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Heike Herrmann, Rudolf Bieker (Hrsg.): Soziale Arbeit im Sozialraum

Cover Heike Herrmann, Rudolf Bieker (Hrsg.): Soziale Arbeit im Sozialraum. Stadtsoziologische Zugänge. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 214 Seiten. ISBN 978-3-17-031719-2. 30,00 EUR.

Reihe: Grundwissen soziale Arbeit - Band 29.
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Sozialfall und Sozialraum

Es sind die Turns, die als „social turn“, „sociological turn“ u.a. ein Um- und Neudenken im theoretischen und praktischen wissenschaftlichen Diskurs erfordern. Im Bereich der Sozialen Arbeit hat die individuelle, situations- und gesellschaftsbezogene Fallbetrachtung eine institutionalisierte Bedeutung. Das ist auch weiterhin ein wichtiger, professionalisierter Zugang. Hinzu kommt – und das lässt sich als ein Turn verstehen – dass die interdependenten, globalen Wandlungsprozesse auch für das Berufsfeld Soziale Arbeit eine Ausweitung und einen Perspektivenwechsel erfordern. Dies wird in der ausführlichen Definition deutlich, die von der International Federation of Social Workers (IFSW) 2014 veranlasst wurde. Demnach hat die Profession die Aufgabe, den sozialen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Befähigung der Menschen und zu fördern, freiheitlich gerecht und demokratisch leben zu können. Soziale Arbeit müsse, so die Veränderung der Tätigkeitsbeschreibung, „insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe weniger einzelfallbezogen und spezialisiert auf bestimmte Problemlagen …, sondern sie stattdessen mehr auf das sozialräumliche Umfeld (ausrichten)“. Es sind die urbanen und ruralen Lebensräume der Menschen, und es ist die analytische Erkenntnis, dass „sich die soziale Position (und damit die Lebenslagen, JS) in einem gewissen Maß am Wohnort der Menschen ablesen lässt“. Sozialraumorientierte Soziale Arbeit erfordert und bewirkt demnach einen Paradigmenwechsel weg vom paternalistischen Denken und hin zur Erkundung und Auseinandersetzung mit den Situationen „vor Ort“ und zur Schaffung von solidarischen, gemeinwohlorientierten Strukturen.

Dem Rezensenten sei in diesem Zusammenhang erlaubt, auf die seit Jahren im (prekären) Stadtteil der Hildesheimer Nordstadt praktizierte, vom Sozialpädagogen Frank Auracher initiierte Soziale Arbeit zu verweisen, in der Sozialpädagoginnen und -pädagogen Netzwerke initiieren und so den Sozialraum zu einem Aktiv- und Diskursort für alle Bewohner umgestalten (siehe dazu: www.mehr-wert.de).

Entstehungshintergrund und Autorin

Im Aus- und Fortbildungspanel für Soziale Arbeit wächst, auch als Ergebnis des „Bologna-Prozesses“, der Profession Soziale Arbeit eine (neue) integrative und interdisziplinäre Herausforderung zu. Im theoretischen und praktischen Diskurs sind Handreichungen notwendig, die für die institutionalisierte und individuelle (Aus-)Bildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern hilfreich sind und den Anspruch unterstreichen, dass berufliches Denken und Handeln als lebenslanger, herausfordernder Prozess verstanden und praktiziert werden muss. Mit der vom Sozialwissenschaftler Rudolf Bieker von der Hochschule Niederrhein herausgegebenen Reihe „Grundwissen Soziale Arbeit“ soll diesen Anforderungen entsprochen werden. Die mittlerweile auf 31 Bände angewachsenen Schriften des Kohlhammer-Verlags dürften den institutionellen und persönlichen Bedürfnissen gerecht werden und auf die veränderten, lokalen und globalen, bildungs- und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen reagieren zu können.

Die Soziologin von der Hochschule Fulda, Heike Herrmann, vertritt den Studien- und Forschungsschwerpunkt „Sozialraumorientierte Soziale Arbeit und Sozialmanagement“. Sie engagiert sich in Theorie und Praxis für eine „Integrierende Stadtentwicklung“. Mit dem Lehrbuch „Soziale Arbeit im Sozialraum“ will sie dazu beitragen „eine professionelle Haltung zu vermitteln, die sich von der paternalistischen Einstellung … verabschiedet“.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung gliedert die Autorin ihre theoretischen und praktischen Hinführungen zu einer zeitgemäßen, situations- und phänomenengerechten Sozialen Arbeit in die folgenden Kapitel: Mit der Frage: „Was ist ein Sozialraum?“ zeigt sie Perspektiven auf städtische und ländliche Räume auf. Als historischen Rückblick und aktuelle Analyse setzt sie sich mit der Entwicklung der Gemeinwesenarbeit „Von den Anfängen bis ins neue Jahrtausend“ auseinander. Mit dem Lehr- und Forschungsblick vermittelt sie „Erhebungs-, Analyse- und Aktivierungsmethoden der Sozialen Arbeit im Sozialraum“. Im weiteren Kapitel wird „Gemeinwesenarbeit und/oder Quartiersmanagement“ diskutiert. Es folgen Auseinandersetzungen mit „Handlungsprinzipien der Sozialen Arbeit im Sozialraum“ um im letzten Kapitel „Beispiele für Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit im Sozialraum“ vorzustellen.

Die Schwerpunkte der Theorie-Praxis-Arbeit liegen dabei zum einen auf den Feldern der Kinder- Jugend- und Familienhilfe, und zum anderen in der urbanen, lokalen und globalen Entwicklung. Es sind Fragen von Segregations- und Konzentrationsprozessen von prekären Situationen, die zur Bildung von Benachteiligungsräumen führen. Der gesellschaftspolitisch gemachte Sozialraum muss als Ursache, Motivationsschub oder -hemmnis, aktive oder passive Einstellung, Kontaktfähigkeit oder -unfähigkeit verstanden und betrachtet werden. Aus den verschiedenen, in der Vergangenheit und Gegenwart erprobten und praktizierten Konzepten der Gemeinwesenarbeit haben sich insbesondere zwei Modelle entwickelt. Sie „betonen die Perspektive des Individuums auf den Raum…, setzen an der (subjektiv wahrgenommenen) Lebenswelt der Betroffenen an und wenden sich ab von der fachspezifischen Expertenperspektive hin zur Sichtweise bzw. dem Willen der Betroffenen“.

Diskussion

In der sozialraumorientierten Sozialen Arbeit sind besonders bedeutsam, wie die Analysen, Situations- und Bestandsaufnahmen „vor Ort“ ermittelt werden. Es kommt darauf an, kritisch, situativ und real die Erwartungshaltungen, Bedürfnisse und Möglichkeiten zu ermitteln; nicht selten nämlich ist ein überkommener „Ruf“ eines Siedlungsgebietes oder Stadtteils konstitutiv für sozialpädagogische Maßnahmen, ohne möglicherweise zu berücksichtigen, dass demografische und/oder stadtentwicklungsbedingte Veränderungen andere als traditionelle, institutionalisierte oder gewohnte Maßnahmen und Organisationsformen notwendig machen. Die Autorin stellt Konzepte und Methoden vor, die für eine aktive Gemeinwesenarbeit und für Quartiersmanagement hilfreich und nützlich sind. Es sind Praktiken, in deren Mittelpunkt die Forderung und Förderung der Selbstbestimmung, der Selbstkompetenz und der Selbstverantwortung der Betroffenen und Beteiligten (Empowerment) und der Netzwerkbildung stehen (vgl. z.B. dazu auch Bruno Latour: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17792.php).

Fazit

Die Vision „Soziale Stadt“ wird sich nur verwirklichen lassen, wenn in der sozialraumorientierten Sozialen Arbeit in urbanen oder ruralen Lebensräumen der Menschen die notwendige individuelle fallbezogene Hilfe ergänzt – oder vielleicht sogar vorangestellt wird – die sozialraumbestimmte, situative, integrative und strukturell bedingte Analyse und konkrete Soziale Arbeit. Die Autorin unterstreicht mit ihren methodischen und didaktischen, jeweils besonders markierten und herausgehobenen Informations-, Merkpositionen und Zusammenfassungen den Charakter und die Zielsetzung ihres Lehrbuches. Es dient Studierenden und den professionell und ehrenamtlich im Bereich der Gemeinwesenarbeit Tätigen als Handbuch und Fundgrube für eine demokratische, engagierte und solidarische Soziale Arbeit.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.02.2019 zu: Heike Herrmann, Rudolf Bieker (Hrsg.): Soziale Arbeit im Sozialraum. Stadtsoziologische Zugänge. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-031719-2. Reihe: Grundwissen soziale Arbeit - Band 29.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25366.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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