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Ramona M. Kordesch, Josef Wieland u.a. (Hrsg.): Die Arbeit der Zivilgesellschaft

Cover Ramona M. Kordesch, Josef Wieland, Michael N. Ebertz (Hrsg.): Die Arbeit der Zivilgesellschaft. Aus der Reihe: Societas Futura. Gesellschaft Gestalten. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2018. 300 Seiten. ISBN 978-3-95832-161-8. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Einer für Alle. Alle für Einen.

Das Sprichwort drückt aus, dass der Mensch ein zôon koinônikon, ein Gemeinschaftswesen ist (Aristoteles). Als Individuum kann der Mensch nur leben, wenn er sich seines Bestandes in der Menschheit bewusst ist. Diese philosophische und ethische Grundauffassung kommt im individuellen und kollektiven Leben der Menschen in vielfältiger Weise zum Ausdruck: als Solidarität, als existentielle Einstellung, als Lebenslehre. Sie findet Anwendung in den Märchen und Sagen, in Romanen und Medien, und nicht zuletzt in den gesellschaftspolitischen Verfasstheiten und Theorien, wie etwa im kategorischen Imperativ (Kant), der sich im Sprichwort darstellt: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinen andern zu!“. Mit dem Begriff „Zivilgesellschaft“ wird im lokalen und globalen politischen Diskurs insbesondere ausgedrückt, dass, wie dies in der „Globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postuliert wird, „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“. Zivilgesellschaft ist demnach eine demokratische Bürgergesellschaft. Ein ziviler Umgang der Menschen miteinander zeichnet sich durch Gemeinsinn, Toleranz und Verantwortung aus. Zivilgesellschaftliche und -couragierte Einstellungen sind davon geprägt und zeigen sich als humane und gemeinnützige Verhaltensweisen.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Zivilität will ja heißen, dass sich der Mensch als Individuum und Gemeinschaftswesen anständig, höflich und allgemeinverträglich und damit menschenwürdig verhält. Dadurch entwickelt sich ein Zivilisierungsprozess, mit dem ein gerechtes, gleichberechtigtes, solidarisches gutes Leben für alle Menschen möglich wird (Norbert Elias). Es sind freiwillige gemeinnützige Organisationen, die als Vereine, Stiftungen und NGOs soziales Engagement praktizieren. Die Wiener gemeinnützige Stiftung „Societas Futura. Gesellschaft Gestalten“ hat, in Zusammenarbeit mit der staatlich anerkannten, privatwirtschaftlich verfassten Zeppelin-Universität in Friedrichshafen am Bodensee, vom 26. – 27. 4. 2018 die Konferenz zum Thema „Die Arbeit der Zivilgesellschaft“ durchgeführt. Anlass war zum einen, mit wissenschaftlichen Argumentationen auf die in Österreich vollzogenen, rechtlichen Veränderungen zum gemeinnützigen Stiftungswesen zu reagieren; zum anderen mit dem Beispiel zur „Sammlung Florian“ auf die Initiativen und Wirkungsweisen von Kunst auf gesellschaftliche Entwicklungsprozesse zu verweisen. Der Maler Maximilian Florian (1901 – 1982) und seine literarisch und gestalterisch schaffende Tochter Henriette Florian (1938 – 2013) haben ein bedeutsames, schöpferisches Werk hinterlassen, das in der „Sammlung Florian“ aufbewahrt wird. Die Stiftung „Societas Futura. Gesellschaft Gestalten“ will mit der Auseinandersetzung mit dem Werk der beiden österreichischen Künstler auf die aktuellen, zivilgesellschaftlichen Herausforderungen aufmerksam machen: „Wir glauben an den Menschen. Wir glauben, dass der Mensch Ursprung, Träger und Ziel jeder gesellschaftlichen Weiterentwicklung ist“.

Die Theologin und Zivilgesellschaftsforscherin, Ramona Maria Kordesch, der Wirtschaftswissenschaftler Josef Wieland, beide von der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen und der Soziologe von der Katholischen Hochschule in Freiburg/Br., Michael N. Ebertz, geben die Ergebnisse der Zukunftskonferenz „Die Arbeit der Zivilgesellschaft“ heraus.

Aufbau

Der Sammelband wird in drei Kapitel gegliedert: Im ersten werden „Politiken der Zivilgesellschaft“ thematisiert; im zweiten geht es um die Zusammenhänge von „Wirtschaft und Zivilgesellschaft“; und im dritten Kapitel werden „Prägekräfte der Zivilgesellschaft“ vorgestellt.

Inhalt

Der in Berlin lebende Politikwissenschaftler Rupert Graf Strachwitz setzt sich mit  „Chancen und Herausforderungen der Zivilgesellschaft heute“ auseinander. Er identifiziert vier Prämissen, die zivilgesellschaftliches Denken und Handeln bestimmen: Zum einen sind es die Aktivitäten, wie sie sich bei den informellen zivilgesellschaftlichen Gruppen zeigen; zum zweiten ist es das historisch entstandene und veränderte soziale Engagement, das Staat und Gesellschaft charakterisiert; zum dritten der freiheitliche und demokratische Anspruch; und viertens die kritische, selbstbestimmte Veränderungsbereitschaft.

Die Politikwissenschaftlerin von der Freien Universität in Berlin, Ulla Pape, zeigt mit dem Beitrag „Die Entwicklung der Zivilgesellschaft im europäischen Vergleich“ die verschiedenen Wege, Theorien und Praktiken anhand von zwei Studien auf. Im Forschungsprojekt „Third Sector Impact“ (1914 – 1916) wurden die Möglichkeiten und Barrieren von zivilgesellschaftlichem Handeln in acht europäischen Ländern untersucht; und in der empirischen Studie des „EU-Russia Civil Society Forums“ werden die Entwicklungen, Einschränkungen und Verbote insbesondere in den osteuropäischen Ländern und in Russland herausgestellt.

Der Politikwissenschaftler und Ostasienexperte Thomas Heberer von der Universität Duisburg-Essen informiert am Fallbeispiel China über „alternative Formen zivilgesellschaftlicher Entwicklung“. Er setzt das Thema in ein Fragezeichen und weist damit darauf hin, dass in autoritär und hierarchisch geführten Gesellschaften bürgergesellschaftliches Engagement einen schweren Stand hat. Nur wenn es gelingt, Bürgersinn und zivilgesellschaftliche Kompetenzen zu entwickeln und ehrenamtliche Tätigkeiten als Chance für ein freies, friedliches, gerechtes und gleichberechtigtes,, demokratisches Zusammenleben zu erkennen und zu fördern, kann sich eine Zivilgesellschaft bilden.

Der Governance- und Wirtschaftsethiker Josef Wieland von der Zeppelin-Universität beginnt das zweite Kapitel mit dem Beitrag „Gemeinwohl und Shared Value Creation“, indem er die Zivilgesellschaft als ökonomischen Akteur benennt. Er arbeitet die verschiedenen, historischen und aktuellen Konzepte des Gemeinwohl-Gedankens heraus und verweist auf die lokalen und globalen Aktivitäten, wie sie z.B. „Berliner CSR-Konsens“ (2018) und mit den „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen (2015) zum Ausdruck kommen.

Ramona Maria Kordesch stellt mit dem titelgebenden Beitrag „Die Arbeit der Zivilgesellschaft“ die vielfältigen Gestaltungsherausforderungen für individuelles und kollektiven Handeln heraus. Es sind wohlfahrtsbestimmte, altruistische, integrative, inklusive, kooperative, solidarische ökonomische und ökologische Inwertsetzungen, die ein freiwilliges soziales Engagement ausmachen.

Der Wirtschaftswissenschaftler Ali Aslan Gümüsay setzt sich auseinander mit den „Gesellschaftliche(n) Herausforderungen und (der) Rolle von Religion in Unternehmertum und Führung“. Er fordert: „Religion muss in der Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspraxis (wieder) ernst genommen werden. Sie ist dabei nicht einfach instrumentell …, noch als eine einfache Quelle für Wirtschaftsethik (zu verstehen). Vielmehr prägt sie umfassend das Wirtschaften für Personen, Organisationen, Industrien und Gesellschaften“.

Das dritte Kapitel leitet der an der Päpstlichen Universität in Rom lehrende Schweizer Theologe Martin Rhonheimer mit dem Beitrag „Sozialstaatskirchensystem und Zivilgesellschaft“ ein. Er fragt nach den Herausforderungen für Freiheit und Selbstverantwortung, indem er auf die Entwicklungen und Ansprüche eines modernen, säkularen und freiheitlichen Staates verweist und anmahnt, dass zivilgesellschaftliche und diakonische Tätigkeiten nicht dem „süße(n) Gift der staatlichen Subventionierungen bzw. der Einbindung in die staatlichen Strukturen mit entsprechender Status- und wirtschaftlicher Sicherheit“ leichtfertig zu unterliegen.

Der am Tübinger Weltethos-Institut lehrende Organisationsentwickler Raban Fuhrmann diskutiert und entwirft mit dem Beitrag: „Die Zivilreligion der Zivilgesellschaft“ das Konzept des „Partizipationsethos“, in dem in einer Bürgergesellschaft „idealiter alle an allem teilhaben“. Es sind Visionen, die in multikulturellem und interreligiösem Denken und Tun gründen und einen Perspektivenwechsel erforderlich machen.

Michael N. Ebertz meldet sich mit dem Schlussbeitrag „Das kreative Potenzial religiöser Akteure für die Zivilgesellschaft“ erneut zu Wort. Mit der Taylorschen Diktion, dass ethisches Denken und Handeln sich auf zwei Grundlagen stützen könne – der „Strategie des gemeinsamen Fundaments“, und der „Strategie der unabhängigen politischen Ethik“ – fordert er für weltanschauliche Identitäten eine pluralistische, offene Einstellung und Position für Impulse und Wagnisse, „die von unten kommen“.

Fazit

Die bei der Zukunftskonferenz diskutierten Prämissen zur „Arbeit der Zivilgesellschaft“ greift mit den politischen, ökonomischen, ethischen, ästhetischen und weltanschaulichen Aspekten weit in die gesellschaftlichen Sphären eines zivilgesellschaftlichen Denkens und Tuns aus. Die lokale und globale „Wiederentdeckung der Qualität von Sozialräumen“ und Existenzen macht es notwendig, auf den unterschiedlichen Feldern eines demokratischen und freiheitlichen Grundverständnisses von Gesellschaft einen Perspektivenwechsel zu vollziehen. Die österreichische Stiftung „Societas Futura. Gesellschaft Gestalten“ nimmt die Sammlung und den Nachlass von Maximilian und Henriette Florian zum Anlass, nach Formen und Initiativen einer neuen Arbeitsteilung von Staat, Markt und Gesellschaft zu suchen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.03.2019 zu: Ramona M. Kordesch, Josef Wieland, Michael N. Ebertz (Hrsg.): Die Arbeit der Zivilgesellschaft. Aus der Reihe: Societas Futura. Gesellschaft Gestalten. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2018. ISBN 978-3-95832-161-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25339.php, Datum des Zugriffs 26.05.2019.


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ISSN 2190-9245

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