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Paul Collier, Thorsten Schmidt: Sozialer Kapitalismus!

Cover Paul Collier, Thorsten Schmidt: Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft. Siedler Verlag (München) 2019. 320 Seiten. ISBN 978-3-8275-0121-9. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.

Reihe: In Beziehung stehende Ressourcen: ISBN: 978-3-4210-4810-3; ISBN: 978-3-5705-5287-2; ISBN: 978-3-8868-0940-0.
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Kapitalismuseuphorie und -apathie

Kapitalismus hat die Menschheit vorangebracht – Kapitalismus reißt die Menschheit in den Abgrund; das sind die beiden grundlegenden konträren Auffassungen, wenn es um die Frage geht, wie nationale und internationale, lokale und globale Gesellschaften in ihren Organisationsformen verfasst sind. Sie lassen sich historisch in die Spannweite der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen Kapitalismus versus Sozialismus bringen. Da ist vom „Siegeszug des Kapitalismus“ die Rede, wenn eine Bestandsaufnahme von der Welt vorgenommen wird; und andererseits, in der Kapitalismuskritik auf das Desaster verwiesen wird, was das kapitalistische und neoliberale System anrichtet, dass nämlich lokal und global die bereits Wohlhabenden und Besitzenden immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden (vgl. dazu: Jos Schnurer, Ist Geld die Quelle allen Übels – oder hat Geld immer recht?, 23.11.13, www.socialnet.de/materialien/168.php). Sind es die unversöhnlichen Gesellen von Haben und Sein (Erich Fromm)? Oder lassen sich in der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden (Einen?) Welt Wege finden, Kapital und Sozial miteinander zu versöhnen?

Autor

Der britische Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier gilt als einer, der sich in seinen Funktionen als universitärer Lehrer und Leiter der Forschungsabteilung der Weltbank nicht mit dem anything goes und dem business as usual zufrieden gibt, sondern nach Konzepten sucht, wie die ökonomischen und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten in der Welt beseitigt werden können. Dazu hat er in zahlreichen, öffentlichen Wortmeldungen Analysen, Bestandsaufnahmen, Prognosen und Lösungsvorschläge vorgelegt (vgl.: Paul Collier, Der hungrige Planet. Wie können wir Wohlstand mehren, ohne die Erde auszuplündern, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13125.php; ders., Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/19667.php; Alexander Betts / Paul Collier, Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist, www.socialnet.de/rezensionen/22625.php).

Das Manifest

Eine Denkschrift soll darauf verweisen, dass in der gesellschaftlichen Entwicklung Probleme auftreten, die ein individuelles und kollektives Nachdenken notwendig machen und einen Perspektivenwechsel im lokalen und globalen Denken und Handeln der Menschen erfordern. Es sind Prozesse, die Ego-und Ethnozentrismen, Nationalismen, Rassismen und Populismen hervorrufen, die demokratischen und freiheitlichen Entwicklungen gefährden und die Gesellschaften spalten. Aus den Mutbürgern werden „Wutbürger“; die „Rattenfänger“ locken mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen; die Stabilität von demokratischen Volksvertretungen bröckelt und entwickelt sich hin zu egoistischen „Firstismen“. Dieses toxische, gesellschafts-und solidaritätszerstörerische Vorgehen führt zu unpolitischem Denken und Handeln. Der „Ohne-mich“-Standpunkt wird hinausgebrüllt und als unverbindliche, selbstgefällige und verantwortungslose Einstellung praktiziert. Diese vielfach hierarchisch und paternalistisch aufgebauten, eigene Verantwortlichkeiten entbindenden Verhaltensweisen machen selbstständige, solidarische und demokratische Einstellungen zu ihrem Widersacher – und damit zu einer Perspektive für „sozialen Maternalismus“. Es sind die Vorstellungen und Forderungen, wie eine Zähmung des „Raubtierkapitalismus“ hin zu einem „sozialen Kapitalismus“ erfolgen könne: Durch ein aktives, legitimes Eingreifen des Staates in das Markt- und Kapitalhandeln. Der „freie, globale Markt“ braucht nicht ideologisierte und nicht interessenmachtbestimmte Regeln mit dem Ziel, Wohlstand für alle zu schaffen. Collier verortet sich damit weder als „Linker“, und schon gar nicht als „Rechter“, sondern „in der mühsamen Mitte“.

Inhalt

Das Manifest wird, neben dem Vorwort zur deutschen Ausgabe des 2018 mit dem Originaltitel „The Future of Capitalism. Facing the New Anxieties“ erschienenem Buch, in vier Kapitel gegliedert: Der erste Teil ist umschrieben mit „Krise“, nämlich der Auseinandersetzung mit den „neuen Ängsten“, wie sie sich lokal (britisch) und global zeigen. Im zweiten Teil fordert Collier: „Die Ethik erneuern“, und zwar „vom egoistischen Gen zur ethischen Gruppe“, im Staat, im Unternehmen, in der Familie und schließlich in einer ethischen Welt. Im dritten Kapitel richtet der Autor die Aufmerksamkeit darauf, „die inklusive Gesellschaft (zu) erneuern“, durch die Überwindung der geographischen Spaltung in boomende Metropolen und niedergehende Städte, der sozialen Spaltung von Überfluss auf der einen und Entbehrung auf der anderen Seite, und der globalen Spaltung in Gewinner und Abgehängte. Im vierten Teil breitet Collier das Konzept einer „inklusiven Politik“ aus, und zwar dadurch, „den Extremen Einhalt (zu) gebieten“.

Alleine durch seine pragmatische Haltung ist nicht zu erwarten, dass Paul Collier gewaltsame, umstürzlerische revolutionäre Mittel einsetzen will, um den Paradigmenwechsel vom Raubtierkapitalismus hin zum sozialen Kapitalismus zu vollziehen. Sein pragmatischer Ansatz zielt vielmehr darauf, dass es in der Einen Welt gelingt, ethische Werte zum Durchbruch zu verhelfen, die bewirken, dass eine gemeinsame, humane Identität Grundlage für „weitsichtige Gegenseitigkeit“ wird.

Fazit

Das Manifest des sozialen Kapitalismus wird den Kapitalisten nicht gefallen, weil es Solidarität und Umverteilung von Gütern und Kapital fordert; und den Kapitalismusgegnern auch nicht, weil es nicht für die Abschaffung der kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensform eintritt. Colliers Plädoyer: „Treffen wir uns in der Mitte!“ ist pragmatisch. Sie ist aber auch konsequent, wenn es gelingt, die kapitalistische, wirtschaftliche Bedrohung zu überwinden, die sich immer weiter öffnende, ökonomische und lebensweltliche Schere zwischen den Habenden und den Habenichtsen zu stoppen und die Spaltung der Gesellschaften durch ein humanes, gerechtes und gleichberechtigtes Leben für alle Menschen auf der Erde zu kitten!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.05.2019 zu: Paul Collier, Thorsten Schmidt: Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft. Siedler Verlag (München) 2019. ISBN 978-3-8275-0121-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25338.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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