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Brigitte Aulenbacher, Verena Fabris u.a.: Achtung - Abwertung hat System

Cover Brigitte Aulenbacher, Verena Fabris, Sina Farahmandnia, Nancy Fraser, Eva Grigori u.a. u.a.: Achtung - Abwertung hat System. Vom Ringen um Anerkennung, Wertschätzung und Würde. Verlag des ÖGB GmbH (Wien) 2018. 257 Seiten. ISBN 978-3-99046-395-6. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR.

Reihe: Varia..
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Thema

Die Armutskonferenz in Österreich ist seit 1995 als Netzwerk von über 40 sozialen Organisationen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen aktiv. Gemeinsam mit Armutsbetroffenen engagiert sie sich für eine Verbesserung der Lebensbedingungen (S. 241). Der vorliegende Band gibt Diskussionen und Beiträge der 11. Armutskonferenz wieder, in welcher die Abwertungsspirale ein zentrales Thema war. Das Buch behandelt die Struktur der Abwärtsspirale, aber auch die Frage, wie ist aus ihr ein Entkommen möglich.

Aufbau

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert mit den Überschriften

  • „Abwertung hat System“ (S. 31- 116), insgesamt 8 Beiträge,
  • „Anerkennung macht stark“ (S. 117 – 190) mit 7 Beiträgen und
  • „Handeln tut not“(S. 191- 236 mit 10 Beiträgen).

An dem Buch haben 25 Autoren und Autorinnen, aus den verschiedensten beruflichen Bereichen mitgearbeitet.

Das Buch beschreibt damit ein Abwertungs- und Ausgrenzungssystem, dass Anerkennung als Ressource funktionieren kann, dass der Ausweg aus diesem Abwertungssystem ein Handeln der Betroffenen verlangt.

Inhalt

Vorangestellt wird ein Artikel von Nancy Fraser aus der New Left Review Mai/Juni 2000 „Zur Neubestimmung von Anerkennung“ und von Axel Honneth und Titus Stahl „Jenseits der Verteilungsgerechtigkeit“ aus Forschung Frankfurt 2010. Beide Artikel behandeln, modifizieren und konkretisieren die Theorie der Anerkennung und dienen zugleich als Rahmung und Hintergrund der nachfolgenden Beiträge. Zentrale These von Fraser ist, dass die Gleichsetzung der Politik der Anerkennung mit Identitätspolitik zur Verdinglichung von Gruppenidentitäten und zur Verdrängung von Fragen der Umverteilung führt (S. 14).

Viele Vertreter der Identitätspolitik, so Fraser, würden die Verteilungsgerechtigkeit komplett ignorieren und seien bemüht, Veränderungen nur „auf der kulturellen Ebene voranzutreiben“ (S. 14), fehlende Anerkennung sei damit lediglich ein Problem kultureller Geringschätzung.

Ein anderer Ansatz, kulturalistisch weniger pointierter Ansatz der Anerkennungstheorie dagegen würde die Bedeutung von „Maldistribuierung“ bestätigen., d.h. von Arten der ungleichen Umverteilung, die gleiche Partizipation im sozialen Leben verhindern und „somit ungerecht sind“ (S. 14 Anm. 1). Aber auch dies führe zur Verdrängung von Ansprüchen auf Umverteilung. Maldistribuierung könne zwar indirekt durch eine Politik der Anerkennung beseitigt oder doch gemildert werden, aber dies sei dann nur ein Nebeneffekt „fehlender Anerkennung“. Fraser schlägt neben den die kulturelle Dimension hervorhebenden Ansätzen der Anerkennung ein Statusmodel vor, bei welchem die Frage der Anerkennung als Frage des sozialen Status behandelt wird. Nicht eine gruppenspezifische Identität fordere hier die Anerkennung vielmehr gleichrangige Akteure, welche auf gleicher Augenhöre agieren. Diskriminierung ist hier nicht Abwertung einer Gruppenidentität, vielmehr könne durch das Verständnis der Verflechtung zwischen Status und ökonomischer Klasse, der Weg zur Bekämpfung der Ungerechtigkeit beschritten werden. Anerkennung und Umverteilungsansprüche sollen integriert werden, um das Problem der Verdrängung zu entschärfen (S. 23). Die normative Vorgabe des Konzepts, die gleichwertige Teilnahme und Teilhabe am Sozialen Leben sorge dafür, dass sich Anerkennungansprüche öffentlicher Diskussion und Rechtfertigung stellen müssten.

Die Politik der Anerkennung, zielt nach Ansicht der Autorin im Statusmodell auf die Bekämpfung der Unterordnung ab, um die diskriminierte Partei als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu etablieren. Diskriminierung bedeutet hier, „institutionalisierte Wertmuster", die eine gleichgestellten Teilnahme verhindern, mit solchen, die Gleichstellung fördern, auszutauschen (S. 19). Institutionalisierte kulturelle Werte sind dabei nicht das einzige Hindernis auf dem Weg zu einer Gleichstellung. Das Statusmodell betrachte -anders als das Identitätsmodell die Frage der sozialen Gerechtigkeit als zweidimensional. Eine Dimension, welche die Effekte institutionalisierter Bedeutungen und Normen betrifft, und eine, welche die Allokation verfügbarer Ressourcen betrifft. Die Dimension der Verteilung entspreche der ökonomischen Struktur der Gesellschaft, hier werden die Akteure durch ihren unterschiedlichen Zugang zu Ressourcen definiert. Die Autorin verortet das Statusmodell der Anerkennung damit „in einem größeren sozialen Rahmen“ (S. 22). Die Bedeutung der ökonomischen Dimension wird hervorgehoben. Nur unter genauer Kenntnis welche Dimension jeweils als Ursache für Ungerechtigkeiten funktioniert, kann nach ihr Fraser der Weg zur Bekämpfung der Ungerechtigkeit beschritten werden.

Der Beitrag von Honneth und Stahl, erörtert die These, dass es wirkliche soziale Gerechtigkeit erst geben kann, wenn es Institutionen gibt, welche die Chance einräumen, Anerkennung zu erfahren (S. 25). Der Fokus auf die Verteilung von Gütern zu setzen, wie in der klassischen Gerechtigkeitstheorie, etwa bei Ralws, blende wichtige Prämissen aus. Das Modell setze z.B. eine zentrale Verteilungsinstanz voraus, etwa den Nationalstaat mit der Macht, Güter beliebig zu verteilen (S. 25). Im Vordergrund steht für die Autoren dagegen die Frage, wie eine Gesellschaft aufgebaut ist, welche Institutionen sie hat und wie sie aufgebaut sein sollte. Dabei sei die Frage der Verteilung eher zweitrangig. Denn wenn ich geachtet werde, etwa im Recht oder in der Familie oder im öffentlichen Raum, beinhaltet dies auch, dass mir die materiellen Mittel zur Verfügung stehen, welche ich für die Erfahrung der Anerkennung und für die Teilhabe in diesen Bereichen benötige. Gerechtigkeitstheorien müssten auch, so die Autoren weiter, in der Lage sein, progressive von rückschrittlichen Veränderungen unterscheiden zu können (S. 30). Wichtige Kriterien in diesem Zusammenhang sind für sie dabei die Inklusion, werden mehr Personen in ein Teilhabefeld eingeschlossen und die normative Individualisierung, welche es mir ermöglicht, bestimmte Rollen als für mich wichtig begreifen zu können. Das führt dann zu der Frage, an welche Werte unsere Bereitschaft gebunden ist, an diesen Institutionen mitzuwirken. Die Autoren greifen hier auf Talcot Parsons zurück, für welchen die Vorstellung der „individuellen Freiheit“ ein zentrales Kriterium für die positive Bewertung eines Strukturwandels ist der zu Mitwirkung motiviert und auf den Vorschlag von Michael Walzer, Gerechtigkeitskriterien müssten auf spezifische soziale Sphären bezogen sein (S. 28). Fraglich ist für die Autoren, wie weit die aktuellen Änderungen dem entsprechend (S. 31).

Die nachfolgenden Beiträge nehmen unterschiedlich Bezug auf diese Rahmung. Angesichts der Fülle der Beiträge, begnüge ich mich mit der exemplarischen Auswahl jeweils einiger Beiträgen der 3 Kapitel mit dem Hinweis, dass die Auswahl auch gut und gerne hätte anders erfolgen können.

Brigitte Aulenbacher „Im Sog des Leistungsprinzips“ (S. 37)zeigt im Kapitel I, dass das zentrale Prinzip des modernen Kapitalismus, das Leistungsprinzip für den Bereich der Sorgearbeit „ein trügerisches Prinzip“ ist. Bedenkt man die Wichtigkeit der Sorgearbeit für die Reproduktion der Gesellschaft müsste sie enorme Anerkennung und Wertschätzung genießen. Aber das entspricht nicht der Realität. Sorgearbeit ist zwar in der Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft angekommen, aber was hier als Leistung zählt ist weiterhin stark umstritten verbunden mit einer Geringbewertung personengebundener Dienstleistungen. Sie spricht von einer neuen Sorgemeritokratie der Experten für Sorgetechnologien, mit einem breiten Mittelfeld meritokratisch umkämpfter Sorgeberufe, und den Arbeitsmigrantinnen in den Privathaushalten (S. 43).

Knecht et.al. „Achtung bei AMS“ (S. 45) stellen ebenfalls im Kapitel II die Folgen der automatisierten Zuteilung zu arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen am Beispiel von Hartz 4 und Österreich dar, das Ausmaß in welchem bereits benachteiligte weiter benachteiligt werden.

In Kapitel II plädiert Romy Reimer, „Anerkennung genügt (nicht), der blinde Fleck der Anerkennungstheorie“ (S. 117) für eine kritische Betrachtung der Anerkennungstheorie welche Anerkennung als Mittel der Emanzipation sieht. Sie verweist auf Bourdieu (S. 120), dem Anerkennung auch als Mittel der sozialen Herrschaft gilt und auf Hanna Arendt (S. 121), für welche Anerkennung im gemeinsamen politischen Handeln basiert. Anknüpfend an Arendt, ist ihr der blinde Fleck einer kulturalistische verstandenen Anerkennungstheorie auffüllbar durch weniger Repräsentation und mehr direkte demokratische Praxis, mehr Möglichkeiten der Teilhabe und Teilnahme, mehr Selbstbestimmung und Verantwortung und ein lebendiges Gemeinwesen. Was bedeutet Anerkennung für Menschen in der Abwärtsspirale und wie kann diese gestoppt werden. Das sind die Fragen, welche Verena Fabris und Robert Rypaczek-Schwarz in Gesprächen mit Betroffenen erkunden und in Kapitel II in dem Beitrag, „Wider die Normalisierung der Abwertung“ (S. 181) berichten.

Kapitel III „Handeln tut not“ führt eine Vielzahl von Projekten auf, etwa eine Küche zum Selberbauen von Lena Kauer (S. 220); „Tu was gegen Beschämung“ – Erfahrung von Armutsbetroffenen und Gegenstrategien (S. 221); Lerne eine neue Kultur des Entscheidens als Modell für mehr Anerkennung in Gruppen und Organisationen (S. 227); „Kämpfe gegen Sozialabbau“ (S. 231); Projekte und ein Tun, welches Einblick in die Kreativität der Armutsbetroffenen und ihrer Unterstützer geben.

Diskussion

Der einleitende Beitrag von Fraser macht deutlich, in welchem Ausmaß eine kulturalistische Verengung der Anerkennungstheorie, deren idealistische Verortung, an der ökonomischen Realität der Gesellschaft und vor allem an der Lebenswelt jener Mitglieder der Gesellschaft, welche als arm gelten, gleichsam blind vorbeigeht. Für Fraser ist dies die Umkehrung des vulgären Marxismus. Man erfährt aber nicht, wer die Vertreter dieses Standpunktes sind. Wie das Statusmodell diese ökonomische Realität aber konkret mit der Anerkennung verbindet, sozusagen den Überbau mit der Basis, lässt sich dem Beitrag von Fraser nicht ohne weiteres entnehmen. Sie plädiert dafür, das Verhältnis von Anerkennung und ökonomischer Klasse zu untersuchen, aber das wirft zunächst, noch ganz abgesehen vom Klassenbegriff, viele Fragen auf, welche es zu diskutieren gilt. Auch der Beitrag von Honneth und Stahl nimmt etwa mit dem Gerechtigkeitskriterium der Inklusion Fahrt zur Begegnung mit der ökonomischen Realität auf. Auch der Beitrag von Reimer zeigt die Notwendigkeit einer Verdichtung der Anerkennungstheorie etwa um die Analyse der Strukturen der Macht und um Formen der Partizipation. Die Bedeutung der Anerkennungstheorie wird durch diese Modifikationen oder Kritiken nicht geschwächt, es wird nur deutlich, in welcher Richtung die Diskussion weitergehen sollte oder muss, gerade wenn man die Kämpfe um Anerkennung in der gegenwärtigen politischen Landschaft betrachtet.

Beide Beiträge betonen die Bedeutung des normativen Kriteriums der gleichberechtigten Teilhabe als einen zentralen Baustein der Anerkennungstheorie.

Fazit

Das Buch ist für alle jene Leser und Leserinnen von Interesse, die bei aller Kenntnis der Vielfalt der Phänomenologie der Armut, der Kämpfe um ihre Überwindung mehr darüber erfahren wollen, warum es so schwer ist, der Armut zu entkommen, welche Strukturen und Mechanismen dabei im modernen Kapitalismus am Werk sind, und warum es dennoch sinnvoll und konzeptionell möglich ist, dagegen anzugehen.


Rezension von
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 20.12.2019 zu: Brigitte Aulenbacher, Verena Fabris, Sina Farahmandnia, Nancy Fraser, Eva Grigori u.a. u.a.: Achtung - Abwertung hat System. Vom Ringen um Anerkennung, Wertschätzung und Würde. Verlag des ÖGB GmbH (Wien) 2018. ISBN 978-3-99046-395-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25349.php, Datum des Zugriffs 08.08.2020.


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