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Georg Vobruba: Die Kritik der Leute

Cover Georg Vobruba: Die Kritik der Leute. Einfachdenken gegen besseres Wissen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 138 Seiten. ISBN 978-3-7799-6037-9. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Die Ratlosigkeit der Experten und Intellektuellen angesichts von populistischem „Einfachdenken“ und Anerkennungsverweigerung.

Autor

In Österreich geboren studierte Georg Vobruba Jura und Soziologie und ist jetzt Professor em. für Soziologie der Universität Leipzig mit den Arbeitsschwerpunkten Soziologie sozialer Sicherheit, Europasoziologie und soziologische Gesellschaftstheorie.

Entstehungshintergrund

Die Kritik der ‚Leute‘ an der Soziologie und anderen Wissenschaften richtet sich gegen Besserwisserei, Überlegenheit und Undurchschaubarkeit. Sie setzt die Intellektuellen und Experten zunehmend kritisch unter Druck und bedient sich stattdessen einfacher kausaler Verknüpfungen, gewonnen aus den begrenzten Alltagserfahrungen.

Aufbau

Das Buch umfasst vier Kapitel:

  1. Schleife und Ausgang. Einleitung: Kritisiert wird immer – Rekursivität – Weltbilder.
  2. Der Strukturwandel von Intellektualität (die Affären Dreyfus, Herzl und Zweig). – Tretjakovs Tod (Revolutionsabsolutismus, Desillusionierung, Religionsanalogien). – Machtabstinenz – Ende der Intellektuellen? (Tony Judt/Soziologie der Konkurrenz, Alexander Kluge/Ein Vorschlag).
  3. Besseres Wissen und Einfachdenken: Vormodern/modern (Verunsicherung, Kampfplatz der Weltbilder), der Schildkrötenturm (Ludwig Wittgenstein/Heinz von Foerster). – Einfachdenken (= Nichtwissen (?) und Verschwörungstheorien).
  4. Besseres Wissen unter Druck: Weise, Intellektuelle, Experten (Erwartungen und Misstrauen). Rückkehr von Feyerabend (besseres Wissen unter Druck).

Inhalt

I. Schleife und Ausgang. Einleitung (9 Seiten):

Kritisiert wird immer, und die Inhalte lassen sich nicht verallgemeinern. Aber die Kritik der Leute an der Soziologie hat eine systematischen Grund: Die fehlende soziale Relevanz. Inhaltlich geht der Autor nicht auf die Kritik der Leute ein, sondern weist auf die ‚Unbestimmtheitslücken der Gesellschaft‘ hin und mit welcher praktischen Logik diese ausgefüllt werden. Die Erkenntnis, dass der Beobachter sich in seinem Beobachtungsobjekt wiederfindet, ist relativ alt. Das führte in einer endlosen Schleife zur Beobachtung der Beobachter, wobei die Realität aus dem Auge verloren wurde oder eine Beobachter-Realität konstituiert wurde und einfache Zentralperspektiven (oben/unten, hinten/vorne) verloren gingen.

Wissensmöglichkeiten der gesellschaftlichen Welt sind nicht dasselbe wie die Texte der Soziologie, die auch kein Monopol auf Beobachtung und Interpretation hat. Vielmehr interpretiert sie, wie Leute beobachten, interpretieren und handeln und damit soziale Verhältnisse konstruieren. Es gab das ‚traditional-absolutistische Weltbild‘ (Gott, Natur, Weltgeist mit der ihnen eigenen Handlungslogik von Sein und Sollen), das zunehmend funktionslos geworden ist. Im Alltag regiert jetzt das quasi-säkulare Kausalwissen. Doch die Logik der Legitimation von Macht bleibt ein Konfliktgegenstand, auch wenn ihr zunehmend ein ‚relationales Weltbild der Moderne‘ zugrunde liegt. Im Alltag bewährt sich relationales, handlungsleitendes Wissen im Umgang mit der Objektwelt und im Umgang miteinander: Interaktionen werden als Ergebnis eines handlungsleitenden Willens verstanden (Kausalverständnis von Ursache-Wirkung-Zusammenhang). Das verträgt sich nicht mit einem absoluten Willen, auch nicht mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen, die an die Stelle Gottes treten; aber auch nicht mit einem relationalen, unendlich verzweigten Verständnis: ‚Besseres Wissen‘ steht damit gegen ‚Einfachdenken‘, das zunehmend Druck auf besseres Wissen, Intellektualität und Expertentum ausübt.

II. Der Strukturwandel von Intellektualität (42 Seiten):

Denkmuster der Intellektualität zwischen Tradition und Moderne sind: Soziale Verhältnisse lassen sich gestalten und verändern, aber unter Berufung auf nicht verhandelbare Werte. In der Dreyfus-Affäre wurden Fürsprecher als ‚intellectuelles‘ bezeichnet. Zola berief sich – prominent aber nicht kompetent – auf universelle/jüdische Werte (Wahrheit, Gerechtigkeit) gegen nationale (Vaterland, Ehre der Armee). Resonanzraum für Intellektualität war die bürgerliche Öffentlichkeit und der Anspruch, im Namen und für das Gewissen aller zu sprechen. Herzl hatte als Korrespondent die öffentliche Degradierung von Dreyfus erlebt und gab alle Hoffnung auf Toleranz gegenüber dem Judentum auf. Es fand ein Übergang von Intellektualität im Namen absoluter Werte zu Intellektualität im Namen absoluter historischer Gewissheiten statt, die Veränderungen zur Aufgabe machten (zwischen Kritik und Gestaltung/Politik; nach Benda 1927 ein ‚Verrat‘). Eine Generation von Intellektuellen geriet in den Sog der Sowjetunion (Glauben an den guten Kern). Brecht wurde kritisch angesichts der Verurteilung, und 1939 des Todes, von Tretjakov, der auf der Eigenständigkeit von Kunst (auch gegenüber Veränderungen der Produktionsformen) bestanden hatte. Kritische Vernunft war mit der Logik der Unbedingtheit des Tätigen nicht zu vereinen (Fischer 1987). Die Folge war eine Distanzierung von politischen Machtpositionen einer ‚objektiven Geschichtsgesetzmäßigkeit‘, wo das ‚bessere‘ Wissen zur Machtressource wurde (Lenin 1917) und im Staatsterror (Stalin) endete.

Das schloss eine politische Beauftragung Intellektueller nicht aus, die auf Reisen (Russel 1920, Benjamin 1926) das System beobachten sollten, allerdings ohne Zugang zu den tatsächlichen Lebensbedingungen zu bekommen und ohne ausreichend über das System informiert zu sein; es waren ‚Besichtigungsreisen einer Utopie‘. Zeitutopie als ‚Sozialismus‘ wurde zur ‚Raumutopie‘ Sowjetunion (die staatliche Illusionsfabrik funktionierte beispielsweise bei Gide und Feuchtwanger 1936 während der Zeit der Schauprozesse(!). Ihre Berichte würde man heute als ‚embedded journalism‘ bezeichnen.

Freud meinte 1938, dass ein Rückfall in vorgeschichtliche Barbarei auch ohne Anlehnung an eine fortschrittliche Idee, für die Intellektuelle verführbar waren, vor sich gehen kann. Diese waren verführbar durch die absolutistische moralistische Logik eines traditionalen Weltbildes (Lukacs 1922). Die Desillusionierung erfolgte durch schubweise Brüche wie Wegfall des Faschismus und realistische Wahrnehmung des Stalinismus. Vobruba verweist auf die Ähnlichkeiten zwischen intellektuellem Denken und Religion. Schon die Theorie von Marx hatte eschatologische Züge, ‚Nation und Klasse‘ können als ‚Religion des Weltlichen‘ gesehen werden in der Konvergenz auf einen absoluten Bezugspunkt und eine absolutistische Logik.

Camus stellte insofern einen Bruch mit dem absolutistischen Denken dar, als er der Arbeiterklasse entstammte und keine Illusionen über die Rettung der Menschheit durch das Proletariat hatte. Damit lässt sich Handeln auch nicht mehr rückversichern. Camus sah sich im Dienst der Leidenden und nicht im Dienst derer, die Geschichte machen, und plädierte dafür, die Verbindung zur Macht aufzukündigen. Foucault hingegen sah die Aufgabe der Intellektuellen, den ‚Raum zum Sprechen‘ zu sichern. Damit wird die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis erneut relevant. Die Verbindung der Intellektuellen mit der Macht hatte sich destruktiv ausgewirkt, mit den 1968ern begann der Versuch, eine neue Position in der Gesellschaft zu finden, wenn auch immer noch in der Lehrerrolle. Auch die kritische Theorie gab keine Handlungsorientierung, eher ‚ungewohnte Sichtweisen‘ und ‚folgenlose Appelle‘. War das das Ende der Intellektuellen? Heute werden zwar öffentliche Auftritte gesucht, aber keine Mitstreiter. Man stilisiert sich eher als Minderheit (Qualitätsmerkmal (?) und wird verunsichert durch die zunehmende Professionalisierung der Soziologie, die auch Intellektuelle und ihre legitimatorische Selbstvergewisserung zum Thema macht.

Als klassischen Intellektuellen beschreibt Vobruba Tony Judt (1948-2010), bei dem allerdings die ‚Leute‘ Ausgangspunkt der Moral waren, denen Intellektuelle eine Sprache verleihen und mit denen sie sich – trotz der Ungleichheit – identifizieren. Expertenwissen verantwortlich eingesetzt, wird zur Untersuchung der Entwicklung, Begründung und Folgen von Normen in der Gesellschaft eingesetzt. Alexander Kluge nutzte die Öffentlichkeit mit einem gesunden Grundoptimismus unter Einbeziehung von Lebensläufen, die individuelle Entscheidungen, Umorientierung und Zufälle enthielten: Der Mensch, der Geschichte hat, mit ihr kollidiert (Probleme, Widerstände, Pech), aber auch Spielraum für Eigensinn (Autonomie).

Die Zukunft? Orientierungsfragen verschwinden nicht, Angebote und Antworten werden vielfältiger. Vodrubas Vorschlag: ‚Intellektualität der Zukunft ist eine Praxis von Leuten, die sich für soziale Verhältnisse einsetzen, in denen Leute zu Wort kommen können‘ (S. 55), eher eine Vermittlung von Wissensbeständen als besseres Wissen. Dazu braucht es Rahmenbedingungen wie Autonomiebedingungen durch Existenzsicherung und Auftrittsmöglichkeiten. Unter unterschiedlichen historischen Konstellationen haben Intellektuelle unterschiedliche Wirkungschancen. Bei Gesellschaften im Übergang gibt es unter den jeweils spezifisch historischen Bedingungen andere Probleme und Chancen.

III. Besseres Wissen und Einfachdenken (47 Seiten):

Der Übergang von einer absolutistischen zu einer relationalen Logik führt dazu, dass man im Denken nicht mehr auf einen absoluten Bezugspunkt (Intention und Handlung) zurückgreift. Sein und Sollen löst sich bei einem absoluten Bezugspunkt (Gott) in eins auf. Bei Intellektuellen verband sich lange Zeit das Wissen über die prinzipielle Verfügbarkeit der Sozial- und Objektwelt mit dem Glauben an die Autorität des Wissens. Die technisch-naturwissenschaftliche, bürgerlich-politische und kapitalistisch-ökonomische Revolution erodierten dieses Weltbild; an seine Stelle trat das Denken in Relationen, das sich durch kognitive Stärke und legitimatorische Schwäche auszeichnete. Stabile Wissensgrundlagen brachen weg (Darwin, Freud). Politische und soziale Verunsicherungen (soziale Schichten, Nationalitäten usw.) wurden von Mannheim (1929) als Chance begriffen, eine Wissenssoziologie zu begründen, die allerdings Generationen brauchte, um sich den Leuten ernsthaft zuzuwenden (Exkurs Zweig: ‚Wien um 1900‘).

Träger der Moderne war die junge Generation aus materiell gesicherten Verhältnissen: Früher musste man älter erscheinen, um vorwärts zu kommen, jetzt zunehmend eher jünger: Lebenserfahrung wurde durch wissenschaftliches Wissen ersetzt und beschleunigt in der Wissenschaft, Kunst und Musik eingesetzt (Hinweis auf den Zusammenstoß zwischen Operette und Moderne beim ‚Watschnkonzert‘, der Aufführung von Schönbergs Ansichtskartenliedern 3.3.1913). In der Moderne bekam die Jugend den Vorrang. Der Bau der Ringstrasse 1860 -1890 in Wien demonstrierte sozialen und politischen Raumgewinn des liberalen Bürgertums gegenüber dem Hochadel, Dezentrierung anstelle von Zentralität. Traditionelles Erfahrungswissen kollidierte mit Innovation und Fortschritt. Ein Symptom dieses Wandels ist nach Vobruba auch die Psychoanalyse. ‚Ewige Wahrheiten‘ gerieten in Verruf. Das Bild einer stabilen Welt in der Darstellung einer Schildkröte wurde abgelöst durch die unendliche Aufeinanderfolge von Schildkröten zu einem Turm (symbolisch für Logiken, Weisheiten) ohne transzendente, absolute, bewegende Kraft, weg vom Paradies (Benjamins Engel). Wittgenstein verzichtete auf metaphysische Fragen, über die man nicht verbindlich sprechen kann; das gilt vor allem für ethische und ästhetische Fragen. Die Logik des Handelns war, das Fragen rechtzeitig abzubrechen, was in der Praxis auch gut klappte (Domäne des Alltagswissens). Im Gegensatz dazu war nach den Regeln der Genesis die Welt ein Spiel von selbstbestimmten Regeln (‚und Gott sprach‘…).

Als ‚Einfachdenken‘ bezeichnet Vobruba ein Denken, das Alltagserfahrungen im Sinne einer Handlungskausalität von Verursacher und Wirkung, z.B. in der Interaktion, erklärt. Es folgt dieser Handlungslogik und ist zur Orientierung in der unmittelbaren Lebenswelt unverzichtbar. Nicht intendierte Gegebenheiten sind in diesem Denken unerwünscht aufgrund ihrer komplexen Undurchschaubarkeit (Irrationalität). Man braucht zum Verstehen besseres Wissen, Verursacher und Motiv sind nicht mehr einfach zu verstehen. Dass die Domäne des Einfachdenkens im Zuge der Globalisierung zunehmend infrage gestellt wird, macht aggressiv (wegen Ohnmachtsgefühlen?), insbesondere wenn die Auswirkungen am Arbeitsplatz, im Konsum- und Lebensstil zu spüren sind. Es gibt kein abschließendes Wissen mehr, dennoch wird (trotzig?) darauf beharrt, woraus eine Bedrohung der Wissensgesellschaft erwächst, da ihre Leitunterscheidungen auf ‚Einfachdenken‘ nicht eingestellt sind, ihre dominanten Theorien Beliebigkeiten, anstelle von Gewissheiten eingeführt haben und die Leute von diesem Wissen nichts Gutes erwarten. Aufgrund von Irritationen wächst der Orientierungsanspruch über die Realität der unmittelbaren Lebenswelt hinaus. Probleme und Konflikte lassen sich in Begriffspaaren wie Gemeinschaft-Gesellschaft, Arbeit-Kapital, Freiheit-Disziplin u.a. aufzeigen als Kollisionen in der Basisstruktur der Gesellschaft und soziologische Begriffskonstruktionen, die gesellschaftliche Spannungen erfassen. Es kommt zu einer Überwältigungsdynamik des Expertenwissens zu Lasten von Lebenswelt (Baumann1992). Illich nannte das 1979 eine ‚Entmündigung durch Experten‘. Foucault sah rationalisiertes Wissen mit der Macht verbunden, auch wenn das Wissen der Leute emanzipatorisch die Macht konstituiert hatte. Von der Hoffnung auf ein kritisches Potenzial des Einfachwissens der Leute ist nicht viel geblieben.

Es ist die Aufgabe der Soziologen zu untersuchen zu interpretieren, in welcher Weise im Untersuchungsfeld beobachtet, interpretiert und gehandelt wird (Vobruba 2009). Systemische Prozesse wirken auf die alltägliche Lebenswelt der Leute ein, und die daraus entstehenden Probleme wecken Aggressionen und können nicht mehr auf die Experten abgeschoben werden, deren Deutungshoheit infrage gestellt ist. Zunehmend wirken sich durch die Globalisierung weit entfernte Ursachen auf die individuellen Lebenslagen aus. Diese blieben von den technischen Innovationen noch weitgehend unberührt; das änderte sich mit dem internationalen Handel, dem Kapitalverkehr und der Migration. Es kam zur Konkurrenz von unterschiedlichen nationalen Interessen (Arbeiterschaften, Schutzzöllen) und – unterbrochen durch die beiden Weltkriege – danach zu einer Globalisierungswelle, die die Alltagswelt zunehmend komplex tangierte. Risiken und Nebenwirkungen sind eine zunehmende Verunsicherung und Ursachensuche nach der Methode einer handlungslogischen Kausalität. Globale Informationsströme ermöglichen Austausch, Marktprozesse greifen unmittelbar in alltägliche Lebenswelten ein (Arbeit, Einkommen, Terrorismus, Umweltbedrohung, Migration) und erzeugen einen Interpretationsbedarf, der nicht gestillt wird, wenn es um komplexe Zusammenhänge geht.

Das ist der Nährboden für Verschwörungstheorien, die davon ausgehen, dass kausal hinter jedem erklärungsbedürftigen Etwas ein Wille i.S. einer Handlungslogik anzunehmen ist, und sei es nur ein letzter böser, d.h. satanischer Wille. Das Verschwörungsdenken bedient sich regressiv metaphysischer Strukturen (Schwundformen der Metaphysik). Die Komplexität der Welt wird aufgelöst, um Angst, Unterlegenheit und Kontrollverlust zu bekämpfen. Es lässt sich wegen seines irrationalen Kerns nicht leicht bekämpfen, da es nach seiner Handlungslogik die ‚Mächtigen‘ (oder den?) voraussetzen, die wissend (nicht unwissend oder mit Fehleinschätzung) die Welt lenken, den Leuten schaden und sich selbst bereichern, eine Komplexitätsreduktion durch Regression (Wer steckt dahinter? Gierige Banker, gekaufte Politiker, geheime Vereinigungen…).

IV. Besseres Wissen unter Druck (23 Seiten):

Sozialer Wandel lässt sich als Entwicklung von weniger komplexen zu komplexeren Gesellschaften beschreiben. Überleben bedeutet Orientierung im Rahmen der bestehenden Verhältnisse. Ein einfacher Rückgriff auf unhinterfragte Quellen des Wissens ist nicht mehr möglich. Ein Vorgänger der Experten und Intellektuellen war der Weise, der einen privilegierten Zugang zu Wissen durch einen Rückgriff auf den absolut gesetzten Ursprung, z.B. Gott, hatte, der eine Einheit von Sein und Sollen verbürgte. Dieser Rückgriff hat sich in der modernen Welt aufgelöst, an die Stelle des Weisen traten die Intellektuellen und Experten, Soll- und Seins-Wissen wurden getrennt. Expertenwissen richtet sich zwar auch auf Soll-Fragen, doch es gibt keine Verankerung mehr im Absoluten; als Experten für Seins-Fragen erweiterten sie ihre Kompetenz. Kognitive und normative Erwartungen, kognitiv erfasste Ausgangsbedingung mit spezifischer Folge, können evtl. revidiert werden. Wird eine normative Erwartung enttäuscht, entsteht im Gegenteil ein Druck zu deren Durchsetzung. Allerdings treffen mitunter auch beide Erwartungen zusammen, sodass auch eine Revision der normativen möglich wird. ‚Besseres Wissen‘ hat praktische Konsequenzen: Die Aufforderung richtet sich an die Politik, und so gibt es eine Dreiecksbeziehung zwischen Intellektualität-Expertenwissen-Politik und entsprechenden Konflikten und Auflösungstendenzen.

Der Intellektuelle glaubt avangardistisch, dass die sozialen Verhältnisse gestaltbar sind (normatives Wissen als Handlungsanleitung). Er ist selbst Bürger und zielt auf die Bürger (als Adressaten), um Druck auf die Politiker auszuüben (Dreieck: Intellektuelle-Publikum-politische Akteure). Er hat ein Soll-Wissen, das auf Überzeugung beruht. Kognitiv erwartet er, dass die normative Erwartung erfüllt wird.

Experten adressieren ihr Wissen an die politischen Akteure, die als von den Bürgern ermächtigte Laien handeln: Die Bürger beauftragen die Politiker (beide Laien) und diese die Experten. Experten stellen besseres Wissen zur Verfügung, das in politisches Handeln übersetzt wird. Das kognitive Wissen der Experten enthält einen Aufforderungs(Sollens)-Charakter im Namen der Rationalität. Sachzwang-Paradoxie bedeutet allerdings: wenn die Sache wirklich zwingend wäre, müsste von ihr nicht mehr die Rede sein.

Es gibt aber historisch auch rivalisierende Intellektuellengruppen, deshalb werden Überzeugungsarbeit geleistet und Gefolgschaften gesucht. In politischen Machtpositionen haben Intellektuelle im 20. Jahrhundert mitunter von ‚Überzeugen auf Überwältigen‘ umgestellt (Bsp. die Entkulakisierung 1929–1933 und die Moskauer Schauprozesse), eine Mischform von traditionalem (religiös säkularem) und modernem Wissen. Nach dem 2.Weltkrieg versuchten die Intellektuellen in den 50er Jahren der Macht zu widerstehen und ‚Störungsfaktor‘ zu sein, angesichts des Verrats der Intellektuellen, sich mit der Macht einzulassen. Die Gefahr ist, dass verbunden mit politischer Macht Intellektualität in Autoritarismus mündet, aber ohne Macht auch wirkungslos bleibt. Seit 1945 handelt es ich um eine Verfallsgeschichte (kein erzieherischer Anspruch mehr).

Die Konstellation ist jedoch in unterschiedlichen Gesellschaften unterschiedlich. Wenn ein bestimmter Grad von moralischer Pluralität und sozialer Komplexität und diffuse politische Verantwortlichkeiten erreicht sind, ist eine intellektuelle Einflussnahme kaum noch möglich. Unterschiedliche Gesellschaften können jedoch auch heute noch Intellektuellen einen Handlungs- und Gestaltungsraum bieten.

Das Misstrauen gegenüber den Experten beruht auf der Umsetzung von Expertenwissen in Handeln und dessen Auswirkungen auf die Bürger. Egoistische Politiker können eigene Ziele verfolgen und können ihren Informationsvorsprung durch Experten vergrößern. Hinzu kommt, dass die Bürger ihre Aufträge oft nicht klar formulieren können, also Formulierungshilfe brauchen. Dass Misstrauen gegen das Ausnutzen von Expertenwissen als Machtressource ist strukturell da, wie auch das zwischen Bürgern und Politikern. Dieses Misstrauen schließt auch die Experten ein, wenn die Politiker sich auf ‚Sachzwänge‘ durch das Wissen der Experten berufen.

Wissenschaftliches Wissen beruht auf Selbstzweifel, der durch Empirie bearbeitet, aber nie ganz überwunden werden kann. Auch ‚wahre‘ Erkenntnisse können durch neue Wahrheiten infrage gestellt werden. Wissen beruht auf dem Falsifizierungsprinzip (Popper 1971) und ist immer nur vorläufig und unabgeschlossen. Anerkennung findet man in der eigenen Disziplin. An einer Abwehr des aggressiven Einfachdenkens besteht kein Interesse, es sei denn die mangelnde Anerkennung wirkt sich politisch in der Streichung von Forschungsgeldern aus. In unmittelbare Anwendung lässt sich das vorläufige Wissen ohnehin schlecht übertragen, da diese eine Suspendierung des Zweifels zugunsten von Sicherheit voraussetzt. Wissenschaft hat ein anderes Konzept von Wirklichkeit als die Praxis. Sie bleibt methodisch dem Zweifel ausgesetzt und gerät als verfügbares Expertenwissen zur Grundlage für praktisches Handeln in eine Defensivposition.

Es folgt ein kurzer Exkurs auf Feyerabend ‚Wider den Methodenzwang‘, der die Unterschiede zwischen Wissenshaft, Mythos, Hexerei, Religion etc. einebnete und auf Naturheilmethoden und die Wahl des Weltbildes den Eltern (Erfahrungswissen) und der individuellen Entscheidung anvertraute. Damit werden Entscheidungen zwischen Schulmedizin und Hexerei zu politischen Entscheidungen, evtl. auch unter Berücksichtigung der Mehrheit.

Besseres Wissen gerät zunehmend unter Druck; man ist in Gefahr, sich das rauszusuchen, was zu den eigenen Vorurteilen passt und in Milieus eines aggressiven Einfachdenkens kultiviert werden kann. Expertenwissen wird heute in die Konflikte zwischen Bürgern und Politikern hineingezogen, insbesondere wenn letztere das Expertenwissen instrumental gegen die Bürger einsetzen. So gerät das Wissen selbst unter Druck (Parteilichkeitsvermutung). Normative Erwartungen sind aber nicht Bestandteile des Expertenwissens. Gibt es ein technokratisch, also auch anwendungsbezogenes besseres Wissen (Schelsky 1979), das sogar die politische Willensbildung erübrigt, ergo Sachzwänge in der Politik? So ein ‚technischer‘ Staat würde der Demokratie ihre Substanz entziehen. Werden den Bürgern, legitimiert durch die Experten, politische Zielsetzungen aufgezwungen, dann suchen sie sich, evtl. postfaktisch, Gewissheiten. Wenn aber den politischen Akteuren die Legitimationsquelle Expertenwissen entgeht, geraten sie stärker unter den Druck der Bürger, vergrößern damit ihre Handlungsspielräume und übernehmen Verantwortung.

Die Kritik der Leute ist insofern nicht hoffnungslos, als intellektuelles Wissen ohne gesellschaftlichen Gestaltungsimpetus oder Expertenwissen unter dem Verdacht der Parteilichkeit Leerstellen ergeben: Das Erkenntnisziel selbst – Weisheit und Wissen – aber bleibt. Verifikation macht auch in Zukunft Platz für Neues und den Wunsch nach Sicherheit, auch wenn die Ergebnisse immer vorläufig sind.

Das Verhältnis von dem Wandel der sozialen Verhältnisse und des Denken verläuft immer asynchron, deshalb wird oft komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse mit unterkomplexem Denken begegnet, indem ihnen der Modus des Einfachdenkens aufgedrückt wird. Das können vorübergehende Übergangsphänomene sein, die aber auch dazu führen können, dass eine Politik unterstützt wird, die auf eine gewaltsame Vereinfachung zielt und zum Scheitern verurteilt ist. Intentionalität hat einen sachlich, räumlich und zeitlich begrenzten Wirkungsbereich, dessen Grenzen allerdings unscharf sind. Deshalb ist Kritik eine notwendige soziale Praxis.

Literatur (6 Seiten).

Diskussion

Die ‚Kritik der Leute‘ ist eine Kritik des Einfachdenkens, obgleich dieses, wie der Autor auch beschreibt, im Alltag notwendig ist, um zu handeln und insofern auch einen Ort hat, an dem es sich in bestimmten, auch sozialen, Zusammenhängen durchaus bewährt. Auch Wissenschaft kann, bei aller Vorläufigkeit deren sich Wissenschaftler bewusst sein müssen, zu alltagspraktischen Empfehlungen führen (für die Medizin ist das eine Selbstverständlichkeit).

Die Frage scheint mir eher, welche mit der Globalisierung gegebenen komplexen Fragen lassen sich wegen ihrer vielfältigen Dimensionen nicht in einfache Handlungsanweisungen übersetzen, sondern erfordern nicht nur komplexe Analysen, sondern auch, und vor allem, das ehrliche Eingeständnis, das einfache Lösungen nicht zu erwarten sind. Ich hatte den Eindruck, dass der Autor ein Problem beschreibt, dass auch in demokratischen Gesellschaften an einem Verständnis für komplexe politische Prozesse und Entscheidungen offen und ehrlich gearbeitet werden muss. Anstelle der oft beschworenen, und nicht immer ehrlichen, Alternativlosigkeit sollten Alternativen öffentlich diskutiert und vor allem auch Fehler eingestanden werden.

Die Entscheidungen liegen bei den Politikern, die sich durch Experten beraten lassen können, dennoch die Entscheidungen verantwortlich selber treffen und damit auch die Verantwortung für Fehlentscheidungen übernehmen müssen. Denn möglicherweise steckt in der ‚Kritik der Leute‘ doch mitunter mehr Klugheit, als dieses einerseits fundiert kritische, aber auch das Erfahrungswissen von einfachen Leuten vernachlässigende Buch berücksichtigt. Denn auch Prozesse wie die Globalisierung, die sich aufgrund des technischen Fortschritts nicht rückgängig machen lässt, bieten Chancen für Profit auf Kosten anderer, für Kriminalität, Ausbeutung, Unterdrückung und menschengemachte materielle und soziale Verelendung, die man nicht auf einen anonymen verketzerten/verteufelten anonymen Globalisierungsprozess zurückführen kann. Komplexe Strukturen können soziale konstruktiv oder destruktiv eingesetzt werden, dem einen nutzen dem anderen schaden. Experten werden sicher auch in Zukunft gebraucht, diese Prozesse und Strukturen zu untersuchen. Wenn sie sich vereinnahmen lassen, werden sie allerdings Teil dieser Struktur; damit ist ihre Unabhängigkeit infrage gestellt.

Was die Intellektuellen anbetrifft, so mag in einer zunehmend auch mündiger werdenden Gesellschaft ihr Einfluss geringer sein, aber wenn es ihnen gelingt, Diskussionsfreiräume zu schaffen, gerade auch für die Opfer der Globalisierung, dann helfen sie nicht nur denen, sondern auch den anderen, die zwar noch nicht Opfer sind aber sich bedroht fühlen, auf der Verliererseite zu landen.

Das Buch ist nicht leicht zu lesen, aber es ist ein Versuch einer Zeitdiagnose und hat bei mir erreicht, dass ich mich intensiver als bisher auch mit der ‚Kritik der einfachen Leute‘ und deren Denkstruktur beschäftigte, die ihre Schwächen, aber – nach meiner Meinung – auch ihre Stärken hat. Natürlich kann man das Einfachdenken auch missbrauchen, indem man mit einfachen Versprechen Hoffnungen weckt, die nicht zu erfüllen sind, auf der Schnäppchenjagd nach Wählerstimmen.

Fazit

Eine Zeitdiagnose, nicht leicht zu lesen, aber lohnenswert für alle, die Experten sind oder werden, oder als Intellektuelle sozial verantwortlich in der Öffentlichkeit Stellungnehmen wollen. Es lohnt sich auch für Politiker, die gerade aufgrund eines nicht 100 Prozent abgesicherten (absoluten) Wissens durch Experten dennoch ihre Entscheidungen daran messen können, was sie für die ‚einfachen Leute‘ im Alltag bedeuten. Sie können die ihnen verbliebene, wenn auch eingeschränkte, Macht, die ihnen übertragen wurde, ausnutzen, um verantwortlich für eine ausgleichende Gerechtigkeit – zweifellos ein moralisches Gut – zu sorgen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 27.03.2019 zu: Georg Vobruba: Die Kritik der Leute. Einfachdenken gegen besseres Wissen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6037-9.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25362.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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