handelt es sich um weiße Autor*innen ohne Beeinträchtigung. Fast alle haben außerdem einen akademischen Hintergrund und es gibt nur vereinzelt Autor*innen ohne Doktortitel. Insgesamt haben mehr weibliche als männliche Autor*innen Beiträge erfasst.

Kinder selbst kommen nicht zu Wort, obwohl beispielsweise in den Beiträgen von Katharina Gerarts und Jörg Maywald explizit darauf hingewiesen wird, dass in Überlegungen zu Kindheit(en) auch Kinder selbst gehört werden sollten.

Fazit

Das „Handbuch Inklusive Kindheiten“ ist ein insgesamt aufschlussreiches Buch, das durch die Vielfalt der Zugänge und Perspektiven für Wissenschaftler*innen, Studierende und Praktiker*innen gewinnbringend zu sein verspricht.


Rezensentin
Dr. Raika Lätzer
Historische Musikwissenschaften, M.A.(Musikwissenschaften), Diplom-KA Künstlerische Ausbildung Gesang), Diplom-GP (Gesangspädagogik), B.Mus.(Gesang) Frühere Rezensionen siehe Raika Maier
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Zitiervorschlag
Raika Lätzer. Rezension vom 26.04.2019 zu: Donja Amirpur, Andrea Platte (Hrsg.): Handbuch Inklusive Kindheiten. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8252-8713-9. Reihe: UTB - 8713.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25332.php, Datum des Zugriffs 27.05.2019.


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ISSN 2190-9245

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