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Thea Schmollinger, Thomas Köck u.a. (Hrsg.): Junge Geflüchtete in den Erziehungshilfen

Cover Thea Schmollinger, Thomas Köck, Angelika Gaßmann (Hrsg.): Junge Geflüchtete in den Erziehungshilfen. Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. 150 Seiten. ISBN 978-3-7841-3120-7. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

Die Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe haben sich besonders seit 2015 überaus engagiert für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eingesetzt. Der Bundesverband der katholischen Träger in diesem Bereich, BVkE, zieht nun mit diesem Sammelband, mit Beiträgen aus Wissenschaft und Praxis, Bilanz.

Herausgeber*innen und Autor*innen

Herausgeberin ist die Referentin des BVkJ Thea Schmollinger BA./MA., zusammen mit Thomas Köck M.A., der das Christopherus Jugendwerk in Breisach leitet, und der Personalentwicklerin Angelika Gaßmann M.A.

Die Beiträge stammen von insgesamt 24 Autorinnen und Autoren, die mit ihren sozialarbeiterischen, psychologischen, pädagogischen und therapeutischen Qualifikationen die Praxis in der Flüchtlingshilfe konzipiert, mitgestaltet und/oder in Lehre und Forschung reflektiert haben.

Aufbau

Der Band versammelt 20 Beiträge; die ersten neun versprechen „einen Blick von oben“, also eher allgemein gehaltene Überlegungen zur „Integration junger Geflüchteter“. Der zweite Teil bietet „pädagogisch-konzeptionelle Perspektiven“. Schließlich sollen die letzten 5 Beiträge Einblicke in „gute Praxis“ vermitteln.

Inhalt

Mehrere Beiträge erinnern daran, wie (milde ausgedrückt) „zurückhaltend“ die deutsche Flüchtlingspolitik war. Man denke nur an den Vorbehalt gegen die Kinderrechtskonvention von 1992, der erst 2010 aufgegeben wurde, da sie Minderjährigen volle Rechte unabhängig vom Status der Eltern garantierte. Erst 2015 wurde unbegleiteten Flüchtlingen die Zuständigkeit der Jugendhilfe über den 16. Geburtstag hinaus zugestanden, wurden Inobhutnahme, Clearingstelle, Unterbringung in Jugendhilfeeinrichtungen eindeutig normiert. Noch heute sind die Jugendämter mehr als zögerlich, Hilfen auch über die Volljährigkeit hinaus zu gewähren, was ja der Gesetzgeber ausdrücklich zulässt, da eben – wie Irmela Wiesinger begründet und die Expertise von Timo Herrmann belegt – oft erst dann die Hilfen nachhaltig wirken können. Eine Umfrage von Schmollinger beweist dazu, dass nicht nur die pädagogischen Fachkräfte, sondern auch Personen im Umfeld, Freiwillige nämlich, Paten, wichtige Rollen und Vorbilder darstellen, Vertrauen und Sicherheit geben können.

Einen besonderen Akzent setzt dieser Band mit Beiträgen, die Beteiligung und Partizipation thematisieren. So wichtig es ist, dass die Flüchtlinge am „Sicheren Ort“ betreut werden, Vertrauen bilden, Wertschätzung und Würdigung ihres Werdegangs erfahren: Es gehört zur Traumapädagogik, dass sie selbst reflektieren, welche Trigger Angst auslösen; es geht aber auch um Alltagssituationen, in denen die jungen Menschen handeln und entscheiden können, wo Selbstwirksamkeitsüberzeugung und damit das Selbstbewusstsein wachsen. Zur Beteiligung gehört, wie Petra Mund pointiert fordert, auch die Möglichkeit, über die Unterbringung mitzuentscheiden oder sich zu beschweren. Hier kann ein Vormund hilfreich sein. Zwei überraschende Beiträge stammen von Aladin El-Mafaalni. In einem macht er auf das „Integrationsparadox“ aufmerksam: Man solle bloß nicht erwarten, dass Integration Konflikte reduziert oder vermeiden hilft; vielmehr werden sie im Zuge der Integration, bei wachsendem Selbstbewusstsein und Kritik an Benachteiligung erst produziert, ja offengelegt. Ein zweiter Beitrag dieses Autors betrifft die Interkulturalität. An einem Beispiel aus der Kita (!) warnt El-Mafaalni davor, die Kinder ethnisch-kulturell einzuordnen und zu stereotypisieren. Martin Kramm gibt einen Hinweis auf die Erwartung von Autorität, die junge Flüchtlinge mitbringen, hiesige Pädagogen aber so nicht erfüllen (wollen/können).

Drei Praxisberichte schließen den Band ab. Aus Wiesbaden wird berichtet, wie viele Akteure dazu beitrugen, dass die jungen Flüchtlinge den Zugang in das Schulsystem fanden und gerade auch während der Ausbildung stabilisiert wurden. Förmliche „Antonius-Patenschaften“ haben zu persönlichen Beziehungen geführt. In Schwäbisch-Gmünd ist eine „umF“-Unterkunft mit einem „Kulturladen“ verbunden, den bürgerschaftliche Gruppen wie Flüchtlinge nutzen, natürlich auch für gemeinsame Aktivitäten. Im Rahmen des Bundesprogramms „Willkommen bei Freunden“ haben sich z.B. in Bremen und Lüneburg junge Leute mit oder ohne Fluchterfahrung zu „Konsultationsworkshops“ zusammengefunden, die Orientierung, Austausch und Interessenvertretung förderten. Auf die umfangreichen Materialien dazu im Netz wird ausdrücklich verwiesen.

Diskussion

Nicht alle Artikel überzeugen. Manche liefern gerade mal Stichpunkte oder bleiben plakativ: Interkulturelles Lernen bleibt praktisch ohne Anschauung in dem gegebenen Zusammenhang. Die sog. Ausbildungsduldung wird erwähnt, nicht aber der Ärger und die Wut, die junge Flüchtlinge, Unternehmen, Ausbildungsstätten, Arbeitskollegen, die Bürger vor Ort teilen, weil die Behörden diese Duldung willkürlich handhaben, verweigern oder abbrechen.

Hingegen loben sich manche Organisationen, wie flexibel sie die Personalentwicklung geschafft hätten. Im Text gibt es auch mal überzogene Begriffe wie „care leaver“, aus Gesprächsrunden werden gleich „Therapien“. Abkürzungen wie ACK werden nicht erklärt. Aber das sind letztlich doch Schönheitsfehler.

Sehr viel wichtiger ist der gesamte Duktus: Immer wieder werden wir daran erinnert, dass „umF“ nur ein Label ist, die entscheidende Frage aber lautet: Was brauchen Jugendliche? Und: Welche Stärken haben sie, die sie diese Flucht gewagt und durchgestanden haben? Dass uns diese Fragen nicht loslassen, ist auch ein Verdienst eines Bandes wie des vorliegenden.

Fazit

Der Sammelband ist ein überzeugender und anschaulicher Appell an die soziale Arbeit, weiterhin mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Bunde zu bleiben.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 21.10.2019 zu: Thea Schmollinger, Thomas Köck, Angelika Gaßmann (Hrsg.): Junge Geflüchtete in den Erziehungshilfen. Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-7841-3120-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25428.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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