socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Alfred Schäfer: Das geteilte kulturelle Erbe

Cover Alfred Schäfer: Das geteilte kulturelle Erbe. Identitätspolitische Diskurse und pädagogische Einsätze in Ladakh. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. 270 Seiten. ISBN 978-3-95832-182-3. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Traditionen und Identitäten

Sind Traditionen Zulieferer oder Hemmschuhe bei der individuellen und gemeinschaftlichen Identitätsbildung? Oder gilt es zu unterscheiden zwischen Traditionen und Traditionalismen? Als Tradition wird im Allgemeinen Verständnis „die Überlieferung der Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten sowie der Sitten und Gebräuche einer Kultur oder einer Gruppe verstanden“. Werden die historischen, mentalen und usurpatorischen Elemente als unumstößliche Gebote und Verbote postuliert, wird von Traditionalismus gesprochen, im Gegensatz dazu, wenn sich Traditionen durch individuelle und gesellschaftliche Prozesse verändern wirken Traditionen als förderliche, gesellschaftliche Kräfte und können Anhaltspunkte, Wegweisungen und Richtungsgeber sein. (Hermann Mückler/Gerald Faschingeder, Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php).

Entstehungshintergrund

In der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden Welt sind Informationen und Auseinandersetzungen mit „fremden“ Traditionen unverzichtbar. Es stellen sich Fragen nach den kulturellen Identitäten, nach Wert- und Lebensvorstellungen und Verhaltensweisen von anderen Menschen und „traditionellen“ Gesellschaften. Der anthropologische, ethnologische und pädagogische Blick auf die Transformationsprozesse in diesen staatlichen und kulturellen Gemeinschaften kann sich zum einen von außen vollziehen, als beobachtender, analysierender und beteiligter; zum anderen als interner und kooperierender. Es sind ganzheitliche, integrative Betrachtungen, die in den jeweiligen Gesellschaften das kulturell Ganze und Identische suchen, wie auch individuelle und lokal-spezifische Eigenarten erkunden. Globale Partnerschaftsideen und -projekte, wie sie z.B. in der UNESCO-Empfehlung zur „internationalen Erziehung“ 1974 als Grundprinzipien der „Förderung des Verständnisses für die Notwendigkeit internationaler Solidarität und Zusammenarbeit“ formuliert (Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung zur „internationalen Erziehung“, Bonn 1990, S. 17) und im Orientierungsrahmen „Globale Entwicklung“ für die schulische Bildung vorgeschlagen wurden (KMK/BMZ, 2016, S. 464), werden mittlerweile in vielfältigen Formen und Qualitäten durchgeführt.

Autor

Der Erziehungswissenschaftler Alfred Schäfer von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg legt die Studie „Das geteilte kulturelle Erbe“ vor, in der er eine Analyse vornimmt, wie sich die demographischen, kulturellen, ökonomischen, ökologischen, politischen und pädagogischen Veränderungsprozesse im ehemaligen buddhistischen Königreich Ladakh, das heute Teil von Indien, Pakistan und China ist, vollziehen. Die geopolitischen (Grenz-)Konflikte in der Region (Tibet, Kashmir) wie auch die weltanschaulichen Auseinandersetzungen zwischen Buddhisten und Muslimen wirken sich auf die Lebensweise und Einstellungen der Ladakhi aus. Prägende Einflüsse der Tourismus-Industrie befördern sowohl traditionelle Bilder vom „alten“ Ladakh, sie verändern und zerstören sie aber gleichzeitig und schaffen neue, „aufgesetzte“ Identitäten. Im indischen Ladakh gewinnt der Individualtourismus immer mehr an Bedeutung, was nicht nur ökonomische Vorteile für die meist arme Bevölkerung bringt, sondern durch die touristischen Einflüsse auch zerstörerische Veränderungen mit sich bringt. Das Ziel der Studie beschreibt der Autor folgendermaßen: „Man wird davon ausgehen müssen, dass die symbolische Vergewisserung des eigenen kulturellen Erbes durch die Ladakhi nicht unabhängig ist von der Diagnose seiner Bedrohung“. Antworten lassen sich finden mit der Diskursanalyse, die Schäfer und sein Team im Rahmen des von der DFG geförderten Forschungsprojektes anwendet. Die pädagogischen und erziehlichen Möglichkeiten und Wirkungen der Veränderungen lassen sich exemplarisch in den von den Religionsgemeinschaften in Ladakh gegründeten und von Nichtregierungs-Organisationen (NGO) unterstützten Privatschulen beobachten: „In ihnen spielt die Behandlung der Differenz von allgemeiner Kultur und Religion immer schon eine Rolle in der Bestimmung dessen, was hier als kulturelles Erbe verhandelt werden soll“.

Aufbau und Inhalt

Die Studie wird neben der Einleitung in sechs Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten Kapitel reflektiert Schäfer die Bestimmung und Bedeutung des „kulturellen Erbes“;
  2. im zweiten wird „Identitätspolitik und pädagogische Artikulation“ thematisiert;
  3. im dritten geht es um die Unbestimmtheiten „zwischen kultureller Identität und religiöser Segregation“;
  4. im vierten setzt sich der Autor mit „selektiven Bedeutungsverschiebungen im Zu-Bewahrenden“ auseinander;
  5. im fünften informiert er über „Versuche einer schulischen Vermittlung der kulturellen Identität“;
  6. und im sechsten Kapitel geht es um „Teilungen des geteilten Erbes“.

Die UNESCO hat 1972 die „Internationale Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“ erlassen. Mehr als 1.000 Welterbestätte in 183 Ländern zeugen von der Bedeutung dessen, was die Menschheit als ihr Erbe ausweist. 2005 wurde die „Magna Charta der internationalen Kulturpolitik“ mit dem „Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ verabschiedet. Es sind Herausforderungen an die individuellen und kollektiven Verantwortlichkeiten der Menschen zur Bewahrung des kulturellen Erbes, die am Beispiel der Situation in Ladakh globalethische Wirksamkeit erlangt.

Immer dann, wenn Einflüsse von außen die innergesellschaftliche Stabilität und Identität berühren, vollziehen sich positive und negative Wandlungsprozesse. Damit die positiven Prozesse eine humane Weiterentwicklung ermöglichen und die negativen zurückgedrängt werden, braucht es Bildung und Aufklärung. Es sind interkulturelle Zueignungen und weltanschauliche Trennungen, die traditionellen und modernen Lebensweisen ihren Stempel aufdrücken; etwa wenn die „Ladakh Buddhist Association“ (LBA) beansprucht, die Identität aller Ladakhi zu repräsentieren, und damit Teile der Bevölkerung vereinnahmt oder ausschließt; etwa die Mehrheit der Muslime, die im Leh-Distrikt 80 % ausmachen. Die politischen und pädagogischen Bemühungen, die religiöse Segregation durch kulturelle Übereinstimmung abzumildern, könnten ein Mittel zur Befriedung sein: „We have to understand… Muslim as well as the Buddhist… have to make aware, they have to propagate, they give lessons to their own people“. Dass diese Aufforderungen nicht per ordre du Mufti oder als Diktat des buddhistischen Karmapa erfolgen dürfen, sondern in der Gesellschaft entstehen, verstanden und gelebt werden sollten, entspricht dem modernen, demokratischen Bewusstsein. Dass dies in traditionellen Gesellschaften weder vom Himmel fällt, noch allein institutionalisiert werden kann, ist eine logische Erkenntnis. Es sind die vielfältigen Aktivitäten, die sowohl innergesellschaftlich, als auch als internationale Kooperationen wirksam werden, wie z.B. die Aufklärung in der Bevölkerung zum ökologischen Landbau und Ernährung, den Gender-Initiativen, der Frauenbildung, und nicht zuletzt die Förderung eines Kulturellen-Erbe-Bewusstseins: „Heritage means something that comes from our forefathers to us and we hand it to our sons and daughters“.

Bei diesen gewaltigen und hoffentlich nicht gewaltsamen Veränderungsprozessen sind erziehliche, pädagogische Konzepte gefragt. Mit dem Zugang der vergleichenden Pädagogik informiert der Autor über Initiativen zur schulischen Sozialisation und vermittelt Modellvorstellungen, die einerseits modernen, kulturellen, interkulturellen und globalen pädagogischen Theorien entsprechen, andererseits die traditionellen, religiösen und interreligiösen Tendenzen der Ladakhi entgegenkommen.

Fazit

Es sind die herausfordernden lebensweltlichen Situationen, die eine inter- und transkulturelle Zusammenarbeit notwendig machen. Die beobachtende und teilnehmende wissenschaftliche Kooperation ist ein Weg, historisch gewachsene, in der globalen Moderne verändernde Entwicklungen zu erkennen, zu analysieren und zu vergleichen. Für ein interkulturelles, aufgeklärtes Bewusstsein könnte die Aufforderung gelten: Treffen wir uns dort, wo unser gemeinsames kulturelles Erbe ist! Dann nämlich könnte es gelingen, die kulturellen Identitäten der Ladakhi und der Anderen zusammen zu bringen und bei den vorhandenen Trennungen, Spaltungen und Einstellungen ein „geteiltes Gemeinsames“ zu entdecken!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1387 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.09.2019 zu: Alfred Schäfer: Das geteilte kulturelle Erbe. Identitätspolitische Diskurse und pädagogische Einsätze in Ladakh. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. ISBN 978-3-95832-182-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25355.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Vorstand (w/m/d), Aschaffenburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung