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Raphael Koßmann: Schule und „Lernbehinderung“

Cover Raphael Koßmann: Schule und „Lernbehinderung“. Wechselseitige Erschließungen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. 291 Seiten. ISBN 978-3-7815-2281-7. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.
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Thema

Die Publikation geht der Frage nach, was die Schüler eigentlich haben, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf im Lernen festgestellt worden ist und, ob es für diese Schüler eine spezielle Didaktik gibt.

Autor

Raphael Koßmann ist promovierter Förderschullehrer im inklusiven Unterricht. In der Abteilung Angewandte Erziehungswissenschaft der Universität Hildesheim ist der Autor wissenschaftlicher Mitarbeiter. Dort befasst er sich mit der empirischen Unterrichtsforschung und der inklusiven Didaktik und Fachdidaktik.

Entstehungshintergrund

Die zu besprechende Publikation untersucht, ob es tradierungswürdige didaktische Strategien und Methoden an der Förderschule Lernen gibt, welche für eine inklusive Unterrichtung von Schülern mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf Lernen und generell von Schülern mit Lernschwierigkeiten dokumentiert werden sollten.

Aufbau

Die Inhalte werden über drei Großkapitel gegliedert:

  1. Entstehungskontext und Ausrichtung der Forschungsperspektive
  2. Zur Genese von „Lernbehinderung“ bzw. eines sonderpädagogischen Förderbedarfs im Bereich des Lernens: Schultheoretischer Erkenntniszugewinne anhand der Untersuchung des Phänomens „Lernbehinderung“
  3. Empirische Didaktik: Unterricht an der Förderschule Lernen rekonstruktionslogisch betrachtet

Inhalt

Im ersten Teil betrachtet der Autor das Phänomen Lernbehinderung aus der schulischen Perspektive. „Genauso wird […] im Blick behalten, was sich aus der Existenz dieses Phänomens an Einsichten über schulischen Unterricht ableiten lässt“ (S. 11).

Bei einer Lernbehinderung handelt es sich um ein schulorganisatorisches Phänomen und nicht um eine wissenschaftliche Kategorie. „Obwohl eigentlich klar ist, dass der sonderpädagogische Förderbedarf im Bereich des Lernens eine schulische Bezeichnung ist und insofern ‚Schule‘ auch zum primären Untersuchungsgegenstand werden müsste, lässt sich weiterhin eine Fixierung des wissenschaftlichen Interesses auf die so spezifizierte Schülerschaft und noch viel öfter eine Diffusion der Thematik durch die praktisch-helfende Absicht beobachten, allen Schülern mit den verschiedenen Beeinträchtigungen des Lernens vor, während und nach der Schulzeit gerecht werden zu wollen“ (S. 13). Lernbehinderung lässt sich wissenschaftlich nicht erklären. Wenn Lehrer ein Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs im Bereich des Lernens veranlassen stellt das, Koßmann folgend, in wesentlichem Maße eine Überlastungsanzeige dar. „Ein zentraler Entlastungsmechanismus der Sonderschule für Lernbehinderte bzw. der Förderschule Lernen ist auf die inklusive Beschulung im Förderschwerpunkt Lernen transferiert worden – nämlich die mit diesem Unterstützungsbedarf begründete und amtlich genehmigte ‚zieldifferente‘ Unterrichtung“ (S. 34). Für die Entstehung einer Lernbehinderung wird der Massenunterricht verantwortlich gemacht.

Der Verfasser führt auf das die durchschnittlichen Leistungen zwischen den einzelnen Bundesländern variieren. Die gängige Notengebung erfährt so eine Desorientierungsfunktion. Schulleistungsstudien zeigen das für eine Lernbehinderung besonders die Kontextfaktoren der Schulklasse verantwortlich zu machen sind.

Im derzeitigen schulischen Unterricht hängt die Wissensvermittlung mit der hierarchischen Positionierung der Schüler durch deren erzielte Leistungen zusammen. Nach Ansicht des Verfassers gleicht die Wissensvermittlung im aktuellen Schulunterricht einem trojanischen Pferd „für die leistungsbezogenen Anteile der Selbstwahrnehmung bzw. die diesbezügliche Subjektkonstitution der Schüler“ (S. 17).

Der zweite Teil der Veröffentlichung beinhaltet eine empirisch-qualitative Untersuchung des Unterrichtens an der Förderschule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen.

Der Autor bemängelt, dass die täglich stattfindende Vermittlung von Inhalten in der inklusions- und sonderpädagogischen Unterrichtsforschung, die das Kernstück von Unterricht sind, „bislang wenig Interesse auf sich zieht“ (S. 174).

In einem ersten Abschnitt wird Letztgenanntes genauer charakterisiert. Inklusions- und sonderpädagogische Unterrichtsforschung soll u.a. darauf abzielen:

  • den Unterricht so zu gestalten, dass jeder Schüler ihm folgen kann;
  • jedem Schüler die Arbeit an einem Thema entwicklungslogisch zu ermöglichen.

Hieran schließt sich eine Erkundung darüber an, wie sich die allgemeine Unterrichtsforschung diesem Gegenstand widmet.

Schließlich (Teil drei) wird die empirische Didaktik zur Unterrichtsforschung vorgestellt. Der Didaktik kommt eine bedeutende Schlüsselposition zu, da sie Bildungsbewegungen anstoßen soll.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine qualitative Untersuchung. Untersucht wurde der Unterricht bzw. das Unterrichten an der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen im zweiten Halbjahr des Schuljahres 2013/14 von achten Klassen im Bundesland Niedersachsen.

Koßmann stellt fest, dass die Schüler an der Förderschule Lernen chronisch unterfordert sind und das Phänomen Lernbehinderung zumindest aufrechterhalten wird, um so einer Rückführung in das allgemeine Schulsystem entgegenzuwirken.

Fazit

Eigentlich kann man die Ergebnisse dieser besprochenen Arbeit kurz auf einen Nenner bringen: Schulen mit dem so genannten sonderpädagogische Förderbedarf Lernen produzieren durch ihre reduktive Didaktik erst die Lernbehinderten. Aus inklusionspädagogischer Perspektive – und v.a. wenn sich die Inklusionsforschung hier mehr durchsetzen würde – könnte sich bei der Kritik Koßmanns u.a. die Schule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen selbst abschaffen.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 26.06.2019 zu: Raphael Koßmann: Schule und „Lernbehinderung“. Wechselseitige Erschließungen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. ISBN 978-3-7815-2281-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25433.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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