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Christine Anzieu-Premmereur, Peter Bründl u.a. (Hrsg.): Psychosomatische Prozesse

Cover Christine Anzieu-Premmereur, Peter Bründl, Carl Eduard Scheid, Dieter Bürgin, Adriana Grotta u.a. (Hrsg.): Psychosomatische Prozesse. Ätiologie, Krankheitsverlauf und Behandlung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2018. 239 Seiten. ISBN 978-3-95558-238-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Jahrbuch der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse - Band 7.
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Thema

Der siebte Band des Jahrbuchs der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse verdeutlicht das enge Zusammenspiel von Körper und Psyche anhand psychosomatischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Anhand von 11 Fachbeiträgen mit Falldarstellungen werden die Ätiologie sowie der Krankheits- und Behandlungsverlauf dargestellt. Die Beiträge international renommierter AutorInnen ermöglichen eine Breite in der Darstellung der psychodynamischen Therapieverläufe.

Herausgeber

  • Dr. phil. Peter Bründl ist Psychoanalytiker für Kinder-, Jugendliche und Erwachsene in eigener Praxis in München (ACP/ DGPT/ VAKJP). Zudem ist er Lehranalytiker, Supervisor und Dozent der Münchener Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse e.V. (MAP).
  • Carl Eduard Scheid ist Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse (DPV/IPV). Neben weiteren Tätigkeiten ist er als Lehranalytiker und Supervisor am DGPT-Institut Freiburg beschäftigt.

Entstehungshintergrund

Die Reihe des Jahrbuchs der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse entstand mit der Zielsetzung der Anwendung der psychoanalytischen Theorie, den klinischen Erfahrungen und der Forschung im Bereich der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein breiteres Forum zu geben. Durch die Anregung neuer Impulse und interdisziplinärer Weiterentwicklung soll „die Zukunft einer lebendigen, effektiven, kulturkritischen und übernationalen Psychoanalyse“ (S. 2) mitgestaltet werden.

Aufbau und Inhalt

In ihrem Vorwort stellen die Herausgeber Carl Eduard Scheid und Peter Bründl Überschneidungen in der Psychosomatik des Kindes- und Erwachsenalters und ihre Bedeutung für die therapeutische Arbeit dar. Zugleich äußern sie, dass die Möglichkeiten der systematischen Verknüpfung beider Arbeitsfelder in der Forschung bisher unzureichende Beachtung erfahren haben. Die Beiträge der AutorInnen werden eingebettet in die Bedeutung ihrer zugrundeliegenden Konzepte in chronologischer Reihenfolge vorgestellt.

Der erste Beitrag Psychosomatik und Conditio humana von Dieter Bürgin und Barbara Steck arbeitet heraus, in welche Natur- und Speziesgesetze der Mensch eingebunden ist und stellt anhand der Thematiken Stress sowie frühkindlicher Entwicklungskomponenten und Beziehungsformen den Zusammenhang von Schmerz und seinem psychosomatischen Ausdruck dar. Vertiefend werden theoretische Hintergründe von Ausscheidungsstörungen (Einnässen und Stuhlinkontinenz) anhand einer Fallvignette vorangestellt. Der Zusammenfassung der Anamnese folgt die Darstellung kurzer Sequenzen aus der analytischen Arbeit mit darauffolgender Interpretation. Diskussion und Zusammenfassung bilden den Abschluss des Beitrags.

Christine Anzieu-Premmereur stellt in Affektunterdrückung und psychosomatische Ausbalancierung – Die klinische Theorie der Pariser Psychosomatischen Schule über somatische Störungen im Kindesalter dar. Die ausgewählte Fallvignette zeigt Sequenzen aus der therapeutischen Arbeit mit einem retardierten Kleinkind, dessen Mutter an einer Persönlichkeitsstörung erkrankt ist, bei. Die Autorin verwebt im Verlauf des Beitrags die klinische Theorie mit der Fallvignette, in der sie zu jeder Begebenheit ihre eigenen Eindrücke detailliert schildert. Die Zusammenfassung verdeutlicht die Bedeutung eines theoretischen Rahmens für die Aufgabe der PsychoanalytikerInnen den Kindern innerhalb der therapeutischen Arbeit Struktur und Containment zu ermöglichen.

Die Entwicklung der Selbstkohärenz entlang von Genährtwerden, Verdauen, Ausscheiden wird von Agathe Israel anhand der Säugling-Eltern-Psychotherapie vorgestellt. Einführend verdeutlicht die Autorin die Bedeutung der drei angeführten Vorgänge für die physische und psychische Entwicklung des Säuglings bis hin zur Kindheit. Anhand einer dargestellten Beobachtung eines drei Wochen alten Säuglings, der von seiner Mutter gestillt wird, werden die theoretischen Grundlagen zunächst reflektiert und im weiteren Verlauf vertieft. Es folgen Ausschnitte einer Säuglings-Kleinkind-Eltern Psychotherapie (SKEPT), in dessen Nachgedanken reflektiert wird, welche Beziehungsebenen durch die SKEPT erreicht wurden und wie dies die Symptomatik verbesserte.

Der vierte Beitrag von Viktoria Schmid-Arnold thematisiert Schwangerschaft und Mutterschaft nach In-Vitro-Fertilisation (IVF) und intracytoplasmatischer Spermainjektion (ICSI) aus psychoanalytischer Perspektive. Zunächst werden durch kurze Darstellungen der aktuellen Entwicklungen wie Leihmutterschaften, demografischen Entwicklungen, Gründen für Unfruchtbarkeit und Ergebnissen von IVF- und ICSI-Behandlungen die thematischen Grundlagen vermittelt. Hierauf aufbauend folgen eine Falldarstellung und psychoanalytische Überlegungen die sich kritisch mit den Auswirkungen des „Mythos der Machbarkeit“ (S. 88) durch Befruchtungstechnolgien auf die Paarbeziehung auseinandersetzen. Vorrangig werden hierbei die Aspekte der Mutterschaft betrachtet. Die zugehörige Darstellung eines psychodynamischen Behandlungsverlaufs umfasst die Zeit der Schwangerschaft bis nach der Geburt des Kindes. Die abschließende Betrachtung betrachtet die Chancen und Risiken einer Mutterschaft durch IVF und mögliche therapeutische Interventionen.

Fernanda Pedrina stellt die Kommunikative Musikalität in der Eltern-Säuglings-Psychotherapie dar. Anhand Sequenzen verschiedener Falldarstellungen zeigt die Autorin zunächst nonverbale Interaktionsmöglichkeiten und ihre Bedeutung für die Therapie auf. Anhand von Forschungsergebnissen werden Improvisation als Methodik und die Bedeutung von Vokalisierungen dargestellt. Hieran schließt sich die Darstellung der Effekte von kommunikativer Musikalität in der Entwicklung an, deren Vertiefung anhand einer Falldarstellung und abschließender Bemerkung erfolgt.

Der Beitrag von James M. Herzog lautet: „Wenn es recht ist, bleibe ich jetzt bei Dir“, mit dem Untertitel „die Musik der Mütter und Verbundenheit im analytischen Spielraum“. Es handelt sich hierbei um einen Fallbericht, der bezugnehmend auf eine Falldarstellung von Jane Lewis verfasst wurde. Der Autor schildert die Arbeit mit Musik in der Intensivstation für Neugeborene. Woran sich eine Falldarstellung anschließt, in welcher die lebenslange Bedeutung von Musik sowie die Möglichkeiten ihrer Einbeziehung in therapeutische Settings deutlich wird, und ebenso, welche Nähe dadurch zwischen Menschen entstehen kann.

Wenn körperliches Leiden zur Beziehungsinszenierung wird – Körpernahe Narrative als Bewältigungsversuche körperlich bedrohlicher Erfahrungen von Alfred Walter führt zunächst in den psychoanalytischen Bezug zwischen frühen Körpererfahrungen und dem Beziehungserleben sowie der Beziehungsgestaltung ein. Hierbei wird auf die umfangreiche, zugrundeliegende Literatur verwiesen. Die nachfolgende Fallvignette behandelt anhand der Darstellung von Spielsequenzen, wie frühe belastende und traumatische körperliche Erlebnisse sich auf die unbewusste Beziehungsgestaltung auswirken und innerhalb der Spieldynamik deutlich werden. Die Zusammenfassung verdeutlicht die Rolle des Therapeuten bei der konstruktiven Bewältigung der negativen körperlichen Früherfahrungen.

Die Thematik des Übergangs von der Kindheit in die Adoleszenz wird im Beitrag „Ich wäre gerne eine Meerjungfrau“ von Adrianna von Schelling anhand der Behandlung eines 14-jährigen Mädchens dargestellt. Einer kurzen Einführung in die besonderen Herausforderungen des Übergangs vom Mädchen zur Frau folgt der detaillierte Fallbericht. In ihrer Arbeit nutzt die Autorin immer wieder Spiele, um die aufgrund von Widerstand stockenden Gespräche zu beleben. Die Aufgabe von Adoleszenten das Lust- und Realitätsprinzip zu integrieren betrachtet die Autorin als lebenslange, widerkehrende Aufgabe.

Vererbte Wunden von Marianne Rauwald behandelt die transgenerationale Weitergabe elterlicher Traumatisierungen innerhalb pädagogischer und therapeutischer Arbeit. Dieser Beitrag ist aufgrund der kriegstraumatisierten Geflüchteten von besonderer Aktualität. Verschiedene Fallsequenzen werden hier durchgängig mit den theoretischen Hintergründen verwoben, um sowohl den Zusammenhang von Schmerz und Trauma wie auch die transgenerationale Weitergabe zu verdeutlichen.

Über Konzepte und Heilverfahren für psychosomatisch erkrankte Jugendliche im ostafrikanischen Umfeld und deren Theorie und Klinik schreibt Barbara Sagesser. In diesem Arbeitskontext erlebte die Autorin bisher, dass psychodynamische Modelle und der Fachbereich der Psychologie noch weitgehend unbekannt sind. Der Glaube an Geister, die den Körper besetzen, ist dort tief verankert und Behandlungen durch Heiler werden den Krankenhäusern deutlich vorgezogen. Die Autorin besucht zwei Heiler und schildert ihre Erlebnisse. Es folgen eindringliche Falldarstellungen aus ihrer klinischen Tätigkeit, die deutlich machen, dass europäische Interpretationen unpassend sein können.

Adrianna Grotta und Paola Morra verfassten den letzten Beitrag des Buchs: Diagnose und psychodynamische Abklärung in der Therapie eines autistischen Patienten – Die Geschichte von Leo. In diesem ausführlichen Fallbeispiel wird deutlich, welche positiven Entwicklungen möglich werden, wenn eine Familie durch aufmerksame Fachkräfte verschiedener Disziplinen über einen lang anhaltenden Zeitraum begleitet wird. Die theoretischen Vertiefungen setzen sich mit inzwischen wiederlegten psychodynamischen Annahmen über Autismus auseinander und zeigen auf, welche Rolle die psychodynamische Therapie in der Behandlung autistischer Personen heutzutage einnehmen kann.

Abschließend werden fachlichen Hintergründe sowie die Kontaktdaten von allen AutorInnen angeführt.

Diskussion und Fazit

Das Ziel der Herausgeber ein Forum zu schaffen, das einen lebendigen und übernationalen Austausch über die psychoanalytische Arbeit ermöglicht, wird meiner Ansicht nach in der Gestaltung des Herausgeberbands deutlich.

Die Auswahl von AutorInnen mit unterschiedlichen Nationalitäten und Wirkungsräumen trägt hierzu ebenso bei wie die intensiven Falldarstellungen, die mit den theoretischen Bezügen der AutorInnen hinterlegt sind. Hierdurch werden die verschiedenen auch kulturellen Ansichten innerhalb psychodynamisch geprägten Handelns sichtbar. Auch die Herausforderung psychodynamischer Tätigkeit innerhalb eines fremden Kulturkreises wird nachvollziehbar thematisiert. 

Die Stärke des Buches liegt in seinen Falldarstellungen und Therapiesequenzen, welche durchgängig von bewegender Intensität sind. Sie zeigen eine Fülle möglicher Interventionen auf zu denen Musik, Spiele, Tanz und weitere gehören, sowie deren Einsatz in der psychodynamischen Therapie. Immer wieder wird in den Beiträgen die Rolle des Therapeuten/der Therapeutin herausgearbeitet und reflektiert.

Das Interesse an einer den Herausgeberband begleitenden Diskussion wird durch Angaben der Kontaktadressen der AutorInnen deutlich. Somit kann der Band zu einer Förderung fachlichen Austausches sowie Förderung der interdisziplinären Arbeit beitragen.

Discussion and conclusion

The aim of the editors to create a forum that allows a lively and transnational exchange on the psychoanalytic work is, in my view, clearly evident through the design of the editorial volume.

The selection of authors with different nationalities and spheres of influence contributes to this as well as the intensive case presentations, which are confirmed by the theoretical references of the authors. As a result, the various cultural views within psychodynamically influenced action become visible. The challenge of psychodynamic activity within a foreign culture is also comprehensibly addressed.

The strength of the book lies in its case representations and therapy sequences, which are consistently of moving intensity. They show a wealth of possible interventions that include music, games, dance and more, as well as their use in psychodynamic therapy. The role of the therapist is elaborated and reflected in the contributions.

The interest in a discussion accompanying the editorial volume is apparent, as contact addresses of the authors are available. Thus, the volume can contribute to promoting professional exchange and interdisciplinary work.


Rezensentin
Anna-Lena Mädge
M. A. Soz.Päd./Soz.Arb.
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Zitiervorschlag
Anna-Lena Mädge. Rezension vom 30.08.2019 zu: Christine Anzieu-Premmereur, Peter Bründl, Carl Eduard Scheid, Dieter Bürgin, Adriana Grotta u.a. (Hrsg.): Psychosomatische Prozesse. Ätiologie, Krankheitsverlauf und Behandlung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2018. ISBN 978-3-95558-238-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25352.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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