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Turrell Sheri L., Bell Mary: ACT for Adolescent

Cover Turrell Sheri L., Bell Mary: Treating Teens and Adolescents in Individual and Group Therapy. New Harbinger Publications (Oakland, CA 94609) 2016. 296 Seiten. ISBN 978-1-62625-357-5. 46,10 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Akzeptanz- und Commitment Therapie (ACT) nach Hayes (2004) wird zu den psychotherapeutischen Verfahren der sogenannten „dritten Welle“ der Verhaltenstherapie gezählt. Grundlage der ACT ist die Bezugsrahmentherapie (BRT) nach Hayes und Kollegen (2001). Diese geht davon aus, dass Sprache Menschen dazu bringt, in schmerzhaften psychischen Erlebnissen zu verharren, was zu verstärktem psychischem Leid führt. Sprache sei Grundlage und Auslöser von (unangemessenem) antizipierendem Vermeidungsverhalten, psychischer Inflexibilität und somit der meisten psychischen Erkrankungen. Ziel der ACT ist eine größere Flexibilität. Diese soll durch den Einsatz von Metaphern, Paradoxien und erlebnisorientierten Übungen erreicht werden. Die Grundidee hierbei ist im Gegensatz zu anderen (verhaltens-) therapeutischen Ansätzen, dass es zentral um die Verbesserung der eigenen Lebensweise geht, statt um ein besseres Gefühl. Eine verbesserte Lebensweise „(…) kann bedeuten, dass Sie sich dann auch besser fühlen, muss es aber nicht. Manchmal bedeutet besser zu leben, dass man Schmerz spüren muss“ (Luoma et al., 2007, S. 16). Hayes und Kollegen beschreiben mit dem „Hexaflex-Modell“, wie psychische Störungen nach ACT-Verständnis entstehen, aufrechterhalten werden und therapeutisch behandelt werden können (2004). Im Bereich der Behandlung von Erwachsenen ist die noch junge ACT bereits relativ weit verbreitet, während es für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen bislang noch kaum entsprechende Publikationen gibt. Eine sehr gute Übersicht liefern Greco und Hayes (2011, vgl. die Rezension https://www.socialnet.de/rezensionen/13261.php). Die Evidenzlage sieht hier ähnlich aus: So gibt es bereits umfassende Studien für die Behandlung von Erwachsenen, allerdings bislang noch kaum Forschung im Bereich der Behandlung von Kindern oder Jugendlichen. O´Brien und Kolleginnen [1] weisen jedoch darauf hin, dass die konzeptuelle und empirische Forschung darauf hindeutet, „(…) dass ACT in einer entwicklungspsychologisch geeigneten und wirksamen Weise für Kinder angepasst werden kann“ (2011, S. 29). Aufgrund des erlebnisorientierten Vorgehens eigne sich diese Therapieformen sogar besonders gut für Kinder und Jugendliche. Erste wissenschaftliche Untersuchungen scheinen dies zu bestätigen (Murrell & Scherbarth, 2006).

Autoren

  • Sheri L. Turrell, PhD. ist promovierte klinische Psychologin. Sie arbeitet als verantwortliche Therapeutin und Prüfärztin im Team mit Mary Bell an Studien für gruppentherapeutische Ansätze in der ACT. Sie entwickelt zudem eine mobile ACT-App für Jugendliche.
  • Mary Bell ist Sozialarbeiterin mit über 20 Jahren Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen und deren Eltern.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil werden auf knapp 30 Seiten die Grundlagen der ACT dargestellt, Teil Zwei bietet dann ein Manual zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen, das sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting angewendet werden kann. Zudem wird ein Downloadlink geliefert, unter dem diverse Arbeitsmaterialien und Audiodateien heruntergeladen werden können.

Teil Eins – ACT Basics

Hier wird die Akzeptanz- und Commitment Therapie zusammenfassend erläutert. Die Autorinnen verweisen auf die englischsprachige Originalliteratur, die insbesondere auf die Behandlung von Erwachsenen ausgerichtet ist. Des Weiteren führen sie in ACT-spezifische Begrifflichkeiten und Vorgehensweisen ein. So wird beispielsweise der Begriff des „Funktionalen Kontextualismus“ erläutert, einer philosophischen Entwicklung von Hayes und Kollegen, welche die Basis der ACT darstellt. Weitere grundlegende Punkte die behandelt werden sind die angewandte Verhaltensanalyse (im ACT-Sinn), regelgeleitetes Verhalten und die zusammenfassende Darstellung der Bezugsrahmentheorie (BRT), sowie eine Erläuterung darüber, wie diese in die klinische Arbeit übertragen werden kann. Dann wird das „Hexaflex-Modell“ nach Hayes mit den daraus resultierenden Prozellen dargestellt. Hierbei handelt es sich um:

  • Defusion (kognitives „Entschmelzen“ von Gedanken und Gefühlen)
  • Akzeptanz (eigenen Erlebens)
  • Achtsamkeit
  • Selbst-als-Kontext (s.u.)
  • Werte (im Gegensatz zu konkreten Zielen, s.u.)
  • Commitment (Bereitschaft, Unangenehmes im Sinne werteorientierten Handelns zu erleben)

Abschließend wird eine neuere Therapietechnik der ACT, die Arbeit mit der „Matrix“ nach Polk und Schoendorff (2014) erläutert. Diese stellt auch die zentrale Vorgehensweise im folgenden Manual dar.

Teil Zwei – Die Sitzungen

Der knapp 200-seitige zweite Teil des Buches umfasst dann die zehn Sitzungen für die Behandlung von Jugendlichen. In jedem Kapitel wird zunächst die Vorgehensweise in der Einzeltherapie dargestellt. Die jeweils notwendigen Anpassungen für die Arbeit mit Gruppen erfolgt dann immer zum Ende des jeweiligen Kapitels. Die Autorinnen machen deutlich, dass das therapeutische Konzept störungsübergreifend angewendet werden kann. Auch im Gruppensetting, das eher im Rahmen geschlossener Gruppen durchgeführt werden sollte, können heterogene Störungsbilder gemeinsam behandelt werden. Die jeweiligen Vorgehensweisen werden anhand entsprechend unterschiedlicher Fallbeispiele veranschaulicht. Das grundlegende Vorgehen orientiert sich an neueren Entwicklungen der ACT und gliedert sich wie folgt:

  • Sitzung 1: Das „Assessment“

Diese erste Sitzung findet immer im Einzelsetting statt. Hierbei handelt es sich im Grunde um ein psychotherapeutisches Erstgespräch, das jedoch unter ACT-spezifischen Aspekten durchgeführt wird und auch gegebenenfalls zur Rekrutierung für die Gruppentherapie genutzt wird.

  • Sitzung 2: „Kreative Hoffnungslosigkeit“

Bei „kreativer Hoffnungslosigkeit“ handelt es sich um ein klassisches ACT-Konzept. Hier soll zunächst der therapietypische Impuls, im Rahmen der Behandlung so etwas wie „Heilung“ zu erfahren, aufgegriffen werden. Ziel ist es, ein werteorientiertes Leben ohne Vermeidungsverhalten zu leben, statt sich in Kämpfen gegen das eigene Erleben zu verstricken.

  • Sitzung 3: Werte identifizieren

Während die Wertearbeit in den ursprünglichen ACT-Konzepten erst relativ spät im therapeutischen Ablauf zum Tragen kam (vgl. Louma et al., 2007), wird sie hier bereits früh eingeführt. Es werden die individuellen Werte der Patienten im Hinblick auf für sie relevante Lebensbereiche herausgearbeitet.

  • Sitzung 4: Ziele setzen – Werte zu Taten werden lassen

Im Gegensatz zu den grundsätzlich wichtigen Werten werden hier nun konkrete Ziele erarbeitet. Dies sind zunächst kurzfristig (z.B. bis zur nächsten Sitzung) definiert und werden im Verlaufe der Behandlung auch längerfristig ausgearbeitet. So könnte eine Jugendliche sich beispielsweise vornehmen, trotz ihrer sozialen Phobie wieder zur Schule zu gehen (Ziel), da ihr ihre eigene Bildung wichtig ist (Wert).

  • Sitzung 5: Bereitschaft und Gefühle zulassen

Hier wird das „A“ der ACT – die Akzeptanz – gefördert. Diese ist erforderlich, um die zuvor erarbeiteten Ziele tatsächlich umzusetzen. Zentral ist die hier vorgestellte „LLAMA-Technik“ mit den Schritten „Labeln“ (Benennen), Loslassen, Annehmen, „Mindfulness“ (Achtsamkeit) und Angehen, was wichtig ist.

  • Sitzung 6: Defusion von Gedanken

Fusion ist ein zentrales Konzept in der ACT das beschreibt, wie Menschen sich mit ihren Gedanken (z.B. „Ich bin ein Versager!“) identifizieren. Ziel der hier vorgestellten Übungen ist, Derartiges zu erkennen und sich davon zu distanzieren.

  • Sitzung 7: Defusion von „Story“

Bei der „Story“ handelt es sich im Prinzip um Grundüberzeugungen oder Schemata, die jeder Mensch von sich hat. Auch hier gilt es, diese zu erkennen und sich im Handeln nicht davon leiten zu lassen.

  • Sitzung 8: Selbst-als-Kontext

Ein weiteres ACT-typisches Konzept. Es wurde dem Zen-Buddhismus entnommen und wird dort auch als „transzendentes Selbstempfinden“ beschrieben. Die entsprechenden Übungen kommen immer dann zum Einsatz, wenn das Haften an einem „Konzept-Selbst“ die Fähigkeit des Patienten beeinträchtigt, erforderliche Veränderungen herbeizuführen.

  • Sitzung 9: Selbstfürsorge

Die Inhalte dieser Sitzung finden sich normalerweise nicht in ACT-Konzepten wieder, sondern werden eher in der Compassion-Focused Therapy (CFT) nach Gilbert (2013) vertieft. Die Patientinnen lernen hier, einen mitfühlenden Umgang mit sich selbst und der eigenen „Story“ zu entwickeln.

  • Sitzung 10: Alles zusammenbringen

In der abschließenden Sitzung werden dann sämtliche Themen noch mal zusammengefasst. Hier liefern die Autorinnen auch noch konkrete Anregungen zum Beenden des therapeutischen Kontaktes im Einzel- und Gruppensetting.

Diskussion

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um das erste publizierte Manual für die ACT-Therapie mit Jugendlichen. Es liegt bislang leider lediglich in der englischsprachigen Originalversion vor. Diese ist jedoch absolut lesenswert und hervorragend geschrieben. Der erste Teil fasst die Grundlagen der ACT übersichtlich zusammen, kann jedoch die Lektüre der entsprechenden Originalliteratur nicht ersetzen. Um die Inhalte adäquat umzusetzen, empfiehlt sich zudem unbedingt eine abgeschlossene Ausbildung in einem Richtlinienpsychotherapieverfahren, vorzugsweise der Verhaltenstherapie. Zudem sollte eine therapiebegleitende Supervision oder Intervision gewährleistet sein, da viele ACT-Techniken durchaus einen provokativen Charakter aufweisen (z.B. die oben beschriebene „Kreative Hoffnungslosigkeit“), die zu starken emotionalen Reaktionen auf Patientenseite führen können.

Das Manual ist bislang noch nicht evaluiert worden, zumindest werden im Buch und auch online keine entsprechenden Studien zitiert. Dennoch hat es in meinem klinischen Alltag bereits den Praxistest bestanden: Ich habe es mit einem befreundeten Kinder- und Jugendpsychiater in einer Gruppe und auch im Einzelsetting mit einer Patientin komplett bearbeitet. Hierbei wurde deutlich, dass die Autorinnen offensichtlich über umfassende Praxiserfahrungen verfügen. Der Aufbau ist schlüssig und insbesondere das frühe Einführen der Wertearbeit und die abschließende Arbeit in Selbstfürsorge sind als besonders gelungen hervorzuheben. Die frühe Wertearbeit erhöht die Motivation der Patienten deutlich, da sie erfahren, wofür sich die herausfordernde therapeutische Arbeit lohnen kann. Allerdings ist die konkrete Umsetzung der Wertearbeit an anderer Stelle besser gelungen. So fehlt beispielsweise der häufig verwendete Werte-Kompass, wie er beispielsweise bei Wengenroth (2017, vgl. die Rezension unter https://www.socialnet.de/rezensionen/23152.php) oder bei Eifert (2016) vorgestellt wird. Die Arbeit an der Selbstfürsorge greift ein typisches Problem von Jugendlichen – deren häufig niedrigen Selbstwert – auf und führt die Therapie zu einem versöhnlichen Ende.

Insgesamt liefern die Autorinnen ein breites Spektrum an therapeutischen Interventionen, das die Psychotherapie sehr erlebensbasiert gestaltet. Dies ist insbesondere bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen deutlich effizienter, als ein rein kognitives Vorgehen (siehe auch Görlitz, 2004; Rezension unter https://www.socialnet.de/rezensionen/2206.php). Beispielhaft sei hier eine Übung skizziert, bei der Patientin und Therapeut mit aufgerolltem Socken durch den Raum gehen und ein Gefühl dafür entwickeln, etwas zu tun (Gehen), ohne einem Impuls nachzugeben (den Socken hochzuziehen). Begleitet wird diese Übung durch eine Achtsamkeitsübung. Insgesamt ist mir persönlich das gesamte Manual ein wenig zu „achtsamkeitslastig“. Ich erlebe im praktischen Alltag immer wieder Jugendliche, die mit derartigen Achtsamkeitsübungen nur bedingt viel anfangen können. Dennoch erwähnen die Autorinnen mehrfach, dass es sich bei den präsentierten Übungen lediglich um Vorschläge handelt, die gegebenenfalls auch durch eigene Ideen ersetzt werden können. Da es sich bei dem Manual eh nicht um ein evidenzbasiertes Vorgehen handelt, kann es also relativ problemlos mit der entsprechenden Erfahrung individuell an die Bedürfnisse von Patient und Therapeutin angepasst werden. Hierfür finden sich in den bereits genannten anderen Publikationen diverse spannende Anregungen.

Fazit

Das vorliegende Manual ist das erste, das für die Behandlung von Jugendlichen veröffentlicht wurde. Anhand diverser anschaulicher Fallbeispiele wird das Vorgehen hervorragend dargestellt. Ohne entsprechende Ausbildung in Verhaltenstherapie und weiterführenden Grundkenntnissen in der Akzeptanz- und Commitment Therapie (ACT) sollte es nicht angewendet werden. Insofern ist die Zielgruppe für das Buch relativ klar umrissen. Auch wenn es schade ist, dass es bislang nicht übersetzt wurde, so ist die Lektüre des englischsprachigen Originals für alle, die in dieser Richtung arbeiten wollen, unbedingt zu empfehlen!


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden männliche und weibliche Form jeweils wechselseitig verwendet. Es sind immer sämtliche Geschlechter gemeint.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 16.09.2019 zu: Turrell Sheri L., Bell Mary: Treating Teens and Adolescents in Individual and Group Therapy. New Harbinger Publications (Oakland, CA 94609) 2016. ISBN 978-1-62625-357-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25386.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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