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Moritz Mutter: Axiomatische Existenzen

Cover Moritz Mutter: Axiomatische Existenzen. Über Medien, Mathematik und Soziologie des Menschen. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. 160 Seiten. ISBN 978-3-95832-174-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Die Klassiker haben sich erschöpft!?

Wissenschaft schafft Wissen! Diese sicherlich unumstrittene Aussage freilich bedarf der Ergänzung. Weil wissenschaftliche Aussagen wahr und objektiv sein sollten, müssen Wissensergebnisse überprüfbar, verifizierbar oder falsifizierbar sein. Diese Herausforderungen und Wertebestimmungen werden in den wissenschaftlichen Theorien und in der Grundlagenforschung thematisiert (vgl. dazu auch: Julian Nida-Rümelin, Hrsg., Wunschmaschine Wissenschaft. Von der Lust und dem Nutzen des Forschens, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4391.php). Dass Wissen und damit auch die Wissenskommunikation sich verändern, wenn sich lokal- und globalgesellschaftliche Wandlungsprozesse vollziehen, klingt beinahe tautologisch (siehe dazu: Mike S. Schäfer/Silje Kristiansen/​Heinz Bonfadelli, Hrsg., Wissenschaftskommunikation im Wandel, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19263.php). Einen weiteren, bedeutsamen Aspekt des wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens gilt es zu bedenken: Wissensgenerierung erfolgt zum einen fächerbezogen, zum anderen interdisziplinär, was sich z.B. in der „Ressortforschung“ verdeutlicht (Axel Philipps, Wissenschaftliche Orientierungen. Empirische Rekonstruktionen an einer Ressortforschungseinrichtung, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25024.php).

Damit sind wir dann auch schon bei den Fragen, welche theoretischen und praktischen Wissensbestände, Konzepte und Grundlagen in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen gelten, auf welche Traditionen und historische Entwicklungen sie zurückgreifen, oder ob und wie sie sich in den Veränderungsprozessen behaupten oder verworfen werden. Diese Fragen rütteln nicht selten an den Selbstverständlichkeiten und Identitäten von wissenschaftlich Forschenden und Lehrenden. Moritz Mutter hat Publizistik, Kulturwissenschaften und Soziologie studiert; er leitet aktuell das Projekt „Digitale Welten“ im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken in Berlin. An der Technischen Universität in Dresden hat er 2017 die Dissertationsschrift „Axiomatische Existenzen“ vorgelegt, die nun vom Velbrück-Verlag veröffentlicht wird.

Bei oberflächlicher Betrachtung stellt die Frage, welche Bedeutung Medien, Mathematik und Soziologie des Menschen für die soziologische Geschichtsschreibung haben, eher ein Nonsens oder eine unbedeutende Nachfrage dar; denn ist es nicht so, dass jede wahrheitsgemäße Form von wissenschaftlicher Antwort sach- und fachimmanent ist? Und ist es nicht logisch und selbstverständlich, dass die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen – hier die Soziologie – in der eigenen Geschichte einen Beweis ihrer selbst sucht? Moritz Mutter will mit seiner Forschungsarbeit diese (scheinbaren) Selbstverständlichkeiten als „Scheinselbstverständlichkeit“ enttarnen. Er analysiert dazu die in der Soziologiegeschichte fortgeschriebenen Systematiken und Theorien und kritisiert, dass im soziologischen Diskurs zu wenig auf „das diskursive Verhältnis der frühen Soziologie zu Störungsbegriffen“ geachtet wird. Dies unternimmt der Autor, indem er sich methodische, ästhetische und ästhetische Aspekte vornimmt.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort und der Einleitung, in der Mutter das Selbstverständnis der Soziologie als traditionelle Ordnungswissenschaft skizziert und darauf verweist, dass die lokal- und globalgesellschaftlichen und sachlichen Veränderungs- und Wandlungsprozesse einen Perspektivenwechsel im soziologischen Denken und Forschen notwendig machen, gliedert er seine Analyse in die Kapitel: „Problem und Sorge der Soziologie“, „Die Metaphern des Formalismus“, „Formalismen der Moderne“, „Die zwei Gegenständlichkeiten der Soziologie: Mensch und Gesellschaft“, „Aufschreibesystem 1900 und Verstehende Soziologie“, und „Das Ende der Störung. Nichtschreibesystem 2000“.

Für die Traditionalisten und Wertebewahrer in der soziologischen Zunft ist die Foucaultsche und Friedrich Jonassche empirisch-transzendentale Festlegung, dass der Mensch ein Zirkelschluss sei, nämlich: „Herrschaft des Menschen über sich selbst im Namen seiner selbst, legitimiert durch sich selbst“, dürfte dies eine eher irritierende, unverständliche und chuzpige Auffassung sein (vgl. z.B. dazu auch: Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php). Die Auseinandersetzung mit der Metaphorologie, wie sie im soziologischen Diskurs in der Spannweite von Selbst- und Fremdsorge um die wissenschaftliche Disziplin geführt wird, gleicht einem Rezensionsbemühen, bei dem es darum geht, Thesen mit (ausgewählten) Zitationen zu beweisen (siehe auch: Benjamin Dober, Ethik des Trostes. Hans Blumenbergs Kritik des Unbegreiflichen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26178.php).

Der neue Blick muss sich auch richten auf die Auffassungen des Formalismus im 19. und 20. Jahrhundert, als sich durch das Aufkommen von „Maschinen“- Systemen eine Krise der Anschauung zeigte – in der Mathematik, der Geometrie und Arithmetik, in der Ökonomie, den Medien, der Sprache und der Theoriebildung. Friedrich Kittler, dessen Medientheorie Mutter als Grundlage seiner soziologischen Kritik nimmt, nennt das Aufbewahren, Speichern, Verwalten und Vergleichen von Daten, Zeichen, Informationen, Wissen „Aufschreibesystem“, das er historisch und chronologisch als topographisches Aufschreibesystem (Buch), in Medienverbünden und schließlich als digitales System differenziert.

In der „Verstehenden Soziologie“, wie sie seit Max Weber als Idealtypenlehre verstanden und angewandt wird, hat sich eine Fülle von parallelen und konträren Theorien und Konzepten entwickelt, die der Autor vergleichend und wertend thematisiert. Es sind Namen wie Emile Durkheim, Auguste Comte, Michel Foucault, Ervin Goffman, Theodor W. Adorno, Karl Raimund Popper, Heinrich Rombach, Georg Simmel und viele andere, die dem Autor für seine Konträr-Analyse als Zeugen oder Apologeten dienen. Sie kreisen und reiben sich alle um die Frage, die Niklas Luhmann so (lapidar) gestellt hat: Darf die Soziologie die Gesellschaft stören? Im „Aufschreibesystem 2000“ purzeln deshalb die Paradigmen wild durcheinander:  „Das Aufschreiben ist tot!“ – „Es lebe das Aufschreiben!“.

Fazit

Moritz Mutters (abenteuerlicher) Versuch, im Dreiklang von medialen, mathematischen und soziologischen Wirklichkeiten (oder Visionen?) „axiomatische Existenzen“ zu identifizieren, wie sie im historischen, soziologischen Diskurs angedacht und grundgelegt wurden – um sie gleichzeitig auszulöschen, gleicht dem Bemühen, den gesellschaftlichen Imponderabilien, Entwicklungen und Störungen eine Richtung zu weisen. Die Analysen, Vergleiche und Denkprozesse ergeben kein Ergebnis; sie enden vielmehr mit einem „Seufzer“, also dem notwendigen Zweifel (siehe dazu: Wolfram Malte Fues, Zweifel, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25265.php), den Moritz Mutter konterkariert mit: „Da hilft kein Seufzen“.

Die Forschungsarbeit, die der Autor „exemplarische Lektüren“ bezeichnet, kann als Baustein für die Fragen: Was ist Soziologie? und Was kann und soll Soziologie? – ob als Stachel oder als Verbandszeug – in wissenschaftlichen Seminaren diskutiert werden.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.03.2020 zu: Moritz Mutter: Axiomatische Existenzen. Über Medien, Mathematik und Soziologie des Menschen. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. ISBN 978-3-95832-174-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25359.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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