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Nadine M. Schöneck-Voß, Sabine Ritter (Hrsg.): Die Mitte als Kampfzone

Cover Nadine M. Schöneck-Voß, Sabine Ritter (Hrsg.): Die Mitte als Kampfzone. Wertorientierungen und Abgrenzungspraktiken der Mittelschichten. transcript (Bielefeld) 2018. 348 Seiten. ISBN 978-3-8376-4034-2. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - Band 44.
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Entstehungshintergrund

Der 17 Beiträge umfassende Sammelband ist im Nachgang zum 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der im September 2016 in Bamberg stattfand, entstanden und wird von Prof. Dr. Nadine M. Schöneck und Dr. Sabine Ritter als Herausgeberinnen zwei Jahre später vorgelegt.

Thema

Der Ausgangspunkt der Überlegungen lässt sich wie folgt umreißen: Mittelschichtsgesellschaften gelten „grundsätzlich als wünschenswert (…), weil sie insbesondere mit wirtschaftlicher Prosperität (…), politischer Stabilität (…) und gesellschaftlicher Köhasion (…) assoziiert werden.“ (S. 11 f.) Dieses Konstrukt würde jedoch immer stärker in Frage gestellt – sei es aus aufgrund „objektiver Schrumpfungstendenzen [oder, J.B.] subjektiver Abstiegssorgen der Mittelschichtsangehörigen vieler westlich geprägter Gesellschaften (…).“ (S. 12) Zugleich verändere sich die politische (Parteien-)Landschaft und es werde diskutiert, ob das gute Abschneiden der Alternative für Deutschland (AfD) als „Spaltung der Gesellschaft gewertet“ werden könne und ob diese „primär sozioökonomischer Natur“ oder „kulturellen Ursprungs wäre.“ (S. 13)

Den Herausgeberinnen erscheint in dieser Gemengelage – etwas martialisch anmutend – die „Mitte als Kampfzone“ (a.a.O.) und sie formulieren als Erkenntnisgegenstand des Bandes die Fragen „ob es tatsächlich so [sei, J.B.], dass sich die Mitte zunehmend von dem wohlfahrtsstaatlich flankierten (Nachkriegs-)Projekt, das sie in Westeuropa und Deutschland groß gemacht hat, verabschiedet? Und: In welchem Verhältnis (…) sie [infolgedessen, J.B.] zu Rechtspopulismus, Rassismus, Exklusion“ stehe (S. 14).

Der Band soll dabei zum einen Antworten aus „ungleichheitssoziologischer Perspektive“ liefern. Dahinter steht die Frage, „welche mehr oder weniger bewussten Strategien der Selbstpositionierung beziehungsweise Selbstpositionierungsstärkung durch intensivierte Abgrenzung (…) Angehörige der Mittelschicht verfolgen.“ (a.a.O.) Zum anderen wird aus „kultursoziologischer Perspektive“ gefragt, was die „Antriebsmomente solcher Abgrenzungspraktiken, die sich in schichtspezifischen Wertorientierungen manifestieren“ sein könnten (a.a.O.).

Vier Leitfragen wurden den Autorinnen und Autoren des Bandes zur Präzisierung gestellt.

  1. Diese lassen sich zusammenfassen mit der Frage nach dem Verhältnis von „objektiven Lebensbedingungen und (kollektiv-)subjektiven ›Programmatiken‹“ (S. 14).
  2. Zweitens soll die Frage beantwortet werden, was das Wesen der Mittelschicht sei, wie sich die Angehörigen gegenseitig erkennen und wie sie sich nach oben bzw. unten abgrenzen.
  3. Drittens stellt sich die Frage, was für die Mittelschichten heute ‚Normalität’ bedeute, welche Wertorientierungen aus diesem Verständnis mit welche (sozialen) Praktiken daraus resultierten.
  4. Und viertens wird gefragt, ob „›die Mitte‹ die sie umgebende Gesellschaft wirklich einhellig wahr[nimmt oder ob sich nicht, J.B.] vielmehr unterschiedliche Mittelschichtssegemente erkennen [lassen, J.B.], die möglicherweise sogar Tendenzen der Divergenz aufweisen?“ (S. 15)

Herausgeberinnen

Prof. Dr. Nadine Schöneck ist seit 2016 Professorin für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Hochschule Niederrhein.

Dr. Sabine Ritter ist seit 2011 Universitätslektorin am Institut für Soziologie in Bremen und seit 2015 Studiendekanin des FB Sozialwissenschaften.

Inhalt

Der Band verteilt 17, von zum Teil namhaften Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern, verfasste, Beiträge auf 6 Hauptkapitel.

1. Die Mitte der Gesellschaft

Hier bietet zunächst Herfried Münkler unter der Überschrift „Die Enstehung der Mitte – Ein Paradigma in Politik und Gesellschaft“ einen historischen Überblick zum Verständnis von Mitte von der Antike und dem Spätmittelalter bis zur Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland (S. 29 – 38). Der Artikel ist laut Fußnote ein „leicht modifizierter Wiederabdruck“ (S. 29) aus »Politik und Zeitgeschichte«, Heft 49/2014 (S. 29). Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die politische Mitte auf Bundesebene als relativ stabil erscheine, „während auf Länderebene in ausgewählten Fällen das Experiment eines Links- beziehungsweise Rechtsbündnisses gewagt wird, um die Reaktion der Wähler darauf zu beobachten.“ (S. 37) Eine „Blockbildung rechts und links der Mitte“ sei zwar möglich, doch „ist eine solche fundamentale Veränderung zur Zeit noch nicht zu erkennen.“ (a.a.O.) Vielmehr sei die „Mitte-Orientierung der Deutschen [so, J.B.] tief in den politischen Mentalitäten der Deutschen verankert, als dass sie in einer kürzeren Zeitspanne verschwinden würde.“ (S. 38) Und so bleibt nur eins gewiss, nämlich, dass die Zukunft ungewiss ist.

Der Beitrag von Berthold Vogel fragt unter dem Titel „Die soziale Mitte und ihr Staat. Eine soziologische Skizze“ (S. 39 – 49) nach „der Zukunft der Mittelklasse“ (S. 39). Dabei solle „keine Milieubeschreibung, sondern der Versuch [unternommen werden, in 10 knappen Thesen, J.B.], das gesellschaftliche Ganze in den Blick zu nehmen.“ (a.a.O.) Die zentralen Thesen sollen im Folgenden überblicksartig zusammengefasst werden:

  1. In These 1 wird der Gedanke entwickelt, dass die „Mittelklasse“ „Staatsprodukt“ sei (a.a.O.).
  2. Dabei öffne – so These 2 – „gerade der expansive Staat breiten Schichten der Bevölkerung Aktionsspielräume, schaffe umgekehrt aber auch Abhängigkeiten“. Am Ende bilde die „Staatsbedürftigkeit das »soziale Unbewußte« einer mittelklassegeprägtem Gesellschaft, das erst dann offensichtlich wird, wenn öffentliche Ressorcen in Frage stehen.“ (S. 40)
  3. „Mit der Etablierung einer neuen staatsbedürftigen Mittelklasse entstehen zukunftsorientierte, aufstiegsbemühte, aber auch statusbesorgte Mentalitäten.“ – so These 3. Vogel spricht hier von auf „Wachstum und Fortkommen ausgerichteten Aufsteigergesellschaften.“ (S. 41)
  4. Deren Dynamiken ließen sich – so These 4 – an der Entwicklung des öffentlichen Dienstes exemplarisch nachzeichnen.
  5. Unter Rückgriff auf Lepsius macht der Autor in These 5 deutlich, „dass das staatliche Transfersystem gerade nicht zu einer weitgehenden Homogenisierung sozialer Lagen führ[e], sondern – umgekehrt – neue und politische Formen sozialer Ungleichheit“ erzeuge (S. 43). „Im Zuge der arbeitsmarktpolitischen Reformagenda“ würden nun die Lebens- und Arbeitsbedingungen jener Menschen unsicherer, die Vogel als „»untere Mittelklasse«“ bezeichnet und als „fleißige Leute [charakterisiert, J.B.], die sich anstrengen, den Anschluss an Wohlstand und Wohlfahrt zu halten (…) [und die, J.B.] gerade mit Blick auf die Generationenfolge darum bemüht sind, ihren Kindern die Sicherheit und Gewissheit zu ermöglichen, um die sie selbst ihr Leben lang zu kämpfen haben.“ (S. 44 f.)
  6. Gerade diese untere Mittelklasse sei nun aber – so These 8 – „konstitutiv für eine Aufsteigergesellschaft“ und wenn deren „Anstrengungen ins Leere laufen (…), dann bilden sich Ressentiments und Vorbehalte gegenüber einer Gesellschaft, die Leistung fordert, aber nicht prämiert.“ (S. 45) Dabei sei aber nicht „Abstieg (…) das Etikett der sozialen Dynamik in der Mitte der Gesellschaft, sondern die Gleichzeitigkeit von Statusstabilität, neuen Aufsteigern und aktuell Abstiegsbedrohten.“ (S. 45 f.) Heutzutage sei „mit Arbeit und Staat (…) kein kollektives Aufstiegsversprechen mehr verbunden“, die untere Mittelklasse befinde sich deshalb – so These 9 – in einer „veritablen Reproduktionskrise“ (S. 46).
  7. Da soziale Prozesse – wie vom Autor mehrfach erwähnt – selten in eine Richtung verlaufen, fragt er sich, ob es „nicht eine interessante Frage [wäre, die gegenläufigen, J.B.] (…) Prozesse der Reproduktionskrise mit den Dynamiken der Statusstabilisierung in Verbindung zu bringen?“ (a.a.O.)
  8. In These 10 vermutet der Autor, dass „Wohlstandsverteidigung und Wohlstandskonflikte“ die antidemokratischen Ressentiments in den westlichen Demokratien und den postsozialistischen Staaten antrieben (S. 47). Es sei daher an der Zeit, „offensichtliche Wohlstandskonflikte und berechtigte Wohlstandssorgen in der Mitte der Gesellschaft als Herausforderung unserer Demokratie und unseres Rechtsstaats aufzugreifen.“ (S. 47)

2. Vermessungen der Mitte

Diese Vermessungen beginnen mit Judith Niehues, die unter dem Titel „Deutschlands Mittelschicht in Abstiegsangst? Eine Betrachtung aus ökonomischer Perspektive“ (S. 53 – 68) fragt, „ob die ökonomisch definierte Mittelschicht nun langfristig schrumpft oder nicht, [wobei auch zunehmend die, J.B.] gefühlte Situation ins Zentrum der Debatten“ rücke (S. 53). Zur Beantwortung der Frage, befasst sich der Text „zunächst mit unterschiedlichen Abgrenzungsmöglichkeiten der Mittelschicht“ (a.a.O.). Daran schließt sich eine Analyse warum (methodisch) vergleichbare Studien in ihren Bewertungen zur Entwicklung der Mittelschicht zu unterschiedlichen Ergebnissen kämen (S. 54). Die Autorin arbeitet am Institut der deutschen Wirtschaft Köln und stellt infolgedessen das dort entwickelte – an „soziokulturellen Schichten“ (definiert durch den Berufsabschluss und die berufliche Tätigkeit) und den von ihnen besetzten „Einkommensbereichen“ an (S. 55). Damit wird ein erwerbsarbeits- und zertifikatszentrierter Mittelschichtsbegriff angelegt, bei dem ein „nennenswerter Teil – insbesondere Nichterwerbstätige – (…) [bewusst, J.B.] ohne gesellschaftliche Zuordnung“ bleibe (S. 56).

In Bezug auf die „einkommensbasierte Abgrenzung“ erfolgt eine Einteilung in 5 Gruppen:

  1. „den armutsgefährdeten Bereich (unter 60 Prozent des Medianeinkommens),
  2. die einkommensschwache oder ›untere‹ Mitte (60 bis unter 80 Prozent des Medianeinkommens),
  3. die Mitte im engen Sinn (80 bis unter 150 Prozent des Medianeinkommens),
  4. die einkommensstarke oder ›obere‹ Mitte (150 bis unter 250 Prozent des Medianeinkommens) und
  5. die Einkommensreichen (ab 250 Prozent des Medianeinkommens).“ (S. 57)

Im Ergebnis gehörten „derzeit knapp die Hälfte der Bevölkerung zur Mittelschicht im engeren Sinne – sie entspricht in ihrer Größe somit in etwa der zuvor definierten soziokulturellen Mittelschicht.“ (S. 59) Insgesamt erweise sich die Mitte als vergleichsweise stabil, allerdings zeige sich auch, „dass es deutlich mehr Bewegungen von der unteren Mitte in den Bereich der Armutsgefährdung gibt als Abstiege von der Mitte im engeren Sinn in die relative Einkommensarmut“. Das Erreichen der Mittelschicht gehe „mit einer beachtlichen wirtschaftlichen Sicherheit einher [, allerdings hat sich, J.B.] die Chance, aus dem unteren Einkommensbereich in die Mitte aufzusteigen (…) gegenüber den 1990er Jahren sogar noch leicht verringert.“ (S. 62)

In Bezug auf die „subjektiven Empfindungen, Sorgen und Zukunftsängste“ stellt die Autorin auf Basis der ALLBUS-Daten 2016 „sehr konträre Befunde gegenüber der medialen Berichterstattung [fest, J.B.], die vielfach das Bild einer zunehmend verunsicherten und von Abstiegsängsten geplagten Mittelschicht zeichnet.“ (S. 65) Gleichwohl empfinde eine deutliche Mehrheit die sozialen Verhältnisse als ungerecht. Zudem gelte, dass „Deutschland eine Mittelschichtsgesellschaft“ sei auch wenn sich „in der Wahrnehmung der Bevölkerung (…) hartnäckig die Vorstellung einer pyramidalen Gesellschaftsstruktur – mit den meisten Menschen in den unteren Gesellschaftsschichten“ halte. (S. 66) Also auch hier bleibt für den/die Leser/-in die offene Frage, ob das Glas nun halbvoll oder halbleer ist.

Holger Lengfeld und Jessica Ordemann präsentieren unter dem Titel „Statuspanik in der Mittelschicht. Aktuelle Befunde aus der Einstellungsforschung“ (S. 69 – 84). Gefragt wird, „wie sich die Abstiegsängste über einen langen, 30 Jahre umfassenden Zeitraum entwickelt haben.“ (S. 70) „Abstiegsangst“ definiert das Autorenpaar als „Sorge vor Verlust des Arbeitsplatzes“ (S. 72). Insgesamt gehe das Verunsicherungsniveau seit Mitte der 2000er Jahre kontinuierlich zurück (S. 78). Besonderes Interesse komme der „mittleren Mitte“ zu, denn hier fielen sowohl der Anstieg der Verunsicherung als auch der Rückgang der Sorgen „im Vergleich zu den anderen Schichten am stärksten aus.“ (S. 81) „Dieser besondere Verlauf der Abstiegsängste der mittleren Mitte macht sie aus unserer Sicht zum »sensiblen Zentrum der Gesellschaft«. Ihre mittlere Ausstattung mit Bildungs- und ökonomischen Kapital führt dazu, dass sie kontinuierlich in ihren eigenen Status investieren muss. Dies macht sie sensibel für Veränderungen der ökonomischen Rahmenbedingungen. (…) Die mittlere Mitte ist damit wie ein Seismograph, der auf Veränderungen der ökonomischen Tektonik der deutschen Gesellschaft heftiger als andere Schichten reagiert.“ (a.a.O.) Was die Befunde für die „Stabilität der Gesellschaft“ bedeuten? – „Das hat die Forschung nicht klären können.“ (a.a.O.) Was nach Ansicht des Rezensenten auch an der eher eingeschränkten Perspektive (Abstiegssorgen = Verlust des Arbeitsplatzes) liegen könnte.

Ursula Dallinger steuert einen Beitrag mit dem Titel „Die unzufriedene Mitte und die politischen Folgen. Gerechtigkeitsperzeptionen und Wahlabsichten im Wandel“ bei (S. 85 – 105). Im Mittelpunkt stehen die Fragen, „ob die gesellschaftliche Mitte Ungleichheit zunehmend kritisch einschätzt, und ob die Gerechtigkeitsperzeptionen politisch folgenreich werden.“ (S. 86) Die Autorin hält fest, dass „die kritische Wahrnehmung der Einkommensverteilung [in den Mittelschichten tatsächlich, J.B.] stärker als in anderen Schichten [wuchs, J.B.]. Die Wahlabsichten wurden dadurch in heterogener Weise beeinflusst: Untere und obere Mitte suchen bei je unterschiedlichen Parteien die Lösung für ihre Unzufriedenheit.“ (S. 87)

Nach einem kursorischen Überblick zu den Konzepten der Sozialpolitikforschung und zu politischen Interessen der Mittelschichten kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass das Wahlverhalten der Mittelschicht in der Forschung bislang nicht schwerpunktmäßig bearbeitet wurde. Bekannt sei, dass einkommensschwache Haushalte bei verstärkter sozialer Ungleichheit nicht vermehrt linke bzw. umverteilungsfreundliche Parteien wählten, sondern eher mit Wahlenthaltung reagierten. Auch für die Mitte lasse sich nachzeichnen, dass „Abstiegsangst (…) linken Parteien oder Protestbewegungen keineswegs Unterstützer“ zuführe (S. 90). Im Gegenteil: „Die Befürchtung redistributive Politik schade der Ökonomie, lässt Bürger auch die Kürzung von Sozialleistungen unterstützen.“ Und: diese „neoliberalen Argumente“ fänden besonders in der Mittelschicht Zustimmung (S. 91).

Zugleich stellt die Autorin fest, dass ökonomische Erwägungen weniger stark in die Wahlentscheidungen eingingen: „Die Mittelschicht mag ihr politisches Verhalten daher eher an der kulturellen Dimension ausrichten und Parteien wählen, die Themen wie Ökologie oder Geschlechtergerechtigkeit besetzen.“ (a.a.O.) Die Detailanalyse auf Basis der ALLBUS-Daten zur Frage, ob mit „gestiegener Sensibilität für Ungleichheit in der Mitte der Gesellschaft auch die Wahl linker Parteien“ einhergehe, beantwortet die Autorin dahingehend, dass die „Perzeption ungerechter Einkommensunterschiede (…) in unterschiedlichen Segmenten der Mitte zu unterschiedlichem politischen Verhalten“ führe (S. 100). Im Ergebnis „legen die empirischen Befunde ein sehr differenziertes Urteil nahe.“ (S. 101)

3. Wertorientierungen und Normalitätskonstruktionen

„Von Generation zu Generation. Strategien des Statuserhalts im Kontext von Familien- und Berufsmentalitäten in der Mittelschicht“ ist der Titel des Beitrages von Miriam Schad und Nicole Burzan mit dem in das Feld Werte und Normen eingeführt werden soll (S. 109 – 123). Auch dieses Autorinnenpaar geht davon aus, dass es ‚die’ Mittelschicht nicht gebe und deshalb „bei der Analyse ›der‹ Mittelschicht differenziert werden“ müsse (S. 109). Im Mittelpunkt der Analyse, die auf zwei Fallbeispielen beruht, steht die Frage, mit „welchen Reaktionsmustern (…) Mittelschichtsangehörige auf etwaige Statusirritationen reagieren“. (S. 111) Die Fallanalyse wird mit dem Hinweis begründet, dass es bezogen auf Mittelschichtfamilien „keine eindeutigen empirischen Befunde zu den Ausprägungen der skizzierten Handlungsstrategien [gemeint sind: (a) Beharren und Festhalten; (b) inkrementalistisches Coping; (c) Neuorientierung] und ihren jeweiligen Einflussfaktoren gibt.“ (S. 113) Die Autorinnen bilanzieren, dass „unterschiedliche kulturelle Formen der familialen Praxis eine bedeutende Rolle für den Statuserhalt spielen.“ Die Autorinnen sprechen von einem „(eher auf nachfolgende Generationen gerichteten)›Unterstützungs-Narrativ‹“ [und einem, J.B.] „(tendenziell auf das von vorangegangenen Generationen Aufgebaute und gegebenenfalls auf die eigene Erwerbsbiographie bezogene)›Verantwortungs-Narrativ‹ [als mögliche, J.B.] Ausdrucksformen einer intergenerationalen Familienmentalität“ (S. 120). Darüberhinaus, wird deutlich, dass sie sich mit ihrer „empirischen Exploration“ in einem work-in-progress-Prozess befinden (a.a.O.).

Familienformen und die dazugehörigen Leitbilder nehmen die Autorinnen Christine Wimbauer, Julia Teschlade, Almut Peukert und Mona Motakef unter dem Titel „Paar- und Familienleitbilder der ›Mitte‹ zwischen Persistenz und Wandel. Eine paar- und heteronormativitätskritische Perspektive“ (S. 125 – 141) in den Blick. Die Autorinnen kommen zu dem Schluss, dass „sich das Verständnis dessen, wie Paarbeziehungen ausgestaltet sein sollen (etwa: geschlechterungleich oder egalitär) und was eine ›Familie‹ ist, sein kann und sein darf, seit dem ›goldenen Zeitalter von Ehe und Familie‹ [gemeint sind die später 1950er und 1960er Jahre, J.B.] teilweise erheblich geändert“ hätten (S. 136). Allerdings bleibe die Paarnormativität nach wie vor erhalten (insbesondere im Recht) und so erführen Menschen, „die sich nicht in die binäre Geschlechterordnung einordnen können oder möchten, (…) weiterhin rechtliche Hürden, alltägliche Diskriminierungen in der Arbeitswelt und auf dem Wohnungsmarkt, Unverständnis und verbale Bedrohungen bis hin zu körperlicher Gewalt.“ (a.a.O.) Im Ergebnis könnten „die Mittelschichten – bei aller begrifflichen Unklarheit – (…) als ambivalent bezeichnet werden: Sie sind Träger*innen und Bewahrer*innen überkommener Leitbilder und hegemonialer Vorstellungen und zugleich sind sie Quelle von Innovationen und zunächst ›abweichender‹ Lebensformen und Vorstellungen.“ (S. 137)

„Separat, but central? Distinktionspraktiken und Normalitätsanspruch der Mittelschicht in der medialen Repräsentation“ (S. 143 – 159) lautet der Titel des Artikels, den Marlon Barbehön, Marilena Geugjes und Michael Haus gemeinsam verantworten. Der Beitrag wählt eine „diskursanalytische Perspektive“, um die „Bedeutung und argumentative Inanspruchnahme der Kategorie Mittelschicht in der deutschen Medienöffentlichkeit [zu analysieren, J.B.], wobei [sich die Verfasser, J.B.] auf die Attribution von Wertorientierungen und Lebensstilen sowie die Thematisierung von Distinktionspraktiken konzentrieren.“ (S. 144) Im Ergebnis entsteht ein Bild, „in dem die Mittelschicht die Funktion eines »leeren Signifkanten« (Laclau 2005: 69-71) einnimmt. Sie ist etwas Besonderes und Allgemeines zugleich, sie zeichnet sich durch spezifische Werte und Lebensweisen aus, die zu allgemeinen Maßstäben für die Gesamtgesellschaft erhoben werden – seperate, but central.“ (a.a.O.) Die Autoren legen überzeugend dar, dass Mittelschicht „nicht nur Worthülse, sondern für Kommunikatonsprozesse von herausragender Bedeutung und Produktivität [ist, J.B.], da er von unterschiedlichen sozialen Kräften unterschiedlich ausgedeutet werden kann und damit in den verschiedensten Kontexten »Sinn« ergibt.“ (S. 147)

Je nach Intention lasse sich mit dem Begriff „die Gesellschaft als eine Einheit“ präsentieren oder „eine Auflösung von Einheit und Zusammenhalt“ thematisieren (a.a.O.). Die Autoren markieren mit dem

  • (a) Revolten-,
  • (b) dem Verunsicherungs-,
  • (c) dem Entdramatisierungsdiskurs und
  • (d) dem Entmythisierungsdiskurs

vier Arenen, in denen der Begriff Mittelschicht zum Diskursgegenstand wird (S. 148 f.). Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass „der mediale Diskurs (…) sich somit (wie kann es anders sein?) in der Mitte der in der sozialwissenschaftlichen Diskussion kursierenden Deutungsangebote zu bewegen [scheint, J.B.] sodass die gleichsam »radikalen« Varianten einer Revolte der Mittelschicht gegen oben und unten einerseits sowie einer Entlarvung der Mittelschicht als Ausdruck eines falschen Klassenbewusstseins andererseits keine vernehmbaren Stimmen darstellen.“ (S. 156)

4. Abgrenzungen und Ausschlüsse

Stephan Lessenich eröffnet den 4. Teil des Sammelbandes mit dem Artikel „Die ewige Mitte und das Gespenst der Abstiegsgesellschaft“ (S. 163 – 178) mit einem verbalen Paukenschlag. Für ihn sind „gesellschaftliche Veränderungs- und soziale Verlustängste, garniert mit gesellschaftspolitischen Verschwörungsphantasien (…) bis heute – und heute neuerlich in besonderem Maße – die politisch-soziale Grundkonstellation der Mitte.“ (S. 163) Deutschland eine Nation von Jammerlappen und mit einem Federstrich die (empirischen) Befunde, die sich aus den vorherigen Kapiteln ablesen lassen, beiseite gewischt! So ganz dann doch nicht, gleichwohl sticht der manifestartige Text durch zugespitzte Formulierungen heraus.

Inhaltlich beginnt der Autor mit einer historischen Rekonstruktion, die von Eisner ausgeht (S. 163: „Jedwedes Geschehnis ist ihm [gemeint ist der Mittelstand, J.B.] eine Teilerscheinung jener großen Verschwörung, die auf seine Untergang abzielt.“) und über Geiger und Schelsky bei Nachtweys endet, bei dem das Mitteschichtkonzept nun als „Gespenst des Abstiegs – auf dem Höhepunkt gesamtwirtschaftlichen Erfolgs des wiedervereinten Deutschland und vor dem Hintergrund der höchsten Gesamterwerbsquote aller demokratisch-kapitalistischen Zeiten“ durch den politischen Diskurs geistere (S. 167). Entdramatisierungsdiskurs at ist best – würden Barbehön et alwohl konstatieren oder doch eher eine 5. Kategorie einführen: den Dekonstruktionsdiskurs? Denn den nicht nur bei Nachtweys „zunehmend verbreiteten – leicht wehmütigen Blick zurück“ (S. 170) will Lessenich nicht teilen. Vielmehr beschreibt er den von den Interessen der Mittelschicht getragenen Kapitalismus als parasitär nach innen und außen.

Zudem beschreibe sich der „Charakter der »Mitte« als politisch-soziale Signalkategorie nicht nur des Ausgleichs und der Integration, sondern immer auch und ebenso sehr der Ausgrenzung und Schließung.“ Letzteres führe dazu, dass die „Mittelschichten und deren organischen Intellektuellen [sowohl, J.B.] auf der vertikalen Achse der Oben/Unten-Hierarchie wie auf der horizontalen des Innen/Außen-Verhältnisses (…) immer auch im Modus sozialer Abgrenzung und Abwertung, politischer Ausgemeindung und Exkommunikation“ operieren würden (S. 169). Der Autor kommt zu dem Schluss, dass „die Signatur unserer – mitteleuropäischen – Zeit (…) somit nicht das von den derzeit dominanten Deutungen suggerierte Aufbegehren der Abgehängten [sei, J.B.], die sich nämlich politisch kaum, oder doch öffentlich kaum wahrnehmbar, artikulieren. Die repräsentativen Sozialfiguren des gegenwärtigen Zeitgeistes sind nicht die prekären Unterschichten oder eine prekarisierte beziehungsweise der Prekarität ins Auge schauende »Mitte«. Womit wir es vielmehr zu tun haben, ist der »Aufstand der Etablierten« (Koppetsch 2017a), eine soziale Bewegung zur Verteidigung von als legitim erachteten und durch den Aufstieg von Außenseitern als gefährdet wahrgenommenen Vorrechten – eine Bewegung in der uneindeutigen und widersprüchlichen Form einer klassen-politischen Positionierungskonkurrenz zwischen den unteren und den oberen Mittelschichten.“ (S. 174)

Für Lessenich zeigt sich hierin ein „reaktiviertes Mittelstandssyndrom von Veränderungserfahrungen, Verlustängsten und Verschwörungsphantasien [, das uns, J.B.] in der Gestalt eines global-neoliberal angetriebenen, wohlstandschauvinistischen Sozialressentiments entgegen [tritt, und, J.B.] in dem sich die mehr oder weniger privilegierte »Mitte« getrennt-gemeinsam wiederfindet.“ Das klingt alles ergreifend – ein echtes Gesicht bekommt das Problem aber nicht. Wenn man bedenkt, dass der Autor die Mittelschicht selbst als „Mehrheitsgesellschaft“ (S. 167) quantifiziert und damit über über etwa 40 Millionen Menschen spricht, ist die Interessenanalyse selbst nämlich überraschend interessenshomogenen Ansatz geprägt.

„Kosmopolitische Heimat. Räumliche Selbstvergewisserung im Brennglas transnationaler Ungleichheitskonflikte“ betitelt Cornelia Koppetsch ihren Beitrag (S. 179 – 196), der bereits 12/2017 in ähnlicher Fassung auf Soziopolis erschienen ist. Heimat ist für die Autorin „kein Relikt der Vergangenheit. Die Idee, an einem spezifischen Ort verwurzelt zu sein, ist vielmehr eine moderne Vorstellung. Sie konnte sich nämlich erst entwickeln, als der Einzelne begann, nicht mehr selbstverständlich mit seinem Herkunftsort verwachsen zu sein.“ (S. 179) Dabei sei „der populäre Diskurs um die Heimat (…) zu einer wahren Selbstvergewisserungsindustrie“ geworden (S. 180).

Zwei Vorstellungen von Heimat prallten im Diskurs aufeinander:

  1. das auf Öffnung ausgelegte, mehrere Heimaten parallel denkende „kosmopolitische Selbstverständnis“ (a.a.O.) und
  2. das abgrenzende, enge, exklusive „Heimat-als-Schicksal-Modell“, bei dem es „nur ein einzige Heimat, die man sich nicht aussuchen kann“, gebe (S. 181 f.).

Diese Heimat könne durch Einmischung von außen bedroht werden (etwa durch die Verweigerung regionaler Selbstbestimmungsrechte) oder durch den realen Zuzug von Migrantinnen und Migranten. Die „Gefahr der ›Überfremdung‹ sollte hierbei aber nicht generell als Fremdenfeindlichkeit missverstanden“ werden. Denn es gehe „nicht primär um die Frage, wo fremde Menschen leben dürfen, sondern vor allem um die Befürchtung einer kulturellen Enteignung, einer gesellschaftlichen Ursurpation des eigenen Lebensraumes, und zwar durch die Kultur der Zugewanderten.“ (S. 182) Das von Thilo Sarrazin vorgelegte Pamphlet »Deutschland schafft sich ab« wird von der Autorin als „gutes Beispiel“ für diese Denkweise angeführt (a.a.O.). Zwischen diesen beiden Vorstellungen spiele sich ein Kampf um die Deutungshoheit im Land ab, hinter dem sich „nicht nur unterschiedliche Begriffe, sondern konkurrierende Gesellschafts- und Lebensauffassungen“ verbergen würden (a.a.O.). Die Autorin postuliert, dass die „Gegensätzlichkeit der beiden Heimatvorstellungen im Rahmen aktueller politischer Debatten oftmals übertrieben“ und beide Positionen von inneren Widersprüchen durchzogen seien (S. 183). Im Kern gehe es bei beiden Modellen „um kulturelle Selbstvergewisserung, soziale Exklusivität und Zugehörigkeit.“ Es werden sich „jeweils exklusive Lebensformen angeeignet“.

Diese Aneignung ist von unterschiedlichen „Schließungs- und Vergewisserungspraktiken“ bestimmt, die wiederum „mit unterschiedlichen sozialen Lagen in der transnationalen Topographie sozialer Klassen korrespondieren“. (a.a.O.) Im Folgenden wird die „gesellschaftliche Trägergruppe des kosmopolitischen Heimatkonzeptes“ dargestellt (S. 184). Dabei zeige sich, dass sich die „kosmopolitische Offenheit (…) in engen Grenzen“ bewege: „Offenheit kann man sich leisten, weil man über wirkungsvolle Grenzanlagen, über gentrifizierte Stadtteile, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über ökonomische Zugangsbeschränkungen in Form teurer Freizeiteinrichtungen und Clubs verfügt. Es sind vor allem die ökonomischen Privilegien, die wirkungsvolle Schutzräume gegenüber unteren Schichten und den Migranten darstellen. Gut situierte und gebildete Migranten werden von den einheimischen Kosmopoliten als unproblematisch empfunden, sozial schwache und geringqualifizierte Migranten hingegen kommen in den privilegierten Quartieren erst gar nicht vor. Deshalb werden sie von den Bewohnern der kulturell homogenen Milieus auch nicht als Konkurrenten um begehrte Güter, um gesellschaftliche Machtpositionen, Arbeitsplätze, Wohnraum, Sozialleistungen oder staatliche Zuschüsse wahrgenommen.“ (S. 189)

Die Beschreibung klingt stimmig und es soll auch gar nicht in Frage gestellt werden, dass sie für bestimmte Sozialräume und Milieus zutreffend ist. Nur werden hier tatsächlich Mehrheitsmilieus beschrieben? Und: Wie erklärt sich dann das Phänomen, dass etwa bei der Bundestagswahl 2017 die AfD dort besonders stark war wo wenige Ausländer/-innen wohnen (vgl. FAZ: www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schneller-schlau/deutschlandkarte-auslaenderanteil-vs-afd-waehler-infografik-15740830.html, Zugriff am 10. Juli 2019). Es drängt sich dem Rezensenten der Verdacht auf, dass es noch mehr Heimatkonzepte als die beiden benannten geben könnte, scheint doch eine breite Grauzone zwischen den beiden benannten Modellen zu liegen. Oder anders gewendet: Etwas mehr Empirie wer nun genau „das transnationale Oben“ und „das transnationale Unten“ darstellt (S. 192 f.), würde helfen, um die Phänomene besser einordnen zu können.

Silke von Dyk legt einen Beitrag mit dem Titel „Die Mitte und ihr Anderes. Flexibilisierte Randzonen des Sozialen in Zeiten des Rechtspopulismus“ vor (S. 197 – 216). Der Autorin will zeigen, „dass die im Kontext des Cultural Turn zu verortenden poststrukturalistischen, praxis- und diskurstheoretischen Analysen sehr wohl einen eigenen Beitrag zu den sozialstrukturellen und soziökonomischen Herausforderungen der Gegenwart (und damit zu Fragen von Ungleichheit und Herrschaft) zu leisten haben, auch wenn diese Fragen nicht unbedingt bevorzugter Analysegegenstand dieses theoretischen Feldes sind.“ Dabei geht es der Autorin weniger „um Spezifika einzelner Ansätze und Theoretiker*innen als darum, danach zu fragen, was eine poststrukturalistisch-diskurstheoretisch konturierte Programmatik zu einer Analyse der gesellschaftlichen Mitte in Zeiten flexibilisierter Randzonen des Sozialen einerseits und des erstarkenden Rechtspopulismus andererseits beitragen kann.“ (S. 198 f.) Dieses bezieht sie dann konkret auf die „vielschichtigen sozialen Erschütterungen der vormaligen fordistischen Schutz- und Normalitätszonen mit den ihnen eigenen machtvollen Produktionsbedingungen des Normalen, Natürlichen, Sicheren und Verlässlichen – und die sich derzeit politisch rechts artikulierenden sexistischen, rassistischen und chauvinistischen Versuche, über revitalisierte Ausschlüsse eine verloren geglaubte Normalität zu restaurieren.“ (S. 199) Im Ergebnis konstatiert von Dyk, dass „die gegenwärtige Rechtswende (…) nicht auf eine soziale Notwehr der sogenannten unteren Schichten verengt werden“ sollte (S. 211).

Uwe Schimank betitelt seinen Beitrag mit „Rechtspopulistische Mittelschichten als Gefährder gesellschaftlicher Ordnung. Eine theoretische Skizze“ (S. 217 – 239) und stellt in der Einleitung fest, dass Teile der Mittelschichten hierzulande „nicht länger Garanten, sondern Gefährder gesellschaftlicher Ordnung“ seien (S. 217). Die übliche (soziologische) Funktionszuschreibung stelle sich damit quasi von den Füßen auf den Kopf, auch wenn der selbstdefinierte Anspruch der Rechtspopulisten natürlich sei, „die »gute« gesellschaftliche Ordnung wiederher[zu]stellen.“ (S. 218) In seiner Analyse beschreibt der Autor „vier Fraktionen der Mittelschichten nach ihrer Ausstattung mit ökonomischem und kulturellem Kapital [, um so dann, J.B.] die Dynamiken, die sich aus der Konstellation, mithin den Wechselwirkungen dieser vier Fraktionen ergeben“ zu analysieren (S. 219). Im Ergebnis kommt er zu der Einschätzung, dass „Geigers »Panik im Mittelstand« (…) in der Tat zurückgekehrt zu sein [scheint, J.B.] – und das ist besorgniserregend, wenn man sich anschaut, wozu sie schon einmal geführt hat.“ (S. 233) Besorgniserregend, aber nicht hoffnungslos! Er setzt auf Kommunikation zur „Verständigungsorientierung (…) auf Grundlage wechselseitiger Wertschätzung und kommunikativer »Achtsamkeit«“. (S. 234) Schließlich seien auch „aus so manchen ähnlich verbohrten K-Gruppen-Doktrinären der späten 1970er Jahre (…) bekanntlich noch respektable demokratische Politiker geworden.“ (S. 235)

5. Befindlichkeiten und Handhabungen

„Klassen und Klassifikationen. Symbolische Grenzziehungen in der deutschen Ungleichheitsstruktur“ (S. 243 – 259) unter diesem Titel stellen Patrick Sachweh, Sarah Lenz und Debora Eicher die naheliegende Frage, wer eigentlich festlege, was soziale Ungleichheit sei (S. 243)? Zwei Zugänge, zum einen die „Außenperspektive“ (= objektiver Ansatz, indikatorenbasierte Sozialstrukturanalyse) und zum anderen die „Innenperspektive“ (= subjektiver Ansatz, Selbstwahrnehmung/Alltagsrealität), werden unterschieden (a.a.O.). „Auf der theoretischen Grundlage des Konzepts der symbolischen Grenzziehungen“ [bietet, J.B.] „der Artikel einen Überblick über die Formen der Identifikation und Abgrenzung in der oberen und unteren Mitte und den unteren Klassenlagen [sowie über, J.B.] die daraus resultierenden klassenspezifischen sozialen Selbstbilder“ (S. 255). Interessant ist der Hinweis auf die „sozialpsychologische Identitätstheorie“, weil durch sie verstehbar wird, dass „die rekonstruierten klassenspezifischen Selbstbilder (…) nicht nur die identitätsstiftende Rolle der Abgrenzung von anderen [spielen, J.B.], sondern (…), dass ebenjene Merkmale, die zur positiven Bestimmung des eigenen Selbst herangezogen werden, den anderen häufig abgesprochen werden.“ (S. 256)

Friederike Bahl schreibt „Über Proletariat und Abgrenzungspraktiken. Beobachtungen im unteren Dienstleistungssegment“ (S. 261 – 275). Die Autorin stellt sich die Frage, wie die „besondere Sensibilität der mittleren Mitte für Statusveränderungen zu erklären (…) und worauf (…) die vergleichsweise geringere Statusangst der Tätigen in den Routineservices zurückzuführen“ [sei, J.B.] (S. 262). Die zentralen Erkenntnisse zum „unteren Dienstleitungssegment“ fasst die Autorin wie folgt zusammen: „Verunsicherung beginnt in diesem Feld nicht damit, dass eine auf Aufstieg zielende Statusarbeit und Investitionsbereitschaft immer wieder auf (berufs-)biographische Blockaden stößt. Vielmehr beginnt sie damit, dass investive Praktiken im Dienste von Aufstiegsaspirationen ihre Anziehungskraft verloren haben. In Überlebensmodellen einer marktbezogenen Statusfatalität praktizieren die Beschäftigten Varianten der Gegenwartssicherung, die keineswegs einheitlich sind. Zwischen Schwarzarbeit zur Einkommenssteigerung, Sabotage bei erhöhter Arbeitsbelastung und findiger Selbstbescheidung im Konsumverhalten zeigen sich in ihnen immer aufs Neue die eigensinnigen Praktiken in diesem Teilbereich der Arbeitswelt und Sozialstruktur. (…) Der Traum vom Aufstieg in die gesellschaftliche Mitte hat unter den Angestellten der Routinedienstleistungen der Gegenwart sein Ende erreicht und soziale Mobilität wird unwahrscheinlich. (…) Die auf die Mitte zugespitzte Krisenrhetorik ist auf die Integration der Gesellschaft im Zentrum konzentriert. Wenn es in diesen Krisendiagnosen um die Ausweitung von Lebenschancen geht, muss sie auch die gesellschaftlichen Peripherien im Blick behalten.“ (S. 271 f.) Man kann es so oder mit Bertolt Brecht formulieren: „Denn die einen sind im Dunkeln – und die andern sind im Licht – und man siehet die im Lichte – die im Dunkeln sieht man nicht.“ (Dreigroschenoper, 1928)

„Wer bin ich oder wo bin ich? Identitätsarbeit Mittelschichtsangehöriger in Insolvenz“ ist der Titel des Beitrages von Patricia Pfeil, Marion Müller und Udo Dengel (S. 277 – 293). Erkenntnisinteresse und zenrale Schlußfolgerungen fassen das Autorenteam wie folgt zusammen: „Mit der grundlegenden Annahme einer Erschütterung der Identität als Folge der Notwendigkeit zur Privatinsolvenz stellt sich die Frage, wie Mittelschichtsangehörige mit der für sie neuen und zutiefst irritierenden Lebenssituation umgehen, wie sie diese Krise bewältigen und was sie unternehmen, um ihre Identität als Mittelschichtsangehörige zu erhalten. Im vorliegenden Beitrag wird anhand der Ergebnisse des Projekts »Identitätsarbeit unter Druck« dargelegt, dass überschuldete Mittelschichtsangehörige der Gefahr des sozialen Abstiegs durch Festhalten an dem, was sie als mittelschichtsrelevant erachten, begegnen und dadurch zugleich – implizit – Abgrenzungspraktiken nach ›unten‹ vollziehen.“ (S. 278)

Im Beitrag von Gunter Weidenhaus unter dem Titel „In der Welt sein. Zur Anverwandlung von Raum und Zeit der Mittelschichten“ (S. 295 – 310) wird im Anschluss an Max Weber „nach speziellen räumlichen und zeitlichen Orientierungen von Angehörigen der Mittelschichten“ gefragt (S. 295). Der Autor kommt zu dem Fazit, dass plausibel sei, „dass der kulturelle Planungsimperativ in großen Teilen der Mittelschichten weiterhin Gültigkeit beanspruchen kann und zur Linearität als dominanter geschichtlicher Konstitutionsform führt. Dieser Modus ist verbunden mit einer konzentrischen Lebensraumkonstitution, die mehrere Maßstabsebenen um ein Zuhause als Zentrum adressiert. Zumindest der Glaube an eine von der Gegenwart deutlich unterscheidbare biographische Zukunft scheint ungebrochen. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass einige Mittelschichtsangehörige darauf verzichten, sich diese veränderte Zukunft planend anzueignen. Eine genaue Analyse der Entstehungsbedingungen eines solchen netzwerkartig-episodischen Biographisierungsmodus steht noch aus.“ (S. 309)

6. Die Mitte der Gesellschaft – Eine Reprise zweiter Ordnung

Der Beitrag mit dem Titel „Die Mittelschicht-Bias der soziologischen Zeitdiagnostik“ von Oliver Dimbath schließt den Sammelband ab. Der Autor formuliert eine „dreifache Mittelschicht-Bias“, die er wie folgt charakterisiert:

„Erstens entstammen tatsächlich nicht nur die Soziologen, sondern viele Forscher den Milieus der Mittelschicht. Zweitens ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass soziologische Zeitdiagnosen in erster Linie Probleme der Mittelschicht untersuchen und dabei andere soziale Gruppen übersehen. Und drittens bedient das Genre der Zeitdiagnostik Massenmedien des Bürgertums, also den Qualitätsjournalismus (Feuilleton) sowie den Sachbuchmarkt, und wird von anderen Milieus, die die hier vorgebrachten Argumente vielleicht für ihre Interessen einsetzen könnten, aufgrund anderer Praktiken der Mediennutzung gar nicht wahrgenommen.“ (S. 314)

Der Autor fragt sich ob diese blinden Flecken bzw. Verzerrungen Ansatzpunkte für den „Verdacht einer sozialwissenschaftlichen Ideologisierung gesellschaftlicher Zustände“ liefern (a.a.O.). Im Fazit kommt er zu dem Schluss, dass die genannten Bias vorlägen, allerdings müsse aufgrund der Tatsache, dass Deutschland nach wie vor eine Mittelschichtsgesellschaft sei, ebenso konstatiert werden, dass durch die „zeitgenössischen Argumente [durchaus, J.B.] weite Teile der Bevölkerung (…) gut adressiert wie repräsentiert“ würden (S. 327). Zutreffend sei aber auch, dass bislang offen bliebe, „welchen Weg beispielsweise eine öffentliche Soziologie gehen müsste, um Unterschichten zu erreichen, falls diese durch Prozesse der Unterschichtung zu einer für Zeitdiagnosen relevanten Größe heranwachsen.“ (a.a.O.)

Diskussion

Der Band beinhaltet eine Vielzahl von Beiträgen, die alle eine unterschiedliche Perspektive auf das Thema werfen. Er spannt einen weiten Bogen von der Kapitalismuskritik im Allgemeinen bis hin zur Lebenslage spezifischer Gruppen im Besonderen. Warum die Herausgeberinnen dabei die Mitte zur „Kampfzone“ deklariert haben, erschließt sich dem Rezensenten nicht wirklich, zeigen die Beiträge doch, dass die Prozesse in der Mittelschicht sehr differenziert analysiert werden müssen und häufig eher ein Nebeneinander, denn ein Gegeneinander von Konfliktmustern wahrscheinlich erscheint. So wird mehr als deutlich, dass es ‚die’ Mittelschicht als homogene Einheit nicht gibt. Aber das war nun auch nicht ernsthaft als Ergebnis zu erwarten. Bei dem ein oder anderen Artikel überrascht auch das Ergebnis wenig, weil der Bezugspunkt unglücklich gewählt scheint: So mag es den/die Leser/-in schon verwundern, wenn die Zustimmung zur SPD als Indikator für eine politische Linksorientierung in Zeiten wachsender sozialer Ungleichheit ausgewählt wird, wird doch die SPD von vielen Wählerinnen und Wähler aufgrund der Agenda 2010-Politik geradezu als Verursacherin der subjektiv wahrgenommenen bzw. objektiv messbaren sozialen Ungleichheit gesehen. Warum sollten die Menschen diese Partei also verstärkt wählen? Aber das sind Randnotizen.

Generell zeigt sich in nahezu allen Beiträgen die Schwäche des Mittelschichts-Begriffs als analytische Kategorie. Denn der Begriff der Mittelschicht ist offensichtlich so deutungsoffen, dass er nahezu jedem Verwertungskontext zugeführt werden kann (vgl. den Beitrag von Barbehön, Geugjes, Haus in diesem Band), weshalb vermutlich auch nahezu jeder Beitrag mit der Einschätzung endet, der untersuchte Gegenstand müsse differenziert betrachten werden und es gebe solche, aber eben auch ganz gegensätzliche Erscheinungsformen, Muster, Deutungen, Entwicklungen etc. So dient die „Mittelschicht als Vehikel für gesellschaftsdiagnostische Aussagen“ jedweder Art (Barbehön et al, S. 148). Letztlich muss der/die Leser/-in selbst entscheiden, ob die thematische Vielfalt vor diesem Hintergrund für sie/ihn Stärke oder Schwäche des Bandes sein soll.

Fazit

Dieses Buch wird einen Kreis interessierter Leserinnen und Leser finden und hat ihn auch verdient. Es bietet eine anregende Lektüre auch und gerade in den Fällen, in denen sich der Rezensent eine etwas andere Fokussierung der systematischen Fragestellung gewünscht hätte. Dem Band mangelt es an Beiträgen zur Frage, wie Politik, Gesellschaft und intermediäre Organisationen auf die skizzierten Herausforderungen reagieren können. Insofern ist er für Praktikerinnen und Praktiker im Sozialwesen weniger als Anleitung für die Erweiterung beruflicher Praxis geeignet, als Inspiration zur Überprüfung eigener Deutungs- und Erklärungsmuster trägt er gleichwohl.


Rezensent
Prof. Dr. Jürgen Boeckh
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Studiengang Soziale Arbeit
Fachgebiet: Sozialpolitik
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Zitiervorschlag
Jürgen Boeckh. Rezension vom 29.07.2019 zu: Nadine M. Schöneck-Voß, Sabine Ritter (Hrsg.): Die Mitte als Kampfzone. Wertorientierungen und Abgrenzungspraktiken der Mittelschichten. transcript (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-8376-4034-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25377.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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