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Janet Langer: Bindung in der Schule

Cover Janet Langer: Bindung in der Schule. Psychologische und physiologische Mechanismen bei der Transmission von Bindung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. 257 Seiten. ISBN 978-3-7815-2273-2. D: 46,00 EUR, A: 47,30 EUR.

Reihe: Perspektiven sonderpädagogischer Forschung. Forschung Klinkhardt.
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Thema

Dieses Dissertationsprojekt zielt darauf ab, ein besseres Verständnis des Verhaltens psychisch schwer belasteter Kinder und ihrer Beziehungen zu entwickeln. Als theoretischen Bezugspunkt wählt die Autorin die Bindungstheorie. Hintergrund ist: Kinder aus traumatisierenden Familienverhältnissen zeigen eine erhöhte Tendenz, einen unsicher-desorganisierten Bindungsstil zu entwickeln und zu verfestigen.

Die Autorin überprüft im Rahmen einer Einzelfalluntersuchung, ob Kinder mit unsicher-desorganisierten Bindungserfahrungen innerhalb ihrer Eltern-Kind-Beziehung ihre sich daraus herausgebildeten Erwartungen und Verhaltensweisen auf ihre Lehrkräfte übertragen. Dabei schließt sie die Reaktionen der Lehrperson und die physiologischen Stressreaktionen des Kindes in ihre Studie mit ein.

Autorin

Janet Langer ist seit 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation an der Universität Rostock.

Aufbau und Inhalt

  1. Einleitung
  2. Theoretischer Hintergrund und Stand der Forschung
  3. Empirischer Teil: Psychologische und physiologische Mechanismen der Transmission von Bindung im Kontext der Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung
  4. Methodik
  5. Ergebnisse
  6. Diskussion der Ergebnisse
  7. Zusammenfassung und Fazit

Im ersten Teil (S. 11-13) identifiziert Langer das Verhalten schwieriger Schüler*innen als bedeutsame Herausforderung für Lehrer*innen, auf welche die Lehrkräfte überwiegend unzureichend vorbereitet und ausgebildet werden (S. 11). Zu den vielfältigen Hintergründen für die Verhaltensauffälligkeiten der Schüler*innen zählen unter anderem die innerhalb der Familie erfahrenen Bindungsmuster und die sich daraus entwickelten internalen Arbeitsmodelle. Diese Arbeit evaluiert, inwieweit sich die kindlichen Bindungs- und Beziehungserfahrungen aus der Familie in ihrer Beziehung zu den Lehrkräften auf der Verhaltens-, Erlebens- und physiologischen Ebene wiederholen (S. 12). Aus den Ergebnissen leitet sie Handlungsempfehlungen ab.

Im zweiten Kapitel (S. 15-92) geht Langer auf den von ihr verfolgten theoretischen Hintergrund näher ein. Aus psychologischer Perspektive beschreibt sie die für ihre Arbeit relevanten Aspekte der Bindungstheorie. Dazu geht sie unter anderem auf die Bindungsphasen, das Bindungs- und Explorationssystem sowie deren Zusammenhänge, die Wechselbeziehungen mit weiteren Verhaltenssystemen, die Bindungsstile und die Bindungsrepräsentationen mit ein. Ein thematischer Schwerpunkt bildet die von ihr untersuchte Bindungsdesorganisation. Aus physiologischer Perspektive beschreibt sie die Funktion des Hormons Oxytocin und die physiologischen Mechanismen im Rahmen von Stressreaktionen unter dem Einbezug der damit verbundenen Hirnregionen, Hormone und kardiovaskulären Stressreaktionen. Den Schwerpunkt legt sie auf die Herzratenvariabilität, welche in der Studie einbezogen wird. Im Rahmen einer möglichen Transmission der Bindung auf außerfamiliäre Bindungspersonen differenziert sie zwischen der Konkordanz- und Diskordanz-Hypothese, welche sie anhand von empirischen Ergebnissen diskutiert. Langer verfolgt den Ansatz einer Transmission der Bindungsmuster, da die Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung vom Kind mitgestaltet wird (S. 79). Zuletzt geht sie auf verschiedene Fürsorgestile von Lehrkräften ein.

Der dritte Teil (S. 93-98) fasst den vorab vorgestellten Forschungsstand zusammen und leitet daraus die Fragestellungen und Hypothesen der vorliegenden Untersuchung ab. Langer fokussiert in ihren Forschungsfragen

  • einen möglichen Zusammenhang des kindlichen primären internalen Arbeitsmodells mit der Qualität der Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung,
  • eine mögliche Korrelation zwischen dem kindlichen Bindungsverhalten und den Reaktionen der Lehrkräfte,
  • die Annahme, dass die Aktivierung des Bindungsverhaltens den physiologischen Stress beim Kind erhöht, und
  • die Einflüsse der Reaktionen der Lehrpersonen auf den physiologischen Stress des Kindes, wenn es Bindungsverhalten zeigt (S. 95 f.).

Das vierte Kapitel (S. 99-165) stellt die in dieser Arbeit verfolgte Methodik dar. Zwei Jungen und drei Mädchen umfassen die Stichprobe der Kinder, von denen vier Kinder in Österreich und ein Kind in Deutschland in die Schule gehen (S. 100). Alle Kinder weisen durchschnittlich mehr als zwei Bindungs- und Beziehungstraumata und klinisch auffälliges Verhalten auf (S. 102 f.). Die ausgewählten Lehrpersonen bilden die Hauptbezugspersonen der Studienkinder in der Schule, welche am Häufigsten mit den Kindern interagieren und bereits eine längere Beziehung zu den Kindern aufweisen. Die Einzelfallstudie mit Messwiederholung wurde im Rahmen des Schulunterrichts durchgeführt (S. 100). Die Messwiederholungen beziehen sich auf die Verhaltensstichproben und die physiologischen Daten unter der Kontrolle möglicher Störvariablen (S. 106). Eingesetzt wurden Interviews zur Bindungsrepräsentation (Kind, Lehrkraft) und zur Beziehung zwischen Lehrer*in und Schüler*in aus beiderlei Sicht, Videobeobachtungen und die Messung der kindlichen Herzratenvariabilität. Die Beobachtung der Lehrer*in-Schüler*in-Interaktion fokussiert die bindungsbezogenen Strategien der Kinder und die darauffolgende Reaktion der Lehrkräfte (S. 127). Dazu wurden Beobachtungskategorien auf Handlungs-, Kommunikations- und Affektebene gebildet, deren Inter-Rater-Reliabilität und Validität im Vorfeld überprüft wurden. Die Herzratenvariabilität wurde mit den Herzfrequenzmonitoren RS800CX gemessen (S. 146). Verschiedene Zusammenhangsmaße und Testverfahren überprüfen die Hypothesen. Zusätzlich wurden Effektstärken ausgewertet. Der Einsatz des jeweiligen Auswertungsinstruments wird mithilfe der Literatur kurz begründet.

Das fünfte Kapitel (S. 167-202) stellt die Ergebnisse vor. Die deskriptiven Ergebnisse illustrieren den Bindungsstil der untersuchten Kinder und ihrer Lehrkräfte, die Repräsentationen der Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung bei den Kindern und den Lehrpersonen, das bindungsbezogene Verhalten der Kinder und die damit verbundenen Reaktionen der Lehrkräfte sowie den physiologischen Stress der Kinder. Anschließend evaluiert die Autorin die psychologischen Mechanismen der Transmission von Bindung auf die Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung. Die Kinder nehmen ihre Beziehung zu ihren Lehrkräften eher unterstützend wahr. Sie zeigen jedoch innerhalb ihrer Beziehung zu den Lehrkräften überwiegend unsicher-desorganisierte Bindungsstrategien auf der Verhaltensebene. Aus den Verhaltensbeobachtungen lässt sich ein Zusammenhang zwischen den unsicher-desorganisierten Bindungsstrategien und nicht feinfühligen Reaktionen der Lehrpersonen ableiten. Auf physiologischer Ebene reagieren die untersuchten Kinder bei der Aktivierung ihres Bindungsverhaltenssystems mit Stress. Dieser Stress nimmt bei unterstützenden Reaktionen der Lehrkräfte mehr zu als bei neutralem bzw. nicht feinfühligem Verhalten der Lehrer*innen. Werden die Kinder in diesem Rahmen von ihren Lehrpersonen ignoriert, erhöht sich das kindliche Stressniveau.

Der sechste Teil (S. 203-223) diskutiert die Ergebnisse und stellt die Ergebnisse den aufgestellten Hypothesen gegenüber. Unterstützendes Verhalten der Lehrpersonen steht im Kontrast zu den kindlichen Erfahrungen, weshalb es eher stresserzeugend ist. Komplementäres Verhalten der Lehrkräfte entspricht dagegen den kindlichen Erfahrungen und potenziert den Stress nicht (S. 211). „Die Ergebnisse der Einzelfallstudie deuten auf eine Übertragung der bindungsbezogenen Strategien auf die Beziehung zur Lehrperson hin, die die Kinder in der Eltern-Kind-Beziehung erworben haben“ (S. 212). Die komplementären Reaktionen der Lehrkräfte wiederholen nicht nur die bereits erworbenen Erfahrungen, sie zementieren auch die kindlichen Verhaltensstrategien und festigen die physiologischen Grundlagen. Das damit verbundene erhöhte Ausmaß an Stress droht damit auch, die kindliche Gesundheit zu gefährden (S. 212). Die Aussagekraft ihrer Ergebnisse ist begrenzt, wie Langer selbst anmerkt. Die Stichprobe ist nicht repräsentativ und die Kinder entsprechen einer klinischen Stichprobe. Ferner wurden das kindliche Temperament und der sozioökonomische Status des Kindes sowie die Stressanfälligkeit und die Herzratenvariabilität der Lehrkräfte nicht erhoben (S. 213 f.). Methodische Schwächen bilden die z.T. mangelhafte Normierung und Validierung der Erhebungsinstrumente (S. 214). Als neue Erkenntnis betont die Autorin, dass neben psychologischen auch physiologische Mechanismen bei der Transmission von Bindung auf die Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung wirken. Zudem ergeben sich Unterschiede der kindlichen Stressreaktivität in Abhängigkeit von der Reaktion der Lehrkraft (S. 221).

Das siebte Kapitel (225-226) fasst die Ergebnisse zusammen. Als Konsequenz aus ihren Ergebnissen leitet Langer ab, dass die Herstellung von Vertrauen zentral für die Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung ist und eine sichere Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung einen Gewinn für das Kind darstellt (S. 225). Das bedeutet nach Langer, das kindliche Verhalten vor dem Hintergrund seines Bindungsstils zu bewerten und nicht komplementär darauf zu reagieren. Sie erwähnt abschließend mögliche Lösungsansätze für die Stressreduktion von Lehrkräften und für die Förderung der kindlichen Oxytocin-Ausschüttung.

Diskussion und Fazit

Diese qualitative Feldstudie kombiniert unterschiedliche Erhebungsinstrumente, welche eine intensive Auseinandersetzung mit der untersuchten Thematik erlauben. Die Stichprobengröße von fünf Kindern verweist darauf, dass Folgestudien die Ergebnisse in einem ausgeprägteren standardisierten Setting und in einem größeren Rahmen überprüfen sollten. Im Bereich der Methodik ermöglicht der Einsatz der Software Solomon Coder bei der Videobeobachtung eine transparente Evaluation der Beobachtungen. Eine intensivere Darstellung der Auswertungsinstrumente wäre wünschenswert gewesen. Die kurz aufgeführten Lösungsansätze sollten in weiteren Untersuchungen erweitert werden.

Insgesamt bietet die Studie von Langer wichtige Impulse für die Bindungsforschung, für die Erweiterung der Erhebungsinstrumente und für die schulische Praxis. Im Bereich der Bindungsforschung zeigt sich die Relevanz der Berücksichtigung physiologischer Stressmechanismen. Diese Studie zeigt ferner den Bedarf von Erhebungsinstrumenten im Bereich der Fürsorgerepräsentation von Betreuungspersonen und den Bedarf der Validierung und Normierung von Befragungsinstrumenten zur Lehrer*in-Schüler*in-Beziehung. Lehrer*innen erhalten in dieser Arbeit den wichtigen Impuls, ein „schwieriges Kind“ hinsichtlich seines familiären Umfeldes genauer zu betrachten, die eigenen Handlungsweisen im Umgang mit dem Kind zu reflektieren und Aspekte der Bindungstheorie in diesen Reflexionsprozess mit einzubinden.


Rezensentin
Susann Kunze
Diplom-Pädagogin (Univ.), Doktorandin an der Philosophisch-Pädagogischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Sozialdienst in der Danuvius Klinik Neuburg
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Zitiervorschlag
Susann Kunze. Rezension vom 05.08.2019 zu: Janet Langer: Bindung in der Schule. Psychologische und physiologische Mechanismen bei der Transmission von Bindung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. ISBN 978-3-7815-2273-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25436.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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