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Friedhelm G. Vahsen: Zwischenzeiten - Zeitenwende

Friedhelm G. Vahsen: Zwischenzeiten - Zeitenwende. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2019. 160 Seiten. ISBN 978-3-643-14219-1. 29,90 EUR.
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Thema

Bei dem Buch handelt es sich um ein zeitgeschichtliches Dokument. Es ist eine biografische Rückschau auf die 1960er Jahre reflektiert aus der Sicht von heute und angereichert mit soziologischen Interpretationen.

In dem Buch schildert Friedhelm Vahsen eine Nachkriegskindheit in einem spezifischen familialen Milieu in Gemünden (dem Wohnort) und in Hammelburg, dem Standort des vom Autor besuchten Frobenius-Gymnasiums. Hammelburg ist eine Kleinstadt in Unterfranken, die in den 1960er Jahren – so der Autor – fern war „von grundlegenden politischen Kontroversen, die Mentalitäten waren bürgerlich-konservativ. Gewählt wurde mit großer Mehrzeit die CSU, die SPD kritisch beäugt“ (S. 58).

Der Autor nennt die beschriebene Nachkriegs-Zeitepoche „eine Zwischenzeit“ (S. 11). Er meint damit eine Zeit des schleichenden, kaum wahrgenommenen Wandels. Ist das nicht eine Beschreibung, die typisch für den sozialen Wandel ganz generell ist? Typisch für die von Vahsen beschriebene Zeit sind m.E. eher die gesellschaftlichen Strukturen, die sich nur langsam wandeln: Die hierarchisch und patriarchalisch strukturierte Kernfamilie mit den polar zugeschriebenen Rollen für Männer und Frauen und die moralische Enge der Nachkriegszeit (S. 12). Das gilt nach Vahsens Beobachtungen ebenso für Teile des nationalsozialistischen Sprachduktus und für entsprechende Orientierungen. Hinzu kommt ein damals in Hammelburg verbreitetes nahezu universelles Schweigen über die jüngste deutsche Vergangenheit: die NS-Zeit. Deren Aufarbeitung sei insgesamt noch nicht abgeschlossen und bis in die Gegenwart stellt Vahsen einen latenten Alltagsrassismus fest (S. 89ff), der geschürt werde von den „überwiegend seriös wirkende(n, d.V.) Männer(n der AfD, d.V.)“ (S. 91). Auch sie seien zumeist „im Schatten des Zweiten Weltkrieges“ (S. 91) aufgewachsen. Tatsächlich stellt die AfD 2017 zehn Abgeordnete – und damit mehr als alle anderen Parteien – die in den 1940er-Jahren geboren sind.

Zwei Ziele verknüpft der Autor mit seinem Buch. Zum einen will er am Beispiel des Abiturjahrgangs 1964 am Hammelburger Gymnasium in Unterfranken aufzuzeigen, „wie die Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder in der (fränkischen) Provinz lebte“ (S. 2). „Das Thema, das mich hier bewegt, ist zunächst die Frage nach den damaligen Lebensumständen. Was prägte den jugendlichen Lebensstil, aber auch, wie wurde in der Schule die Vergangenheit erfasst und die Gegenwart geprägt?“ (S. 2).

Zum anderen – und das ist Vahsens zentrales Erkenntnisinteresse – wird der Versuch einer Erklärung gegenwärtiger Phänomene vor dem Hintergrund des Vergangenen unternommen. Der Autor interessiert sich für den Wandel und die Konstanz von Lebensstilen von damals zu heute. Dabei liegt der Fokus auf dem Verharren „in Bewusstseinsstrukturen, wie sie in der NS-Zeit geprägt wurden: Sind generationsübergreifende Verhaltensmuster zu erkennen und zu beschreiben, ist Beharrendes, sich Veränderndes zu erfassen, das bis auf die heutige Zeit Auswirkungen hat und Folgen zeigt?“ (S. 2f). Sind in den damaligen Strukturen der Gesellschaft (z.B. das teilweise Verdrängen der Nazi-Vergangenheit, das latente Weiterexistieren rechtsextremer Orientierungen, der erfahrene Mangel an Nähe und emotionaler Zuwendung in der Familie, S. 92) fremdenfeindliche, nationalsozialistische Einstellungen und Verhaltensmuster entstanden, die noch heute virulent sind? (S. 3).

Auch wenn es sich bei dem Buch um einen subjektiven Bericht über die Zeitwende in einer Kleinstadt handelt (S. 11), so begreift Vahsen sich selbst und seine ehemaligen Mitschüler*innen doch auch als mehr oder weniger typischer Vertreter der Nachkriegsgeneration. Unerklärt bleibt dabei allerdings, warum sich der heute 73-Jährige der ‚Skeptischen Generation‘ der Geburtsjahre 1925 bis 1940 zuordnet, obgleich er – 1945 acht Tage nach Kriegsende geboren – der 68er Generation zuzuordnen wäre, die ihre präformative Jugendphase in der Zeit von 1955 bis 1970 hatte. Diese Phase umfasst auch ist Zeit, die Vahsen in seinem biografischen Rückblick beschreibt. Als 68er bezeichnet sich der Autor aber ausdrücklich nicht. Rechtfertigt vielleicht die dörfliche Sozialisation mit ihren retardierenden Momenten die Zuordnung zur vorherigen skeptischen Nachkriegsgeneration?

Vahsen geht – bezugnehmend auf Karl Mannheim (1928) – von einer gemeinsamen Grundstimmung unter seinen damaligen Mitschüler*innen aus (S. 1). Sie wurden zur selben Zeit im selben historisch-sozialen Raum geboren und partizipierten im gleichen Alter am selben Abschnitt des kollektiven Geschehens. Daraus erwachse – so Mannheim – die Chance als Kulturträger das Vorhandene in eigenwilliger Weise zu erleben, zu verarbeiten und sich mit Gegebenheiten auseinandersetzen. Hurrelmann und Albrecht (2014) heben als zentrale Besonderheit des Denkens der skeptischen Nachkriegsgeneration, der sich Vahsen zugehörig fühlt, hervor: „Auffällig ist die kritische Distanzierung von den in den Nationalsozialismus verstrickten Eltern, die sie zu eigenen Wert- und Verhaltensorientierungen zwingt“ (2014, S. 19, vgl. auch Vahsen 2019, S. 82f). Diese Generation sei auch politisch skeptisch und wenig interessiert an „großen Gesellschaftsentwürfen“ und zeichne sich aus durch einen ‚nüchternen Wirklichkeitssinn‘ (Hurrelmann/Albrecht 2014, S. 19). Als typisch für die 68er Generation gilt dagegen nach Hurrelmann und Albrecht die Auflehnung der Jugend gegen die alte Ordnung in Deutschland (gegen die Moral der Kleinfamilie und den Muff unter den Talaren an den Universitäten) und in der Welt (z.B. Proteste gegen den Vietnamkrieg).

Autor

Der Autor, Friedhelm Vahsen, ist 73 Jahre alt, Sozialwissenschaftler und hatte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2010, die Professur für Sozialwissenschaftliche und Soziologische Grundlagen Sozialer Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim inne.

Entstehungshintergrund

Bei seinen Erörterungen bezieht sich Vahsen auf verschiedene Quellen, auf selbst Erlebtes, auf Interviews mit ehemaligen Lehrer*innen, die während der NS-Zeit teilweise Militärangehörige waren (S. 2), auf Gespräche mit Mitschüler*innen, die bei Kriegsende 11 Jahre und älter waren, auf Zeitungsartikel, Schul- und Jahresberichte des besuchten Gymnasiums und andere Dokumente (S. 2). Wissenschaftliche Analysen von Bolte (S. 42), Inglehart (1998), Beck (1986), Picht (1964) (S. 32), von Baer und Frick-Baer (2015) oder den Mitscherlichs (S. 83) werden u.a. zur Veranschaulichung, wie Wissenschaftler*innen damals dachten (die geschichtete Welt als Zwiebel), was damals kritisiert wurde (die deutsche Bildungskatastrophe) oder zum besseren Verständnis (z.B. S. 89) eingeflochten.

Entstehungshintergrund des Buches ist neben der Auseinandersetzung mit dem eigenen Generationsschicksal die Suche nach einer Erklärung für das Aufkommen der AfD: Warum gehören so viele Männer der Nachkriegsgeneration dieser Partei an? Vahsen wirft dabei auch die Frage nach der Mitschuld der Nachkriegsgeneration für heute virulente rechtradikale Strömungen auf. Dafür spricht seine These von der „transgenerationalen Weitergabe des Ideenguts der NS-Zeit“ (S. 93). Der Autor geht davon aus, „dass die jetzige Großelterngeneration den (ungewollten) Resonanzboden für die aktuelle politische Situation“ (S. 3), insbesondere den Erfolg der AfD, geschaffen habe. Die an Sicherheit orientierten Wertorientierungen, das Liedgut von damals noch immer im Kopf und besonders die unzureichende Auseinandersetzung mit der NS-Zeit sieht der Autor bis heute in seiner Generation als Erbe der eigenen Eltern- und Lehrergeneration mitschwingen.

Inhalt

Das Buch ist detailliert und facettenreich geschrieben und verknüpft subjektiv Erlebtes mit zeitgeschichtlichen Ereignissen, die die Nachkriegsgeneration in Deutschland und abgepuffert auch in Hammelburg prägten, vom Vietnamkrieg, dem Kalten Krieg, der Phase der Arbeitsmigration, der John F. Kennedys-Ära (S. 28ff, S. 76), Franz Josef Strauß, den Beatles, Rolling Stones, Elvis Presley, über F.J. Degenhart und Oswald Kolles Aufklärungsfilme bis hin zur aktuellen Situation.

Im Einzelnen geht der Autor ein auf den Ort Hammelburg und das seine Kindheit prägende dörfliche, soziale und schulische Milieu. Er beschreibt seinen Schulweg (S. 9ff) ebenso wie den wenig zimperlichen elterlichen Erziehungsstil (S. 75f) und dass das bestandene Abitur für den Autor die Freiheit „von dem autoritären Treibhaus Familie“ (S. 75) und der wenig motivierenden Schule bedeutete. Ohnehin habe es wenig Raum für einen emotionalen Austausch zwischen Eltern und Kindern gegeben, was emotionale Defizite vieler Kriegskinder begünstigt habe, „da in den Familien wenig Interesse für das Innenleben der Kinder bestand“ (S. 91). Der Autor berichtet, dass man Mitte der 1960er Jahre nach dem Abitur noch die freie Auswahl des Studienfaches hatte, weil sich der Numerus clausus erst allmählich konturierte (S. 10). Damals lag die Abiturquote noch bei unter 5 % der Kinder eines Jahrgangs (S. 59). Friedhelm Vahsen schildert, wie er damals als Kind seine Lehrer, ihre Unterrichtsgestaltung und seine Mitschüler und -schülerinnen – im wesentlichen Kinder aus der Mittelschicht – erlebt hat (S. 48ff, S. 58ff), mit welchen Themen sich die Schülerschaft Anfang der 1960er Jahre am Frobenius-Gymnasium im Rahmen von Hausaufgaben auseinanderzusetzen hatten (S. 23ff). Er geht ein auf die Geschlechtertrennung in der Schule: Mädchen links und Jungen rechts und in der Mitte (S. 61) und schildert den Stellenwert, den das Thema Sexualität innerhalb der Schülerschaft hatte (S. 73f). Er geht ein auf am eigenen Leib erfahrene diskriminierende Bewertungspraktiken der Lehrenden (S. 62) und ‚didaktische‘ Methoden (Kommen 'Se mal nach vorne), die den Schüler*innen Angst machten und wohl auch Angst machen sollten (S. 63, S. 64ff). Offenbar erwarteten die Schüler damals aber auch ein autoritäres Verhalten der Lehrenden, denn weniger autoritäre Lehrende waren umgekehrt den Tyranneien der Schüler ausgesetzt (S. 66). Vahsen geht weiter ein auf schon damals artikulierte Klagen über Konzentrationsschwächen einiger Schüler*innen und deren geringe Ehrfurcht vor der Muttersprache (S. 33), was nach Picht strukturelle Gründe (zu wenig Lehrer*innen) hatte, seitens der Verantwortlichen am Hammelburger Gymnasium aber vor allem auf eine Belastung der Höheren Schulen mit „allzuviel unzureichend Geeigneten“ (S. 34) zurückgeführt wurde. Diese Haltung signalisiert nach Vahsen eine Distanz der Lehrenden „zu einem großen Teil der Schüler und ihren Eltern“ (S. 35).

Im Weiteren wendet sich Vahsen der Zeit nach dem bestandenen Abitur (ab S. 75) zu, wieder als Fortführung der Beschreibung der persönlichen Biografie (Militärdienst) und zum anderen als Beschreibung der gesellschaftlichen Lage (Zeit des Kalten Krieges, Anwerbung von Gastarbeitern, Wandel der Frauenrolle, marginale Sensibilisierung für den Holocaust etc.) und dem Niederschlag des Wandels in der fränkischen Provinz: „Es ist spannend festzustellen, dass das Gymnasium (auch, d.V.) in der pädagogischen Provinz offensichtlich den Keim“ (S. 81) für einen „emanzipatorischen Schubs“ der Schülerinnen bedeutete.

Auch wenn der zeitliche Abstand zur Nachkriegszeit wuchs, so blieben die Kriegsgeschehnisse – als kollektive Schuldzuweisung und individuell erfahrene Ablehnung – in Vahsens Leben präsent. Damals verheiratet mit einer Norwegerin teilt ihm sein Schwiegervater mit, dass er nicht glücklich sei, dass seine Tochter einen Deutschen heiraten wolle (S. 87). An ein Aufeinandertreffen beider Familien – Vahsens Vater war Besatzungssoldat in Norwegen, sein Schwiegervater bekämpfte von Schweden aus die deutschen Truppen – war nicht zu denken. „Unsere Eltern haben sich während unserer Ehe nie kennengelernt. (…). Wir hatten nicht gelernt mit der Vergangenheit umzugehen“ (S. 88), mit den eigenen Schuldgefühlen und unbearbeiteten Aggressionen. So scheint nicht zuletzt das vorliegende Buch einen Versuch des Umgangs mit der eigenen Vergangenheit und den eigenen Schuldgefühlen darzustellen.

Das Kapitel ‚Pluralisierung und Individualisierung‘ ist der Reckwitz‘schen (2017) Gesellschaftsdiagnose der Singularitäten mit den Bestrebungen der Menschen, das Außergewöhnliche hervorzuheben, gewidmet (S. 104ff). Mit dieser Gesellschaftsdiagnose soll der Bogen in die Gegenwart gespannt und der Abiturjahrgang 1964 analysiert werden (S. 111). Dieser ausschließlich gesellschaftsdiagnostische Abschnittwirkt merkwürdig losgelöst vom Vorangegangenen und der Soziologe Vahsen gewinnt hier etwas zu stark die Oberhand. Im 19ten Kapitel wird die Grundstimmung des Jahrgangs nach dem Abitur skizziert, im 20ten Kapitel auf gesellschaftliche Veränderungstendenzen und im letzten auf Veränderungen eingegangen, die das Frobenius-Gymnasium betreffen (S. 120 ff.). Nach dem inhaltsschweren Kapitel 17 ‚Von der Vergangenheit zur Gegenwart‘ erscheinen mir diese Kapitel etwas blass. Das Buch enthält zudem Redundanzen.

Diskussion

Im Ganzen ist das Buch ‚Zwischenzeiten – Zeitenwende‘ als (An)Klageschrift gegen das damalige Nichteingehen auf die NS-Zeit zu lesen und als Kritik am Bildungssystem mit Lehrplänen und Lehrenden, die das Thema ‚Krieg und Gräueltaten der Nazis‘ so systematisch ‚unter den Teppich‘ gekehrt haben. Leider geht dieses wichtige Anliegen nicht aus dem Buchtitel hervor.So ziehen sich – bei aller Themenvielfalt – die Kritik am Verdrängen der nationalsozialistischen Herrschaft und die Kritik an der verbreiteten Strategie, Vergangenheitsbewältigung durch Entpolitisierung zu bewältigen – als roter Faden durch das Buch. Immer wieder kritisiert Vahsen die Versuche der Verharmlosung (Es sei nicht alles schlecht gewesen. Es wurden die Autobahnen gebaut und alle, die wollten, hätten eine Arbeit gehabt, S. 21) sowie die zahlreichen verpassten Chancen, diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten:

  • Da ist z.B. seine Kritik an Georg Picht, dessen Analyse der deutschen Bildungskatastrophe keinen kritischen Blick auf die damalige NS-Vergangenheit der in der Nachkriegszeit Lehrenden und die Konsequenzen enthalte (S. 37) mit Schulen, die von ehemaligen ‚Mitläufern‘ aufgebaut worden seien.
  • Da sind die älteren Lehrer, die den Krieg aktiv als Soldaten erlebt hatten, die aber ebenso wie die jüngeren Lehrenden das Thema Krieg und NS-Zeit nicht im Unterricht verhandelten (S. 48).
  • Da ist die Rede von einem evangelischen Pastor, der nicht vom „NS-Virus“ infiziert war und deswegen während der Nazi-Zeit Repressalien ausgesetzt war, der aber in der Schule ebenso wenig wie die anderen über sein Verhalten und Erleben im NS-Staat berichtete (S. 18).
  • Beschrieben wird auch der wütende Vater, der den 2. Weltkrieg als Abenteuer erlebt hatte und den kleinen Friedhelm abwatscht, als dieser auf der Rückbank des VW‘s sitzend zum Besten gibt, dass die NS-Propaganda in den Wochenschauberichten die Wahrheit verfälscht habe (S. 17).
  • Kritisiert wird der Geschichtsunterricht der Abiturklasse, der mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 endete (S. 16). „Die Auschwitzprozesse begannen noch vor unserem Abitur in Hammelburg. Gegenstand im Unterricht waren sie nicht“ (S. 98, S. 102). Oder: „Doch im Allgemeinen war der Unterricht ohne Bezug auf das Zeitgeschehen zwischen 1933 und 1945“ (S. 55). Oder: „Mit Fremdenfeindlichkeit haben wir uns während der Schulzeit weniger auseinandergesetzt“ (S. 78). Oder: „Der Ausschwitzprozess spielte im Unterricht keine Rolle“ (S. 82). Oder: „Der latente Antisemitismus fand an diesem Gymnasium allerdings wenig Resonanz“ (S. 81) ebenso wenig wie das Genderthema (S. 81).

Vahsen sieht die Nachkriegsgeneration als eine um die ‚Wahrheit‘ der NS-Zeit betrogene Generation an: „Die Generation der um 1945 geborenen Kinder hätte sicherlich mehr erfahren und lernen können, als es das teilweise (Ver-)Schweigen der Eltern oder aber auch die partielle Verharmlosung des Nationalsozialismus nahelegt“ (S. 21). Erst viel später berichten ihm Bekannte von abscheulichen Kriegsereignissen und deren individuellen Folgen, z.B. Albträume, die bis heute anhalten (S. 84). Die gesellschaftliche Aufarbeitung der NS-Zeit mit ihren Gräueltaten sei bis heute nicht abgeschlossen. Die Verfolgung ehemaliger Täter*innen beschäftige noch heute die Gerichte (S. 21f, S. 100ff).

Doch welche Auswirkungen hatte die Nichtaufarbeitung der NS-Zeit, die Verdrängung einer Auseinandersetzung sowie die Leugnung und Tabuisierung des Themas (S. 93) für die eigene Generation? Zwar seien die Auswirkungen des Krieges auf die Nachkriegsgeneration mittlerweile zum Gegenstand psychoanalytischer Studien geworden, die eine Weitergabe der Ohnmachtsgefühle an die nächste Generation, die Kinder und Enkel der Kriegsgeneration nahelegten (S. 82). Eine umfassende Auseinandersetzung mit den „Folgen für die Kinder der Mitläufer und Täter und deren Nachkommen“ (S. 85) fehle aber – so Vahsen – nach wie vor.

Was die Folgen betrifft, gelangt Vahsen zu der beklemmenden Erkenntnis, dass zahlreiche Führungspersonen der AfD „Repräsentanten der Nachkriegsgeneration“ (S. 91) seien. „Sie stellen den Resonanzboden dar für das aktuelle Unbehagen, in einer diffusen Welt zu leben, in der der Gemeinschaftssinn verloren und durch Fremdenfeindlichkeit ersetzt wurde“ (S. 91). Vor allem den Kindern der Kriegsgeneration seien Sicherheit und verlässliche Lebensbedingungen wichtig. Vahsen hält es für wahrscheinlich, dass sich „die Nähe, die Zugehörigkeit und die Mitwirkung in der AfD auch als Teil der nicht bewältigten Vergangenheit in Deutschland“ (S. 93) durch die „Kriegs- und Nachkriegskinder“ (S. 93) interpretieren ließe. Es sei der Versuch, den Verlust des Gemeinschaftsempfindens, „die ausgeprägte Angst vor der Zukunft“ (S. 95), das Gefühl des Ausgeliefertseins (S. 95) verbunden mit einem Misstrauen gegenüber den herrschenden Eliten durch „eine nationale Identität“ und Identifikation mit der AfD – die Akzeptanz, Geborgenheit, deutsche Bräuche und Sitten und Sicherheit verspreche und die Fremden fernhalte (S. 94) – zu kompensieren (S. 93).

Fazit

Das vorliegende Buch von Friedhelm Vahsen bietet zunächst einmal einen interessanten Einblick in den schulischen und familiären Alltag von Abiturient*innen in den 1960er Jahren. Es ist ein Stück retrospektiver Zeitgeschichte und lässt erahnen, wie Jugendliche damals in der fränkischen Provinz lebten. Das Buch lässt zugleich erahnen, was es bedeutete, als Jugendlicher um die Aufarbeitung der jüngsten Geschichte betrogen und gleichzeitig als junger Erwachsener für sie, z.B. von der Familie seiner damaligen norwegischen Frau, in ‚Sippenhaft‘ genommen worden zu sein. Diese Perspektive und der noch heute spürbare Ärger des Autors über das Vorenthalten eines relevanten Stücks deutscher Geschichte machen das Buch zu einem wichtigen biografischen Dokument.

Im Kern behandelt das Buch aber die Frage nach der Konstanz rechtsextremer Orientierungen und das macht das Buch im Besonderen lesenswert. So nimmt Vahsen die eigene Schulzeit in den 1960er Jahren zum Ausgangspunkt, um mit der mangelnden Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in der Schule abzurechnen. Dabei entwickelt er eine weit über die Erlebnisse in Hammelburg hinausweisende These: Die in der Kindheit erfahrenen Verdrängungen hätten den Boden für bis in die heutige Zeit weiter existierende rechtsextreme Orientierungen, geebnet. Letztlich handelt es sich – auch wenn der Autor das sicherlich abstreiten würde – bei den „Zwischenzeiten“ auch um einen soziologisch anmutenden Erklärungsversuch für das Aufkommen der AfD in der Gegenwartsgesellschaft. Hier zeigt sich ein bisschen die Gefahr der Überdeutung, wenn subjektiv Erlebtes zum Ausgangspunkt für eine weit darüber hinausreichende Ursachenfindung für das aktuelle Phänomen des Rechtsextremismus genommen wird. Hierzu hätte es umfassenderer wissenschaftlicher Analysen bedurft. Die angebotene Erklärung bleibt denn auch unvollständig. Sie erklärt z.B. nicht die rechtsextremen Orientierungen Jüngerer und warum sich unter den Abgeordneten der AFD heute so viele finden, die 1980 und später geboren wurden. Die angebotene Deutung erklärt auch nicht, warum der Autor – selbst ein Kind der Nachkriegsgeneration – von den beschriebenen rechtspopulistischen Strömungen frei blieb, andere seiner Generation hingegen nicht: „In der Grauzone der Verdrängung und bestenfalls rudimentären Verarbeitung der NS-Zeit wurde jedoch der Keim für eine Einstellung gelegt, die eine kritische Distanz zur vorhergehenden Epoche entstehen ließ. Hier jedoch eher primär durch die Distanz zu den Eltern erzeugt, weniger durch schulischen Einfluss“ (S. 103). Trotz dieser kritischen Anmerkungen bietet das Buch einen ausgesprochen interessanten Erklärungsversuch für die Konstanz rechtsextremer Orientierungen, der unbedingt (!) zu weiteren Analysen in diesem Feld anregt.


Rezensentin
Dr. habil. Gitta Scheller
Familien- und Stadt-/Wohnsoziologin, seit 2012 Verw.-Professorin für ‚Sozialwissenschaftliche und soziologische Grundlagen der Sozialen Arbeit‘ an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der HAWK Hildesheim
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Zitiervorschlag
Gitta Scheller. Rezension vom 23.04.2019 zu: Friedhelm G. Vahsen: Zwischenzeiten - Zeitenwende. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2019. ISBN 978-3-643-14219-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25410.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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