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Christoph Menke: Autonomie und Befreiung

Cover Christoph Menke: Autonomie und Befreiung. Studien zu Hegel. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. 215 Seiten. ISBN 978-3-518-29866-4. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.

Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 2266.
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Thema

Die Philosophie von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) gehört sicher zu dem Anspruchsvollsten und Herausforderndsten, was in der Geschichte der Philosophie bisher aufgetreten ist. Dies liegt nicht nur an der Schwierigkeit der Sprache, sondern primär daran, dass Hegel etwas für uns Ungeheureres denkt. Der deutsche Idealist Hegel denkt nicht wie in der Gegenwart üblich, dass der Mensch einer Welt gegenübersteht, die für ihn ein Objekt, d.h. ein Gegenstand ist. Mensch und Welt gehören für Hegel zusammen. Die Geschichte dieses Ganzen wird von Hegel erzählt, d.h. begrifflich dargelegt, damit sie begreifbar wird. Dabei reflektiert er immer, dass wir als Menschen keinen Überblick über dieses Ganze haben können, sondern dass wir immer mittendrin sind.

Das Ganze ist nicht nur eine Seinsmasse (Zusammenspiel von materiellen Teilchen), sondern unser Wissen und Tun, das heißt unser Bezug auf das Sein ist maßgebliches Element des Ganzen. In seiner Schrift über „Autonomie und Befreiung“ geht Christoph Menke der auf das Tun bezogenen Frage nach, wie aus der Natur ein Wesen entstehen kann, das frei ist. Nach Menke ist dies nur durch Befreiung möglich.

Der Mensch befreit sich, indem er sich eine zweite Natur schafft. Zweite Natur, das sind Institutionen, aber auch Zeichen oder Symbole. Ihr Kennzeichen ist die Äußerlichkeit. Die Institutionen, Bürokratien, die Wirtschaft, Sprachen laufen nach eigenen Gesetzen. Es sind nicht die Gesetze des Geistes. Der Aktienkurs folgt einer Logik, die nicht subjektiv geistiger Natur ist. Eine tote Mechanik, gleich einem Naturgesetz liegt hier zugrunde.

Der Mensch, der sich befreit, gerät dabei in eine Unfreiheit. Der Schüler, der sich in Freiheit bilden soll, gerät in die geisttötende Maschinerie des Schulbetriebs. Menke zeigt, dass dies für Hegel ein notwendiger Durchgang ist, um wirklich frei zu werden. Ohne die Quälereien der Endlichkeit gibt es keine Freiheit.

Über Hegel hinausgehend will Menke zeigen, dass das Endliche an sich begrüßenswert ist: „Sie (die Negation oder die Kritik, A. S.) befreit aber das Subjekt nicht nur von der Äußerlichkeit, sondern sie befreit es dazu, die Äußerlichkeit zu bejahen (S. 212)“. Letztlich geht es um einen Frieden mit der Welt in ihrer endlichen Manifestation angesichts dessen, dass der Durchgang durch sie unser einziger Weg ist, um uns zu befreien.

Autor

Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er wird als wichtiger Vertreter der dritten Generation der Frankfurter Schule (Adorno, Horkheimer u.a. begründeten diese) angesehen. Bekannt geworden ist Menke auch mit Arbeiten zur Rechtsphilosophie und zur Ästhetik.

Aufbau

Das Buch besteht aus sechs Einzeltexten, die Menke im Rahmen seiner Tätigkeit am Frankfurter Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ verfasst hat. Im Einzelnen handelt es sich um die folgenden Beiträge:

  1. Autonomie und Befreiung
  2. Freiheit und Gesellschaft. Die Dialektik der Bildung
  3. Geist und Leben. Von der Phänomenologie zur Genealogie.
  4. Zweite Natur. Der schwerste Punkt.
  5. Setzen von Sein. Vom Zeichen zum Werk.
  6. Ja und Nein. Die Negativität der Dialektik.

Inhalt

Der erste Aufsatz arbeitet das Paradox (Widerspruch) heraus, dass Autonomie (aus αὐτός (autós) = ‚selbst‘ und νόμος (nómos) = ‚Gesetz‘) nur möglich ist, wenn bereits am Anfang des Prozesses ein eigenes Gesetz vorliegt. Damit stellt sich die Frage nach dem anfänglichen oder natürlichen Gesetz des Menschen. Der gesetzliche Zustand ist aber bereits kein natürlicher Zustand (erste Natur) mehr, sondern zweite Natur (das Soziale, Institutionen). Damit ist der Anfang eigentlich gesetzlos und somit unbegründet. Menke bearbeitet die Paradoxie, indem er statt des Begriffes der Autonomie den Begriff der Befreiung ins Zentrum stellt. Durch den Akt der Befreiung (Negativität) wird der rechtliche Raum bzw. der Raum der Gründe eröffnet. Der Anfang muss sich nicht auf ein ursprüngliches Gesetz beziehen, sondern ist als Kraft der Negativität der „…Grund der Gründe“ (50).

Im zweiten Aufsatz vertieft Menke die Thematik des ersten Aufsatzes. Bildung beinhaltet eine Dialektik. D.h., Bildung ist immer mit dem Zwang verbunden, dass der Mensch sich eine zweite Natur geben muss. Diese beinhaltet Entfremdung, Versachlichung und Mechanisierung. Der Mensch kann nicht er selbst sein. Immer ist da ein anderes, das ihn beschränkt oder seine Verwirklichung verhindert. Aber ohne dieses Andere wäre keine Befreiung möglich. Der Mensch kann nur durch eine Abstoßung von der Natur, d.h. durch Kultur, Institutionen und Sprache er selbst werden. Die Einheit, die Vermittlung oder die vollständige Aneignung des Anderen, d.h. der sozialen Wirklichkeit, steht aus. Damit ist eigentlich Leiden programmiert. Menke sieht den Ausweg wiederum in einem Perspektivwechsel: Freiheit gibt es nur im Werden, d.h. als Befreiung. Letztere beinhaltet die Auseinandersetzung mit dem Anderen, d.h. mit der zweiten Natur. Menke fasst zusammen: „Die Befreiung steht immer noch aus und kommt daher immer zu spät“ (81).

Im dritten Aufsatz unterschreit Menke Phänomenologie und Genealogie. Erstere betrachtet Momente des Ganzen und zeigt ihre Begrenztheit. Beispielsweise lässt sich Leben nicht wirklich aus sich selbst verstehen, da der Begriff von einem Wesen gebildet wird, das nicht nur lebt, sondern vom Leben sprechen kann. Das Konzept des Lebens ist also nicht tauglich, das Ganze zu erfassen. Hierzu müssen weitere Konzepte wie Selbstbewusstsein oder Geist hinzukommen.

Die Genealogie fragt nach der Genese. Wie entsteht aus der Natur der Geist? Menke argumentiert in diesem Zusammenhang gegen die Teleologie, die davon ausgeht, dass es eine kontinuierliche Entwicklung von der Natur zum Geist gibt. Der Natur ist dabei von Anfang an das Potenzial eingeschrieben, Geist zu werden. Dieser Auffassung setzt Menke die Gegenteleologie entgegen. Der Geist ist das der Natur gegenüber Andere. Der Geist überschreitet die Natur nicht in einem einfachen evolutionären Wachstumsprozess, sondern durch die Kraft der Negation. Dabei entsteht eine der Natur äußerliche Macht, das Soziale, das wie die Natur bestimmend wirkt. Die Freiheit entsteht indirekt über eine neue Form der Bestimmung (Bestimmung durch soziale Kräfte), die zweite Natur. Diese kann nie abgeschüttelt werden. Der Geist ist gerade dadurch, dass er verstrickt bleibt, in etwas, was er nicht abschließend begreift bzw. über das er nicht verfügen kann (116). Wiederum erscheint die Befreiung als Werden das letzte Wort zu sein.

Im vierten Aufsatz vertieft Menke nochmals die Gedanken zur zweiten Natur. Dabei wird der Begriff der Gewohnheit genauer dargelegt. Noch stärker treten genuin Hegelsche Konzepte hervor, wenn Menke den endlichen und unendlichen Geist behandelt. Der endliche Geist ist begrenzt und kann den Mechanismus der Institutionen, der Kulturen oder der Sprache nicht als ursprünglich geistig begreifen. Der absolute Geist überschreitet diese Begrenztheit und führt die Entäußerung, die durch die zweite Natur vorliegt (z.B. Politik, Banken, Kriege) zurück auf den Geist selbst. Letztlich ist der Geist immer bei sich, dies erkennt er jedoch erst am Ende. Menke stellt sich kritisch zu dieser Hegelschen Auffassung, die die Vollendung für das Optimum hält, und setzt ihr entgegen: „…die Vollendung ist die Verfehlung, die gerettet worden ist“ (148).

Der fünfte Aufsatz thematisiert das Kunstwerk. Das Kunstwerk im Rahmen einer symbolischen Kunst schafft, so Menke in Anlehnung an Hegel, eine falsche Synthese. Das Symbol ähnelt in gewisser Weise der Natur. Ein gezeichneter schwarzer Mann symbolisiert einen tatsächlichen schwarzen Mann. Damit wird die Dimension der Sprache erneut naturalisiert. Indem das Symbol der ersten Natur sehr ähnlich ist, entsteht der Schein, dass die Entfremdung zurückgenommen werden kann. Erst das Zeichen „schwarzer Mann“, das keine Ähnlichkeit mit dem schwarzen Mann mehr hat, verdeutlicht den Charakter des Zeichens oder der Sprache als zweiter Natur. Eine rückwärtsgerichtete Einheit ist nicht mehr möglich. Der Bruch ist da! Der Mensch bleibt eingespannt zwischen dem Mechanismus der Zeichen und seiner Natur. Hegels Lösung geht nach vorne: Hegel anerkennt das Zeichen als Zeichen. Die Entfremdung wird angenommen. Aber das Zeichen wird nach Hegel neu angeeignet und in einem höheren Sinne als geistig aufgehoben. Dem stellt Menke die Materialität des Zeichens entgegen. Oder anders: Menke lobt „…die Schönheit des Buchstabens in seiner geistverlassenen Materialität“ (177).

Der sechste Aufsatz dient abschließend der Positionierung bzw. Selbsteinordnung von Menkes Position in Bezug auf Adorno und Badiou. Hegels Position als Affirmation (Bejahung) des Selben wird erneut dargelegt. Die Entäußerung oder zweite Natur ist für Hegel nur vordergründig das Andere. Am Ende wird alles in das Selbe integriert. Was vom Ursprung her (z.B. das Zeichen) ein Produkt des menschlichen Geistes ist, muss auch am Ende als ein solches Produkt erkannt werden. Die geistlose Materialität, die Undurchschaubarkeit der inneren Logik des Äußeren, wird am Ende aufgehoben. Rückwirkend wird alles sanktioniert oder geheilt. Alles ist am Ende gut! Mit Adorno und Badiou hält Menke an der Unabschließbarkeit des Ganzen fest. Befreiung bleibt ein Prozess, ein Werden, und wird nie Freiheit als abgeschlossenes und bleibendes Sein. Da Badiou die reine Affirmation (Bejahung) gegenüber dem Anderen des Subjekts als entscheidend und konstitutiv ansieht, kann Menke, der Vertreter der kritischen Theorie, diese Position nicht teilen. Menke schließt sich somit Adorno an, der die Negation als nötig ansieht, damit überhaupt Möglichkeiten für den Menschen sichtbar werden. Wer ganz am Gegebenen klebt, kann sich auch nicht vorstellen, dass sich etwas ändern kann. Die Kritik oder Negation ist notwendig, um zu begreifen, dass sich etwas ändern kann. Die Rettung bleibt jedoch aus. Gerade dies, dass es nicht perfekt werden kann, ist es aber, was den Menschen in Gang hält und ihn auf Dauer zu einem macht, der sich befreit und nicht glaubt, bereits frei zu sein.

Diskussion

Menke zeigt Hegels Position als Kontrastfolie, um sein eigenes Denken hervorzuheben. Dabei entwickelt Menke seine Gedanken nicht systematisch, sondern lässt sie eher in Form einer Negation aus Hegels Konzept entstehen. Für Menke ist die Negation von zentraler Bedeutung. Zuerst muss der Mensch sich befreien, d.h. abstoßen von etwas Vorgegebenen. Konkrete Beispiele sind hierbei der Sklave oder die Bildung. So muss der Sklave seine Befreiung erringen, indem sich gegen die determinierende Kraft seines Herren auflehnt. Sein Potenzial entsteht dabei nicht einfach aus der Natur, sondern durch die Sozialisation in ein bereits bestehendes soziales Gefüge. Ähnlich erlangt der Mensch Bildung nicht durch einfache Kultivierung seiner Potenziale, sondern durch die krasse Konfrontation mit einem Anderen, z.B. der Mechanik des Schulsystems. Nach dem Abstoß von der Natur ergeben sich weiterführende Ziele. Niemand will gegen seine Natur lebenslang in einem geistlosen Schulsystem verbleiben. Mit Hegel lässt sich der geistlose Zustand einer früheren Zeit jedoch nachträglich absegnen, da er notwendig war, um ans Ziel zu kommen (z.B. den freien und gebildeten Zustand). Dem setzt Menke das Konzept entgegen, dass das Ziel bereits der Prozess ist und dass die Negativität nicht aufhebbar ist. Menschliches Leben findet seine richtige Gestalt, in der bleibenden Spannung zwischen dem, was sein kann und dem, was real ist. Ohne den Blick auf die Wahrheit oder das Rettende würde es verflachen und zur Tierheit zurückfallen.

Menkes Konzept reformuliert Hegels Theorien zeitgemäß im Anschluss an Adorno. Es gilt die Endlichkeit anzuerkennen, ja sie sogar zu genießen!

Fazit

Insgesamt ein sprachlich brillantes Buch. Für alle, die mit Hegels Position in Ansätzen vertraut sind, bildet es eine wunderbare Möglichkeit, ihr Verständnis der Hegelschen Philosophie zu vertiefen. Gleichzeitig zeigt es, wie man Hegel für die Gegenwart nutzen kann – also im Sinne einer umfassenden Anerkennung des Endlichen bei gleichzeitiger Betonung der Notwendigkeit einer Spannung, die sich aus der Konfrontation mit Idealen ergibt.

Für pädagogische Berufe ist das Buch lesenswert, weil es auch eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Bildung enthält und den Gedanken hochhält, dass der Weg der Bildung durchaus ein mühsamer sein kann (zweite Natur).


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 17.06.2019 zu: Christoph Menke: Autonomie und Befreiung. Studien zu Hegel. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-518-29866-4. Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 2266.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25384.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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