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Stefan Groth, Linda Mülli: Ordnung in Alltag und Gesellschaft

Cover Stefan Groth, Linda Mülli: Ordnung in Alltag und Gesellschaft. Empirisch kulturwissenschaftliche Perspektiven. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2019. 340 Seiten. ISBN 978-3-8260-6500-2. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.
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Sichtbare und unsichtbare Ordnungen

Da haben wir einen Begriff, der es in sich hat! In der anthropologischen, aristotelischen Philosophie wird „kósmos“ als ganze, umfassende, festgefügte Weltordnung verstanden, und „táxis“ als dauer- und regelhafte, naturgegebene Verbindlichkeit, die alle Existenz bestimmt: „Die Natur ist Ursache der Ordnung… Das Ungeordnete … ist nichts anderes als das, was gegen die Natur passiert“ (I. Jansen, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 568). Wenn Ordnung das halbe Leben ist, wie es im Sprichwort heißt, fehlt eben noch die andere Hälfte, die vielleicht sogar kreative und herausfordernde Unordnung sein kann. Der Balanceakt wird erkennbar, auch dadurch, dass vorgegebene, akzeptierte und gewollte Ordnungssysteme leicht in traditionalistisches und ideologisches Ordnungsdenken und -handeln entgleiten kann (Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

In der Psychologie, Philosophie, Anthropologie, Soziologie und Pädagogik wird der Ordnungskompetenz Aufmerksamkeit zugewendet: „Ordnungen in Kultur und Alltag werden in Diskursen und Praktiken fortwährend hergestellt“, und zwar sowohl gewollte, geplante und reflektierte, als auch unerkannte, auf Zufälligkeiten, chaotischen, risikobehafteten oder subversiven Ereignissen beruhenden Ordnungsstrukturen (vgl. dazu z.B.: Dana Dülcke / Julia Kleinschmidt / Olaf Tietje / Juliane Wenke, Hrsg., Grenzen von Ordnung. Eigensinnige Akteur_innen zwischen (Un)Sicherheit und Freiheit, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/22264.php). Am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität in Zürich und am Fachbereich Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität in Basel fand im Frühjahrssemester 2018 die Ringvorlesung „Zyklen, Strukturen und Rhythmen: Ordnungen in Alltag und Gesellschaft“ statt. Die im Sammelband vorgestellten Beiträge vermitteln einen Überblick darüber, in welch vielfältiger, interdisziplinärer Weise Ordnungssentenzen beobachtet, interpretiert und analysiert werden und Aufschlüsse über die allgemeinen und spezifischen Denk- und Verhaltensweisen von Menschen vermitteln können.

Der Zürcher Kulturanthropologe Stefan Groth und die Basler Doktorandin für Kulturanthropologie, Linda Mülli, geben den Sammelband heraus.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort des Herausgeberteams werden die fächerbezogenen und -übergreifenden Vorträge der Ringvorlesung nacheinander abgedruckt:

  • Stefan Groth stellt mit seinem Beitrag „Ordnungen in Alltag und Gesellschaft“ Konzepte, Methoden und Theorien vor;
  • Linda M. Mülli geht mit der Frage „Die Rituale der UNO?“ darauf ein, wie habitualisierte Praktiken soziale Ordnungen und Hierarchien herstellen;
  • Die Berner Sozialanthropologin Sibylle Lustenberger informiert mit ihrem Beitrag „Gleichgeschlechtliche Elternschaft in Israel“ über ihre empirischen Forschungsergebnisse zu Beziehungsstrukturen zwischen Verschiebung und Kontinuität in gesellschaftlichen Ordnungen;
  • Der Zürcher Kulturanthropologe Maximilian Jablonowski thematisieert mit dem Vortrag „Der Nomos des Vertikalen“ Ordnungsvorstellungen, -praktiken und Verortungen bei der Benutzung von zivilen Drohnen; 
  • Elisa Frank und Nikolaus Heinzer setzen sich mit den Phänomenen des Auftauchens von Wölfen in der Schweiz auseinander: „Wölfische Unterwanderungen von Natur und Kultur“;
  • Die Basler Kulturanthropologin und Kunsthistorikerin Theres Inauen fragt: „Die Macht der Wohltäter?“, indem sie das Schweizer Stiftungswesen im Kontext von Neu-Ordnungen des Politischen unter die Lupe nimmt;
  • Der Basler Stadtforscher Jonas Aebi analysiert mit der apodiktischen Forderung „Mattenstrasse bleibt!“ eine Anthropologie des Politischen zur Eigentumsordnung in Städten;
  • Der Innsbrucker Ethnologe Konrad J. Kuhn reflektiert: „Alpenstädte Städte der Alpen“ Orte und Ordnungen alpiner Urbanität;
  • Die an der Universität in Bonn tätige Kulturanthropologin Valeska Flor nimmt die „Herausforderungen Energie, Klimaschutz und Regionalität“ auf, indem sie über sicht- und unsichtbare (Wissens-)Ordnungen im Dazwischen der Planungen spricht;
  • Die an der Hochschule in Luzern lehrende Kulturanthropologin Patricia Jäggi informiert mit dem Beitrag „Soundscape Disorders. Vom Lärm der Glocken und Muezzins zum Verstummen der Vögel“; 
  • Angela Bhend von der Universität in Basel forscht zum Thema „Warenhaus in der Schweiz“.
  • Mit dem Beitrag „Im Tempel der Versuchungen“ setzt sie sich auseinander mit dem Warenhaus als Erfahrungs- und Ordnungsraum; 
  • Darja Alexandra Pisetzki stellt mit „Anordnungen und Zuordnungen“ ihre Forschungsergebnisse über jüdische Museen im grenzüberschreitenden Kulturraum Schweiz, Süddeutschland und Vorarlberg vor;
  • Die Zürcher Kulturanthropologin Aurelia Ehrensperger stellt mit dem Beitrag „Atmen verorten“ methodische Überlegungen über das Rhizom als kulturwissenschaftliche Denkfigur an;
  • Die ebenfalls am Zürcher Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft, Populäre Kulturen tätige Yonca Krahn reflektiert über „Erfahrende Rhythmen. Dimensionen von Raum-, Bewegungs- und Körpererleben im Sport“
  • Stephan Groth greift erneut in den interdisziplinären Diskurs ein, indem er über „Ordnung als Methode und Praxis“ nachdenkt und sich mit der Kommunikationsethnographie in internationalen Verhandlungen auseinandersetzt;
  • Den Schlussbeitrag setzt die empirische Kulturwissenschaftlerin Christine Oldörp mit „Fragen“, nämlich zu (An-)Ordnungstechniken des Sprechens.

Im wissenschaftlichen Diskurs werden „Ordnungen … als konstituiertes und konstituierendes Element von Gesellschaft verstanden… sie wirken im Prozess der Sozialisation und Enkulturation auf Individuen, die durch die Ein- und Ausübung von Interaktionsordnungen zu deren Fortdauern und Entwicklung beitragen“ (Groth). Die Beachtung, Analyse und Interpretation von bewusst und unbewusst wirkenden Ordnungsvorstellungen bedürfen der Kartierung, Internalisierung und Bewertung durch die vielfältigen Vorgänge. Sie bieten alltägliche Orientierungen und durch die Nachschau bei spezifischen, lebensweltlichen Situationen Aufmerksamkeiten an. Es sind überlieferte, gewohnte und ungewöhnliche Rituale, die zur individuellen und kollektiven Auseinandersetzung auffordern und zum Perspektivenwechsel ermuntern.

Fazit

Ordnung ist Streben nach Gleichgewicht, Balance, Stabilität, Organisiertheit, Ganzheit, Klarheit, Tugendhaftigkeit, Stimmigkeit und Zugehörigkeit. Wer die erwartete und (vor-)gesetzte Ordnung einhält und sich an die gegebenen, alltäglichen, situations- und kulturbestimmenden Ordnungsprinzipien hält, ist ein angenehmer, angepasster und „braver“ Zeitgenosse? Wer Ordnungssysteme in Frage stellt, sie ignoriert oder übertritt, ist ein schwieriger und unangenehmer Mensch? So einfach ist die Wahrheitsfindung nicht! Ordnungen sind „nicht lediglich festgeschriebene oder relativ statische Ordnungssysteme, sondern immer auch dynamisch, Teil von Aushandlungen und multidimensional“. Die aus den Ringvorlesungen an den Universitäten in Zürich und Basel hervorgegangenen fachspezifischen und interdisziplinären Beiträge zu Fragen nach Ordnungen im Alltag und in der Gesellschaft greifen die vielfältigen, individuellen und kollektiven Ordnungskonzepte auf und ordnen sie ein in kulturwissenschaftliche Perspektiven.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.03.2019 zu: Stefan Groth, Linda Mülli: Ordnung in Alltag und Gesellschaft. Empirisch kulturwissenschaftliche Perspektiven. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2019. ISBN 978-3-8260-6500-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25405.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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