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Philip Manow: Die Politische Ökonomie des Populismus

Cover Philip Manow: Die Politische Ökonomie des Populismus. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. 176 Seiten. ISBN 978-3-518-12728-5. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.

Reihe: Edition Suhrkamp - 2728.
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Thema

Philip Manow beschäftigt sich in „Die Politische Ökonomie des Populismus“ anhand eines vergleichenden Ansatzes mit dem Erstarken des (sowohl linken als auch rechten) Populismus auf europäischer Ebene. Grundlegend wendet sich Manow dabei gegen eine von ihm konstatierte Vorherrschaft „kultureller“ Erklärungsansätze und stellt diesen eine Deutung gegenüber, welche sich explizit auf materielle ökonomische Strukturen beruft. Nicht etwa kulturelle Identitätskämpfe, sondern vielmehr die Kombination von Globalisierung und unterschiedlichen Politischen Ökonomien liegt – so der Autor – dem Phänomens des europaweiten Erstarken des Populismus (sowie dessen länderspezifischen Ausprägungsformen) zu Grunde.

Autor

Philip Manow ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Bremen. Das Buch „Die Politische Ökonomie des Populismus“ entstand im Zuge einer Einladung an das Kulturwissenschaftliche Kolleg der Universität Konstanz im akademischen Jahr 2017/18.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in insgesamt sechs Kapitel untergliedert, welche im Folgenden in chronologischer Reihenfolge vorgestellt werden.

Das erste Kapitel, das Vorwort

… führt einerseits in den Themenkomplex des Populismus ein, andererseits stellt Manow seine eigene Perspektive auf das Phänomen dar. Sein Buch sei als Reaktion auf zwei identifizierte Mängel in der Forschung zum Populismus entstanden.

  • Erstens wird von Manow kritisiert, dass der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Populismus in der Debatte kaum in den Fokus gerate, stattdessen seien es ausschließlich „kulturelle“ Erklärungen (bspw. Populismus als antagonistischer Politikmodus oder Moralisierung der politischen Auseinandersetzungen), welche in der Forschung angeboten werden würden.
  • Zweitens erkennt Manow in einer fehlenden systematisch-vergleichenden Perspektive das zweite Defizit der Forschung zum Populismus. Die Erscheinungsformen des Populismus (sowohl in geographischer Hinsicht als auch dessen unterschiedlichen politischen Ausrichtungen) seien jedoch zu vielfältig, als dass vorschnell davon ausgegangen werden könne, dass alle Populismen gleichartig erklärt werden könnten.

Diesen Mängeln will Manow eine Vergleichende Politische Ökonomie des Populismus gegenüberstellen, welche grundlegend auf einen Vorschlag von Harvard-Ökonom Dani Rodrik zurückgeht, welcher den Populismus maßgeblich als eine Reaktion auf die Globalisierung (in den Erscheinungsformen des internationalen Handels sowie der Migration) interpretiert. Im europäischen Vergleich will Manow zeigen, dass die „jeweiligen Wirtschafts- und Wohlfahrtsmodelle von den hier skizzierten Entwicklungen [der Globalisierung] recht unterschiedlich betroffen sind“ (S. 18).

Das zweite Kapitel „Populisten vs. Elite, Elite vs. Populisten“

…beschäftigt sich zunächst mit den in der (deutschen) Öffentlichkeit geführten Diskussion zum Thema des Populismus. U.a. mit Blick auf Jan-Werner Müller oder Mudde/Kaltwasser, welche den Populismus vornehmlich formal zu verstehen versuchen (d.h. nicht über die politischen Inhalte) und dem Populismus als Kernmerkmal Antipluralismus und eine antagonistische Form der politischen Auseinandersetzung unterstellen, kritisiert Manow, dass eine solche Diagnose meistens lediglich in einer Form der Elitenselbstvergewisserung mündet. Dies führe dazu, dass populistische Politik nun selbst vor allem moralisch ausgeschlossen werde und sei wenig hilfreich für die Analyse der Gründe für das Erstarken des Populismus. Ausgrenzungsrhetorik sei in der Folge auf beiden Seiten zu beobachten (auf Seiten „der Eliten“ sowie „der Populisten“), wobei dem jeweils Anderen die Legitimität in der politischen Debatte von Vornherein abgesprochen wird. Zwar besitze der populistische Konflikt, bspw. durch die Verwendung von Stereotypen oder Personifizierungen, durchaus auch kulturelle Elemente, jedoch sei hier nicht der Grund dafür zu finden, warum populistische Deutungsangebote überhaupt ihre Wirkung entfalten könnten.

Im dritten Kapitel „Der Populismus und die Politische Ökonomie der Globalisierung“

… setzt sich Manow zunächst näher mit der explizit politikwissenschaftlichen Forschung zum Populismus auseinander und es wird darauf aufbauend der Analyserahmen für die folgenden empirischen Kapitel entworfen. Ausgehend von der Beobachtung, dass in Nordeuropa eher der Rechtspopulismus, in Südeuropa eher der Linkspopulismus anzutreffen ist, versucht Manow im Folgenden die ökonomischen Gründe hierfür offenzulegen. Er folgt dabei einem Ansatz des Harvard-Ökonoms Dani Rodrik, welcher in seiner Arbeit die Populismen in Europa und Lateinamerika vergleicht. Während Rodrik jedoch ganz Europa dem Rechtspopulismus zuordnet, ist Manow vielmehr in die unterschiedlichen Ausprägungen des Populismus innerhalb Europas interessiert.

Zentral ist, dass der Populismus als eine Reaktion auf die Globalisierung verstanden wird, welche maßgeblich von einer zunehmenden grenzüberschreitenden Bewegung von Gütern und Geld sowie von Personen gekennzeichnet sei. Rechtspopulistisch wird der Protest dann dort, wo die freie Bewegung von Personen als Problem erfahren wird, linkspopulistisch dagegen dort, wo die freie Bewegung von Gütern oder Geld als Bedrohung empfunden wird. Der Rechtspopulismus hat somit einen (eher großzügigen) Wohlfahrtstaat zum Thema, welcher durch Zuzug unter Druck gerät (während die freie Bewegung von Gütern und Geld nicht in Frage gestellt wird).

Der Linkspopulismus tritt hingegen dort auf, wo Migranten entweder der Zugang zu Sozialleistungen weitestgehend untersagt wird (bspw. Griechenland oder Spanien) oder es durch geringe Einkommensunterschiede erst gar nicht zu Migration kommt. In der Folge stehen sich die Ökonomien von Süd- und Nordeuropa diametral gegenüber, sie werden jeweils von unterschiedlichen negativen Globalisierungsfolgen heimgesucht. Rodrik folgend führt Manow den Populismus somit grundlegend auf die Globalisierungsprozesse der freien Bewegung von Gütern sowie der freien Bewegung von Personen zurück und die politische Ausprägung des Populismus ist dann darauf zurückzuführen, welcher dieser beiden Themen politisch entscheidend wird, also „welche Art von Globalisierung jeweils für die betreffende Politische Ökonomie ein Problem darstellt“ (S. 69). In der Folge sind es im Fall des Rechtspopulismus eher die Arbeitsmarkt-Insider, im Fall des Linkspopulismus eher die Arbeitsmarkt-Outsider, welche populistische Parteien wählen.

Im vierten Kapitel „Der Aufstieg der Rechtspopulisten in Deutschland“

… soll das zuvor entworfene Erklärungsschema zunächst auf den Fall der Alternative für Deutschland (AfD) angewendet werden. Ausgangspunkt ist hier die Frage, wer die Wähler der AfD sind sowie die Feststellung, dass der Rechtspopulismus in Deutschland gerade auch in wohlhabenden Regionen (bspw. Bayern) relativ erfolgreich ist. Methodisch wird in der Analyse dabei auf Daten der amtlichen Wahlstatistik und der Regional- und Arbeitsmarktstatistik zurückgegriffen.

Das zentrale Ergebnis besteht dann in einer Zurückweisung der klassischen Modernisierungs- und Globalisierungsverlier-These: so sind – wie Manow darstellt – es beispielsweise nicht jene, welche momentan von Arbeitslosigkeit betroffen sind, die nun auch die AfD wählen, sondern vielmehr jene, welche eine Erinnerung an Arbeitslosigkeit in der Vergangenheit besitzen. In Kombination mit der Zentralität des Themenkomplexes Geflüchtete bei der Bundestagswahl 2017 erkennt Manow hier den entscheidenden Kern der Auseinandersetzung, eine Auseinandersetzung welche sich zentral um den Wohlfahrtsstaat (und nicht etwa um den Arbeitsmarkt oder den liberalen Außenhandel) dreht.

Durchaus vergleichbar mit den Beobachtungen von Arlie Russell Hochschild, welche in ihrem Buch „Strangers in Their Own Land“ (2016) die rechte Wahrnehmung von Migranten als „line cutters“ (hier: in der symbolischen Warteschlange zum American Dream) beschreibt, konstatiert nun auch Manow für Deutschland, dass die Wahrnehmung von Migranten als „line-jumpers“ (hier: in Bezug auf den Wohlfahrtsstaat) das Gefühl der ökonomischen Deklassierung auslöst. Zentral sind es somit die Arbeitsmarkt-Insider, welche Angst vor ökonomischen Abstieg haben und nicht die Arbeitsmarkt-Outsider, welche die zentrale Wählergruppe der AfD bildet.

Das fünfte Kapitel „Die Europäische Geografie des Populismus“

… stellt schließlich einen Vergleich zwischen verschiedenen geographischen Orten Europas dar, deren unterschiedlichen Ökonomien sowie in der Folge auch deren unterschiedlichen Ausprägungen der Erscheinungsformen des Populismus. Grundlegendes Ergebnis ist: während sich in Nord- und Zentraleuropa allgemein zugängliche Wohlfahrtssysteme entwickelt hätten sowie zu großen Teilen ein auf Export ausgerichtetes Wachstumsmodell, so fänden sich in Südeuropa vornehmlich partikularistische und klientelistische Sozialstaaten sowie ein Wachstumsmodell, welches auf heimischer Nachfrage basiert.

Durch den Einfluss der Globalisierung kommt es in der Folge zu unterschiedlichen Konflikten: Während in den Nationen mit zugänglichen Wohlfahrtsstaaten die freie Bewegung von Personen zum populistischen Streitthema wird (also verteilungspolitische Konflikte), ist es in Südeuropa vielmehr die liberale und grenzüberschreitende freie Bewegung von Gütern und Geld.

Dies resultiert – so Manow – dann in den unterschiedlichen politischen Ausprägungen des Populismus. Abschließend werden Italien und Großbritannien als Fallbeispiele diskutiert, wobei sich der britische Fall als Sonderfall herausstellt, denn hier ist es nicht der Konflikt um den Wohlfahrtsstaat, sondern vielmehr jener um den Arbeitsmarkt, welcher im Mittelpunkt steht. Somit sind es hier tatsächlich eher die Arbeitsmarkt-Outsider, welche im Mittelpunkt des Konflikts stehen und die „alte“ These der Modernisierungsverlier bewahrheitet sich hier.

Das abschließende sechste Kapitel „Die Europäisierung des Populismus“

… bietet einen zusammenfassenden Ausblick auf das europäische Projekt. Der Populismus wird hier maßgeblich als ein Protest gegen Europa gekennzeichnet, als Protest gegen die Auflösung von Nationalgrenzen und nationaler Währungen, bei gleichzeitigem europapolitischem Versäumnis die Voraussetzungen für solche folgenreiche Schritte zu schaffen. Des Weiteren stellt Manow einen zentralen Widerspruch „zwischen integrationsfreundlichen Eliten und integrationsskeptisch eingestellter Bevölkerung“ (S. 136) fest.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Buch „Die Politische Ökonomie des Populismus“ einen durchaus wichtigen Beitrag zu der Erforschung sowie der Erklärung des Populismus bietet. Dabei ist das Buch gut lesbar und überzeugt in der empirischen Darstellung von ökonomischen Zusammenhängen, speziell in Bezug auf die unterschiedlichen Ausprägungen des Kapitalismus in Süd- und Nordeuropa, aber auch im Zusammenhang mit dem „Sonderfall“ Großbritannien. Wie Manow selbst andeutet, bleibt sein ökonomischer Erklärungsansatz für osteuropäische Länder und deren Populismen jedoch uneindeutig.

Kritikwürdig ist der fehlende Versuch einer Definition des Populismus. So findet im zweiten Kapitel zwar durchaus eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Populismustheorien statt, jedoch wird darauf aufbauend keine eigene Definition präsentiert und es bleibt somit bspw. unklar warum eine bestimmte Partei überhaupt als „populistisch“ bezeichnet werden sollte. Daraus folgt, dass im Laufe des Buches zwar unterschiedlichste europäische Parteien behandelt werden, jedoch keinerlei Erklärung gegeben wird, warum gerade diese als „populistische“ Beispiele genannt werden.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Zusammenhang zwischen Ökonomie und Kultur. Manow nimmt eine strikt ökonomische Perspektive ein und grenzt diese sehr stark gegen jegliche „kulturellen“ Erklärungsansätze ab. Wie bereits konstatiert, ist seine ökonomische Analyse überzeugend, jedoch erscheint es fraglich, ob eine solche strikte Trennung von Kultur und Ökonomie notwendig, bzw. hilfreich ist. So schreibt Manow zwar, dass ökonomische Probleme für die politische Mobilisierung mitunter kulturalisiert werden müssen (S. 16), jedoch zeigt er im Folgenden keinerlei Interesse diesen Zusammenhang näher zu betrachten.

Es scheint, als sei Kultur für Manow dann ausschließlich als ein sekundäres Phänomen zu betrachten, welches immer aus dem Ökonomischen abzuleiten ist. Mit Blick auf Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, Identität oder Heimatverlust, welche innerhalb von populistischen Diskursen immer wieder auftreten (und selbst erklärungsbedürftig sind, im Buch jedoch nicht behandelt werden), erscheint es jedoch zumindest fraglich, ob eine ausschließlich ökonomische Perspektive letztendlich erfolgreich sein kann. Dennoch ist das Buch durchaus empfehlenswert, denn es bietet tatsächlich eine mitunter vernachlässigte Perspektive in Bezug auf den Populismus an und stellt diese überzeugend dar.


Rezensent
Marian Pradella
Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 25.04.2019 zu: Philip Manow: Die Politische Ökonomie des Populismus. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-518-12728-5. Reihe: Edition Suhrkamp - 2728.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25375.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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