socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Thomas Ch. Weber: Traumafokus

Cover Thomas Ch. Weber: Traumafokus. Eine neuropsychotherapeutische Methode zur Verarbeitung von psychischem Stress, Traumata und chronischem Schmerz. Facultas Verlag (Wien) 2019. 150 Seiten. ISBN 978-3-7089-1831-0. D: 16,50 EUR, A: 16,90 EUR, CH: 22,50 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Traumafokus® ist eine in den USA eingetragene Marke. Dabei handelt es sich um eine Behandlungsmethode in der Psychotherapie, die auf einer Neuregulation der Gehirnaktivität und der körperlichen und emotional-affektiven Verbindungen basiert. Ihre Basis findet die Methode in der Tiefenpsychologie. Im Mittelpunkt steht die Verarbeitung von chronischen Schmerzerkrankungen sowie traumatischem und sozialem Stress.

Autor

Thomas Ch. Weber hat Psychologie und Psychotherapiewissenschaft studiert. Als Psychotherapeut (IG) arbeitet er mit verschiedenen Ansätzen wie z.B. EMDR, Ego-State Therapie oder Brainspotting. Er ist Traumafokus-Ausbilder und Lehrsupervisor, leitet sein Institut für Neuropsychotherapie in Wien und ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychotraumatologie und Gewaltforschung (GPTG).

Aufbau

Das Buch ist in einem Umfang von 150 Seiten im Softcoverformat erschienen. Es gliedert sich in zwei Teile, zehn Kapitel sowie zahlreiche Unterkapitel.

Teil I: Theoretische und methodische Grundlagen von Traumafokus

  1. Einleitung
  2. Die Methode Traumafokus
  3. Grundlagen: Allgemeine Psychotraumatologie
  4. Die therapeutische Grundhaltung in Traumafokus
  5. Neurobiologische Zusammenhänge der Entstehung und Verarbeitung von Stress im Gehirn

Teil II: Anwendung von Traumafokus in der psychotherapeutischen Praxis

  1. Vorgehensweise in der Traumafokus-Therapie
  2. Traumafokus-spezifische Stabilisierungstechniken
  3. Zugangstechniken mit Traumafokus
  4. Schmerztherapie mit Schmerzfokus
  5. Ergebnisse einer Langzeitstudie zu Psychotherapie bei chronischen Schmerzpatientinnen

Inhalt

Theoretische und methodische Grundlagen von Traumafokus stehen im Mittelpunkt des ersten Teils. In der Einleitung beschreibt der Autor Thomas Ch. Weber seine Beweggründe, dieses Buch zu schreiben. Anschließend gibt er einen knappen Abriss zur historischen Entwicklung der Behandlungsformen von chronischen Schmerzzuständen in der Neuzeit und beleuchtet die Geschichte und Hintergründe von Traumafokus mit dem besonderen Augenmerk auf EMDR, also „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, auf BSP, also dem sog. „Brainspotting“, auf die Polyvagaltheorie, in Bezug auf Erklärungen zur Interaktionen rechter Gehirnhemisphären sowie dem Grundprinzip von Traumafokus, dem sog. „Felt Sense“. Dieser Begriff wurde zum ersten Mal 1978 von Eugene T. Gendlin verwendet. Weber nutzt diesem Begriff zur Verortung von Gefühlen, Stressererfahrungen, biografischen Erinnerungen und Sinneswahrnehmungen im Körper. Das Ansprechen dieser Erfahrungen aktiviert den „Felt Sense“ und dieser setzt neuronale Prozesse in Gang. Dadurch wird der Verarbeitungsprozess möglich.

Kapitel zwei behandelt die Methode Traumafokus, die Wirkungsweise von Traumafokus, erklärt das Konzept und das Vorgehen in der Traumafokus-Arbeit, inkl. Indikation und Kontraindikation. Als Behandlungsmethode angemessen ist Traumafokus z.B. bei akuter Belastungsreaktionen, posttraumatischer Belastungsstörungen, bei Zwangsstörungen oder somatoformen Störungen, als Behandlungsmethode nicht angemessen ist Traumafokus z.B. bei akuter schizophrener Erkrankungen, bei dissoziativen Identitätsstörungen oder mittelgradiger bis schwerer Intelligenzminderung.

Mit den Grundlagen der allgemeinen Psychotraumatologie setzt sich der Autor im dritten Kapitel auseinander. Am Anfang steht die Definition, was ist ein psychisches Trauma ist. Bei einer normalen oder traumatischen Reaktion auf eine traumatische Erfahrung gibt es fünf Phasen. Bekannt sind drei Reaktionsmuster: Flucht, Kampf und Erstarrung, mit denen das autonome Nervensystems auf Gefahr oder Lebensgefahr reagiert. Das Kapitel endet mit der Erläuterung, wie eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entsteht.

Kapitel vier stellt die therapeutische Grundhaltung des Ansatzes Traumafokus in den Mittelpunkt. Genannt werden die Haltung des Wahrnehmens und Beobachtens, dabei sind die Augenpositionen und der Augenfokus zentral. Des Weiteren beleuchtet der Autor die Themen Bindung und soziale Sicherheit und die sog. Kommunikation der rechten Hirnhemisphären von Therapeut*innen und Patientinnen und Patienten. Ausführlicher wird die Atmung als therapeutische Grundlage in der Traumafokus Arbeit ausgeführt. Dabei geht es um die Bedeutung für die therapeutische Praxis.
Die Atmung ist bei der Stabilisierung von Angst, Stress und Schmerz bedeutsam. Die Atemtechnik hat Auswirkungen auf das Nervensystem. Erklärt wird das sog. „limbische Zuhören und Sprechen“ während der Therapie und abschließend wird aufgezeigt, wie Patientinnen und Patienten eigene Ressourcen in der Therapie mit Traumafokus nutzen können.

Die neurobiologischen Zusammenhänge der Entstehung und Verarbeitung von Stress im Gehirn sind Inhalt des fünften Kapitels. Aufgezeigt wird, wie sich das menschliche Gehirn entwickelt, wie Lebenserfahrungen gespeichert werden und wie Stress durch Dauergefahr entsteht und verarbeitet wird. Zum einen wird erklärt, wie Stress im Gehirn abläuft und zum anderen, wie es zu einer Eskalation des Stresserlebens im Gehirn kommt. Dabei ist wichtig, die Belastungsstärke festzustellen.
Die Polyvagaltheorie nach Stephen Borges, auch Neurozeption genannt nutzt das autonome Nervensystem in der Traumafokus Arbeit. Elemente wie das sog. Social Engagement System, die Mobilisation und Immobilisation schließen dieses Kapitel und damit den ersten Teil ab.

Von der Anwendung von Traumafokus in der psychotherapeutischen Praxis handeln die folgenden fünf Kapitel im zweiten Teil. Zu Beginn wird die Vorgehensweise in der Traumafokus-Therapie detailliert beschrieben. Eine Traumatherapie-Sitzung braucht Vorbereitung, dann folgt der Einstieg ins Thema. Weiter geht es mit der Bestimmung des Ausgangsthemas, also der Klärung des Auftrags, das Herausarbeiten von Wünschen und Zielen sowohl für jede Sitzung als auch für die Therapie insgesamt.

Beim Traumafokus geht es um verschiedene Arten von „Augenfokussen“, beschrieben werden unbewusste Augenpositionen und der Entwicklungsfokus, ein Fokus für Nachhaltigkeit bei Traumafokus. Weber erläutert des Weiteren die Geschichte und Bedeutung des „Felt Sense“ in der Traumaverarbeitung und die Geschichte und Bedeutung von Augenpositionen sowie indirekte Suggestion und Trance in der Verarbeitung von Traumata.

Daran schließen sich im siebten Kapitel vier traumafokusspezifische Stabilisierungstechniken an.

  • Stabilisierungstechnik I: der Körperressourcen-Scanner,
  • Stabilisierungstechnik II: das multimodal-bilaterale Grounding,
  • Stabilisierungstechnik III: das kontrollierte Schlucken (Schluckreflex) und
  • Stabilisierungstechnik IV: der erweiterte Ressourcenfokus mit Bindungsrepräsentanzen.

Verschiedene Formen von Augenfokus bilden Zugangstechniken mit Traumafokus. Einleitend wird definiert, was ein Augenfokus ist. Anschließend werden verschiedene Ausprägungen erklärt wie der implizite Augenfokus, der explizite Augenfokus und der Projektionsfokus. Es ist auch möglich nur mit jeweils einem Auge zu fokussieren, das wird als sog. „Ein-Augen-Fokus bezeichnet“. Sehr selten kommt es in der therapeutischen Arbeit zu einer unerwarteten akuten Panikattacke, dennoch beschreibt Weber auch für diese Situation vier Schritte (S. 114).

Ein Schwerpunkt der Arbeit von Weber ist die Schmerztherapie mit Schmerzfokus. Er erklärt, wie Schmerz entsteht und dann erläutert der Autor vertiefend, wie er Schmerz versteht: Stress und Schmerz stehen in Zusammenhang. Dazu ist ein Blick ins Gehirn hilfreich, dort findet man eine sog. Schmerzmatrix mit aufsteigenden Schmerzbahnen (Schmerzerfahrung) und absteigenden Schmerzbahnen (Schmerzhemmung und -modulation.) An dieser Stelle werden auch Erkenntnisse zum Fibromyalgie-Syndrom und zu psychosozialen Ursachen für chronische Schmerzerkrankungen diskutiert. Es gibt verschiedene Techniken in der Arbeit mit dem Schmerzfokus, vorgestellt werden drei Techniken: die Technik des Felt-Sense, mit der die Schmerzgeschichte verarbeitet werden kann, die Schmerzfokus-Technik mit Körperpositionen und die Schmerzfokus-Therapie mit manueller Drucktechnik.

Das letzte Kapitel (10) fasst Ergebnisse einer Langzeitstudie zu Psychotherapie bei chronischen Schmerzpatientinnen an der sysTelios-Klinik von 2016–2018 zusammen (s. auch Anhang B). Neben einem Literaturverzeichnis, Stichwort- und Personenverzeichnis findet man am Ende des Buches im Anhang ein Körperschema für die Schmerzanamnese.

Diskussion

Neben einer ausführlichen theoretischen Auseinandersetzung mit der Methode zeigt der Praxisteil sehr gut, auf welche Weise die Traumafokus®-Therapie in der täglichen Arbeit mit Patientinnen und Patienten angewendet wird und wie beispielsweise Stress und chronischer Schmerz behandelt werden können. Abgerundet wird dieses Buch durch erste Forschungsergebnisse zum Thema, welche die Wichtigkeit dieser Methode unterstreichen

Thomas Weber wurde von verschiedenen Ansätzen der psychotherapeutischen Arbeit beeinflusst wie z.B. von David Grand, der das sog. Brainspotting begründet hat. Eine Rezension zum entsprechenden Buch von David Grand „Brainspotting. Wie Sie Probleme, Traumata und emotionale Belastungen gezielt auflösen“ ist unter www.socialnet.de/rezensionen/17796.php zu finden. Brainspotting ist eine Weiterentwicklung des EMDR Verfahrens von Dr. David Grant, der davon ausgeht, dass es einen Ort im Gehirn gibt, der mit der Belastung zusammenhängt. Er hat herausgefunden, dass durch die Bewegung der Augen beim Sprechen dieser Punkt ermittelt werden kann. Damit wird das belastende Erlebnis für eine bewusste Verarbeitung zugänglich gemacht und kann auf seelischer und körperlicher Ebene behandelt werden. Der hier vorgestellte therapeutische Ansatz von Thomas Weber hat diesen Ansatz weiterentwickelt. Ich habe Thomas Weber in Hamburg in der Zusammenarbeit mit Christiane Becker kennengelernt, Sie leitet das Institut für Traumahilfe und arbeitet u.a mit TAKT, was für „Traumatherapie als körperorientierte Therapie“ steht. Beide haben bei Dr. David Grant gelernt und entwickeln seinen Ansatz „Brainspotting“ weiter.

Besonders beachtenswert ist Webers Arbeit mit Menschen mit Schmerzerfahrungen. Er setzt den Schmerzfokus in der Schmerztherapie ein. Stress und Schmerz stehen in Zusammenhang. Weber erklärt es wie folgt: Im Gehirn findet man eine sog. Schmerzmatrix mit aufsteigenden Schmerzbahnen (Schmerzerfahrung) und absteigenden Schmerzbahnen (Schmerzhemmung und -modulation). In diesem Zusammenhang beschreibt er auch seine Erkenntnisse zum Fibromyalgie-Syndrom und zu psychosozialen Ursachen für chronische Schmerzerkrankungen. Im Anhang des Buches ist ein Körperschema für die Schmerzanamnese der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. hinterlegt, mit dem sowohl die Intensität, die Schmerz-Lebens-Geschichte und der Ort des Schmerzes als auch die Auswirkungen des Schmerzes im Leben dokumentiert werden.

In der Arbeit mit dem Schmerzfokus gibt es verschiedene Techniken, vorgestellt werden die Technik des Felt-Sense, mit der die Schmerzgeschichte verarbeitet werden kann, die Schmerzfokus-Technik mit Körperpositionen und die Schmerzfokus-Therapie mit manueller Drucktechnik. Es wäre sehr wünschenswert, wenn diese Erkenntnisse als Standard in medizinische Fortbildungen einfließen, um sie in die Breite zu streuen, damit sie schmerzgeplagten Menschen zu Gute kommen können.

Fazit

Traumafokus® ist eine in den USA eingetragene Marke. Dabei handelt es sich um eine moderne Behandlungsmethode in der Psychotherapie, die auf einer Neuregulation der Gehirnaktivität und der körperlichen und emotional-affektiven Verbindungen basiert. Ihre Basis findet die Methode in der Tiefenpsychologie. Im Mittelpunkt steht die Verarbeitung von chronischen Schmerzerkrankungen sowie traumatischem und sozialem Stress. Der erste Teil des Buches ist eine theoretische Auseinandersetzung mit der Methode, der zweite Teil zeigt, wie die Traumafokus-Therapie in der täglichen Arbeit mit Patientinnen und Patienten praktiziert wird. Vorgestellt werden die Behandlung von Stress und chronischem Schmerz. Erste Forschungsergebnisse aus einem Projekt aus 2016–2018 zum Thema liegen vor. Das Buch von Thomas Ch. Weber ist theoretisch fundiert und dennoch verständlich geschrieben. Zahlreiche Fallvignetten mit Dialogen aus den Therapiesitzungen spiegeln seine Arbeitsweise wieder und erlauben damit einen guten Einblick. EMDR, Brainspotting, Traumafokus und TAKT sind sehr vielversprechende Ansätze. Bemerkenswert ist, dass sie schnell wirksam sind, was die Möglichkeit eröffnet, langwierige Therapien zu verkürzen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), Autismus, TEACCH, erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
E-Mail Mailformular


Alle 222 Rezensionen von Petra Steinborn anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 16.08.2019 zu: Thomas Ch. Weber: Traumafokus. Eine neuropsychotherapeutische Methode zur Verarbeitung von psychischem Stress, Traumata und chronischem Schmerz. Facultas Verlag (Wien) 2019. ISBN 978-3-7089-1831-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25416.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung