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Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer?

Cover Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Westend Verlag (Frankfurt) 2018. 303 Seiten. ISBN 978-3-86489-225-7. D: 22,00 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

Die Aushöhlung unserer Demokratie, da wichtige politische Entscheidungen von ökonomischen Gruppen getroffen werden, die eine solidarische Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören.

Autoren

  • Rainer Mausfeld war bis zu seiner Emeritierung Professor an der Universität Kiel mit den Schwerpunkten Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung und Geschichte der Psychologie. Seit 2015 Vorträge und Veröffentlichungen zu politischer Indoktrination und Entdemokratisierung.
  • Jan Wernicke ist Kulturwissenschaftler und bildungspolitischer Referent der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen und freiberuflicher Journalist.
  • Marko Junghänel ist nach dem Studium der Kommunikations-, Zeitungs- und Politische Wissenschaft freiberuflicher PR-Berater, spezialisiert auf Bildung und Medien und seit 2012 Gesamtkoordinator des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises.

Entstehungshintergrund

Ist die Aushöhlung demokratischer Strukturen in den vergangenen Jahrzehnten und die Ersetzung des mündigen Bürgers durch den politisch apathischen Konsumenten. Wichtige politische Entscheidungen werden von Gruppen getroffen, die weder demokratisch legitimiert noch rechenschaftspflichtig sind. Die Sorge um eine schweigende Duldung (s. Titel), dieser destruktiven sozialen Prozesse, die Einschränkung der Freiheit durch ökonomische und politische Gewalt und die Suche nach einer menschenwürdigen Alternative, sind der Anlass zur Veröffentlichung dieser Aufsätze.

Aufbau

Nach einer Einleitung folgen einzelne Kapitel mit den Themen:

  • Warum schweigen die Lämmer?
  • Die Angst der Mächtigen vor dem Volk.
  • Die neoliberale Indoktrination.
  • Die repräsentative Demokratie als Mittel der Demokratievermeidung.
  • Ein Gespräch mit Jens Wernicke über massenmediale Indoktrination.
  • Die Einschränkung des öffentlichen Debattenraumes.
  • Anmerkungen zu Kartellparteien und zur Bundestagswahl.
  • Ein Gespräch mit Marko Junghänel über Rassismus, Kapitalismus und Wertegemeinschaft.
  • Demokratie und „weiße“ (psychologische) Folter.
  • Literaturangaben und ein Namensverzeichnis.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Einleitung (16 Seiten)

Kritische Überlegungen zur Demokratie unter den Aspekten von Freiheit, Gleichheit und Gemeinsinn in Deutschland und der Perspektivgebundenheit unserer Sichtweise. Steigende Lebensqualität für die einen und steigende Armut für die anderen weisen auf Gewinner und Verlierer der gegenwärtigen kapitalistischen Weltordnung hin (mehr als eine Milliarde Menschen leben am Rand des Existenzminimums, 40 Millionen sind Opfer von Sklaverei, 6 Millionen sterben jährlich an den Folgen der Umweltzerstörung). Selbst das Völkerrecht habe sich zu einem Instrument von elitärer Machtpolitik entwickelt. Die Pluralität unterschiedlicher Perspektiven, zwischen Partikularinteressen und überpersönlichen sozialen Interessen seien angespannt, ausgelöst durch unsichtbare Machtkonzentrationen, die sich einer Kontrolle entziehen, und durch Techniken psychologische Beeinflussung, die zur Lähmung anstelle von produktivem Handeln führen. Ansätze zu letzterem ließen sich nur situativ gemeinschaftlich entwickeln. Die Beiträge im Buch stammten aus unterschiedlichen Anlässen und stünden insgesamt unter dem Aspekt einer kompromisslosen radikaldemokratischen (Ingeborg Maus) Aufklärung.

Warum schweigen die Lämmer? Wie sich schwerste Kriegsverbrechen und Verletzungen moralischer Normen für die Bevölkerung unsichtbar machen lassen (33 Seiten).

Ein breites Spektrum von Techniken der Massenbeeinflussung hat schwerwiegende Verletzungen rechtlicher und moralischer Normen für die Bevölkerung, auch demokratischer Staaten, moralisch und kognitiv unsichtbar gemacht durch Kontext- und damit Interpretationsveränderungen, sprachliche Leitbilder, die mehr verhüllen als mitteilen, Fragmentierungen die den Bedeutungszusammenhang zerstören. Das „Paradoxon der Demokratie“ ist seit der Antike bekannt, dass das Volk (die Masse) durch Eliten, selbst repräsentative, zu Zuschauern degradiert wird, und oligarchische Strukturen unter einem demokratischen Deckmantel etabliert werden. Eine moderne Form ist die Plutokratie des Neoliberalismus, der nicht mehr demokratisch kontrolliert wird und Apathie und Unbeteiligtsein fördert und mit einer manipulative Propaganda der Zwangsläufigkeit und Alternativlosigkeit arbeitet, die gleichzeitig eine Illusion von Informiertheit verbreitet. Fakten werden als Meinungen deklariert, dekontextualisiert und rekontextualisiert, und Sinnzusammenhänge fragmentiert. Auf diese Weise lassen sich politisch nachteilige Fakten kognitiv und moralisch unsichtbar machen: Kleine werden einfach unterschlagen, große einer Faktenwäsche unterzogen. Selbst Empörungen würden gemanagt, auf Nebenkriegsschauplätze umgeleitet und Aufstände im Namen der Demokratie blutig niedergeschlagen (Vietnam) oder auch unterstützt durch gesteuerte Empörung und täuschendem Verweis auf Menschenrechte, Demokratie und moralische Normen. Zwar seien wir durch ein „natürliches Immunsystem“ (?) geschützt gegen Manipulationen, aber nur, wenn wir es auch nutzen.

Die Angst der Machteliten vor dem Volk. Demokratiemanagement durch Soft-Power-Techniken (58 Seiten).

Da Demokratie für die Mächtigen nicht attraktiv ist, müsse man die Wünsche des Volkes, z.B. nach Freiheit, mit Surrogaten, Ersatzdrogen und Illusionen erfüllen. Dazu gehöre physische und psychische (ideologische) Gewalt, die den Status der Herrschenden stabilisiere (historische Beispiele). Machtökonomische Gründe sprächen mehr für manipulierende Soft-Power, inzwischen ein eigenständiges Forschungsgebiet: Kriegsführung gegen die eigene Bevölkerung. Bereits die kategoriale Unterscheidung zwischen Volk/Masse (irrational, selbstsüchtig, launenhaft) und Eliten (intelligent, gebildet, rational) seien Ideologie. Schon Friedrich der Große sei der Meinung gewesen, dass Chaos und Revolution entstünden, wenn man dem Volk die Wahrheit sage. Allerdings könne ein Volk auch so infantilisiert werden, dass es kein Interesse mehr an der Wahrheit habe und eine kognitive und affektive Lethargie entstehe.

Mausfeld spricht von „Mentalvergiftung“, wenn das Denken durch Angsterzeugung gelähmt werde oder dem Hass geeignete Zielobjekte sprachlich und denunziativ angeboten würden; linke und rechte Machtpolitik träfen sich im Antiamerikanismus als politischen Kampfbegriff; andererseits werde dem amerikanische Exzeptionalismus eine Sonderstellung eingeräumt anstelle allgemeingültiger Regeln.

Populismus und fundamentale Machtkritik würden als politische Kampfbegriffe von Rechten benutzt, um eine fiktive Einheit von kultureller und nationaler Identität gegen die Eliten zu behaupten. Auch das sei Soft-Power als Mentalvergiftung mit den Mitteln der Propaganda (Vermischung von Meinungen und Informationen) und Vermittlung von Werten und Weltbildern mit dem Versprechen eines „benevolenten Imperiums“, der Rhetorik eines moralischen Idealismus, der konterkariert werde durch Militärausgaben, Geheimdienste und ideologische Feindbilder. Selbst NGOs könnten zu säkularen Missionaren der westlichen Wertegemeinschaft werden. Die „repräsentative Demokratie“ könne benutzt werden als Mittel zur Verhinderung von Demokratie durch „Tiefenindoktrination“ und eine ungerechte Eigentumsordnung, die eine besitzende Oligarchie mit der Unterstützung der Masse der Bevölkerung an der Macht halte (Hinweis auf die amerikanische Verfassung). Wahlen gäben eine Illusion von Demokratie, da reale Partizipation und verantwortliche Rechenschaftspflicht nicht gewährleistet seien. Im rechten Milieu werde sogar der (fiktive) Gemeinwille durch „Eliten“ zum Ausdruck gebracht.

Nach Ingeborg Maus werde das Volk von den „bloß Ermächtigten übermächtigt“; die repräsentative Demokratie werde zunehmend von demokratischen Elementen entleert durch eine Transformation zu einem „autoritären Staat rechtsstaatlichen Typus“ (Agnoli 1967). Insbesondere der Neoliberalismus habe eine System der „organisierten Verantwortungslosigkeit“ im Stil einer totalitären Ideologie erzeugt auf der Basis von Hass (gegen Sozialismus und Egalität), Sozialdarwinismus (Glorifizierung des Starken), Elitenoligarchie (Mythos „freier Markt“), die Unterordnung des Individuum unter den Markt.

Es folgt ein Exkurs über 1789 und die Errungenschaften der Aufklärung.

Die neoliberale Indoktrination. Gespräch mit dem politischen Blog „Nachdenkseiten“ (Jens Wernicke) und Rainer Mausfeld (21 Seiten).

Indoktrination habe psychische Folgekosten, die Konsumenten erzeuge und sie zum Verstummen bringe. Der real existierende Neoliberalismus eines sich selbst regulierenden freien Marktes nütze nur den Eliten, sei immun gegenüber Argumenten, aber politisch wirkmächtig (Bsp. Agrarsubventionen). Ein Verteilung des Reichtums von oben nach unten finde nicht statt. Von Natur Anhänger des Status quo neigten wir zu Verzerrungen der Realität und seien anfällig für Manipulationen (sanfte Indoktrination) durch Komplexitätsreduktion und nähmen durch eine Verrechtlichung gesellschaftliches Unrecht nicht mehr wahr. Die Fragmentierung sozialer Beziehungen müsse überwunden und Empörung politisch wirksam zum Ausdruck gebracht werden.

„Wer das Land besitzt, der soll es auch regieren.“ Repräsentative Demokratie als Mittel der Demokratievermeidung (15 Seiten).

Mausfeld beschreibt die Entwicklung einer „Demokratie ohne Demokratie“, in der der Status der Eliten nicht gefährdet ist. Diese Entwicklung ist begleitet von autoritären Elementen in der kapitalistischen Demokratie mithilfe von Techniken der Meinungsmanipulation, Etablierung einer Sicherheitsbürokratie, Korrumpierung der Volksparteien. Zu untersuchen ist, ob die politische Macht in den Händen der gewählten Vertreter liegt oder außerhalb demokratisch legitimierter Herrschaft. Die Verflechtung von ökonomischen und sicherheitsrelevanten Netzwerken, die sich demokratischer Kontrolle entziehen, sind nicht mehr in personalen Kategorien zu erfassen, da sie unsichtbar sind.

Massenmediale Indoktrination. Gespräch mit Jens Wernicke (20 Seiten).

Wieviel Vertrauen kann man den Medien noch entgegenbringen in einer Demokratie, die nach Meinung von Mausfeld keine Demokratie mehr ist? Dienen sie nur noch dazu, Machtstrukturen zu stabilisieren? Der politische Philosoph und Pädagoge Dewey stellte die Frage, inwieweit Freiheit und soziale Verantwortung unter den Bedingungen einer bestimmten Wirtschaftsordnung (u.a. der Besitz von Medien) überhaupt noch möglich sind, wenn Nachrichten gefiltert oder der herrschenden Ideologie angepasst werden und die politischen, ökonomischen und publizistischen Perspektiven weitgehend deckungsgleich sind. Fakten können der Ideologie angeglichen werden und werden dann von den Betroffenen nicht mehr erkannt. Es findet eine „Vergiftung“ der Sprache und des Denkens statt. Armut ist eine Effekt der Umverteilung und weckt Unsicherheit und Angst. In dem Klassenkampf zwischen arm und reich spielen die Medien eine zentrale Rolle. Die Gegensätze werden verschleiert, unsichtbar demokratische Elemente durch mächtige Lobbygruppen aus der repräsentativen Demokratie ausgeschaltet. Das zeigt sich auch im Verschwinden des politisch aktiven öffentliche Intellektuellen (Bsp. Noam Chomsky und Pierre Bourdieu). Dabei geht es nicht um isolierte Missstände, sondern um die Aufhebung der symbiotischen Vernetzung der Medien mit ökonomischen und politischen Machtzentren.

Wie sich die „verwirrte Herde“ auf Kurs halten lässt. Die Einschränkung des öffentlichen Debattenraumes und die Ächtung des Dissens (61 Seiten).

Demokratie als politische Selbstbestimmung des Volkes ist ein emanzipatorisches Versprechen, das nicht eingehalten wird, wenn die Vielen von politisch-ökonomischen Eliten regiert werden. Angst und Ohnmacht, Konsumismus, Überflutung mit Nichtigkeiten und Infantilisierung verstärken eine politische Apathie. Eine Vergesellschaftung von Herrschaft (angemessener Anteil an Entscheidungen, Kontrolle und Rechtfertigung gegenüber der Öffentlichkeit, Bindung an die Verfassung und Gesetzgebung) findet nicht statt. Kontrovers haben Lippmann und Dewey das Ideal des mündigen Bürgers diskutiert: Da Lippmann diese Leitidee verworfen hat, wurde er von dem Philosophen und Pädagogen Dewey heftig kritisiert. Es bleibt das Problem, wie Bürger Halbwissen und Vorurteile überwinden und Macht kontrollieren und begrenzen können. Haben „Experten“ oder „Eliten“ einen höheren Grad an Rationalität als der Bürger? Untersuchungen haben gezeigt, dass auch bei individuellen Kompetenzdefiziten das Kollektiv insgesamt über vernünftigere und kohärentere Informationen verfügt. Selektive mediale Darstellungen der gesellschaftlichen Realität kommen durch Filtern der Informationen (auch unter Eigentümerinteressen) zustande; so werden sogar Widerstände gegen Krieg durch Feindbilder überwunden. Im Neoliberalismus findet eine Homogenisierung ökonomischer und politischer Eliten statt, Unvereinbares kommt zusammen (Chomsky, Dewey), gesellschaftliche Spannungen werden verstärkt und müssen gleichzeitig ideologisch manipulativ beseitigt werden. Lukrative Kapitalvermehrung entzieht sich zunehmend durch die Globalisierung der politischer Kontrolle. Damit haben sich auch die Volksparteien grundlegend gewandelt i.S. von Austauschbarkeit und Selbsterhalt. Die ehemalige Mitte wird zu einem Phantom, und es findet – aufgrund der behaupteten Ideologie der Alternativlosigkeit – eine Ächtung des Dissens statt. Der öffentliche Debatten- und Entscheidungsraum schrumpft. Der Typus des „Tellekt-Uell-IN“ (Bertolt Brecht), kurz TUI verbreitet spitzfindige Freiheitsillusionen, deren Diskrepanz zur Realität immer deutlicher wird.

Auch die Links-rechts-Unterscheidung hat in einer „marktkonformen Demokratie“ ihre Gültigkeit verloren; sie wird für obsolet erklärt und damit ein grundlegender Dissens ausgehebelt. Die linke Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Menschen (universeller Humanismus), und damit eine demokratische Selbstbestimmung, beinhaltet, dass auch die Wirtschaft der Legitimation und Kontrolle unterliegt. Zwar wird dieser Universalismus vertreten, aber ideologisch zugeschnitten auf ökonomische Präferenzen und westliche Werte-Präferenzen. Die Entgrenzung und fehlende Kontrolle von ökonomischer und politischer Macht hat destruktive Auswirkungen für den öffentlichen Debattenraum, da die Entscheidungsspielräume immer kleiner werden.

Phantom Mitte – Kartellparteien – Bundestagswahl. Anmerkungen (6 Seiten).

Die Parteien, die die ökonomischen und gesellschaftlichen Probleme durch eine Zertrümmerung des Sozialstaates verursacht hätten, böten sich jetzt als Retter an. Nicht Naturgesetze, sondern der globalisierte freie Markt seien verantwortlich. Die Spitzen der Parteien hätten sich von der Basis entfernt. Durch Begriffe wie Reformen, Flexibilität, Freihandel und Stabilität sei das Denken blockiert worden (Blair 1997–2007, Schröder 1998-2005). Demokratie werde zu einer Marktstörung, es sei denn es geht opportunistisch um Wählerstimmen. Neoliberale Parteien suggerierten Alternativlosigkeit, während ernst zu nehmende linke Positionen nach den Wurzeln der ökonomischen und gesellschaftlichen Probleme und Alternativen suchten. Wahlen seien weitgehend nur noch Politentertainment und Zuschauersport.

Rassismus, Kapitalismus und die Wertegemeinschaft der »Herrenmenschen«. Gespräch mit Marko Junghänel (8 Seiten).

Rassismus ist keine natürliche Erscheinung, sondern entwickelt sich bei sozialer Ungleichheit, was wiederum mit der kapitalistischen Organisationsweise zusammenhängt. Er entfaltet sich unter spezifischen historischen und ökonomischen Bedingungen. Psychische Widerstände gegen eine universelle Menschenwürde auch der „Fremden“ wurden erst nach langer Zeit 1989 und 1948 (Erklärung der Menschenrechte) überwunden. Nationalstaaten fußen meist auf der Idee einer unveränderbaren ethnischen, kulturellen und sprachlichen Identität, was weder natürlich noch zwangsläufig ist. Menschenunwürdige Zustände finden sich häufiger in autoritären Gesellschaften. Die Idee eines universellen Humanismus beinhaltet eine radikal demokratische Gesellschaftsorganisation, Rechtfertigung von Machtstrukturen und für alle geltende moralischen Standards. In einer „marktgerechten Demokratie“ werden Macht- und Besitzverhältnisse unsichtbar gemacht und durch Manipulationen auch der Intellektuellen verschleiert.

Kulturrassismus behauptet Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenz und Schaden bei Vermischung der Kulturen. Abendländische Kulturen haben Blutspuren, Doppelmoral und Heuchelei hinterlassen, Wege der Gewalt, die wir unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören. Demokratisierungsformen (Bsp. partizipatorische oder deliberative Demokratie) wirken der Entleerung der Demokratie entgegen und bieten Hoffnung.

Demokratie und weiße Folter. Wie die Psychologie dazu beitrug, Folter unsichtbar zu machen (32 Seiten).

Wer der Folter erlag, wird in der Welt nicht mehr heimisch. Obgleich Folter in der UN-Menschenrechtscharta verboten wurde, ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit erschreckend. So hat auch die American Psychological Association Mithilfe bei der Entwicklung „alternativer Verhörmethoden“ geleistet, die Folter durch psychologische Methoden unsichtbar machen soll. Der Mensch hat von Natur ein destruktives Potenzial, das nicht automatisch durch interne Mechanismen begrenzt wird, sondern durch Entwicklung von Empathie. Zwar gibt es im internationalen Recht das absolute Folterverbot, das eine Begrenzung von Macht bedeutet, doch wird es unter dem Deckmantel von „Sicherheit“ immer wieder übertreten, insbesondere unter dem Deckmantel der „Präventionsfolter“. Es gibt auch Formen, das absolute Folterverbot zu unterlaufen, durch psychologisch unmenschliches und erniedrigendes Verhalten (Frankreich in Algerien, Grobritannien in Nordirland, Israel in Palästina, USA in Guantanamo), das keine körperlichen aber seelischen Spuren hinterlässt. Dazu gehören auch die von der Psychologie entwickelten Techniken der „weißen Folter“ (sensorische Deprivationen durch schalldichte Kopfhörer, Bewusstseinsmanipulation durch Schlafentzug und Drogen, s.a. KUBARK-Handbuch für Verhöre). Psychologen haben sanfte Verhörtechniken entworfen und supervidiert (z.B. im Irak, in Afghanistan und Guantanamo). Inzwischen hat die American Psychological Association zwar ethische Standards für die Beteiligung formuliert, die Beteiligung selbst aber nicht als eine Verletzung des Berufsethos angesehen. Die Verantwortlichkeit von Wissenschaftlern an der Beteiligung der Verletzung der Würde und Autonomie einer Person geschieht durch ideologische Interpretationen und Verschleierungstaktiken. Wer hier jedoch Doppelstandards einführt, bestreitet fundamentale Rechtsansprüche und unterstützt die destruktiven Potenziale des Menschen.

Diskussion

Es handelt sich um eine aufrüttelndes Buch, das sich wie eine Anklageschrift gegen die von der Politik gewollt oder ungewollt nicht mehr kontrollierten Folgen einer globalen Wirtschafts- und Gewaltpolitik, die dazu führt, das weltweit die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, mithin eine kriminelle Entwicklung unter dem Deckmantel des Rechts stattfindet, die mit nationalstaatlichen Mitteln nicht mehr zu kontrollieren und zu begrenzen ist. Die daraus resultierenden Probleme werden durch Manipulation von Fakten, Verschleierung und Unsichtbarmachung der zugrundeliegenden Strukturen einer demokratischen Kontrolle entzogen. Mausfeld bringt dafür viele Belege, zum Teil auch Wiederholungen von Belegen, da es sich um Niederschriften von Vorträgen handelt. Diese wirkten auch mich – als Leser – etwas ermüdend und weckten Wünsche, nach einem streitbaren Experten (oder einen guten Verteidiger), der diese „Anklageschrift“ gegen den globalen liberalen Kapitalismus analysiert und behutsam differenzierend zwischen destruktivem und konstruktivem Potenzial (die Hoffnung habe ich nicht aufgegeben) unterscheidet.

Dem Buch fehlt, so erging es mir beim Lesen, ein konstruktives Gegenüber, ein guter „Gegner“, der sowohl das Anliegen und die Argumente von Mausfeld ernstnimmt, als auch kritisch differenzierend überprüft.

Vorbehaltlos überzeugt hat mich das Kapitel über die „weiße“, d.h. unsichtbare Folter und das Erschrecken, dass auch die Zunft der Psychologen vor Gewaltmissbrauch nicht zurückschreckt.

Aufrüttelnd erlebte ich das Buch, weil klar herausgearbeitet wird, dass die Verschleierung von kriminellen Strukturen, auch bei amtlichem, d.h. staatlichem Verbrechertum, (womit wir in Deutschland seit der NS-Zeit Erfahrung haben,) wirksam ist und international Strukturen entwickelt werden müssen, diese jenseits von nationalen Grenzen wirksam zu bekämpfen, damit die Welt für alle Menschen ein bewohnbarer und geschützter Ort wird und bleibt.

Sollten unsere Politiker diesen Hoffnung schon aufgegeben haben?

Die vielen Anmerkungen fand ich sehr wertvoll, ebenfalls die weiter führenden Literaturhinweise und das Namensverzeichnis.

Dem Verlag ist zu danken, dass er diese aufrüttelnde Streitschrift herausgebracht hat.

Fazit

Nicht nur lesenswert, sondern – hoffentlich – nicht lähmend sondern aktivierend angesichts des Ausmaßes krimineller, d.h. die Rechte und Bedürfnisse anderer Menschen verletzender ökonomischer und politischer Gewalt.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 24.04.2019 zu: Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Westend Verlag (Frankfurt) 2018. ISBN 978-3-86489-225-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25333.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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