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Martin W. Schnell, Christine Dunger (Hrsg.): Digitalisierung der Lebenswelt

Cover Martin W. Schnell, Christine Dunger (Hrsg.): Digitalisierung der Lebenswelt. Studien zur Krisis nach Husserl. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. 200 Seiten. ISBN 978-3-95832-170-0. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Digitalisierung der Lebenswelten – Chance und Krise!

In den Zeiten des Momentanismus, in denen das „Sichtbare“, das „Jetzt“ und das „Alles-und-Sofort“ zum scheinbar einzigen, bewältigbaren Phänomen übersteigert wird, kommt es darauf an, sich auf die philosophischen und anthropologischen Grundlagen des phänomenologischen Denkens und Tuns der Menschen zu besinnen. Bereits in der Antike wurde das „Erscheinende“, „Einleuchtende“ als Gegensatz zum „wahren Sein“ (Platon) definiert, von Immanuel Kant als „Unterscheidung von Wesen und Erscheinung“ erkannt, von Georg Wilhelm Friedrich Hegel als „Erscheinungsform des Geistes“ ausgewiesen, und schließlich von Edmund Husserl als „Erkenntnisgewinn“ benannt (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009). Mit der „Phänomenologie“ wird beansprucht, dass sich wissenschaftliches Denken und Handeln nur an logischen, klaren und eindeutigen Phänomenen orientieren solle, die dem unmittelbaren Bewusstseinserleben zugrunde liegen. Anthropologisches Bewusstsein ist demnach immer eine Wahrnehmung „von etwas“. Husserl und seine Anhänger knüpfen dabei an die aristotelische Erkenntnis von der „noêsis“, dem Denken des Denkens an: „Sie bewegt alles, ist aber selbst unbewegt“ (Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 374).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Die Veränderungs- und Wandlungsprozesse, wie sie sich durch die Neuen Technologien ergeben, werden meist unter fachspezifischen Aspekten diskutiert: „Ingenieure, Ökonomen, Techniker, Geistes- und Sozialwissenschaftler behandeln die Digitalisierung jeweils als monodisziplinäres Problem“. Die Fragen, Problemstellungen und Ergebnisse sind deshalb selten als Phänomene ausgewiesen, wie sie Husserl als „Lebenswelt … bezeichnet, in der sich unser ganzes Leben praktisch abspielt, von der alle Sinnbildungen ausgehen und auf die alle Sinnbildungen wiederum abzielen“. An der Universität Witten/Herdecke haben sich am 15.11.2018 Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und AutorInnen zusammen gefunden, um beim Lehrstuhl für Sozialphilosophie und Ethik die Interdisziplinarität des Phänomens „Digitalisierung der Lebenswelt“ zu diskutieren. Der Sozialphilosoph von der Fakultät für Kulturreflexion, Martin W. Schnell, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Christine Dunger, legen die Ergebnisse der Konferenz als Sammelband vor. Die folgenden Querschnittfragen werden dabei diskutiert:

  • Wie und als was ist die Digitalisierung zu definieren, und was bedeutet sie für Autonomie und Selbstbestimmung?
  • Welche Zumutungen an die Selbstsorge und Beziehungen zu anderen wachsen daraus?
  • Reicht Datenschutz als ethische Prävention aus?
  • Ist eine gerechte Digitalisierung, die niemanden abhängt, möglich?
  • Was bedeutet sie für gesellschaftliche Strukturen und Institutionen?
  • Welche Zumutung bedeutet sie für die Lebenswelt selbst?

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung thematisieren Martin W. Schnell und Christine Dunker die von Husserl eingeleitete phänomenologische Kritik an der „Lebensweltvergessenheit“ des traditionellen, zeitdiagnostischen Diskurses (vgl. auch: Heiner Hastedt, Deutungsmacht und Zeitdiagnosen. Interdisziplinäre Perspektiven, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25798.php), und sie nehmen die Weiterentwicklungen auf, wie sie von Derrida, Blumenberg, Waldenfels, Luhmann und anderen kommen. Digitalisierungsprozesse vollziehen sich in den Bereichen der Politik, des Verkehrs, der Wissenschaft, der Bildung, der Literatur und Kunst, und im sozialen, individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Leben der Menschen. „Die Zumutung der Digitalisierung besteht vor allem darin, dass sie Komplexität verstärkt und zudem dem Einzelnen wie alle anderen zu teil-, quantifizier- und bewertbaren Objekten macht“ ( siehe exemplarisch z.B.: Bernhard Waldenfels, Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/3964.php).

Der Witten-Herdecker Politikwissenschaftler Jens Lanfer diskutiert mit dem Beitrag „Digitalisierung der Sicherheitspolitik“ die strukturellen und prozessualen Phänomene der Wertprämissen, wie sie sich im Verhältnis von Freiheit und Sicherheit, von Algorithmus und Macht, darstellen, kontrollierbar und unkontrollierbar, zu begrenzenden und unbegrenzten Netzwerken werden. Der Ruf nach „neue(n) politisch-administrative(n) Institutionen und neue(n) Formen des Datenschutzes“ wird laut.

Der Kultur- und Management-Wissenschaftler Dirk Baecker macht mit seinem Beitrag „Kapital, digital“ darauf aufmerksam, dass im Rahmen des Digitalisierungsdiskurses auch über das „Prinzip der Kapitalrechnung“ neu nachgedacht werden muss. Es gilt, die traditionellen Grundsätze von „Soll und Haben“ zu überdenken und die Prinzipien der „doppelten Buchführung“ zu aktualisieren: „Soll und Haben verrechnen keine natürlichen Bestände, sondern soziale Entscheidungen im Kontext von Sachverhalten, Adressen und Zeithorizonten“.

Der Volkswirtschaftler von der Westfälischen Hochschule, Stephan Keuchel, bringt mit dem Beitrag „Digitalisierung im Verkehr“ Mobilisierungsaspekte zur Sprache. Er zeigt auf, wie sich verschiedene Formen der Digitalisierung auf die Lebenswelt von Verkehrsteilnehmern auswirken. Es sind Überlegungen und Projekte, die erst durch die Digitalisierung möglich werden (können), wie z.B.: Wegeketten, Home-Office, Tickets und Straßenbenutzungsgebühren, automatisiertes, autonomes und gelenktes Fahren, Geo-Daten, Fahrzeugproduktion. Die dabei auftretende Automatisierung und Preisgabe von persönlichen Daten muss im kritischen Blickfeld bleiben.

Die Wissenschaftstheoretikerin und Technikphilosophin von der RWTH Aachen, Gabriele Gramelsberger, bezieht sich mit dem Beitrag „Digitale Wissenschaft“ auf positive und negative Erscheinungsformen in der „Artefaktkultur“. Unterliegt der Mensch, der Wissen schafft, dem Digitalen, das Wissen zur Verfügung stellt? Es ist keine „Maschinenstürmerei“, wenn im Wissenschaftsdiskurs der kritische Blick auf die Algorithmen und deren Selbstlernfähigkeiten gerichtet wird und die Frage bleibt: „Werden Maschinen ein Teil von uns sein, oder werden wir Teil eines global-umspannenden, vernetzten und miteinander kommunizierenden Maschinennetzes sein?“

Die Erziehungswissenschaftlerin von der Münchner Universität der Bundeswehr, Manuela Pietraß, entdeckt mit dem Beitrag „Bildung“ Lücken, Defizite und Gefahren zwischen der tatsächlichen und prospektierten (prophezeiten) Entwicklung der digitalen Technik und der Lebenswelt. Wenn Digitalisierung als „Steigerung von Technisierung“ verstanden wird, braucht es der kritischen Betrachtung. Das Plädoyer der Autorin: „Es geht (…) um eine Utopie digitaler Technik, die das Kontingente menschlicher Individualität nicht reparierend nachträgt, sondern in der es von Anfang an in einer an am Hiatus von Geist und Leib vollzogenen Bildung des Technischen eingedacht ist“.

Die Witten-Herdecker Literaturwissenschaftlerin Julia Genz nimmt mit ihrem Beitrag „Literarisches Schreiben in digitalen Kulturen“ das Phänomen auf, dass „Schreiben Antwort auf die Welt“ sein kann (Peter Handke). Am Beispiel der E-Book-Plattform „Wattpad“ informiert sie über eine Form des Schreibens als „Literatur to go“, und sie macht darauf aufmerksam, dass diese virtuelle Initiative mittlerweile weltweit von mehr als 65 Millionen Nutzern Beachtung findet. In ihrer Analyse wird deutlich, dass dieses „Schreiben in Bewegung“ vornehmlich von jüngeren Followern genutzt wird, nicht vornehmlich auf kommerziellen Motiven beruht, sondern als „Facebook-Kultur“ verstanden werden kann, „möglichst viele Likes zu bekommen, Freunde und Follower zu finden“.

Martin W. Schnell reflektiert über „Ethik der digitalen Gesundheitskommunikation“. Er informiert über staatliche und private Initiativen über E-Health in professionellen und sozialen Zusammenhängen. Mit der Frage „digitale Gesundheitskommunikation vs. Mensch-Roboter-Interaktion“ nimmt er Stellung zu gewollten und ungewollten Entwicklungen und Visionen und fragt nach den ethischen, philosophischen und lebensweltlichen Konsequenzen. Er formuliert „ethische Rahmenbedingungen für den Gebrauch von Gesundheitstechnologien“.

Der Gesundheitswissenschaftler von der Universität Bielefeld, Alexander Hochmuth, nimmt den E-Health-Gedanken auf, indem er in seinem Beitrag „Digitalisierung im Gesundheitswesen“ auf die Verwendung von Robotern in der häuslichen Pflege eingeht. Er setzt sich mit Erwartungshaltungen, Akzeptanz und Abwehr in der öffentlichen Meinung auseinander und verweist auf ethische Prämissen, die für eine Mensch-Mensch-Beziehung unverzichtbar sind, als Mensch-Maschine-Beziehung jedoch für „funktionale, automatisierbare-angehörigenferne Dinge und Abläufe“ akzeptiert werden können.

Bernhard Schaefermeyer beschließt mit dem Beitrag „Erotik im Zeichen der Digitalisierung“ den Sammelband. Er stellt fest, dass Erotik einen direkten Bezug zur (virtuellen) Kommunikation bekommen hat. Am Beispiel der App Tinder zeigt er auf, dass und wie in vielen Lebensbereichen – Partnersuche, Partnerschaft, Erotik, Liebe – Kontakte und Begegnungen zustande kommen, und welche Motive Nutzerinnen und Nutzer bewegen: „Die Entwicklung des sich Kennenlernens und die Möglichkeiten, in Kontakt mit anderen Menschen zu treten, verbinden das Klassische mit dem Neuen, und sie bauen gleichzeitig aufeinander auf“. Was in diesem Beitrag fehlt sind Hinweise und Auseinandersetzungen über Missbrauch, Macht und Ohnmacht von Nutzern.

Fazit

Die bisher weitgehend im Digitalisierungsdiskurs fachbezogenen Analysen und Forschungstätigkeiten werden durch das 2018 an der Universität Witten-Herdecke durchgeführte interdisziplinäre Symposium aktualisiert und erweitert. Die Beiträge verdeutlichen, dass dieses neue, wissenschaftliche Forschungsfeld weiteres, ausführlicheres und weiterführenderes Nachdenken erforderlich macht. Ein Anfang ist gemacht!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.08.2019 zu: Martin W. Schnell, Christine Dunger (Hrsg.): Digitalisierung der Lebenswelt. Studien zur Krisis nach Husserl. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. ISBN 978-3-95832-170-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25358.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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