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Stefanie Bonus, Stefanie Vogt: Nonformale Bildung in Freiwilligendiensten

Cover Stefanie Bonus, Stefanie Vogt: Nonformale Bildung in Freiwilligendiensten. Ergebnisse aus Praxisentwicklung und Praxisforschung in kritisch-emanzipatorischer Perspektive. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 111 Seiten. ISBN 978-3-8487-5297-3. 26,00 EUR.
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Thema

Freiwilligendienste haben in Deutschland eine längere Tradition. Daraus hat sich eine vielfältige Landschaft an Akteur_innen und Angeboten entwickelt – neben dem Inlandsbereich gibt es den internationalen Bereich, es gibt soziale, ökologische oder kulturelle Dienste, um nur einen Ausschnitt zu nennen. Zentraler Bestandteil von Freiwilligendiensten sind Bildungsangebote. Diese können je nach Eigenheiten des Dienstformates beziehungsweise -trägers unterschiedlich gestaltet sein. Dementsprechend breit wird die Debatte um Bildung im Freiwilligendienst geführt. Neben normativen Fragen, welche Bildungsziele verfolgt werden sollen, stellen sich auch strukturelle Fragen, etwa welche Akteur_innen an Bildungsangeboten beteiligt sind und wie diese formal organisiert sind.

Autoren

Stefanie Bonus und Stefanie Vogt, wissenschaftliche Mitarbeitende an der TH Köln am Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung, haben in einer Auftragsarbeit das Bildungskonzept des Internationalen Bundes (IB) eingehend untersucht und gleichzeitig eine umfassendes Darstellung möglicher Bildungsformate im Freiwilligendienst geliefert.

Inhalt

Bonus und Vogt leisten einen theoretisch fundierten, empirischen Beitrag zur Debatte um Bildungskonzepte im Rahmen von Freiwilligendiensten. Hintergrund der Debatte ist, dass Bildung im Freiwilligendienst oft als Abgrenzung zu schulischer Bildung verstanden wird, ohne dies genauer zu konzeptionalisieren. Ebenso Tragen die Autorinnen dem Rechnung, dass verschiedene Institutionen und Gruppen, die an Freiwilligendiensten beteiligt sind, verschiedene Ansprüche an Bildung im Freiwilligendienst stellen. Daraus entwickelt sich die Leitfrage der Studie: „Wie gestaltet sich die non-formale Bildungsarbeit des IB an der Schnittstelle von Bildungsseminaren und Einsatzstellen?“ (ebd.: 17). IB steht für Internationalen Bund, einen prominenten Träger von Freiwilligendiensten in Deutschland. Dieser entschied sich, seine Arbeit wissenschaftlich begleiten zu lassen. In diesem Kontext entstand ebenfalls die vorliegende Publikation. Der IB begründet die wissenschaftliche Begleitung seiner Arbeit in der „Bestandsaufnahme“ sowie der „Weiterentwicklung einzelner Konzeptelemente“ (ebd.: 2018: 9). Der kritisch-emanzipatorische Ansatz ist bereits im Interesse des IB angelegt:

„Die Klärung des Bildungsverständnisses im Bereich der Freiwilligendienste ist vor dem Hintergrund der politisch vorangetriebenen Verknüpfung des Bildungssystems mit dem Beschäftigungssystem eine zentrale Aufgabe, um sich gegen Instrumentalisierungen abzugrenzen“ (ebd.: 10).

Der Forschungszeitraum fand zwischen Dezember 2015 und April 2017 statt (ebd.: 18). Es umfasst Expert_inneninterviews, Vor-Ort-Besuche, teilnehmende Beobachtungen auf Bildungsseminaren sowie Gruppendiskussionen und Dokumentenanalyse. Die Forscherinnen ließen sich dabei von einem „partizipativen Forschungsverständnis“ leiten (ebd.: 18 ff.). Das heißt zum einen, dass die Prozessbegleitung der Forschung in den Vordergrund gestellt wurde (ebd.: 17). Zum anderen folgen die Autorinnen dem Konzept der Aktionsforschung. Diese „zeichnet sich durch eine kooperative Verbindung von Forschung und Praxis aus und legt einen Schwerpunkt auf die Weiterentwicklung von Praxis“ (Bonus/​Chehata/​Thimmel nach Bonus/Vogt 2018: 17). Theoretisch unterfüttern Bonus und Vogt ihre Forschung, indem sie eine wissenschaftliche Expertise erstellten „(…), [die] sich insbesondere mit der konzeptionellen und theoretischen Unterscheidung von formaler Bildung, non-formaler Bildung und informellem Lernen und dem wissenschaftlichen Diskurs um Freiwilligendienste als Teil einer non-formalen Bildungspraxis [beschäftigte]“ (Bonus/​Vogts 2018: 19).

Im Kontext dieser theoretischen Debatte wird angenommen, dass es sich bei Freiwilligendiensten um spezifische Bildungsorte handelt, die durch eine „enge Verknüpfung von Lernen und Handeln“ gekennzeichnet sind (ebd.: 29 f.). Das dabei vorherrschende konkrete Konzept von Bildung ist umstritten. Im fachlichen Diskurs wie in gesetzlichen Anforderungen wird anerkannt, dass es verschiedene Bildungsmöglichkeiten im Freiwilligendienst geben kann (ebd.: 30). Kritisch diskutieren Bonus und Vogt hingegen Bildungsansätze, die auf Wirkungsorientierung oder Erfüllung von „ökonomischen und gesellschaftlichen Anforderungen der Arbeits- und Wissensgesellschaft zielen“ (ebd.: 31 f.).

Schematisch befinden sich die Freiwilligen in einem Netzwerk aus dem IB als Träger, der Einsatzstelle und den Begleitseminaren (ebd.: 42). Abhängig von diesem Netzwerk und den daran angeschlossen Akteur_innen variieren Form und Inhalt von Bildung. So fokussiert das Cluster der Einsatzstelle Bildung eher als Aneignung von Wissen und praktisch anwendbare Bildung wie etwa Teamfähigkeit. Seminarkontexte legen dem entgegen einen höheren Wert auf Bildung als Ort von Reflexion und Persönlichkeitsentwicklung (ebd.). Ziele von Bildungsarbeit im Freiwilligendienst schwanken nach Bonus und Vogt im „Spannungsfeld von Bildung und Bewältigung“ (ebd.: 38, Herv. i.O.). Wo Bildung weitreichende Möglichkeiten von Lernen und Handeln impliziert, orientiert sich Bewältigung stärker an der Erfüllung soziale rund gesellschaftlicher Anforderungen (ebd.: 38).

Aus den Expert_inneninterviews werden verschiedenen Bildungsverständnisse und Spannungsfelder der Bildungsarbeit herausgearbeitet. Die drei vorherrschenden Bildungsverständnisse sind a) „Fit machen“ und Orientiertung, b) Vermittlung und soziales Lernen, c) Ermöglichung und Selbstbestimmung (ebd.: 46). Aspekte, die sich unter Ermöglichung subsumieren lassen, entsprechen in einem höheren Maße nonformeller Bildung, als Aspekte von „Fit mache“ oder Vermittlung, die auch stärker formalisierte Bereich von Bildung inkludieren (ebd.: 49).

Spannungsfelder identifizieren Bonus und Vogt in acht verschiedenen Bereichen:

  1. Zwischen Offenheit für Aushandlung und Schließung
  2. Zwischen Selbstgestaltung in geteilter Verantwortung und Selbstgestaltung als Regel
  3. Freiwilligkeit von Selbstbildung und Widerständigkeit
  4. Zwischen Rollenflexibilität und Rollenpersistenz
  5. Gleichzeitigkeit von Themenorientierung, Teilnehmer_innen-orientierung und Prozessorientierung
  6. Gleichzeitigkeit von Gleichheit und Differenz
  7. Politische Bildung und soziales Lernen
  8. Rahmenbedingungen als Einflussfaktoren

Die in diesem Kontext geführten Diskussionen „[zeigen] die Vielfalt der Bildungsverständnisse und damit zusammenhängenden Arbeitsweisen auf“ (ebd.: 71). Ziel der Studie ist es, daraus „eine Diskussionsgrundlage für den weiteren Prozess der Konzeptentwicklung der non-formalen Bildungsarbeit des IB“ (ebd.: 71) zu entwickeln. Dafür sehen Bonus und Vogt einen Dreischritt aus „Analyse der Ausgangslage“, „Situations- und Bedarfsanalyse“ sowie „Beschreibung der Konzeptelemente“ vor (ebd.: 75). Bei letzterem Element unterscheiden sie zwischen Wirkungs- und Handlungszielen (ebd.: 76). Dadurch ergibt sich ein dreigliedriges Cluster an Konzeptelementen für die Bildungsarbeit des IB (ebd.: 77).

Freiwilligendienste als Bildungsjahr – „Was heißt für uns Freiwilligendienst?“

  • Bildung
  • Bewältigung

Arbeitsprinzipien non-formaler Bildung in Freiwilligendiensten – „Wie arbeiten wir?“

  • Subjektorientierung
  • Partizipation
  • Themen-, Teilnehmer_innen- und Prozessorientierung
  • Anerkennung von Differenz und Gleichheit

Konzeptionelle Themenbereiche und Bildungsziele – „Worauf arbeiten wir hin?“

  • Förderung von Selbstachtung, Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung
  • Förderung von Teilhabe, Mitbestimmung und Mitgestaltung
  • Förderung von sozialem Lernen und politischer Bildung
  • Förderung der persönlichen und beruflichen Orientierung

Dies sind die Eckpfeiler eines geteilten Bildungskonzeptes des IB. Bonus und Vogt gehen diesbezüglich davon aus, dass beim IB ein transformatorisches Bildungsverständnis vorherrscht (ebd.: 79). Demnach wir Bildung so aufgefasst, dass sie „in einer grundlegenden Veränderung der Art und Weise besteht, in der Menschen sich zur Welt, zu anderen und zu sich selbst erhalten. Veränderungen im Selbst- und Weltverhältnis von Menschen vollziehen sich potentiell immer dann, wenn Menschen mit neuen Problemlagen konfrontiert werden, für deren Bewältigung die bisherigen Welt- und Selbstverständnisse nicht mehr ausreichen.“ (ebd.: 79).

Abschluss der Studie bildet „eine Arbeitshilfe in Form von Reflexionsfragen“ (ebd.: 77). Dies beendet die wissenschaftliche Begleitung des IB, indem die Initiative wieder in der Praxis liegt, ein kritisch-emanzipatorisches Bildungskonzept weiterzuentwickeln – sei dies in der beständigen Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der Freiwilligen, ökonomisch abgesicherter Anstellungsverhältnisse der Mitarbeitenden oder der Reflexion des Einflusses von Freiwilligendiensten für eine solidarische Gesellschaft.

Diskussion

Der kritisch-emanzipatorische Ansatz ist bereits in der Motivation des IB angelegt. Bonus und Vogt greifen diesen Anspruch zunächst sowohl auf theoretischer Ebene auf, indem sie ein normativ-kritisches Konzept von Bildung im Freiwilligendienst vorlegen. Ebenso legen sie ihre Forschungspraxis kritisch-emanzipatorisch an, indem sie das Zusammenspiel von Praxis und Forschung reflektieren und für das konkrete Vorhaben anpassen. Die Konzeptionalisierung der Ergebnisse ist sehr überzeugend und regt zu weiteren Überlegungen an. Obwohl sie vor dem Hintergrund des IB entstanden ist, ist die Studie allen Menschen zu empfehlen, die sich mit Bildung im Freiwilligendienst beschäftigen. Zum einen lassen sich einigen Ergebnisse sicherlich auf andere (Träger-)Kontexte übertragen. Zum anderen bietet sich die kritische Gehalt der Arbeit sehr gut an, um umstrittene Themen zu diskutieren und blinde Flecken der eigenen Bildungsarbeit zu reflektieren – unabhängig vom konkreten Kontext. Dabei erweisen sich insbesondere die Reflexionsfragen als äußerst produktiv.

Fazit

Bonus und Vogt begleiten die Konzeptentwicklung des Bildungsverständnisses des IB auf wissenschaftlicher Ebene. Dafür analysieren und beforschen sie den Ist-Stand des IB mit Methoden kritischer qualitativer Sozialforschung. Aus diesem leiten sie sowohl verschiedene Bildungsverständnisse ab, als dass sie auch Spannungsfelder identifizieren. Beide Aspekte werden produktiv aufgegriffen, um ein geteiltes, empirisch und theoretisch abgesichertes Bildungskonzept des IB zu umreißen. Abschließend gestellte Reflexionsfragen, die sich aus der wissenschaftlichen Begleitung ergeben, spielen dann die Initiative weder der Praxis zu, an der es nun ist ein transformatorisches Bildungsverständnis (ebd.: 79) im Freiwilligendienst zu realisieren. Es handelt sich um gelungene wissenschaftliche Begleitung eines konkreten Praxisfeldes innerhalb von Freiwilligendiensten.


Rezension von
Matthias Huffer
B.A. Politikwissenschaft, Freiberufliche Begleitung von Inlands- und internationalen Freiwilligendiensten
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Zitiervorschlag
Matthias Huffer. Rezension vom 13.12.2019 zu: Stefanie Bonus, Stefanie Vogt: Nonformale Bildung in Freiwilligendiensten. Ergebnisse aus Praxisentwicklung und Praxisforschung in kritisch-emanzipatorischer Perspektive. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-5297-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25345.php, Datum des Zugriffs 03.04.2020.


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