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Stefan Brunnhuber: Die offene Gesellschaft

Cover Stefan Brunnhuber: Die offene Gesellschaft. Ein Plädoyer für Freiheit und Ordnung im 21. Jahrhundert. oekom Verlag (München) 2019. 176 Seiten. ISBN 978-3-96238-105-9. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Freiheit und Ordnung

Die „offene Gesellschaft“ ist für all jene, die in eingeschlossenen, hierarchischen, ideologischen und traditionalistischen Gesellschaften leben wollen, Graus und Chaos. Offenheit im individuellen, lokalen und globalen Sinn wird als Ideal- und Wollenszustand der Conditio Humana verstanden, wie er in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in der Präambel formuliert und gefordert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Freiheitsbewusstsein und -anspruch gründen auf Verantwortung; Ordnung ebenso (Stefan Groth / Linda Mülli, Hrsg., Ordnungen in Alltag & Gesellschaft. Empirisch-kulturwissenschaftliche Perspektiven, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25405.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Gesellschaftstheorien und -modelle, die auf liberalen, demokratischen Traditionen beruhen, gehen davon aus, dass im Individuum und in der Gemeinschaft eine kritische, intellektuelle Kompetenz und ein Wille vorherrschen, jeden Menschen ein gerechtes, gleichberechtigtes, friedliches, gutes und gelingendes Leben zu ermöglichen. Die Wege dahin lassen sich nur demokratisch finden. Einer der Verfechter einer offenen Gesellschaft ist der Philosoph Karl Popper (1902 – 1992), der mit seinem 1945 erschienenem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ die Voraussetzungen aufzählt, wie es gelingen könne, die kritischen Fähigkeiten der Menschen für eine offene Staatsform zu gewinnen. Poppers Modell einer offenen Gesellschaft fördert einerseits das demokratische, freiheitliche Bewusstsein, wird andererseits aber auch kritisiert, dass die liberalen Grundsätze die Notwendigkeit und Bedeutung von historisch und kulturell gewachsenen sozialen Zusammenhängen beim menschlichen Zusammenleben nicht gebührend berücksichtige. Diese Kritik äußert u.a. der Soziologe Ralf Dahrendorf (1929 – 2009).

Dahrendorfs Schüler, der Ökonom und Psychiater, Direktor der Diakonie Kliniken Sachsen, Senator der Europäischen Akademie der Wissenschaft, Mitglied des Club of Rome und Lehrender an der Hochschule Mittweida, Stefan Brunnhuber, nimmt die Zusammenhänge und Kontroversen zu Poppers Modell einer offenen Gesellschaft auf und entwickelt daraus einen Vorschlag, wie eine offene Gesellschaft Hier, Heute und Morgen – aussehen könnte. In den Zeiten der sich immer interdependenter, grenzenloser, globaler entwickelnden (Einen?) Welt prallen Zuversicht und Hoffnungslosigkeit aufeinander. Dem Freiheitswillen stehen Machtmissbrauch, Ego--, Ethnozentrismus, Nationalismus, Rassismus, Populismus und Fake News gegenüber: „Nichts ist sicher, gar nichts, auch der Weg hin zu einer Offenen Gesellschaft nicht“, so beginnt Brunnhuber sein Plädoyer für Freiheit und Ordnung im 21. Jahrhundert. Diese gesellschaftspolitische Bestandsaufnahme klingt resignativ und eher hoffnungslos; doch des Autors Absicht ist kein Lamento, sondern der Versuch, die Frage zu beantworten: „Was ist eine offene Gesellschaft?“. Er nimmt Poppers Idee auf, berücksichtigt die Kritik daran. Heraus kommt eine Faszination, gepaart mit einer realistischen Einschätzung: „Es geht in der Offenen Gesellschaft, welche immer unfertig und unvollkommen ist, … um das richtige Verhältnis von Kritik, Freiheit und Ordnung“. Mit diesem Handwerkszeug wären wir bei der „realen Utopie“, oder der „positiven Subversion“ (Hans A. Pestalozzi, 1929 – 2004), und es sollte gelingen, an der Bildung und Entwicklung einer Offenen Gesellschaft mitzuarbeiten.

Aufbau und Inhalt

Brunnhuber gliedert sein Plädoyer in fünf Kapitel.

  1. Im ersten stellt er fest: „Worum es jetzt im 21. Jahrhundert geht“;
  2. im zweiten geht er mit der Analyse „Jenseits von links und rechts“ auf Karl Poppers Leben und Wirken ein und zieht Parallelen zum Heute;
  3. im dritten sucht er mit „Der Übergang“ nach Einsichten, wie historische und gesellschaftliche Entwicklungen erkannt und bewertet werden können;
  4. im vierten stellt er sich den Herausforderungen und Möglichkeiten, wie eine „Offene Gesellschaft im 21. Jahrhundert“ aussehen könnte; und
  5. im fünften Kapitel thematisiert er mit „Transformation“, wie individuell und kollektiv eine gegenwärtige und zukünftige Offene Gesellschaft möglich werden kann.

Im Anhang fragt er mit einer Zusammenstellung von Kriterien und Vergewisserungen: „Leben Sie in einer offenen Gesellschaft?“; und er stellt „22 Merkmale einer Offenen Gesellschaft“ zusammen.

Im ausführlichen Anmerkungsverzeichnis werden nicht nur Quellenverweise aufgeführt, sondern auch Zusammenhänge hergestellt und Vergleiche gezogen; eine Auswahl von Literatur und Netzwerken bietet den Lesern die Möglichkeit zur eigenen Recherche.

Eine Reflexion darüber, wie es gelingen kann, dass alle Menschen offen, frei und menschenwürdig leben können, braucht den Intellekt und die Hoffnung, dass der Mensch im „Anthropozän“ sich seiner humanen und kosmischen Verantwortung bewusst wird. Die ökonomischen Grenzüberschreitungen, der Machtmissbrauch von Gewinnern und die Ohnmacht der Verlierer gehören auf das gesellschaftliche Kritikfeld, das Karl Popper charakterisiert, wenn er feststellt, dass man „Vernunft am besten als Offenheit für Kritik interpretieren kann, als Bereitschaft, sich kritisieren zu lassen, und als den Wunsch, sich selbst zu kritisieren“.

Popper, und mit ihm Brunnhuber geraten mit der Feststellung – „Es ist kein Fehler, Fehler zu machen. Aber es bleibt einer, wenn es uns nicht gelingt, aus Fehlern zu lernen und gesellschaftliche Vorkehrungen zu treffen, damit Fehler uns einen Erkenntnisfortschritt und eine Weiterentwicklung ermöglichen“ – beinahe auf Sisyphos’sches Gelände (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Sisyphos werden. Eine optimistische, didaktische Aufforderung, in: Pädagogische Rundschau, PR 4/2018, S. 536ff).

Fazit

Die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat bereits 1995 den dramatischen Appell formuliert, dass die Menschheit vor der Herausforderung stehe, umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden. Diese nach wie vor aktuelle und notwendige Aufforderung verbindet sich mit der Popperschen und Brunnhuberschen Frage: „Wie gelingt uns jene Transformation in eine offene Zukunft?“. Es sind bedenkenswerte Paradigmen, die hilfreich sein können, eigene Standpunkte und politische Positionen zu finden, um aktiv, demokratisch und freiheitlich an einer Offenen Gesellschaft mitzubauen!

Es gilt noch etwas zu erwähnen: das ökologische Konzept „Klimaneutral“ des oekom-Verlags. Die Münchner Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH ist eine Selbstverpflichtung für nachhaltige Publikationen eingegangen. Der Verlag verzichtet auf das Einschweißen von Büchern und anderen Publikationserzeugnissen in Plastikfolie; für den Druck von Büchern und Zeitschriften wird vorwiegend Recyclingpapier verwendet; beim Herstellungsprozess wird mineralölfrei produziert; bei den Druckaufträgen wird möglichst auf kurze Transportwege geachtet; und es werden Projekte gefördert, die einen hohen ökologischen Standard praktizieren. Das ist zu loben und exemplarisch zu betonen! 


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.05.2019 zu: Stefan Brunnhuber: Die offene Gesellschaft. Ein Plädoyer für Freiheit und Ordnung im 21. Jahrhundert. oekom Verlag (München) 2019. ISBN 978-3-96238-105-9.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25426.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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