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Oskar Negt: Erfahrungsspuren. Eine autobiografische Denkreise

Cover Oskar Negt: Erfahrungsspuren. Eine autobiografische Denkreise. Steidl (Göttingen) 2019. 320 Seiten. ISBN 978-3-95829-522-3. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Biographie als Fragment

 „Autobiographisches Schreiben und Erzählen vollzieht sich in einer persönlichen Gratwanderung von Erlebtem, Erfahrenem und Erinnertem. Da erinnertes Schreiben immer auch der Gefahr unterliegt, Realitäten und Wirklichkeiten mit Erhofftem und Gewolltem zu verwechseln, braucht es ein objektives, subjektiv wahres Erinnern. Im allgemeinen wird diese Fähigkeit Philosophen zugesprochen“ – mit diesem Hinweis haben wir den ersten Teil der Autobiographie des Philosophen Oskar Negt charakterisiert ( Oskar Negt; Überlebensglück. Eine autobiographische Spurensuche, www.socialnet.de/rezensionen/21062.php ). Der soeben erschienene zweite Teil bleibt der Auffassung des Autors treu, dass eine Autobiographie nicht in erster Linie die persönliche Geschichte und die Befindlichkeiten in der Lebensgeschichte des Erzählers und Berichterstatters darstellen, sondern die individuelle, gesellschaftliche, historische und lebensweltliche Reflexion nach dem „Wie-bin-ich-geworden-wer-und-was-ich-bin“ im Vordergrund stehen solle; nicht mit dem besserwisserischen, erhobenen Zeigefinger, vielmehr mit dem Bemühen, eine Botschaft für die Gegenwart und Zukunft der Menschen auszusenden: „Wir dürfen nicht warten, bis das Gemeinwesen verrottet ist und die moralische Verkrüppelung ein gesellschaftliches Betriebsklima geschaffen hat, das die Mühe um Anstand und politische Urteilskraft immer beschwerlicher und vielfach aussichtslos werden lässt“. Er verweist mit dem Aufruf (auch) darauf, dass die aktuelle Lage der Welt lokal und global durch Tendenzen des ego- und ethnozentristischen, nationalistischen und rassistischen Denkens und Handelns beeinflusst wird. Während Negt im ersten Band stärker auf seine persönlichen Lebenswege einging und herausarbeitete, dass „Lebensglück“ immer auch bestimmt wird von der anthropologischen Fähigkeit zum eigenen Denken und vom Willen zur Aufklärung, um daraus Hoffnung und Zuversicht für ein gutes, gelingendes Leben zu erreichen, meldet sich im zweiten Band der Philosoph stärker zu Wort: „Wie konstituiert sich das Allgemeine durch das Besondere?“. Es ist der Spannungsbogen, den er mit Kant und Marx aufbaut. Es ist das dialektische, kritische Denken, das Oskar Negt darauf hoffen lässt, dass autobiographische Erzählungen und Erfahrungsberichte von Alten wichtig und notwendig sind, um die Jungen bei der Überzeugung zu unterstützen: Eine friedliche, gerechte, gleichberechtigte und menschenwürdige EINE WELT ist möglich!

Autor

Es hieße Eulen nach Athen tragen, bedürfte es einer ausführlichen Information über die Vita von Oskar Negt. In Kürze: 1934 in Ostpreußen geboren; schon in jungen Jahren gesellschaftlich engagiert; als zôon politikon, als politischer Mensch mit Wort und Tat für demokratische und freiheitliche Werte eintretend (Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11988.php); als Sozialwissenschaftler in Hannover tätig; und vielfach geehrt und für sein wissenschaftliches und soziales Engagement 2011 mit dem „August-Bebel-Preis“ ausgezeichnet. Mit seinen fast 85 Jahren mischt er sich weiterhin ein in die Zeitläufte, ahnend, dass die aus der Antike überlieferte Altersachtung und -macht Hier und Heute nicht mehr gilt, dass, wie er mit seinem Schlusssatz seiner Autobiographie bedauert, „es den Erzählraum nicht gibt, der den alten Menschen zur Verfügung stehen müsste, damit sie ihre Erfahrungen und Erinnerungen öffentlich machen können“.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort, in dem er die Hoffnung zum Ausdruck bringt, dass in der aktuellen Zeit der Unsicherheiten, Verunsicherungen und extremen Entwicklungen die Menschheit begreifen möge, dass eine humane Existenz nur mit einer allumfassenden, allgemeinverbindlichen und nicht relativierbaren Menschenrechtsordnung möglich ist, als Selbstverständlichkeit und kategorischer Imperativ, gliedert Oskar Negt den zweiten Band seiner Autobiographie in die folgenden Kapitel, deren Überschriften Programm sind:

  • Suchbewegungen und Ortsbestimmung.
  • Frankfurter Lehrjahre.
  • Marx-Arbeitskreis.
  • Am Anfang stand Marx – Assistent bei Habermas in Heidelberg.
  • RAF und die Folgen – Über Terror und Sozialismus.
  • Frankfurter Schule – Eine eigene Linie der Beziehung.
  • Die Universität – Öffentlicher Denkraum und Vorratskammer.
  • Eingriffe – Versuche, die Welt zu verbessern.
  • Über Kooperation und Vertrauen – Die Zusammenarbeit mit Alexander Kluge.
  • Marx und der Sozialismus – Was bleibt?
  • Den Schlusssatz überschreibt er mit „Koda“, den er würzt mit den Tugenden, die bei den unsicheren Zeitläuften wichtiger denn je sind: Aufmerksamkeit, Aufgeklärtheit, Anstand, aktive Geduld.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass ältere Menschen (und da möchte sich der Rezensent, der ebenfalls im August 1934 geboren wurde, einbeziehen) sich beim Altwerden den „Altersblick“ aneignen, der das Vergangene, Erlebte oftmals eher in ein rosa, denn ein Schattenlicht rückt und die holprigen Lebensweltstrecken in jungen Jahren glättet. Mit dem Begriff „nachholende Bildung“ kennzeichnet Negt die Zeit während seines Studiums, die Auseinandersetzungen mit den antiken und klassischen Philosophen, das misslungene Zwischenspiel beim Jurastudium, die Episode bei den Göttinger Burschenschaften, die Studien- und später Assistentenzeit in Frankfurt, die Begegnungen mit Horkheimer, Heidegger, Adorno…, die Auseinandersetzungen mit Marx und dem Marxismus, aktives Mitglied und Vorsitzender beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Mit den philosophisch-soziologischen Fragestellungen „Genesis und Geltung“ findet er einen in Ankerpunkt bei Kant und Marx in der „Frankfurter Schule“; seine Freundschaft und kritische Auseinandersetzung mit Adorno.

Die intellektuellen Theorie- und Praxis-Erfahrungen führten logisch und beinahe zwangsläufig in den politischen Kampf gegen den Vietnam-Krieg, gegen Diktaturen und Hierarchien. Hier wachsen Erkenntnisse wie: „Die Gleichung von Radikalität und revolutionärer Politik geht nicht auf“, und damit die Distanzierung von der RAF. Es entwickelt sich ein Bewusstsein, dass solidarische, sozialistische Politik nicht nach Köpfen, sondern nach Interessen organisiert werden müsse. In den aufgehobenen Tagebuchaufzeichnungen, Notizen, Pressemitteilungen und Berichterstattungen werden Situationen wach, die Negt auf die Habenseite seiner Erinnerungen verbucht, etwa das Gespräch mit dem Poeten Erich Fried, der ihm einen Zettel zusteckte, auf dem das Gedicht mit der Überschrift „Die verirrten Genossen“ stand:

Zwar soll Lenin gesagt haben: / „Nur wer nichts tut, macht keine Fehler“ / doch das ist lange her / und die Rechten darf man nicht reizen / Drum kein Erbarmen mehr / mit den verirrten Genossen / und mit jenen Genossen die sich / der verirrten Genossen erbarmten. / Doch verdienen auch sie guten Rat:/ Die noch frei herumgehen dürfen / beginnen jetzt die hinter Gittern / laut zu belehren / man müsse geduldig sein / und man dürfe Irrlichter niemals / mit Fanalen verwechseln / Das stimmt ja auch ganz gewiss. / Und gewiss hält auch jeder fest / an der eigenen richtigen Linie / und wundert sich höchstens / wenn die Reihe an ihn kommt / Doch er weiß dann wer schuld ist:/ die verirrten Genossen / die ihn schädigen wollten / mit ihrem sinnlosen Kampf.

NegtsAdorno) – gehört genauso hinein, wie das Prinzip von der Bedeutung der Beziehung zwischen Philosophie und empirischer Sozialforschung.

Negts Heimat (wenn er den missverständlichen, konservatistischen Begriff überhaupt in den Mund nimmt) war, daran ließ er keinen Zweifel aufkommen, die Universität. Deshalb arbeitete er auch intensiv dabei mit, die „Ordinarienuniversität“ in ein demokratisches Selbst- und Mitbestimmungsorgan umzuwandeln. Seine 1970 erfolgte Berufung auf den Lehrstuhl für Sozialwissenschaften an der Universität in Hannover traf anfangs auf erhebliche Widerstände bei der etablierten Professorenschaft. Man wollte keinen „Revolutionär“ im Kollegium. In seinen Vorlesungen und Forschungsarbeiten bezieht sich Negt immer wieder auf die Marxsche elfte Feuerbach-These: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern“. So war es nur folgerichtig, dass Oskar Negt sich intensiv in der gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung und in der schulischen Bildung engagierte. Die Gründung der staatlich anerkannten und finanzierten Alternativschule, der Glockseeschule in Hannover, war einer dieser Schritte, Theorie mit Praxis zu verbinden (Oskar Negt, Philosophie des aufrechten Gangs. Streitschrift für eine neue Schule, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16273.php ).

In der Autobiographie darf nicht fehlen, wie Negt seine Fähigkeit und Aktivität begründet, Gesprächskreise zu initiieren und so Kontakte und Freundschaften entstehen zu lassen. Es gibt den schönen Spruch: „Wer sich keine Zeit für seine Freunde nimmt, dem nimmt die Zeit die Freunde“. Es ist die Beziehungsarbeit, wie er sie mit Alexander Kluge ein halbes Jahrhundert lang ausübt. Und es ist das unermüdliche und konsequente Festhalten daran, dass den kapitalistischen und neoliberalen, lokalen und globalen Entwicklungen die Alternative eines demokratischen Sozialismus entgegen gesetzt werden muss. Hier kommt der Rat: Marx neu zu lesen

Fazit

Mit den beiden Bänden „Überlebensglück“ (2016) und „Erfahrungsspuren“ (2019) legt Oskar Negt eine philosophische, lebensweltliche Autobiographie vor. Sie bietet den Leserinnen und Lesern nicht nur Einblicke in das bisherige, ereignisreiche Leben des 85jährigen an, sondern vermittelt mit den philosophisch-soziologischen und historischen Analysen auch vielfältige Anhalts- und Ankerpunkte. Es sind Anhaltspunkte für eigenes Reflektieren und Fragen danach, wie wir geworden sind, was wir sind; und nicht zuletzt hoffnungsvolle, aktivierende Anregungen für ein vergangenheitsbewusstes, gegenwartsveränderndes und zukunftsorientiertes Denken und Handeln (vgl. z.B. dazu auch: Harald Welzer, Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25575.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 31.05.2019 zu: Oskar Negt: Erfahrungsspuren. Eine autobiografische Denkreise. Steidl (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-95829-522-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25393.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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