socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christian Niemeyer: "Auf die Schiffe, ihr Philosophen!"

Cover Christian Niemeyer: "Auf die Schiffe, ihr Philosophen!". Friedrich Nietzsche und die Abgründe des Denkens. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2019. 320 Seiten. ISBN 978-3-495-49044-0. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 51,50 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) ist kein normaler Philosoph. Man kann ihn nicht mit Hegel, Kant, Descartes, Aristoteles oder Platon auf eine Ebene stellen. Sein Werk und seine Person öffnen quasi ein neues Plateau: Hier heißt philosophieren auch dichten, hitzig Partei nehmen, gnadenlos aufdecken und andere in ihrer Lächerlichkeit vorführen. Nietzsche ist nicht Systembaumeister, sondern primär der Systemsprenger. Seine Philosophie weist Lücken aus und entlarvt die Grundlagen des abendländischen Denkens, von denen wir bis heute meist unreflektiert Gebrauch machen.

Nietzsche hat eine helle und eine dunkle Seite. Die Seite des Aufklärers, des Menschenfreundes, aber auch die des Menschenverächters. Seine Injurien gegen Schwache, die die Moral als Schutzschild hinhalten, um die Starken daran zu hindern, ihnen Schmerzen zuzufügen, sind berüchtigt. Sein hohes Lied auf die Starken und auf die Macht ist bekannt und hat in der Geschichte – besonders im Nationalsozialismus – immer wieder seine Adepten gefunden.

Christian Niemeyer durchleuchtet in „Auf die Schiffe ihr Philosophen“ die Abgründe des Denkens bei Nietzsche und will die helle Seite dieses Philosophen als die entscheidende, die maßgebliche und letztlich das Gesamtwerk in seiner Einheitlichkeit tragende, ausweisen. Hierzu legt er eine fast 450 Seiten umfassende Detailuntersuchung zu Nietzsches Werk vor. Die Hypothese, dass der helle Nietzsche der maßgebliche ist, wird sozusagen an den Texten überprüft.

Autor

Christian Niemeyer (* 1. März 1952 in Hameln) ist ein deutscher Sozialpädagoge, Psychologe und Nietzscheforscher. Er ist Professor im Ruhestand an der Technischen Universität Dresden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus zwei Hauptteilen. Diese gliedern sich im Teil A in 11 und im Teil B in 5 Kapitel. Vor den beiden Kapiteln befindet sich ein Prolog. Den Ausklang bilden eine Zugabe und ein Epilog. Teil A legt die Intentionen Nietzsches dar. Teil B stellt die Wirkungen seiner Philosophie vor. Im Einzelnen werden folgende Inhalte dargelegt:

Teil A (Intentionen)

  • Kapitel I beginnt mit wissenschaftstheoretischen Einlassungen. Niermeyer signalisiert in diesem Zusammenhang, dass Nietzsche der öffentlichen Rede zugeführt werden soll, er sei also dem Nebel zu entreißen. Gleichzeitig ist nicht alles bei Nietzsche wichtig und nicht überall, wo Nietzsche draufsteht, ist Nietzsche drin (S. 25).
  • Kapitel II handelt vom frühen Nietzsche, d.h. von Richard Wageners Nietzsche. Nietzsche sah in Wagners Opern einen Ausdruck der Wirklichkeit, der noch nicht durch Vorstellungen wie die Wissenschaft und die Philosophie verzeichnet ist. Dabei geht es ihm um die Wiedergeburt des deutschen Mythus (S. 20). Korrigierend setzt Niemeyer allerdings hinzu, dass es primär um die Wiedergewinnung der metaphysischen Bedeutung des Lebens geht. Von „deutsch“ sei hier nicht die Rede. Auch ist die „Geburt der Tragödie“, Nitzsches erste Schrift, keine antisemitische Programmschrift.
  • Kapitel III behandelt den mittleren Nietzsche. Dieser hatte sich von Wagner abgewandt und fokussierte nun auf die Entlarvung menschliche Phänomene. So sei die Überzeugung frei zu sein, eine Illusion. Erziehung, Temperament und Charakter haben eine determinierende Kraft (S 43). Aufgeräumt wird so mit den Chimären bisheriger Philosophie und auch der Wissenschaft.
  • Kapitel VI behandelt den späten Nietzsche. Sie hebt mit dem „Zarathustra“ an. Nach der Entlarvung (III) erfolgt nun ein Neuaufbau. Wenn der herkömmliche Sinn, der Glaube an Gott, die Freiheit, die Kausalität usw. nicht mehr trägt, was kann dann des Menschen tragender Grund sein. Im „Zarathustra“ muss der Mensch für sich selbst aufkommen: Es ist Zeit, dass der Mensch sich selbst Ziel werde. Dies gilt nicht im Sinne einer immanenten Wesensbestimmung, die es zu entfalten gelte, sondern in einem weit radikaleren Sinne: Der Mensch wird verstanden als Züchter und Zuchtmeister (S. 51). Nietzsche lobt hierbei auch den Perspektivismus, der die Wahrheit nicht als vorgängig ansieht, sondern in den Kontext unseres Handelns und unserer Entwürfe stellt.
  • Kapitel V befasst sich mit der bildungsphilosophischen Relevanz von Nietzsches Wahrheitsbegriff. Dabei werden die Produkte bisheriger Philosophie als „Begriffs-Mumien“ angesehen (S. 69). Wahrheit und Lüge werden gemeinhin getrennt. Bei Nietzsche rücken sie eng zusammen, sind im Grunde nicht mehr unterscheidbar. Der Mensch selbst steht in Verantwortung. Er kann diese nicht auf extrahumane Gewalten externalisieren. Bildungsphilosophisch bedeutet dies, dass Ziele als menschengemacht durchschaut werden und das insbesondere traditionelle Ideale wie der „Wohltätige“ verneint werden (S. 99). Das neue Ziel der Bildung ist der Übermensch, wobei dieser eher formal – als der Schaffende – als von einem Inhalt her zu begreifen ist.
  • Kapitel VI bildet eine Auseinandersetzung mit Nietzsches Metaphysikkritik. Dabei ist einerseits der Positivismus Gegenstand der Kritik, anderseits die Metaphysik. Nietzsche selbst verortet sich in gewisser Weise im Positivismus, lehnt die Variante von Comte jedoch ab. Letztlich ist auch das Festhalten am „Positiven“, d.h. am Gegebenen eine Form von Absolutismus und damit Metaphysik. Der positive Aspekt des Positivismus liegt jedoch darin, die Konstruktionen der Metaphysik (z.B. das Eine) zu destruieren und eng an der Erfahrung orientiert zu denken.
  • Kapitel VII behandelt Nietzsches andere Vernunft. Die Größe Nietzsches zeigt sich darin, dass er Bestehendes nicht nur kritisiert, sondern einen Neuaufbau beginnt (jenseits der Hinterwelt und Hinterwäldler). Es wird noch einmal deutlich, dass wir die wahre Welt erlogen haben (S. 153). Die andere Vernunft ist die Vernunft, die der Mensch ist, und zwar auf unsicherem Gelände. Nach dem Abbau der traditionellen Vernunft erfolgt die Suche nach einer neuen Vernunft, die den Menschen über den Nihilismus hinaushebt.
  • Kapitel VIII stellt psychologische Philosophenkunde dar und knüpft somit an den mittleren Nietzsche an (III). Nach traditioneller Auffassung ist der Entdeckungszusammenhang sekundär, während man sich philosophisch auf den Begründungszusammenhang kapriziert. Nietzsche unterläuft diese klassische Strategie und begreift die Lehren von Philosophen aus ihrer historischen und biographischen Genese.
  • Kapute IX stellt Nietzsches neue Aufklärung in Anlehnung an Voltaire dar. Das Gebaren von Fürsten und Staatsmännern wird als absichtliche Lüge deutlich gemacht, als unbewusste „Tartüfferie aus dem Leibe“ (S. 185). Gerade dieser Aspekt hebe den hellen Nietzsche, den Aufklärer, heraus, der „neue Rechte“ als Heuchler entlarven würde.
  • Kapitel X bezieht sich nochmals auf Wagner, und zwar die Figur des Siegfried. Niemeyer arbeitet hier die Differenzen der Sichtweisen in Bezug auf Siegfried bei Wagner und Nietzsche heraus. Wagner sieht Siegfried als Super-Siegfried. Dies entlarvt Nietzsche als Feindschaft gegen die Aufklärung (S. 169).
  • Kapitel XI grenzt Nietzsches Verwendung des Begriffs „Übermensch“ gegen einen anderen Gebrauch in Gegenwart und Vergangenheit ab. Eine bekannte Formel ist die „blonde Bestie“, (S. 205), die den Übermenschen in diesem Sinne interpretiert, ihn zum Diener der Gesellschaft macht, um eine rassische Herrenrolle zu spielen. Die auf Individuelles abhebenden Konnotationen des Begriffs werden hier ausgeblendet. Es erfolgt eine rein reaktionäre Interpretation des Begriffs.

Teil B (Wirkungen)

  • Kapitel XII ist wissenschaftstheoretisch orientiert und zeigt essentielle Grundzüge ernst zu nehmender Nietzscheforschung auf. Die Schwester Nietzsches, die als Nachlassfälscherin tituliert wird, erhält hier eine besondere Bedeutung. 
  • Kapitel XIII beinhaltet eine Fallanalyse. Dabei geht es um verschwundene Briefe, die Nietzsches Antisemitismus herausstellen. Als Kronzeugen für seine Sicht zitiert Niemeyer an dieser Stelle auch Camus, der das Unrecht gegenüber Nietzsche für so gravierend hält, das es niemals wieder gut gemacht werden kann.
  • Kapitel XIV verfolgt die Rezeptionsgeschichte Nietzsches von den Anfängen bis zur Gegenwart. Dabei wird Nietzsche als Held der Avantgarde, als Kriegsphilosoph, als Philosoph für Weimar, als Philosoph der Nazizeit und als Philosoph nach 1945 dargelegt. U.a. zeigt Niemeyer hier, das der Philosoph Ernst Bloch (1885 -1977) eine Weiterführung der Subversion Nietzsches bereits als Zwanzigjähriger gefordert hat (S. 367), was für den progressiven Charakter Nietzsches spricht.
  • Kapitel XV zeigt Nietzsche in der Gegenwart, z.B. bei Corey Robin, der Donald Trump vorausgesagt hat. Niemeyer setzt sich kritisch mit Robin auseinander und zeigt bei ihm Aspekte von Nietzsches Philosophie auf, die Robins Thesen teilweise auch infrage stellen.
  • Kapitle XVII greift die Frage auf in welchem Verhältnis Nietzsche zur „Neuen Rechten“ steht. Hier hebt Niemeyer hervor, dass Nietzsche ein authentischer Linker gewesen sei (S. 307). Im Vertrauen auf die eigene Individualität, auf das „Werde, der Du bist“ und den Satz „Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen“ (S. 396) liegen Indizien vor, die diese These bestärken.

Die folgende Zugabe basiert auf einem Vortrag, den Niemeyer 2017 an einem sächsischen Gymnasium gehalten hat. Sie kreist um Fragen der Bewertung des US-amerikanischen Präsidenten Trump, weiter enthält er Analysen zu Robert Steinhäuser (Amoklauf Erfurt 2002).

Im abschließenden Epilog mach Niemeyer die Zielsetzung des Buches deutlich, die darin besteht Nietzsches Werk und die Wirkungen nachzuerzählen (S. 429). Dabei kommt auch die selbstkritische Frage des Autors auf, ob er Nietzsche gegenüber dem Nazi- und Neonazi-Missbrauch nicht zu sehr in Schutz genommen habe (S. 430). Der Epilog endet mit der Frage, dass sich die Nietzscheforschung künftig auch mit der Syphilis Nietzsches offen befassen muss.

Diskussion

Das Buch ist nach Meinung des Rezensenten nicht in erster Linie eine Nacherzählung von Nietzsches Werk und Wirkung. Eher handelt es sich um eine außerordentlich komplexe und vielschichtige Befassung mit unterschiedlichen Aspekten des Werkes Nietzsches. Dabei setzt der Autor umfangreiche Kenntnisse beim Leser voraus. Idealerweise ist der Leser mit Nietzsches Werken vertraut und sucht nun eine Antwort auf die Frage, inwieweit Nietzsche rechtes Gedankengut vertritt. Der Autor geht die Beantwortung der Frage an, indem er direkt in aktuelle Diskussionen zum Thema einsteigt und indem er die Fragestellung in komplexer Weise mit Tagesereignissen verknüpft.

Der Autor gibt psychologischen und biographischen Aspekten großes Gewicht. So soll die Rolle der Syphilis in Bezug auf Nietzsches philosophische Lehren geklärt werden. Auch biographische Erfahrungen sollen herangezogen werden, um Nietzsches Auffassungen verstehbar zu machen. Nach Auffassung des Rezenten beinhaltet diese Herangehensweise das Problem, dass man schon über ein Kriterium verfügen muss, aufgrund dessen man unterscheidet zwischen Positionen, die den genuinen Nietzsche auszeichnen und solchen, die durch Idiosynkrasien bestimmt sind. Dies scheint Niemeyer zu beanspruchen, indem er dem Philosophen vorschlägt erst einmal als Therapeut Nietzsches, dann als sein Psychologe und erst abschließend als Philosoph tätig zu sein (S. 430). Woher Niemeyer seine eigenen Kriterien nimmt, ist allerdings nicht Gegenstand des Buches. Diese setzt er vermutlich als selbstverständlich voraus.

Nitsches Werk ist ein heterogener Steinbruch. Letztlich ist es wahrscheinlich nicht möglich, dieser Vielfalt eine sie umfassende einheitliche Systematik zu geben. Möglicherweise ist Nietzsche selbst eine Person mit vielen Facetten gewesen. Alternativ zu Niemeyers Herangehensweise, den genuinen Nietzsche herauszustellen, könnte man sich auch damit begnügen, bestimmte Facetten zu befürworten und andere abzulehnen. Dann muss man den eigentlichen Nietzsche nicht gegen den, der sein Niveau unterbietet, in Schutz nehmen. Die Person hat einfach verschiedene Anteile und man verzichtet auf den Synthesezwang bzw. die Auszeichnung eines Anteiles als den eigentlichen und des anderen als den uneigentlichen.

Fazit

Das Buch ist für sehr gute Nietzschekenner lesenswert. Es beinhaltet vielfältige Assoziationen zu älteren und gegenwärtigen Ereignissen (z.B. Wahl Trumps). Pädagogische Fragen erscheinen am Rande, indem z.B. Nietzsches Vorstellung eines Zieles menschlichen Lebens als Bestandteil einer Bildungsphilosophie – konträr zur Tradition – ausgeführt wird. Das Buch kann pädagogisch tätige Praktiker interessieren, die in philosophischen Positionen Grundorientierungen suchen und hierbei ihr Verständnis und ihre Einordnung in Bezug auf Nietzsche vorantreiben wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
E-Mail Mailformular


Alle 27 Rezensionen von Anton Schlittmaier anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 14.11.2019 zu: Christian Niemeyer: "Auf die Schiffe, ihr Philosophen!". Friedrich Nietzsche und die Abgründe des Denkens. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2019. ISBN 978-3-495-49044-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25413.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung