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Alfred Petzelt: Grundzüge systematischer Pädagogik

Cover Alfred Petzelt: Grundzüge systematischer Pädagogik. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. 598 Seiten. ISBN 978-3-7841-3039-2.

Neu herausgegeben von Thomas Mikhail und Jörg Ruhloff.
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Thema

Seit Johann Friedrich Herbarts Schrift „Allgemeine Pädagogik“ aus dem Jahre 1806 werden Bücher, die eine begriffliche Grundlegung pädagogischer Praxis enthalten, „Allgemeine Pädagogiken“ genannt. Meistens stehen diese Pädagogiken für einen bestimmten Ansatz pädagogischer Theorie und Praxis oder eröffnen ihn sogar. Alfred Petzelts „Grundzüge systematischer Pädagogik“ aus dem Jahre 1947 ist eine solche Allgemeine Pädagogik, und zwar die erste nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach ihr sind weitere Werke dieser Art erschienen: „Systematische Pädagogik“ von Theodor Ballauf (1962, 1970), „Grundfragen der systematischen Pädagogik“ von Eugen Fink (1978), „Lebenslauf und Erziehung“ von Werner Loch (1979), „Vergessene Zusammenhänge“ von Klaus Mollenhauer (1983, 2003), „Allgemeine Pädagogik“ von Dietrich Benner (1987, 2015), „Einführung in die Allgemeine Pädagogik“ von Alfred K. Treml (1987), „Systematische Pädagogik – Wozu?“ von Marian Heitger (2003), „Die Zeigestruktur der Erziehung“ von Klaus Prange (2005, 2012), „Kritik der Pädagogik“ von Michael Winkler (2006), „Erziehungsbegriff und Erziehungsverhältnis“ von Wolfgang Sünkel (2011, 2013), „Allgemeine Pädagogik“ von Arnim Bernhard (2011) und „Pädagogisch handeln“ von Thomas Mikhail (2016).

Weitere Bücher könnten noch genannt werden, wenn sie nicht auch als Lehrbücher zu verstehen wären. Zu erwähnen ist aber auf jeden Fall noch die „Allgemeine Pädagogik“ von Wilhelm Flitner (1950), die zwar drei Jahre nach Petzelts Buch erschien, aber als zweite Auflage der Schrift „Systematische Pädagogik“ aus dem Jahre 1933.

Autor

Alfred Petzelt wurde 1886 in Hügelhausen in der damaligen Provinz Posen geboren. Dort besuchte er nach dem Gymnasium ein Lehrerseminar, wo er zum Volksschullehrer ausgebildet wurde. Ein Studium war ihm aufgrund seiner privaten Situation nicht möglich. Nach der Ausbildung arbeitete Petzelt erst zwei Jahre als Lehrer an einer sogenannten Präparandenanstalt zur Vorbereitung auf die Volksschullehrerausbildung, dann, auch während des Ersten Weltkrieges, an der Blinden-Anstalt Breslau. Erst 1919, jetzt schon im Alter von 33 Jahren, konnte er an der Universität Breslau Philosophie, Pädagogik und Psychologie (oder Physik) studieren. 1923 wurde er dort als Schüler des Neukantianers Richard Hönigswald promoviert, 1930 habilitiert. Beide entsprechenden Schriften waren dem Thema der Blindheit gewidmet.

1930 erhielt Petzelt einen Ruf auf den Lehrstuhl für Philosophie und theoretische Pädagogik an der neugegründeten Pädagogischen Akademie in Beuthen (Oberschlesien). Schon 1934 wurde er aus weltanschaulichen Gründen, nämlich wegen seiner allein der Wahrheit verpflichteten Wissenschaftsauffassung und seines katholischen Glaubens, seines Amtes enthoben und in den Volksschuldienst versetzt. Fünf Jahre später wurde ihm zusätzlich die venia legendi der Universität Breslau aberkannt. Wissenschaftliche Publikationen waren ihm während des Nationalsozialismus verboten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und seiner Flucht aus Schlesien wurde Alfred Petzelt 1945 Professor für Philosophie und Psychologie an der Universität Leipzig. Auch hier, in der sowjetischen Besatzungszone, wurde seine Lehre wieder aus weltanschaulichen und wieder denselben weltanschaulichen Gründen erst eingeschränkt und ihm dann 1949 erneut die venia legendi entzogen. 1949 floh er, drei Tage nach der Gründung der DDR, mit seiner Frau in die BRD.

Von 1949 bis zur Emeritierung 1955 arbeitete Petzelt an der Universität Münster, zunächst als Gastprofessor, ab 1952, d.h. für nur drei Jahre, als Ordinarius für Psychologie, Pädagogik und Philosophie. Von 1959 bis 1959 war er dann Direktor des Instituts für wissenschaftliche Pädagogik in Münster, Schriftleiter der Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik und Vorsitzender der Sektion Pädagogik der Görres-Gesellschaft. Petzelt starb 1967 in Münster.

In den drei Jahren an der Pädagogischen Akademie in Beuthen veröffentlichte Alfred Petzelt die Schriften „Der Begriff der Anschauung. Eine Untersuchung zur Theorie pädagogischen Verhaltens“ und „Lehrgut und Lernprozeß in der Schule des Volkes“ (beide 1933), in den vier Jahren an der Universität Leipzig die „Grundzüge systematischer Pädagogik“ (1947), in den sechs Jahren an der Universität Münster „Kindheit – Jugend – Reifezeit. Grundriß der Phasen psychischer Entwicklung“ (1951), „Grundlegung der Erziehung“ (1954), „Wissen und Haltung. Eine Untersuchung zum Begriff der Bildung“ (1955) und als Emeritus „Von der Frage. Eine Studie zu Begriff der Bildung“ (1957). Alle Publikationen stehen in einem engen Zusammenhang zueinander und umspielen einen pädagogischen Grundgedankengang.

Herausgeber

Die hier vorliegende vierte und post mortem veröffentlichte Auflage der „Grundzüge systematischer Pädagogik“ ist von Dr. Thomas Mikhail, Privatdozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Lehrerbildung am Karlsruher Institut für Technologie, gemeinsam mit Dr. Jörg Ruhloff (1940 – 2018), emeritierter Professor für Allgemeine und historische Erziehungswissenschaft an der Universität Wuppertal, herausgegeben und mit einer Einführung versehen worden. Ruhloff ist als Schüler von Marian Heitger in zweiter Generation Schüler von Petzelt, Mikhail schon in dritter, wenn auch nicht unmittelbar.

Entstehungshintergrund

Die „Grundzüge systematischer Pädagogik“ waren 1947 die erste Publikation, die Alfred Petzelt nach 1933 veröffentlicht hat. „Die erste Fassung des Buches entstand … noch auf der Flucht aus Schlesien“ (S. 7), also 1945. Die Publikation des Werks war nur in einem westdeutschen Verlag (Kohlhammer, Stuttgart) möglich, nachdem es in der sowjetischen Besatzungszone weder mündlich vorgetragen noch gedruckt werden durfte.

Petzelt selbst war, wie schon gesagt, Schüler von Richard Hönigswald (1875-1947), einem der Professoren, die zugleich für Philosophie, Pädagogik und Psychologie zuständig waren, zu Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen philosophischen Strömung des Neukantianismus gerechnet werden und als Neukantianer auch pädagogische Theorien entwickelt haben (vgl. Herwig Blankertz: „Der Begriff der Pädagogik im Neukantianismus“, Diss. 1958). Die beiden anderen waren Paul Natorp (1854-1924) und Jonas Cohn (1869-1947). Die Pädagogik im Anschluss an den Neukantianismus oder direkt an Kant, die wiederum den Richtungen der geisteswissenschaftlichen und empirischen Pädagogik kritisch gegenüberstand, wird in der Erziehungswissenschaft mal „prinzipienwissenschaftlich“, mal „normativ“, mal „transzendentalkritisch“ genannt. Alfred Petzelt hat als Schüler Hönigswalds in dem Sinne Peter Kauders („Wissenschaftliche Schulen in der Erziehungswissenschaft“, 2010) innerhalb der prinzipienwissenschaftlichen Richtung und im Allgemeinen insofern eine wissenschaftliche Schule der Erziehungswissenschaft begründet („Petzelt-Schule“), als er mehrere Schüler promoviert (Wolfgang Fischer, Marian Heitger, Karl-Gerhard Pöppel, u.a.) und eine ausgearbeitete Theorie entwickelt hat, die in Zusammenarbeit mit den Schülern weiterentwickelt worden ist. Im Fall Petzelts gibt es Lehrer-Schüler-Verhältnisse, die schon, wie die Herausgeber belegen, bis in die dritte Schülergeneration gehen. Obwohl die Publikationen von Petzelt mitunter schwer verständlich waren und außerhalb der Petzelt-Schule, die ihrerseits randständig blieb, wiederum kaum rezipiert wurden, sind aus diesem Kreis neben den „Grundzügen systematischer Pädagogik“ noch zwei Allgemeine Pädagogiken hervorgegangen: „Systematische Pädagogik – Wozu?“ von Marian Heitger (2003) und „Pädagogisch handeln“ von Thomas Mikhail (2016).

Aufbau

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um die vierte und diesmal mit einer Einführung ergänzte Auflage der „Grundzüge systematischer Pädagogik“, die erste nach seinem Tod. Es ist „die zentrale pädagogische Schrift von Alfred Petzelt“ und „gehört zu den Hauptwerken der deutschsprachigen theoretischen Pädagogik des 20. Jahrhunderts“ (S. 7).

Das Buch ist klar strukturiert und besteht aus neun Kapiteln. Die ersten beiden eröffnen das Buch, während das letzte Kapitel es beschließt. In den sechs Kapiteln dazwischen wird so etwas wie eine pädagogische Struktur entwickelt.

  1. Einführung
  2. Abgrenzungen. Tatsachen und Begriff der Pädagogik
  3. Grundlegung. Die Lehrer-Schüler-Relation
  4. Grundbegriff. Das Lehrgut und seine Struktur
  5. Grundbegriff. Das Lehrgut und seine Verfälschung
  6. Der Begriff der Kultur. Das Lehrgut als Gemeinschaftsbestimmtheit
  7. Der Weg zum Lehrgut. Der Unterrichts- und Lernprozess
  8. Der Weg zur Haltung. Der Erziehungsprozess
  9. Die Einheit des Weges

Inhalt

Eine Rezension der „Grundzüge systematischer Pädagogik“ kann viel mehr als bei anderen Büchern die Lektüre dieses Werks kaum erleichtern, geschweige denn ersparen. Zu voraussetzungsvoll ist der Inhalt, zu eigen die Form. Dazu bedürfte es wieder sekundärer Monographien, von denen bisher nur zwei Dissertationen erschienen sind: „Die Grundlinien der Pädagogik A. Petzelts“ von Joseph Ti-kang (1966) und „Prinzipienwissenschaftliche Systematik und politischer Impetus. Eine Untersuchung zur Pädagogik Alfred Petzelts“ von Peter Kauder (1997)

Ich möchte an dieser Stelle nur auf zwei Unterscheidungen verweisen, die für die „Grundzüge“, aber auch für das ganze pädagogische Werk des Autors wesentlich sind. Die erste Unterscheidung ist für die wissenschaftstheoretische Zuordnung zur prinzipienwissenschaftlichen Pädagogik, die zweite für die objekttheoretische Ausführung maßgeblich.

In Kap. 2 unternimmt Alfred Petzelt die „Abgrenzung“ zwischen empirischen „Tatsachen“ und einem entsprechenden theoretischen „Begriff“. „Einmal das Tatsächliche der vielen Formen pädagogischer Maßnahmen, demgegenüber der unwandelbare Begriff des Pädagogischen festzuhalten ist. Er muss vorausgesetzt werden, wenn man die bunten Fälle pädagogischen Verhaltens überhaupt kennzeichnen will.“ (53) „Eine Tatsache bleibt solche, sie kann sich nie zum Begriff erheben und umgekehrt, ein Begriff bleibt solcher für Tatsachen, er steht niemals in der Reihe des Tatsächlichen, sondern er macht die Reihe erst möglich, indem er ihre Ordnung und Zusammengehörigkeit verbürgt.“ (53 f.) Begriffe, die Petzelt in anderen Veröffentlichungen auch „Prinzipien“ nennt (vgl. „Tatsache und Prinzip“, 1982) dürfen dabei nicht mit Zielen oder Idealen verwechselt werden, die beide zum Tatsächlichen gehören. „Der Begriff der Pädagogik steht jenseits von beiden so sicher, als sie eben wechselnde Fälle sein müssen und solche bleiben. Er bleibt in anderen Sphären, nach ihm richten sich Ziele und Ideale.“ (56)

Die zweite, diesmal objekt- und nicht wissenschaftstheoretische Unterscheidung betrifft die Richtung der pädagogischen Maßnahmen. So lautet der erste Satz von Kap. 1: „Wenn man von Pädagogik spricht, meint man zweierlei: Unterricht und Erziehung. Im Unterricht einerseits, in der Erziehung andererseits erschöpft sich das ‚Geschäft‘ der Pädagogik… Beide Motive gehören zur Pädagogik notwendig, in ihr sind sie unzertrennlich, in ihr bleiben sie auch unterschieden. Das ist kein Widerspruch. So sehr sie, tatsächlich gesehen, vereint statthaben und auftreten, so sehr müssen sie in der Betrachtung, also in der Theorie, auseinandergehalten werden.“ (33) Anders gesagt: Die Unterscheidung von Unterricht und Erziehung (vgl. „Wissen und Haltung“, 1955) ist nur für den Begriff des Pädagogischen, nicht für die pädagogischen Tatsachen kennzeichnend.

Im Unterricht ist das „Ich“ auf den „Gegenstand“, in der Erziehung der „Gegenstand“ auf das „Ich“ gerichtet. Dort steht der Gegenstand im Vordergrund und das Wissen um ihn, das der Wahrheit bzw. Richtigkeit verpflichtet ist. Hier liegt der Fokus beim Ich und seiner Haltung, die wiederum am Guten bzw. der Sittlichkeit orientiert ist. Statt der Petzelt eigenen Wörter „Ich“ und „Gegenstand“ könnte man mit der Bildungstheorie auch von „Person (Selbst)“ und „Welt“ sprechen.

Fazit

Es lohnt sich, einmal oder erneut die keineswegs veralteten „Grundzüge systematischer Pädagogik“ zu lesen, um erstens an diesem Beispiel den nach wie vor bemerkenswerten prinzipienwissenschaftlichen Ansatz der Pädagogik und zweitens im Original die dialektische pädagogische Theorie von Unterricht und Erziehung kennenzulernen.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 08.08.2019 zu: Alfred Petzelt: Grundzüge systematischer Pädagogik. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. ISBN 978-3-7841-3039-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25429.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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