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Klaus Karstädt, Sophie Schmitt: Gewaltfreie Kommunikation

Cover Klaus Karstädt, Sophie Schmitt: Gewaltfreie Kommunikation - das Basistraining. dgvt-Verlag (Tübingen) 2019. 220 Seiten. ISBN 978-3-87159-830-2. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.
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Thematischer Hintergrund

Gewaltfreie Kommunikation (GfK) – vor allem in der Coachingszene ist sie als (vermeintlich) voraussetzungsarmes Kommunikationskonzept angekommen. Für diesen Bereich liegt ein großer Fundus an Literatur vor, sowohl von ihrem Begründer, Marshall B. Rosenberg, als auch von diversen weiteren Autoren und Autorinnen. Die Neuerscheinungen finden, etwa in Form von Rezensionen auf dieser Plattform, auch regelmäßig ihren Weg in den Diskurs Sozialer Arbeit. Eine explizite Thematisierung der GfK blieb dagegen lange aus. Neuerscheinungen deuten allerdings an, dass sich dies in Zukunft ändern könnte bzw. geändert hat (vgl. Wendt 2017: 91–94, Bendler/Heise 2018). Dies erscheint auch geboten, da – ein Fragment einer Begründung hierfür findet sich im zweiten Punkt der Diskussion – die GfK Potenziale für die Soziale Arbeit birgt, die es empirisch zu erforschen, theoretisch-methodisch anschlussfähig zu machen, kurz: auszuloten gilt. Dies erscheint geboten, weil das Konzept vielerorts bereits seinen Weg in die Praxis Sozialer Arbeit gefunden hat. Wissenschaft würde hier nicht vorausgehen, sondern beobachten und aufnehmen, was sich in der Praxis bewährt (oder auch nicht bewährt), systematisieren, (neu) kontextualisieren und, falls geboten, multiplizieren.

Soweit einige Gedanken zum gegenwärtigen Stand der GfK in der Sozialen Arbeit. In der vorliegenden Publikation ist dies jedoch nicht von Interesse. Denn diese ist an Interessierte adressiert, die aus verschiedenen Gründen ein solches Seminar (aus dem dieser Text hervorging) nicht besuchen können oder wollen (s.u.).

Aus der Chronologie des Seminars hervorgehend, wurde der Band wie folgt gegliedert: Der Hauptteil besteht aus drei Kapiteln, den Seminartagen entsprechend. Neben einem Vorwort wird das Werk von Auflösungen der enthaltenen Sortieraufgaben sowie einem Anhang abgerundet, in dem sich Literaturempfehlungen, eine Liste mit Links zu verschiedenen Homepages sowie ein kurzer Lebenslauf Rosenbergs findet.

Wenngleich Karstädt bewusst war, dass „das Lesen eines Buches nicht komplett die Erfahrung eines Seminars“ (S. 11) ersetzen kann, verfolgte er dennoch das Ziel „dass dieses Buch erlaubt, in die Atmosphäre eines GFK Seminars einzutauchen, daraus zu lernen und das ohne den finanziellen und zeitlichen Aufwand eines Seminarbesuches“ (S. 12). Dazu wurden neben den Inputs des Referenten auch Fragen der Teilnehmenden und die sich daraus entwickelnden Gespräche sowie Übungen und Flipchart-Visualisierungen aufgenommen.

Autor

Dieses Anliegen und die daraus folgende Buchkonzeption überrascht wenig, wenn man die Person des Autors kennt. Denn, so zumindest behauptet es der Klappentext: „Klaus Karstädt ist einer der bekanntesten Trainer im deutschsprachigen Raum zum Thema Gewaltfreie Kommunikation“ und er war bereits seit 1989 als Kommunikationstrainer tätig, seit den 1990er Jahren (nach einer Begegnung mit Rosenberg) explizit mit der GfK als konzeptionellen Hintergrund. Der Autor ist kurz nach dem Erscheinen dieses Werkes verstorben.

Aufbau und Inhalt

Wie gesagt ist das Buch entsprechend der Seminartage, drei an der Zahl, gegliedert:

Erster Seminartag - Zu Beginn ging es um das Kennenlernen und das Abstecken des Rahmens des Seminars, also Organisatorisches sowie Ziele. Inhaltlich wurden Arbeitsdefinitionen zu den Begriffen „Problem“, „Konflikt“ und „Gewalt“ vorgelegt. Hiervon ausgehend wurde bündig in die vier Schritte der GfK eingeführt, um diesen dann umfangreicher im Einzelnen nachzugehen. Dabei wurden an diesem Tag die Wahrnehmung (und Interpretation) einer gegebenen (Kommunikations-)Situation (1), die Gefühlwahrnehmung und -artikulation (2) und die Bedürfnisse (3), Hauptkategorie der GfK, bearbeitet.

Zweiter Seminartag - Im Fokus des zweiten Tages standen zwei Themenkomplexe:

  1. Die Kriterien, die ausschlaggebend dafür sind, ob eine Bitte im Sinne der GfK formuliert wurde: Dabei wurden das Erkennen von Bedürfnissen und das Thema Verantwortung wiederholt, wobei die Unterscheidung zwischen „ich kann“ und „ich muss“ eingeführt wurde. In diesem Zusammenhang ging es auch darum, mit welcher Motivation Bitten nachgekommen werden kann (Gehorsam, Angst, Schuld/Scham, Wertschätzung). Auch auf das Thema Erziehung wurde die Logik der GfK an diesem Tag bezogen.
  2. Wenn es um das Zuhören geht, bezieht sich die GfK auf ein „4-Ohren-Modell“ (S. 132, S. 150), in dem separiert wird, ob man mit dem Aufnehmen einer Botschaft Selbst- (1) oder Fremdbewertungen (2) verbindet oder ob die Möglichkeit wahrgenommen wird, Empathie für die Bedürfnisse des Gegenübers (3) und/oder die eigenen (4) aufzubringen. Hierzu wurden auch Strategien angeboten, die es ermöglichen sollten, Bedürfnissen leichter ‚auf die Spur’ zu kommen.

Weite Teile dieses Tages wurden von Diskussionen, Nachfragen und Erläuterungen eingenommen.

Dritter Seminartag - Am dritten Seminartag ging es vor allem darum „alle Elemente zusammenzusetzen“ (S. 161). Neben umfangreichen Wiederholungen einzelner Elemente der vorherigen Tage und zahlreichen Einzel- und Gruppenübungen ging es auch um die Lösungsorientierung der GfK; es wurde ein Modell zur Konfliktlösung vorgestellt, über Paar-Konflikte gesprochen, unterschiedliche Formen von Bitten aufgezeigt und – was die wirkliche Synthese darstellt – der gesamte Prozess der GfK in ein sog. „Rahmenbedürfnis“ eingeordnet, was gewissermaßen die ‚ethische Klammer’, die Haltung, der GfK meint. So werden Menschenbild (Haltung) und Methode/Prozess (Können) auf Grundlage der Bedürfnisse in ein Modell zusammengeführt (vgl. S. 174), welches differenzierend über die Aussagen Rosenbergs hinausgeht. Ferner wurde ein Modell zum Umgang mit Ärger, verbunden mit einer (Um-)Deutung des Begriffs der Wut, eingeführt. Inhaltlich wurde der Tag mit der bereits en passant stattgefundenen Thematisierung der Eigenverantwortung („Muss ich oder will ich?“) beendet.

Diskussion(en)

Folgendes verfolgt, vor dem Hintergrund der einleitend skizzierten Stellung der GfK in der Sozialen Arbeit, verschiedene Zielsetzungen und ist entsprechend gegliedert: Erstens soll die GfK noch einmal in Gänze Thema sein; zweitens sollen mögliche Bezüge zur Sozialen Arbeit hergestellt werden; und drittens wird die Aufmachung der Bandes im Konkreten besprochen werden. Bei (Des-)Interesse kann die Diskussion also selektiv gelesen werden.

1. Zur GfK (wie sie hier vertreten wird) im Allgemeinen

Häufig begegnet man in Texten zur GfK einer psychologisierenden Perspektive auf Welt, in der das Individuum sich einer ihm prinzipiell oder wenigstens potenziell schädlichen Umwelt (Kultur bzw. Gesellschaft) gegenübersieht, die es konstant in der freien Entfaltung seines ‚wahren Selbst’ (was das jeweils auch immer heißen mag) beschneidet. Und so wird auch hier behauptet, dass unsere Kultur/Gesellschaft uns nicht die sozialisatorischen Möglichkeiten gibt, die nötig wären, um Emotionen adäquat auszudrücken (vgl. S. 16 f., 56). Kulturen sind zwar durchaus divers, teilen aber in den meisten Fällen diese Beschneidung der „menschlichen Natur“ (S. 115), betreiben sogar „gesellschaftliche Gehirnwäsche“ (S. 113) mit uns. (Dass Kultur nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer (Ver-)Regelungen soziale Handlungen überhaupt erst ermöglicht, scheint nicht in Frage zu kommen.) Es drängt sich schnell die Frage auf, wie Kommunikation überhaupt gelingen kann, wenn wir nicht in der Lage sind Gefühle auszudrücken. Dies verweißt auf zweierlei:

  1. Hier, also in dieser Lesart der GfK, ist (gelingende) Kommunikation gewaltfreie Kommunikation, also eine ganz bestimmte – normativ aufgeladene – Art von Kommunikation (vgl. S. 17). Wenngleich darauf insistiert wird, vorsichtig mit Etikettierungen (entlang von Kategorien wie ‚richtig’ und ‚falsch’) umzugehen und Bewertungen möglichst genau von Beobachtungen zu trennen, kommt dieses Praxisprogramm nicht ohne dieses wertende Moment aus.
  2. Dies festzustellen ist bis hierhin nicht mehr als das Aufzeigen eines (nicht zu vermeidenden) Widerspruchs, hängt praktisches Handeln doch immer von einer (Be-)Wertung ab. Problematisch wird es, wenn man diesen blinden Fleck mit dem undifferenzierten und pessimistischen Kulturbegriff in Verbindung bringt. Ein Beispiel: „Im zweiten Schritt geht es darum, Gefühle zu erkennen und auszudrücken, Gefühle zu benennen ist etwas, was wir in unserer Kultur wenig lernen. ‚Emotionale Intelligenz’ ist meist nicht Teil unseres Bildungssystems, und deshalb vermischen wir ganz häufig was wir fühlen, mit dem, was wir denken“ (S. 17). Hier wird nicht nur den Menschen, die nicht auf diese Art kommunizieren können oder wollen, eine mangelnde emotionale Intelligenz (was auch immer das in diesem Kontext sein soll) bescheinigt, sondern es wird zugleich ein Beispiel mitgeliefert dafür, wie die gedankliche Reduktion bzw. Bewertung kultureller Diversität, in Kombination mit der Vorstellung einer ‚richtigen’ Kommunikation – und einer ‚richtigen’ Lebenshaltung –, mittels diskursiver Macht Ungleichheit konstruiert wird. – Immerhin: Die Akteure sind hier nicht schuldig, das Bildungssystem (hier wohl Stellvertretend für ‚unsere’ Kultur) hätte Nachholbedarf. Wie sich eine solche Argumentation neben dem Anliegen „ein Stück weit mehr Menschlichkeit in die Welt“ (S. 213) zu bringen mit den ökonomischen Interessen der Coachingszene – welche über die Ressourcen verfügt, diese, so gedeuteten, Missentwicklungen menschlicher Natur zu bearbeiten (vielleicht zu heilen?) – verbindet, darüber sei hier nicht spekuliert.

Ob Kommunikation gelingt oder nicht, wäre dagegen wohl eher, wenn nicht weiter Begründet, subjektive Angelegenheit der kommunizierenden Akteure selbst. Und ob dies gewaltfrei geschieht, sagt dabei weniger über emotionale Intelligenz oder Kompetenz aus als mehr über milieuspezifische bzw. mikrokulturelle Praxen, die es von extern zunächst zur Kenntnis zu nehmen gilt. Alles andere wäre ein mit ökonomischen Interessen verbundener Kulturkampf, Mission, wenn auch sehr subversiv daherkommend. Dies mag ja in einer offenen Gesellschaft legitim sein, zeigt aber auch die Grenzen des Gewaltbegriffs der GfK auf: es geht im sprachliche Gewalt in direkter Kommunikation – überindividuelle Gewalt (z.B. Diskurse) und damit verbundene Folgen (Stigmatisierung, sozialer Ausschluss) verschwinden aus dem Blickwinkel.

Es bleibt ein weiterer soziokultureller Aspekt, den die GfK vernachlässigt und der so zu überzogenen Erwartungen an das Modell führen könnte: die (über-)betonte individuelle Handlungsautonomie der Subjekte: Wenn es z.B. um die Trennung von Beobachtung und Interpretation, aus der dann Gefühle und (sprachliche) Handlungen entstehen, geht, wird gesagt: „Die Ursache für meine emotionale Reaktion ist also etwas, das in mir abläuft. Dreimal dürft ihr [die Teilnehmenden] raten, wer verantwortlich ist für die Bedeutung, die wir den Dingen geben. Genau, ob mir das gefällt oder nicht, das bin natürlich ich selber. Deshalb liegt die Verantwortung für meine Gefühle bei mir“ (S. 66, vgl. umfangreicher zu Verantwortung auch S. 86-97). Auf der einen Seite, klar: Wer sollte verantwortlich für meine Gefühle sein, wenn nicht ich? Auf der anderen Seite: Es wird der Eindruck suggeriert, die Hoffnung geweckt, dass sich hier aus eigener Anstrengung etwas verändern ließe. Dies sei nicht grundsätzlich in Abrede gestellt, jedoch liegen hervorragende Argumente dafür vor, dass es sich hierbei um ein ausgesprochen schwieriges – in jedem Fall kein exklusiv individuelles – Unterfangen handelt: Wenn man gefühlsmäßige Reaktionen und damit verbundene bedeutungsgesättigte Interpretationen nicht als etwas Biopsychologisches, sondern als Aspekt eines Habitus begrifflich kontextualisiert, wird die gravierende Dominanz, die soziokulturelle Sozialisation (Habitualisierung) in diesem Kontext spielt, deutlich (vgl. u.a. Bourdieu 1980: 97-212). In dieser Logik, in der die Interpretation von Gefühlen (und allem Sonstigen) Teil eines an den (bzw. in den) konkreten Akteur gebundenen Systems ist, welches in kontinuierlichem Austausch mit seiner soziokulturellen Umwelt steht, ist Veränderung inkorporierter, also buchstäblich eingefleischter (Interpretations-)Muster kaum bis gar nicht über eine lediglich kognitive Bemühung zu bewerkstelligen. M. a. W.: Es bedürfte einer Habitusmetamorphose, und diese wird nicht ideell, sondern durch das andauernde und langfristige praktische Handeln in unvertrauten Strukturen (Feldern, Milieus, Gruppen, bilateralen Beziehungen etc.), d.h. Situationskontexten mit je typischen Bedeutungsressourcen, ermöglicht – Reflexion und Wille kann dies, in diesem Analysehorizont, im besten Falle begleiten: Praxis > Reflexion.

Dieser Ansatz einer soziologisch informierten Kritik soll die GfK nicht an sich in Misskredit bringen (und wäre in größerem Zusammenhang auch weiter begründungsdürftig). Im Gegenteil: Sie, die GfK, nimmt einige sinnvolle Differenzierungen innerhalb des Kommunikationsprozesses vor (die Trennung von Wahrnehmung und Interpretation, von Gefühl und Bedürfnis, von Bedürfnis und Strategie usw.). Und auch die Anrufung der Möglichkeiten der Einzelnen (und ihren Verantwortlichkeiten) ist im Prinzip der einzige pragmatische Weg. Es kann nur gehofft werden, das war hier das Anliegen, dass eine soziokulturelle Kontextualisierung sensibel macht für (mögliche) Herausforderungen der Erlernung und Einnahme der notwenigen Haltung und Fähigkeiten, die auch überindividuell gelagert sind.

2. Gewaltfreie Kommunikation und Soziale Arbeit

Zunächst sei erinnert: Die GfK verfolgt keinerlei wissenschaftlichen Anspruch. Das unterscheidet sie nicht nur grundlegend von z.B. Carl Rogers’ Arbeiten, mit denen sie ideell sicher eng verwandt ist, sondern verweißt auch darauf, dass sie nicht auf einen bestimmten (professionellen) Kontext bezogen ist. Sie adressiert explizit und in erster Linie (wenn auch nicht exklusiv) die private Lebensführung. D. h.: Wenngleich es darum geht „ein Modell [zu] zeigen, das … hilft, in Konfliktsituationen oder heiklen Gesprächsituationen so etwas wie einen roten Faden zu behalten, der es … erlaubt, in jedem Moment klar zu sein“ (S. 18), geht es doch auch darum, „dass ihr [die Seminarteilnehmenden] diese Haltung, wenn ihr sie einnehmt, auch so leben könnt, dass andere Leute das mitkriegen“ (S. 21; Hervorh.M.B.). Dies kann kein Vorwurf an Karstädt sein, richtet/e er sich doch mit diesem Buch/Seminar an interessierte Privatpersonen, und was diese für sich als ideelle Lebensgrundlage wählen, ist freilich ihnen überlassen. Für eine Adaption durch die praktische Soziale Arbeit ist dies aber ins Bewusstsein zu heben, da es sich in diesem Zusammenhang ausschließlich um einen Aspekt einer professionellen Handlungskompetenz handeln kann, die, wenn überhaupt, das wäre noch zu prüfen, Impulse für Haltung und Können seitens der Professionellen bereitstellt. Es kann also nicht, wie es sonst in der GfK angelegt ist, darum gehen eine Art Lebenshaltung zu propagieren bzw. zu multiplizieren.

Nimmt man eine lebensweltliche Perspektive allerdings ein, gestaltet sich die Beziehung zwischen Adressierten und Professionellen konsequent als ein Arbeitsbündnis, in welchem Anliegen oder Notlagen kooperativ bearbeitet werden (vgl. Wendt 2017: 51). Im Duktus Karstädts GfK klingt das dann so: „Insofern erfordert ‚Gewaltfreie Kommunikation’ …, dass wir einen Spagat hinkriegen, einerseits zu verstehen, dass wir machtvoll sind jenseits unserer wildesten Vorstellungen. Weil die Art, wie wir uns verhalten, die Haltung, die wir einnehmen, ausstrahlt und Einfluss hat auf das, wie andere Leute sich verhalten. Und hier haben wir mehr Möglichkeiten als wir uns in unseren wildesten Träumen vorstellen können. Und gleichzeitig andererseits, und das ist der Spagat, gilt es, die Demut zu behalten, dass wir NULL Kontrolle über das Verhalten anderer Menschen haben. Und auch nicht über das, wie sie denken und wie sie etwas interpretieren“ (S. 24; kursiv i. O.). Angeschnitten wird implizit die konstitutive Spannung zwischen Sein, Wollen und Sollen im Arbeitsbündnis. Damit wird das Verstehen zur zentralen Achse professionellen Handelns, da sind sich (private) GfK und (professionelle) Lebensweltorientierung einig (wenn auch anders ausbuchstabiert). Mit einer derartigen Subjektorientierung begeben Sozialarbeitende sich in einen Bereich „strukturierter Offenheit“ (Thiersch 1993): In den Weiten und Wirrungen lebensweltlicher Subjektivität gilt es sich zurechtzufinden, um dann „strukturiertes Handeln“ (ebd.: 12) zu realisieren. Was das rationale Verstehen derartiger Sinnstrukturierungen angeht, finden sich hilfreiche Überlegungen und Begriffe schon bei den ‚Vätern’ dieser hermeneutisch-phänomenologischen Perspektive.

Dabei ging es Max Weber und Alfred Schütz ausschließlich um die Möglichkeiten und Bedingungen wissenschaftlicher Erklärungen im Kontext eines sinnhaften Gegenstandes (der sozialen Welt); diesen verstehend zu rekonstruieren, war erklärtes Ziel. Schütz schlägt hierfür einen „desinteressierten Beobachter“ (2010: 368 f.) vor, der wahrnimmt und typisierend rekonstruiert. Dieses Desinteresse am Fortlauf und Ausgang der Interaktion ist aber im Rahmen eines Arbeitsbündnisses nicht gegeben. Es handelt sich hier um eine praktisch-wirksame Interaktion. Dass es in diesem Rahmen auch ein emotionales Verstehen, ein Sich-Einfühlen braucht, darauf hat Rogers vielfach hingewiesen und Begriffe vorgelegt, die als Wesentlich für das Zustandekommen einer tragfähigen Beziehung gelten können. Hierbei handelt es sich allerdings um mehr als einen Beratungsansatz, weswegen Wendt richtigerweise diesen Ansatz als Grundlegend für subjektzentrierte Gesprächsführung generell charakterisiert (vgl. 2017: 85-91). Mit Thiersch: „Es braucht bedingungsloses Interesse an den Menschen in ihren Schicksalen – also Zuhören und Präsenz – und die Stabilität von Vertrauen“ (2013: 187). Es stellt sich aber dann die Frage, wie in dieses Feld subjektiv-emotionaler Offenheit Struktur gebracht werden kann, die für professionelles methodisches Handeln basal ist. Und an dieser Stelle – so scheint es vorerst – könnte die GfK mit ihrem überschaubaren Begriffsinventar Abhilfe schaffen.

Denn: „Die Haltung haben reicht in vielen Fällen … nicht aus. Es braucht zusätzlich eine Fähigkeit, nämlich die Fähigkeit, meine Interpretation sauber zu trennen von den sinnlich wahrnehmbaren, beobachtbaren Fakten. Und das muss man trainieren. Es ist keine Frage der Absicht, der Haltung, der Einstellung, sondern eine Frage von Fähigkeiten. Wir brauchen also eine Haltung plus Fähigkeiten, wenn wir in der Situation sicherstellen wollen, dass die Verständigung klappt“ (S. 51). An dieser Stelle wird die terminologische Programmatik Rogers’ in ein lehr- und lernbares Konzept überführt, dass unmittelbar Implikationen für die Dimensionen Können und Haltung (im Horizont einer professionellen Handlungskompetenz) enthält und an ein weit verbreitetes (Praxis-)Konzept, die lebensweltorientierte Soziale Arbeit, anschlussfähig ist. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesen Überlegungen um nicht mehr als Fragmente. Diese in einen größeren Zusammenhang zu stellen und weitere Potenziale bzw. Anknüpfpunkte zu diskutieren, wäre erst noch zu leisten.

3. Zum Konzept des Bandes

Was war Anspruch des Bandes? Er wollte, wissentlich, dass dies nur der Tendenz nach möglich ist, die Erfahrung eines Seminarbesuches zeitlich und räumlich von diesem unabhängiger machen (s.o.). Was der Band hier leistet, ist nicht nur, dass Bilder und Übungen zum Mit- bzw. Nachmachen enthalten sind. Ein Mehrwert wird auch dadurch erreicht, dass die Diskussionen, die aus Rückfragen, Kritik oder eigenen Beispielen entstanden sind, umfassend aufgenommen wurden. Außerdem sind im Seminar eine Reihe von Methoden, Modellen und Fragen angeschnitten worden, die über den unmittelbaren Horizont der GfK hinausgehen und diesen ergänzen, sodass hier mehr geliefert wird als eine Einführung in die GfK.

Fazit

Die GfK birgt die Gefahr argumentativer Widersprüche in sich; ob aus Diskurs soziale Praxis wird, hängt von der selbstreflexiven Sensibilität der handelnden Akteure ab, vor allem im Hinblick auf ihre soziale Eingebundenheit. Dafür sensibel zu sein, kann eine Lehre der Lektüre sein (1). Die GfK ist anschlussfähig an die Soziale Arbeit und kann (mindestens) konstruktiv zur Umsetzung einschlägiger Programmatiken Soziale Arbeit (hier: Lebensweltorientierung) beitragen. Dass dies nicht alles an professioneller Nützlichkeit ist, ist anzunehmen, wäre aber noch zu diskutieren (2.).

Darüber hinaus und trotz alledem: Der Band hält, was er verspricht. Er stellt die GfK auf eine andere Weise dar als es typischerweise der Fall ist, und das macht er gut. Lehrende und Lernende werden in diesem Band Anregungen für die eigene Arbeit und (Lebens-)Praxis finden (3.). Wenngleich es zwar ein geringer Trost sein mag, wird der Band vor allem auch die Menschen ansprechen, die nicht mehr die Gelegenheit hatten Klaus Karstädt zu erleben.

Literatur

Bendler, S., Heise, S.: Gewaltfreie Kommunikation in der Sozialen Arbeit, Göttingen 2018

Bourdieu, P.: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt/M. 1980

Schütz, A.: Wissenschaftliche Interpretation und Alltagsverständnis menschlichen Handelns; in: ders.: Werkausgabe Band IV. Zur Methodologie der Sozialwissenschaften, Konstanz 2010: 331-379

Thiersch, H.: Strukturierte Offenheit. Zur Methodenfrage einer lebensweltlichen Sozialen Arbeit; in: Rauschenbach, T., Ortmann, F., Karsten, M.-E. (Hg.): Der sozialpädagogische Blick. Lebensweltorientierte Methoden in der Sozialen Arbeit, Weinheim/München: 11-28

Thiersch, H.: Zur Rede von gelingenderen Alltag in der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. Ein Essay; in: Schilling, M. u.a. (Hg.): Soziale Arbeit quo vadis? Programmatische Entwürfe auf empirischer Basis, Weinheim/Basel: 180-194

Wendt, P.-U.: Lehrbuch Methoden der Sozialen Arbeit, 2. überarbeitete Aufl. Weinheim/Basel 2017


Rezensent
Michael Bertram
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Zitiervorschlag
Michael Bertram. Rezension vom 26.09.2019 zu: Klaus Karstädt, Sophie Schmitt: Gewaltfreie Kommunikation - das Basistraining. dgvt-Verlag (Tübingen) 2019. ISBN 978-3-87159-830-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25365.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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