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Heiner Keupp, Peter Mosser u.a.: Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt

Cover Heiner Keupp, Peter Mosser, Bettina Busch, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus: Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Eine sozialpsychologische Perspektive. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. 422 Seiten. ISBN 978-3-658-23362-4. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend: Forschung als Beitrag zur Aufarbeitung.
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Vorspiel zu Weimarer Zeit

„Der Alte liebte es, wenn gegen Abend, nach dem Nachtmahl, einzelne seiner Schüler und vor allem seiner Schülerinnen in seinem Zimmer ihn besuchten. Er hatte sehr viel zu Abend gegessen. Seltsam starr hatte er an der Spitze der Tafel gethront und stumm in sich hinein gelöffelt wie ein graues seltsames Tier, das sich selbst füttert. Aber wenn dann die jungen Mädchen, in großen Scharen oder verteilt in kleineren Gruppen, Arm in Arm und hellsingend durch die dunklen und kühler werdenden Wälder zogen, und wenn von den feuchten Wiesen her der Lärm der Jungen klang, die dort spielten, dann lag der Alte in seinem Zimmer auf dem Sofa, die Beine, die von den Knien ab nackt und affenhaft dicht behaart waren, aufgezogen, strich mit den zugleich zarten und tierisch tatzenhaften Händen den großen weichen Bart und wartete, daß jemand käme, um ihn zu besuchen.

Draußen roch es nach Wald und nach Feuchtigkeit, aber im Zimmer des Alten war eine seltsame Luft. In die starken Gerüche des Eichkätzchens, das oben auf dem Bücherregal hauste, mischte sich der Duft großer welkender Blumen, reifen Obstes und irgend etwas Unbestimmbares, das dem Alten und seinem Barte eigentümlich zu sein schien und an den süßlichen Geruch der Verwesung erinnerte.

Wenn der Alte still und ohne sich zu regen, ja, ohne auch nur mit den unnatürlich großen Tieraugen zu blinzeln, eine Zeitlang gewartet hatte, klopfte es, und irgendein Mädchen kam, um ihn zu besuchen. Sie schob sich langsam ins Zimmer, lächelnd, etwas schwer, mit betonter Schlichtheit gekleidet, im langen dunkelblonden Haar noch den Duft von draußen, und gab ihm lachend die Hand, die er, mit einem ganz erstarrten Lächeln ihr im Gesicht sehend, lange in der seinen behielt. Sie setzte sich zu ihm aufs Sofa, und er führte mühsam, stockend und als bereite es ihm Qual, eine gänzlich belanglose, unheimlich leere Konversation. Die großen Tieraugen, deren Farbe nie jemand hatte definieren können und die dunkel zwischen Schwarz, Grün und Rot spielten, lagen starr und tief in dem farblosen Gesicht, und mit dem vorgeschobenen, blutig roten und faunhaft sinnlichen Munde sprach er unter seinem großen Barte vom Wetter.

Wenn ungefähr eine Viertelstunde vorüber war, ging er zu Zärtlichkeiten über. Er begann das Mädchen zu streicheln, ja, er bettete sogar seinen Kopf, seinen weißen, unausdenkbar alten Kopf, mit dem Faunsmund, in ihren Schoß, und wenn sie, zitternd und mit heißen jungen Händen seine starren und gierigen Liebkosungen erwiderte, stammelte er: ‚Du Liebe, – daß du zu einem alten Mann so lieb noch sein magst’, und, hinter dem weißen Barte zuckend, suchte sein großer, roter und alter Mund den ihren.“

Das ist die Eingangspassage (Mann, K., 1995, S. 97–98) der kurzen Erzählung mit dem Titel „Der Alte“, die Klaus Mann 1925 in dem der Schwester Erika gewidmeten Band „Vor dem Leben“ (K. Mann, K., 1925/1995) veröffentlicht hat. Da war er schon seit zwei Jahren nicht mehr an der vom Gründerehepaar Edith und Paul Geheeb geleiteten Odenwaldschule in Ober-Hambach (OSO), wo er vom September 1922 bis Juni 1923 im Landerziehungsheim war, nachdem jenes in Salem von beiden Seiten her nicht passte (vgl. G. Mann, 2010, S. 119). Die Literaturwissenschaft ist sich seit Langem einig darüber, dass es des Autors Absicht war, Leser(innen) mögen beim „Alten“ an Paul Geheeb denken (vgl. etwa Meyer, 2010).

Schon die Zeitgenoss(inn)en lasen Klaus Manns Erzählung als andeutenden Bericht über „gewisse Zustände“ an der OSO. So stieß der Wunsch eines Mädchens, von der Staatsschule zur Odenwaldschule zu wechseln, auf Widerstand der Eltern, nachdem diesen „die üblichen Mords- und Klatschgeschichten – daß es genauso sei, wie Klaus Mann es schildert – aus ‚bester Quelle’“ zu Ohren gekommen waren (Stark, 1998, S. 379: W. S. an Edith Geheeb; Brief vom 6. Februar 1928).

Und natürlich sah sich Paul Geheeb selbst in dem „Alten“ in irgendeiner Weise „erkannt“. Prompt schrieb er dem Vater, Thomas Mann, einen Brief, in dem er seine Porträtierung als der „Alte“ als „große, gemeine Verleumdung“ seiner Person wertet und den Vater bittet, er möge Klaus „freundlichst zu verstehen geben“, daß er „die Odenwaldschule nicht mehr betreten“ dürfe. (Stark, 1998, S. 379 Anm.: Paul Geheeb an Thomas Mann; Brief vom 30. April 1925).

Die Verantwortlichen der OSO, ihre Freundinnen und Freunde, Förder- und Verehrer(innen), ja der gesamte Mitglieder- und Anhängerkreis der deutschen Landerziehungsheime und Reformpädagogik insgesamt konnten sich bis in die zweite Hälfte der 1990er mit dem Gedanken trösten, das, was Klaus Mann da erzählte, sei völlig aus der Luft gegriffen, jugendlicher Leichtsinn oder dichterische Freiheit. Spätestens seit 1998 konnte man das nur noch, wenn man(n und frau) beide Augen hartnäckig verschloss. In jenem Jahr nämlich legte eine junge Doktorandin, die schon oben zitierte Christl Stark, an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg eine Dissertationsschrift (Stark, 1998) vor, die klar machte, dass Klaus Mann alles andere als Phantastereien zu Papier gebracht hat.

Die Forscherin hatte – natürlich mit Zustimmung der OSO-Verantwortlichen – Zugang zu 61 schuhschachtelgroßen Kartons, in denen an der OSO damals das Geheeb-Archiv aufbewahrt war. Das enthielt mit etwa 25.000 Dokumenten (auch) den Briefwechsel Edith und Paul Geheebs mit Eltern, Schülern, Altschülern und Mitarbeitern ihrer Schule. Unter den Briefen finden sich auch solche, in denen über hetero- und homosexuelle Aktivitäten unter Schüler(inne)n bzw. zwischen diesen und Lehrern bzw. sonstigen Erziehungsbefohlenen die Rede ist. Ich zitiere nachfolgend auszugsweise:

„Viel häufiger als über homoerotische Aktivitäten seiner Kollegen verlangen Eltern von Geheeb Rechenschaft über vermutete oder bewiesene sexuelle Beziehungen ihrer Töchter zu Mitarbeitern der Odenwaldschule. Einem Vater, der seine Tochter zwar nicht als unmittelbar Betroffene, aber als Beobachterin ‚nächtlicher Besuche Erwachsener’ doch ‚sehr beunruhigt’ weiß, genügen bereits potentielle ‚Anfechtungen nach der erotischen Richtung’, die Schülerin auf der Stelle dem verderblichen Milieu ihrer Umgebung zu entziehen. [H. A.-S. an Paul Geheeb; Brief vom 2. April 1923] Deshalb verwundert es umso mehr, wenn Eltern nicht ebenfalls sofort mit Abmeldung reagieren, obwohl sie ihren Schreiben an Geheeb gleich die Liebesbriefe beilegen können, die ihre Töchter während der Ferien von ihren Lehrern erhalten. Eine in der genannten Weise sich verhaltende Mutter beruhigt den Schulleiter zwar mit ihrer Zusicherung, daß es nicht in ihrer Absicht liege, ‚einen Skandal hervorzurufen’, der geeignet wäre, ein ‚ungünstiges Licht’ auf die Odenwaldschule zu werfen, weist aber in aller Deutlichkeit darauf hin, daß sie den ‚Maßregeln’, die er als Verantwortlicher ergreifen werde, ‚mit Spannung’ entgegensehe [E. L. an Mitarbeiterin S.; Brief vom 30. März 1925]. Auch ein Vater, dem während der Ferien die Augen geöffnet werden, weshalb seine 16jährige Tochter, die sich sonst nur schwer von zu Hause trennte, auf einmal ‚eine auffällige Eile’ zeigt, wieder in die Schule zu kommen, verlangt von Geheeb lediglich, ‚weitere Annäherungen unauffällig unmöglich’ zu machen und die Schülerin ‚unter Aufsicht’ zu halten [M. M. an Paul Geheeb; Brief vom 16. Juni 1928].“ (S. 372)

Die OSO war in Sachen „sexualisierter Gewalt“ nie unschuldig, und sexualisierte Gewalt an der OSO keine „Erfindung“ der 1970er. Sexualisierte Gewalt war mit Blick auf Internatsschulen auch nie ein „Alleinstellungsmerkmal“ der OSO. So wusste auch der Klaus Mann der frühen Weimarer Republik, dass sich Gustav Wyneken, einer der Leitsterne der frühen Reformpädagogik und seit jenem Jahr wieder Leiter der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf, 1919 dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs zweier Schüler, 12 bzw. 17 Jahre alt, ausgesetzt sah; ein Hilfslehrer hatte den – bei der OSO bis zuletzt vermissten – Mut zu einer entsprechenden Anzeige. Entsprechender Bürger(innen)mut war bei der OSO-Lehrerschaft bis zuletzt nicht zu finden; das zum Punkt „Leuchtturm“-Funktion der OSO. Im Oktober 1922, da war Klaus Mann gerade einen Monat an der OSO, wurde Gustav Wyneken wegen sexuellen Kindesmissbrauchs zu (nur – aus heutiger Sicht) einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Entstehungsgeschichte

Im Zuge der Aufarbeitung der 2010 einer breiten Öffentlichkeit bekannt gewordenen Vorkommnisse sexualisierter Gewalt an der OSO seit den 1970ern erreichte der GRÜNEN-Politiker Marcus Bocklet in Verhandlungen mit OSO-Verantwortlichen, dass ein Wissenschaftlicher Beirat gebildet werde und dieser der Aufarbeitung dienliche wissenschaftliche Studien in Auftrag gebe. Marcus Bocklet war Mitglied des hessischen Landtags und sozial- und gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion und unter „OSO-Verantwortlichen“ ist vornehmlich der OSO-Trägerverein zu verstehen. Diese doppelte Vereinbarung wurde denn auch realisiert. Betroffene(nvertreter) waren auf zweierlei Weise involviert: Einmal geschah die Ausschreibung der Forschungsprojekte in Abstimmung mit dem Betroffenenverein „Glasbrechen“ (www.glasbrechen.de) und zum anderen war für die wissenschaftliche Arbeit der Expertenteams eine Begleitgruppe vorgesehen, in der neben Vertreter(inne)n der Schule und des Trägervereins auch frühere OSO-Schüler(innen) vertreten waren.

Der genannte Beirat hat nach Ablauffrist zur öffentlichen Ausschreibung im Spätjahr 2013 zwei Angeboten den Zuschlag gegeben: dem Angebot des Instituts für Allgemeine Pädagogik und Sozialpädagogik der Universität Rostock mit einem bildungs- und kulturhistorischen bzw. institutions- und organisationstheoretisch geprägten Schwerpunkt und dem des Münchener Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), von dem hier die Rede ist. Für die auf zwei Jahre Dauer konzipierte Arbeit beider Forschungsgruppen waren zusammen der (lächerlich geringe) Betrag von 110.000 EUR avisiert.

Zu einer kontinuierlichen Arbeit, die im Jahre 2014 aufgenommen wurde und deren Ende (ohne Buch-Erstellung) für 2016 vorgesehen war, kam es allerdings nicht. Zunächst waren da „nur“ personelle und Verantwortungswechsel bei Trägerverein und Schule, bald aber zeichnete sich die Existenzgefährdung der OSO ab, die dann im Sommer 2015 als Insolvenz Gestalt annahm, was dann dazu führte, dass im Laufe des Insolvenzverfahrens zum September 2015 die Verträge zur wissenschaftlichen Begleitung gekündigt wurden. Niemand der früheren OSO-Freunde, unter denen es auch finanzkräftige gab, sprang in die Bresche – auch nicht die Freudenberg Stiftung. Erst anderthalb Jahre später konnte die Arbeit fortgesetzt werden, weil das hessische Sozialministerium finanzielle Absicherung bot.

Aber natürlich war zwischenzeitlich einiges durcheinander geraten, was nicht mehr gänzlich ins Lot gebracht werden konnte. So konnten geplante Interviews mit Eltern nicht (mehr) realisiert werden, was sehr bedauerlich ist, weil wir bis heute noch immer nahezu nichts über die Rolle der Eltern und anderer Erziehungsberechtigter bei den Missbrauchsfällen an der OSO wissen. Ferner konnte die Kooperation zwischen den beiden genannten Auftragnehmern nicht in der angestrebten Gestalt einer engen Verzahnung erfolgen. Schließlich wurden die Endberichte der beiden Gruppen in getrennten Büchern bei unterschiedlichen Verlagen veröffentlicht. Die eine Publikation liegt hier vor, die andere ist etwas früher, aber ebenfalls 2019, bei Klinkhardt, Bad Heilbrunn erschienen: Brachmann, J., „Tatort Odenwaldschule. Das Tätersystem und die diskursive Praxis der Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt“ (Vgl. Heekerens 2019,https://www.socialnet.de/rezensionen/25518.php).

Autor(inn)en

Die Autor(inn)en gehören alle zum Forschungsteam des Münchener Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP). Heiner Keupp, Jg. 1943, einer der bekanntesten deutschen Sozialpsychologen, emeritierter Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München ist auch nach seiner Pensionierung im Unruhestand. Er ist im IPP-Fachbeirat, federführend bei IPP-Projekten zu sexualisierter Gewalt und seit dessen Anfang (2016) Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Florian Straus, in Sozialpsychologie (bei Heiner Keupp) promovierter Diplom-Soziologe ist Leiter des IPP, bei dem Bettina Busch, Gerhard Hackenschmied und Peter Mosser, alle Psycholog(inn)en, Mitarbeiter(innen) sind.

Peter Mosser arbeitet ferner an der Münchener Kinderschutz Beratungsstelle und ist als Autor im „Handbuch Sexualisierte Gewalt und pädagogische Kontexte: Theorie, Forschung, Praxis“ (hrsg. von A. Retkowski, A. Treibel, & E. Tuider; Weinheim: Beltz Juventa, 2018) vertreten mit „Folgen und Nachwirkungen sexualisierter Gewalt“ (S. 822–831). In diesem Handbuch findet sich auch der Beitrag „Sozialwissenschaftliche Studien als Instrument zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Institutionen“ (S. 814–821), den Peter Mosser und Gerhard Hackenschmied zusammen mit Wolfgang Gmürr verfasst haben.

Das IPP-Team hat Erfahrung in der Forschungsarbeit zu sexualisierter Gewalt in (ab-)gesonderten pädagogischen Einrichtungen. Davon zeugen zwei Bücher: „Sexueller Missbrauch und Misshandlungen in der Benediktinerabtei Ettal: Ein Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung“ (Keupp u.a., 2017a) sowie „Schweigen – Aufdeckung – Aufarbeitung: Sexualisierte, psychische und physische Gewalt im Benediktinerstift Kremsmünster“ (Keupp u.a., 2017b).

Thema

Das IPP-Team betrachtet unter einem sozialpsychologischen Blickwinkel die OSO als Ort sexualisierter Gewalt im Zeitfenster von Ende der 1960er – ab 1969 etwa arbeitet der Haupttäter Gerold Becker an der OSO – bis (hauptsächlich) 2010 (vgl. aber Kap. 7); seit jenem Jahr lassen sich die v.a. in den 1970er und 1980er Jahren verübten pädokriminellen Verbrechen an der OSO nicht mehr länger vertuschen. Näher betrachtet wurden auch die historischen Entwicklungen, die zum „System Becker“ führten, sexualisierte Gewalt begünstigende strukturelle Komponenten innerhalb und außerhalb der Odenwaldschule sowie die mehrdimensionalen Folgen für die Betroffenen.

Aufbau und Inhalt

Das Team stützt sich bei seinen Analysen auf Informationen aus drei verschiedenen Quellen: schriftliche Materialien, Medienberichte und – als bedeutsamste Quelle – qualitative Interviews. Es wurden mit 64 Personen, die für die betrachtete Sache bedeutsam erschienen, 62 Interviews geführt: 7 mit Expert(tinn)en, etwa Mitglieder von „Glasbrechen“ oder des OSO-Trägervereins, 19 mit Mitarbeiter(inne)n/Lehrer(inne)n und 36 mit Altschüler(inne)n, von denen knapp die Hälfte Opfer sexualisierter Gewalt an der OSO geworden waren. Gewonnen werden konnten von 37 interviewten Personen (aus der Lehrer- bzw. Schülerschaft) belastbare 138 Berichte zu Gewalt(vorwürfen), die sich zu bald 80 Prozent auf sexualisierte Gewalt bezogen.

Im ersten der insgesamt elf Teile/Kapitel, in Der Projektrahmen werden die Hintergründe der Studie genannt, der Projektverlauf skizziert, das Forschungsdesign dargelegt und der Zusammenhang mit der Rostocker Untersuchung erläutert.

Im 2. Kapitel Forschungsansatz findet sich nicht nur eine recht genaue Darstellung eines/des reflexiv-sozialpsychologischen Forschungsansatzes, sondern auch eine vertiefte Reflexion des Forschungsprozesses sowie erkenntnistheoretische Überlegungen.

Der mit Abstand längste Buchteil ist der 3.: Schüler*in werden an der Odenwaldschule; er umfasst mehr als hundert Seiten und damit ein Viertel des Buches. Ins Auge gefasst werden dort folgende Punkte:

  • Erwartungen der Eltern
  • Zuweisungen von Schüler(inne)n durch Jugendämter
  • Begabten- und Industrie-Stipendiaten
  • Eindrücke und Erlebnisse der Schüler(innen)
  • Zusammenleben der Geschlechter
  • Internatssozialisation
  • Bildung einer kollektiven Identität
  • Aufnahmeprozeduren
  • Heimfamilien

Für Kapitel 4 Lehrer*innen an der Odenwaldschule findet sich im Literaturverzeichnis wie im Text selbst eine Gliederung, die verwirrt. Da gibt es nur einen Unterpunkt (4.1), der numerisch weiter unterteilt wird (4.1.1-4.1.4), während sachlogisch fünf gleichberechtigte Abschnitte vorliegen; hier scheint ein redaktioneller Fehler vorzuliegen, welcher der Aufmerksamkeit des Endlektorats entging. Die (konstruierten) Abschnitte können folgendermaßen überschrieben werden:

  • Rekrutierung aus antifaschistischem Widerstand und Emigration
  • Restbestände der reformpädagogischen Attraktion als fernes Rauschen, aber kaum ein aktueller reformpädagogischer Diskurs
  • Die Chance, auch ohne formelle Qualifikationen Anstellung zu finden
  • Doppelrolle als Lehrkraft und Familienoberhaupt
  • Besondere Konstellation der Nähe/Distanz zu den Schüler(inne)n

Im 5. Buchteil Die Schulverantwortlichen aus Sicht der Schüler*innen und Lehrer*innen werden zunächst die drei in Frage kommenden Schulleiter, Walter Schäfer, Gerold Becker sowie Wolfgang Harder, und die mit ihnen in Verbindung gebrachte Schulkultur und anschließend Lagerbildungen und Netzwerke in der Lehrerschaft unter den drei verschiedenen Schulleitungen betrachtet.

Kapitel 6 Die Odenwaldschule als System widersprüchlicher Realitäten wartet nach zwei illustrativen Fallgeschichten mit der Betrachtung fünf widersprüchlicher Aspekte der OSO-Realität auf:

  • Naturbelassene Idylle und Ort unkontrollierter Gefahren
  • Demokratische Lernkultur und unkontrollierte Macht
  • Pädagogik „vom Kind aus“ faktisch gegen das Kind
  • Die „sexuelle Revolution“ erleichtert pädokriminelle Zugriffsmöglichkeiten
  • (Ersatz-)Familie: Ort der Geborgenheit und des Missbrauchs

Auf das Thema In der Odenwaldschule zum Opfer werden (7. Kapitel) werden folgende Schlaglichter geworfen:

  • Vorbelastungen, Herkunft
  • Verführung statt Gewalt: Der Mythos der Einvernehmlichkeit
  • Privilegierende Nähe: Die Gefahren des Auserwähltseins
  • Familienähnliche Strukturräume
  • Organisation von Zugehörigkeiten
  • Die Ausweglosigkeit der Beziehungsverstrickung
  • Gewalt unter Schüler(inne)n
  • Strategien des Selbstschutzes

Kapitel 8 Das Missbrauchssystem der Odenwaldschule und die Bedingungen seiner Aufrechterhaltung will die Frage klären (helfen), weshalb sexualisierte Gewalt an der OSO so lange nicht öffentlich aufgedeckt wurde und warum Aufdeckungsversuche sehr lange scheiterten. Dazu finden sich Ausführungen in folgenden Abschnitten:

  • Netzwerke (inneres und äußeres System)
  • Die institutionelle OSO-Struktur (Fragmentierung, Regellosigkeit, Selbstreferentialität)
  • Probleme der Aufdeckung
  • Versäumnisse der Akteure (Eltern, Lehrerschaft, Schulleitung, bedeutsame Externe)

Folgen sexualisierter Gewalt und ihre Bewältigung auf Seiten der Betroffenen (Kap. 9):

„Die Analyse der Auswirkungen sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule für betroffene Schülerinnen und Schüler bedarf einer multifokalen Betrachtungsweise. Um die Komplexität des Themas in eine überschaubare Struktur zu bringen, wird hier vor allem auf drei Perspektiven Bezug genommen, nämlich

  1. auf individuelle, klinisch fassbare Auswirkungen,
  2. auf das Bewältigungshandeln betroffener Schülerinnen und Schüler und
  3. auf Reaktualisierungen der Folgen und ihrer Bewältigung im späteren Lebensverlauf.“ (S. 377)

Der Titel des 10. Kapitels heißt Prävention an der Odenwaldschule vor dem Hintergrund des Falles Frank G. – besser bekannt unter dem von OSO-Schüler(inne)n vergebenen Spottnamen „Pädobär“, in dessen OSO-Wohnung die Kriminalpolizei im Frühjahr 2014 nach vier Jahren OSO-„Präventionsarbeit“ massenhaft Dokumentationsmaterial sexuellen Missbrauchs an Kindern fand.

In Kapitel 11 Unsere Bilanz gibt das IPP-Team in konzentrierter Form Antwort auf zwei Fragen:

  • Worin bestanden die strukturellen und kulturellen Bedingungen, die die Entstehung und Aufrechterhaltung sexualisierter Gewalt über eine so lange Zeit begünstigt haben?
  • Wie ging die Institution mit Hinweisen auf sexualisierte Gewalt in ihren eigenen Reihen um? Warum blieben diese bis zum Jahr 2010 weitgehend im Dunkel?

Am Ende des Buches findet sich ein Literaturverzeichnis, in dem man – um das gleich hier zu sagen – manchen Titel vermisst. So fehlen etwa gleich alle neun Quellen, auf die auf S. 28 hingewiesen wird.

Diskussion

Die Antworten auf die beiden Fazit-Fragen (Kap. 11), zusammengefasst in zehn bzw. sieben Punkten sind faktengesättigt, prägnant und klar. Diese drei Prädikate kommen auch dem Buch in seiner Gesamtheit zu. Auch an dem Punkt, an dem ich im wissenschaftlichen Diskurs um sexuellen Missbrauch von Kindern Genauigkeit und Klarheit sehr vermisse: bei der – aus meiner Sicht eines Vaters und Familientherapeuten – beklagenswerten Rolle der Eltern und der sonstigen Erziehungsberechtigten. Über diese Akteure wissen wir noch immer wenig und werden im Falle der Amts- und Berufsvormünder wohl nie, bestenfalls in Jahrzehnten etwas erfahren. Bei den Eltern ist die Quellenlage besser. Aber noch immer fehlt eine speziell ihnen gewidmete wissenschaftliche Abhandlung. Eine kritische Masse an Material aber ist vorhanden.

Es findet sich in den Interviews des vorliegenden Buches, in veröffentlichten Akten von OSO-Schüler(inne)n (vgl. etwa Brachmann, 2019, S. 43–44) und in zahlreichen autobiographischen Veröffentlichungen. So etwa in den jüngsten Verlautbarungen von Opfern römisch-katholischer Priester. Thomas Kiessling hat unlängst erklärt: „Als Kind habe ich mich übrigens nur einmal einem Erwachsenen anvertraut: meinem Vater. Da war ich acht, und der Vater haute mir eine runter. Er sagte: Was bildest Du Dir ein! Das kann nicht sein! – Diese Ohrfeige werde ich nie vergessen.“ (Kiessling, 2019, S. 46) Und auf derselben Seite der ZEIT-Ausgabe vom 18. Juli 2019 lässt uns Thomas Schnitzler wissen: „Meinen Eltern habe ich damals als Kind nichts erzählt. Meine Mutter hatte ein sehr gutes Verhältnis zum Kaplan, und mein Vater war Hausarzt für das Generalviktariat und betreute auch den damaligen Bischof Bernhard Stein. Erst 2010, nachdem ich mich mit dem Täter getroffen hatte, konfrontierte ich meine Mutter mit der Geschichte. Sie sagte, sie wisse von nichts. Das tat weh.“ (Schnitzler, 2019, S. 46)

Das vorliegende Buch ist voll von autobiograhischen Angaben jedweder Art. Sie machen einen Großteil der hier auszugsweise wieder gegebenen Interviews aus. Diese und ihre Interpretation nehmen einen großen Teil des Textes ein; hier ist das Herzstück des Buches. Und da zeigt das Autorenteam weitere Stärken: ein großes Gespür für die Bedeutung einzelner präsentierter Interviewpassagen und professionelle Klugheit in deren Ausdeutung.

Um Sinn und Bedeutung einer bestimmten Interviewpassage zu verstehen, muss man (und frau) als Leser(in) über ein bestimmtes Wissen verfügen, das im literarischen Kontext (manchmal ungenau) geboten wird. So beim nachfolgenden Beispiel von Frederic. Der kam mit 13 Jahren zu Gerold Beckers Zeiten (Anfang der 1980er; das Jahr wird nicht angegeben) an die OSO und wurde bald (wann genau ist unklar) von Gerold Becker, später (wann?) auch noch vom Musiklehrer Wolfgang Held sexuell missbraucht. Im IPP-Interview (von 2014/15?) sagt er u.a.: „Ich merk’ so Traurigkeit. Ja, und das ist so, wo ich auch schon gemerkt hab’ die letzten Jahre, dass ich erheblich älter geworden bin vom Äußeren her. Hat mich auch sehr gebrochen, die Zeit jetzt, die letzten vier Jahre [wohl ab 2010]. Hat mich sehr gebrochen…so im Nachhinein…wo, also wo mir so ein Schmerz hochkommt, wie man mit dem Vertrauen umgegangen ist.“ (S. 261)

Diese kurze Passage bestätigt zunächst einmal die allgemeine Kenntnis, dass bei sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Menschen aus dem personalen Nahfeld der sexuelle und der Vertrauensmissbrauch Hand in Hand gehen – und beides zusammen kurz-, mittel- und langfristig negative Folgen für die Betroffenen zeitigt. Adrian Koerfer, einer der bekannten OSO-Missbrauchsopfer schildert etwa: „Häufige Partnerwechsel, schwierige Partnersuche. All das hat einen Grund. Ich kann niemandem vertrauen, das wurde mir ausgetrieben.“ (Lebert, 2019, S. 12). Ferner illustriert das Beispiel eine auch von anderen Opfern gemachte Erfahrung: Reden wird nicht nur als befreiend, sondern auch als belastend erlebt. „War es [für mich] hilfreich, mit jemandem zu sprechen, der einen versteht? Ja, auf jeden Fall. Im Kontakt mit anderen Missbrauchsopfern stellte ich jedoch fest: Einigen half das Sprechen, bei anderen wirkte es zerstörerisch.“ (Schnitzler, 2019, S. 46)

Schließlich führt die obige Interviewpassage eindringlich vor Augen, dass es Jahre und Jahrzehnte dauern kann, bis sich jemand, der zum Misshandlungszeitpunkt ein Kind war, der Misshandlung in ihrer ganzen Breite und Tiefe gewahr wird. Ergänzend das Beispiel eines Priester-Opfers: „Die Wahrheit kam erstmals heraus, als ich 22 Jahre alt war, bei einer Nullachtfünfzehn-Gesprächstherapie. Vorher war mir nicht bewusst, wie sehr mich der Missbrauch belastete. Er schlummerte im Untergrund, und eine sehr gute Psychologin hat das erkannt und herausgearbeitet. Wir sprechen hier übrigens von der Penetration eines kleinen Jungen zwischen seinem sechsten und achten Lebensjahr.“ (Kiessling, 2019, S. 46)

Was von Interviewten gesagt wird, ist immer auch in einem gewissen Maße abhängig von dem, was Interviewer fragen, sagen und an Gesagtem quittieren. Bei manchem im vorliegenden Buch zu findenden Interviewausschnitt habe ich mich gefragt, warum von Interviewerseite aus so wie geschehen und nicht anders gesteuert wurde. Ich will dies an einem Beispiel illustrieren. Auf den Seiten 100–101 findet sich die Passage eines Interviews (Schüler & Mitarbeiter zusammen), in dem es darum geht, dass unter der Leitung von Gerold Becker der Anteil der als „Jugendamtskinder“, „Sozialamtskinder“ oder „Jugendhilfekinder“ Bezeichneten deutlich anstieg, was in qualitativer wie quantitativer Hinsicht eine Belastungserhöhung v.a. für die Mitarbeiter(innen) mit sich brachte. Dort kann man u.a. (auf S. 101) lesen:

„A [Anwort]: … Ich glaub’, das hat Becker eben den Kollegen eingeredet, dass wir das könnten. Im Grunde ging’s ums Geld und vielleicht den leichteren Zugriff von Becker auf die Jugendlichen. Aber…

I [interviewer]: In Bezug auf die Jugendamtskinder…

A: Ja.

I: Bei dem ‚Zugriff’ ging’s ums Geld.

A: Ja…“

Im weiteren Verlauf des Gespräches wird die von Interviewtenseite – wahrscheinlich die/der Mitarbeiter(in) – ins Spiel gebrachte Gedanke, für Gerold Becker seien die Jugendhilfekinder nicht nur deshalb willkommen gewesen, weil sie die Kassen über das übliche Maß füllten, sondern auch, weil er in ihnen leichtere Beute sah. Warum wurde dieser Gesprächsfaden von Interviewerseite abgeschnitten? Wo doch vieles dafür spricht, dass Gerold Becker in den Jugendhilfekindern im Allgemeinen und denen aus Berlin im Besonderen tatsächlich leichtere Beute hatte (vgl. Brachmann, 2019, S. 220–244).

Ist hier ein Fragezeichen zu setzen, so in zwei anderen Fällen jeweils ein fettes Ausrufezeichen. Weil hier sachliche Fehler vorliegen, die schwerwiegen. Betrachten wir den ersten Fehler: Auf S. 207 beginnt ein Satz mit „Für Wolfgang Edelstein, der sich in Konkurrenz zu Gerold Becker vergeblich um die Leitung der Odenwaldschule bemüht hatte…“. Wahr ist, dass sich der frühere OSO-Lehrer (bis 1963) Wolfgang Edelstein (geb. 1929) um die OSO-Leitung bemüht hat. Falsch aber ist, er hätte dies in Konkurrenz zu Gerold Becker getan. Wolfgang Edelstein wurde 1963 vom heimlichen Bundesbildungsminister der Bonner Republik Hellmut Becker an das von diesem initiierte Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin geholt, und Hellmut Becker war es auch, der dafür sorgte, dass der pädagogische und wissenschaftliche Dilettant Gerold Becker, dessen pädokriminelle Neigung ihm sehr wohl bekannt war, 1969 an der OSO in Lohn und Brot kam und dort für über anderthalb Jahrzehnte sein Unwesen treiben konnte. „Im Mittelpunkt der Täterlobby steht fraglos der zum Zeitpunkt der Verbrechen im Umfeld der Odenwaldschule über der Maße [sic] umtriebige Bildungspolitiker Hellmut Becker“ (Brachmann, 2019, S. 177).

Dieser Hellmut Becker, dessen Bedeutung die Münchener Gruppe doch unterschätzt, sorgte, als Gerold Beckers Unwesen zum Geschäftsrisiko wurde, auch dafür, dass er diskret „ent-sorgt“ wurde. Auf die damit 1985 frei werdende OSO-Leitungsstelle bewarb sich im klaren Bewusstsein, dass die von ihm geliebte OSO von Gerold Becker in jeglicher Hinsicht auf den Hund gebracht worden war, Wolfgang Edelstein. Das war Hellmut Becker zu riskant, er setze aufgrund taktischer Überlegungen Wolfgang Harder als Nachfolger Gerold Beckers durch (vgl. zuletzt Brachmann, 2019, S. 179–186).

Kommen wir zum zweiten Fehler. Auf S. 108 ist die Rede von Schüler(innen), die nur durch Industrie-Stipendien an der OSO sein konnten, „wobei die Freudenberg-Stiftung hier durch die direkte Einbindung des damaligen Firmeninhabers Hans Freudenberg (Vorstand des Trägervereins) eine besondere Rolle spielte“. Bei dem in Frage kommenden Freudenberg handelt es sich nicht um Hans (1888-1966), sondern – wie an anderer Stelle des Buches (vgl. S. 334) korrekt berichtet um Hermann (1924-2010), der in der Blütezeit der sexualisierten Gewalt an der OSO im Vorstand dessen Trägervereins und sogar dessen Vorsitzender war und in dieser Eigenschaft nur wenige Monate vor seinem Tod auch noch den „OSO-Skandal“ erlebte. Er gehörte faktisch zum „System Becker“ und man darf davon ausgehen, dass er schon vor dem Ausscheiden Gerold Beckers aus der OSO von dessen pädokriminellem Handeln an der OSO wusste – in welchem Ausmaße und in welcher Tiefe auch immer (vgl. hier S. 334; Brachmann, 2019, S. 208–220)

Die Bezeichnung „Firmeninhaber“ (S. 108), ob man sie nun auf Hans oder Hermann münzt, zeugt von blanker Unkenntnis; die „Freudenberg & Co. KG“ war stets und ist immer noch ein Familienunternehmen. Und zwar nicht irgendeines: Als Familienunternehmen gehört es in Deutschland zu den 30 und weltweit zu den 300 größten seiner Art. Die Freudenberg Stiftung wurde erst 1984, also nur ein Jahr vor dem Ausscheiden Gerold Beckers aus der OSO, unter Beteiligung von Hermann Freudenberg gegründet. Die Stiftung, eine gemeinnützige GmbH, ist einerseits Gesellschafterin (Kommanditistin) der Unternehmensgruppe Freudenberg & CO KG und andererseits eine Fördereinrichtung für zivilgesellschaftliche Aufgaben. Sie war auf finanzielle, organisatorische und personelle vielfältige Weise verflochten mit der OSO und muss zum „System Becker“ gerechnet werden.

Fazit

Das Buch hat einige formale und sachliche Schwächen, die ich zum großen Teil den Widrigkeiten seiner Entstehungsgeschichte und der doch großen Autor(inn)enzahl zurechne. Des ungeachtet gehört es neben dem Parallelwerk der Rostocker Gruppe (Brachmann, 2019) zu den großen Aufklärungswerken zur sexualisierten Gewalt an der OSO, der meine Aufmerksamkeit seit 2010 gilt (vgl. Heekerens, 2010, 2012, 2016a, 2016b); als Erlebnispädagoge, der sich in reformpädagogischer Tradition sieht (vgl. Heekerens, 2019), kann ich gar nicht umhin. Andere mögen andere Gründe haben, sich um die sexualisierte Gewalt auch an der OSO oder um die OSO einschließlich ihrer Missbrauchsgeschichte zu kümmern. Ihnen allen sei gesagt: Lest das vorliegende Buch!

Literatur

Brachmann, J. (2019). Tatort Odenwaldschule. Das Tätersystem und die diskursive Praxis der Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt. Mit Beiträgen von Andreas Langfeld, Bastian Schwennigcke und Steffen Marseille. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

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Keupp, H., Straus, F., Mosser, P., Gmür, W. & Hackenschmied, G. (2017b). Schweigen – Aufdeckung – Aufarbeitung: Sexualisierte, psychische und physische Gewalt im Benediktinerstift Kremsmünster. Wiesbaden: Springer.

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Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 07.10.2019 zu: Heiner Keupp, Peter Mosser, Bettina Busch, Gerhard Hackenschmied, Florian Straus: Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Eine sozialpsychologische Perspektive. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-23362-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25374.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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