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Tina Dürr, Reiner Becker (Hrsg.): Leerstelle Rassismus?

Cover Tina Dürr, Reiner Becker (Hrsg.): Leerstelle Rassismus? Analysen und Handlungsmöglichkeiten nach dem NSU. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2018. 176 Seiten. ISBN 978-3-7344-0609-6. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.

Reihe: Wochenschau Wissenschaft.
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Wird Rassismus nur von den Rassisten ausgeübt?

Amnesty International hat mit der Kampagne „Wir nehmen Rassismus persönlich“ dazu aufgerufen, „Betroffenen zuzuhören – Rassismus zu erkennen“, und zwar sowohl im persönlichen Umgang, als auch im öffentlichen Leben. AI fordert auf, „dass die Behörden bei der Ermittlung von Straftaten dazu verpflichtet werden, rassistische Motive zu prüfen und die Perspektiven der Betroffenen zu erfassen“. Die internationale Menschenrechtsorganisation stellt fest: „Rassistische Motive nicht zu erkennen, ist auch rassistisch“. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die NGO „Menschen stärken Menschen“ rufen auf, Tandem-Freundschaften zwischen geflüchteten Menschen und Einheimischen zu bilden: „Aus Fremden können Freunde werden“. Dieser empathischen Willkommenskultur freilich stehen Kakophonien gegenüber, die mit ego- und ethnozentrischen, fundamentalistischen und populistischen Einstellungen Rassismus vertreten und verbreiten. In dieser Phalanx versammeln sich Täter und Mitläufer (vgl. dazu: Toni Morrison, Die Herkunft der Anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24660.php).

Entstehungshintergrund und HerausgeberInnenteam

Im Juni 2016 hat das Hessische Beratungsnetzwerk und das Mobile Beratungsteam Hessen e.V. Expertinnen und Experten zur wissenschaftlichen Tagung „Leerstelle Rassismus – NSU und die Folgen“ nach Kassel eingeladen. Sie diskutierten, „welche gesellschaftlichen Mechanismen dazu beitragen, dass Rassismus oftmals nicht wahrgenommen wird, gleichwohl aber Wirkung für die Betroffenen entfaltet“.

Tina Dürr und Reiner Becker vom Demokratiezentrum Hessen an der Philipps-Universität in Marburg und Mitherausgeber der Zeitschrift „Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit“ geben den Tagungsband heraus.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird in zwei Kapitel gegliedert.

  • Im ersten werden „Analysen von und Perspektiven auf Rassismus am Beispiel des NSU“ vorgenommen, und
  • im zweiten Kapitel werden „Handlungsfelder und Empfehlungen“ thematisiert.

Die Kölner Sozialwissenschaftler Kemal Bozay und Orhan Mangitay diskutieren mit dem Beitrag „Die haben gedacht, wir waren das…“ migrantische Betroffenheitsperspektiven zu Rassismus, NSU und rechtsextremem Terror. Sie zeigen Mentalitäten, kollektive Einstellungen, Vorurteile und Höherwertigkeitsvorstellungen gegen Fremde und Fremdes in der Mehrheitsgesellschaft auf und erklären, wie diese Probleme auf Eingewanderte wirken. Wie lassen sich Erfahrungen, die mittlerweile mit dem Begriff „Tiefer Staat“ belegt werden (Ulrich Mies / Jens Wernicke, Hrsg., Fassadendemokratie und Tiefer Staat. Auf dem Weg in ein autoritäres Zeitalter, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/24660.php) überwinden?

Die Journalistin und Menschenrechtsbildnerin Christa Kaletsch und der Soziologe Manuel Glittenberg verweisen mit ihrem Beitrag „Die Rituale der Mitte – Reproduktionsmechanismen von Rassismus und problematische Handlungsroutinen im Umgang damit“ auf die Analysen, dass rassistische und antidemokratische Einstellungen sich mittlerweile in der „Mitte der Gesellschaft“ breitgemacht haben. Die bereits vor Jahrzehnten (1986, Annita Kalpaka, u.a.) geäußerte Beunruhigung, dass es schwierig sei, nicht rassistisch zu sein, wirkt bis heute: „Um die Mechanismen zu verändern, ist eine umfassende Auseinandersetzung mit Rassismus nötig, und ein Perspektivenwechsel, der die Pluralität der Gesellschaft anerkennt und sich konsequent den Narrativen und den Bedürfnissen der potentiell Betroffenen zuwendet“.

Es ist die Vielfalt, die Einheit und Humanität schafft. Im zweiten Teil des Tagungsbandes werden Beispiele aufgezeigt, und es wird Ausschau gehalten nach humanen, demokratischen Lösungsmöglichkeiten.Der Düsseldorfer Gesellschaftswissenschaftler Fabian Virchow setzt sich mit „Sprache und Rassismus“ auseinander. Der Diskurs, dass individuelle und kollektive Kommunikation Macht bewirken und Rassismen erzeugen kann, potenziert sich durch die zunehmende Allmacht der Medien, und scheinbar auch durch Tendenzen von abnehmender Sprachsensibilität. Nichtdiskriminierende und nichtrassistischer Sprachgebrauch ist heute notwendiger denn je.

Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Manuela Bojadžijev, die Osnabrücker Migrationswissenschaftlerin Katherine Braun, der Wiener Politikwissenschaftler Benjamin Opratko und der Ethnologe Manuel Liebig vermitteln mit dem Beitrag „Rassismusforschung in Deutschland“ einen Überblick über die prekäre Geschichte, die strukturellen Probleme und neuen Herausforderungen. Ihre Analyse, „dass die Rassismusforschung schwach institutionalisiert ist und wenig Resonanz im wissenschaftlichen Feld als auch in der gesellschaftlichen und politischen Sphäre findet“, wird mit zahlreichen Beispielen und Wirklichkeitsanzeigen belegt.

Die Lehramtsstudent*innen an der Ruhr-Universität Bochum, Betül Emiroğlu, Olga Kristiansen, Maike A. J. Oostenryck, Kira Uhlenbruck, Mario Müller, der wiss. Mitarbeiter Jan Schedler, und der Didaktiker Karim Fereidooni thematisieren „Der NSU als Gegenstand der Lehrer_innenbildung im Fach Sozialwissenschaften“. Sie entwickeln ein didaktisches Aus- und Fortbildungskonzept zum Umgang mit Alltagsrassismen, und sie zeigen auf, dass „Rassismuskritik, das Wissen und die Thematisierung von Rechtsextremismus und die Auseinandersetzung damit im sozialwissenschaftlichen Unterricht in der Lehrerausbildung voranzutreiben“ ist.

Die Berliner Politikwissenschaftlerin und Mitarbeiterin beim Verein LIFE e.V., Aliyeh Yegane Arani, vermittelt ihre Antidiskriminierungs- und Interventionserfahrungen zum Thema „Rassismus und Schule“, indem sie feststellt: „Viele Eltern und ihre Kinder haben das Vertrauen in die Lehrer und die Schule verloren“. Sie informiert über die verschiedenen, rassistischen Tat- und Erscheinungsformen und plädiert für eine lern- und implementierbare Antidiskriminierungskultur.

Die Soziologin und Systemische Beraterin Eva Georg und die Kulturanthropologin Olivia Sarma, beide bei der Frankfurter Beratungsstelle für Betroffene von rechter Gewalt („response“) tätig, bringen mit dem Beitrag „Die Perspektive der Betroffenen: Eine Geschichte der Nicht-Wahrnehmung und der Bagatellisierung“ Aufgaben und Herausforderungen von Beratungsstellen für Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt zur Sprache.

Der Münsteraner Historiker, Mitarbeiter beim Geschichtsort „Villa ten Hompel“, Michael Sturm, fragt: „Nichts gelernt? Die Polizei und der NSU-Komplex“. Er zeigt auf, wie Polizeibeamte im Dienst mit Andersaussehenden und Fremden umgehen und welche rassistischen und Diskriminierungsformen praktiziert werden. Er kritisiert das „unbewusste Unfehlbarkeitsparadigma“, das sowohl in der Ausbildung vermittelt, als auch im Dienst befördert wird, und er vermittelt, wie eine „konstruktive Streitkultur“ die vielfach gewohnten und erstarrten Strukturen aufbrechen kann.

Die Sprachwissenschaftlerin Margarete Jäger und die Politikwissenschaftlerin Regina Wamper, beide beim Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) tätig, analysieren mit dem Beitrag „Ströme, Fluten, Invasionen“ den medialen Diskurs, wie er sich 2015 in den deutschen Leitmedien darstellte. Den öffentlichen und politischen Veränderungsprozessen von der Willkommenskultur hin zu lokalen und globalen Ab- und Ausgrenzungen gilt es zu widerstehen, denn sie verstärken ego-, ethnozentristische, nationalistische, populistische und rassistische Tendenzen.

Die Mitbegründer der Initiative „Pogrom 91“ in Hoyerswerda, der Kommunikationswissenschaftler Matthias Galle und der Sozialarbeiter Matthias Gross treten mit dem Beitrag „Denkmäler für Opfer rechter Morde und Gewalttaten – Orte der Erinnerung oder des Vergessens?“ für eine aktive Erinnerungskultur ein. Sie setzen sich mit gelungenen und misslungenen Beispielen von Erinnerungsorten auseinander und fordern auf, das öffentliche Bewusstsein und Widerstand gegen rassistische Gewalttaten zu stärken.

Die Tübinger Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas und Fabian Virchow beschließen den Sammelband mit dem Beitrag „Praxen der Erinnerung als Kämpfe um Anerkennung“. Sie arbeiten die Bedingungen heraus, wie eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit rechter Gewalt erfolgreich sein kann: „Anerkennende Erinnerung ist vielfach konflikthaft, sie hat zugleich das Potenzial, vielfältige Möglichkeiten des Austauschs über gleiche politische Rechte als Grundlage des Zusammenlebens in heterogenen Gesellschaften zu eröffnen“.

Fazit

„Leerstelle Rassismus“ als Defizit und Lücke beim gelingenden, humanen, gerechten und menschenwürdigen Zusammenleben in der globalen Welt, erfordert eine „Lehrstelle“ für aktives, individuelles und kollektives Denken und Tun aller Menschen. Es sind die vielfältigen, fachspezifischen, fächer- und themenübergreifenden Zugangsformen, Analysen und Forschungen der Autorinnen und Autoren, die den Sammelband zu einem wichtigen Element zum Bau des gesellschaftlichen Hauses gegen Rassismus und Diskriminierung machen. Die menschenunwürdigen und -verachtenden Einstellungen produzieren Opfer in allen Lebensbereichen, und deshalb ist es Aufgabe für alle Menschen, Rassismus zu verhindern (vgl. dazu auch: Kijan Espahangizi, u.a., Hg., Rassismus in der postmigrantischen Gesellschaft, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21140.php). 

Seit einiger Zeit vollziehen sich in der real existierenden Welt Veränderungsprozesse, die in konträre Richtungen gehen: Die eine Tendenz versucht die (selbstverständliche) festgemauerte und historisch entstandene Zweiteilung in eine „weiße“, erfolgreiche und mächtige und eine „schwarze“, unterentwickelte Welt aufrecht zu erhalten, während die zweiten Prozesse ein selbstbewusstes „Dennoch“ der Diskriminierten und Benachteiligten hervorrufen (vgl. auch: Reni Eddo-Lodge, Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche, Stuttgart 2019, 263 S.; siehe auch: Antonia Baum, Die Hautfarbe entscheidet, DIE ZEIT, Nr. 10 vom 28. 2. 2919, S. 41).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.04.2019 zu: Tina Dürr, Reiner Becker (Hrsg.): Leerstelle Rassismus? Analysen und Handlungsmöglichkeiten nach dem NSU. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2018. ISBN 978-3-7344-0609-6. Reihe: Wochenschau Wissenschaft.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25423.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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