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Herbert Spencer (Hrsg.): Mensch versus Staat

Cover Herbert Spencer (Hrsg.): Mensch versus Staat. Duncker & Humblot (Berlin) 2019. 182 Seiten. ISBN 978-3-428-15667-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Hayek-Schriftenreihe zum Klassischen Liberalismus. Hrsg. und übersetzt von Hardy Bouillon.
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Autor

Herbert Spencer (1820 bis 1903) war ein intellektueller Selfmade Man, der Schulen und Hochschulen kaum je von innen gesehen hat. Als autodidaktischer Philosoph hat er die Evolutionstheorie bereichert; als Soziologe – er gilt als einer der Gründerväter dieser Disziplin in England – hat er den Sozialdarwinismus profiliert. Und als Citoyen, als politischer Mensch, ist er ein klassischer Liberaler von der libertären Sorte. Er sieht den Staat und die Staatsdiener in Opposition zu allen anderen, den Reichen wie den Armen, den Kapitalisten wie den Arbeitern gleichermaßen. Ihm ist nicht allein der Wohlfahrtsstaat zuwider, der, wie er meint, Taugenichtse und Tagediebe belohnt, sondern der Staat an sich.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Schrift, 1884 erschienen, liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Sie setzt die nach dem österreichischen Sozialphilosophen und Stichwortgeber des „Neoliberalismus“ Friedrich August von Hayek benannte Schriftenreihe zum klassischen Liberalismus fort, die 2017 begonnen wurde.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst sechs Aufsätze, die nun der Reihenfolge nach angesprochen werden:

1. „Überregulierung“

Der Staat ist eine Einrichtung, die Bürger verschreckt, in die Irre führt und die individuelle Freiheit ruiniert. Vor allem deshalb, weil er unfähig ist, sich auf seinen „eigentlichen Zuständigkeitsbereich“, seine „Kernaufgaben“ zu beschränken, nämlich für innere und äußere Sicherheit zu sorgen und ansonsten die Bürger gewähren zu lassen. Anders als der Privatmann und die Privatwirtschaft, arbeitet der Staat mit fremdem Geld, dem der Steuerzahler; entsprechend fahrlässig sein Umgang damit. Er ist ein Dauerproduzent „legalisierter Fehlgeburten“: Er bescheinigt neuen Schiffen in aufwendigen Prozeduren die Seetauglichkeit und sieht zu, wie sie schon bei ihrer Jungfernfahrt absaufen. Er erlässt Baugesetze, die „zu schlechtem Bauen ermuntern“; er verabschiedet Gesundheitsgesetze, die „Epidemien zur Folge haben“; er lässt Lebensversicherungen zu, die „Tausende von Familien in den Ruin treiben“. – Spencer ergeht sich in halbseitigen Endlossätzen über die Fehler von parlamentarischer Gesetzgebung und verwaltungsbürokratischer Überregulierung.

In ihrer Summe und auf Dauer führen diese Maßnahmen zu einem staatlichen Paternalismus, der die Bürger depotenziert, „entkräftet“ schreibt Spencer, sodass sie am Ende darauf bestehen, betreut und versorgt zu werden, ohne selbst etwas für sich zu tun. Der Staat trägt so zur moralischen Verwahrlosung seiner Bürger bei. Wäre er eine Person, gehörte er hinter Schloss und Riegel.

2. „Der neue Toryismus“

Am Beispiel der Regierung des Premierministers William E. Gladstone, der der liberalen Partei, den „Whigs“, angehörte, kommt Spencer zu der Auffassung, dass die Whigs zu Torys (das sind die königstreuen Konservativen) werden, wenn sie an die Schalthebel der Macht kommen. Dann beginnen sie „die Handlungen der Bürger zu diktieren und, als Folge dessen, den Bereich einzuengen, in dem sie frei handeln dürfen.“ – Sollte man den politischen Liberalen also empfehlen, den Staatsämtern fern zu bleiben und die Finger von der Macht zu lassen, um den Liberalismus rein zu erhalten und nicht der Versuchung zu erliegen, einengende Gesetze beschließen zu müssen? Vielleicht war Christian Lindner (FDP) ja von Herbert Spencer beeinflusst, als er 2017 den Eintritt in die Bundesregierung mit den Worten ablehnte: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“

3. „Die Sklaverei von morgen“

Hier prangert Spencer die flächendeckende Verstaatlichung im Sozialismus an. Mit diesem Vorgang bringe der Sozialismus den Sklaven als dominanten Sozialcharakter hervor. Der Sklave ist ein außengeleiteter Mensch ohne intrinsischen Antrieb. Der Sklave von morgen, fürchtet Spencer, leidet nicht unter seinem Status, sondern trägt begeistert die Ordnung mit, die ihn unterdrückt.

4. „Von der Freiheit zur Fesselung“

Im Aufsatz „Von der Freiheit zur Fesselung“ vergnügt sich Spencer mit seinem schwarzen britischen Humor am Scheitern der politischen Menschheitsbeglücker: „Wer unter jenen Männern, welche die Französische Revolution ausgearbeitet und alles daran gesetzt haben, den neuen Regierungsapparat zu schaffen, hätte im Traum daran gedacht, dass eine der ersten Handlungen, welche die neue Regierung vollziehen würde, ihrer Enthauptung galt?“ Ja, es kommt erstens immer anders und zweitens als man denkt. Den Glauben der bürokratischen Planer an die Vorhersehbarkeit von Ereignissen widerlegt er mit zahlreichen Vorher-Nachher-Vergleichen. Die gescheiterten Planer stört das nicht; sie machen weiter wie bisher, bei erhöhtem Salär. „Planung ist die Ersetzung von Chaos durch Fehler“, hat Ernst Wilhelm Händler geschrieben; Spencer scheint darin nur dann einen Vorteil zu sehen, wenn die Fehler den Verursachern auch zugerechnet und sie zur Rechenschaft gezogen werden; ansonsten zieht er das Chaos vor.

5. „Die Sünden des Gesetzgebers“

Im Aufsatz „Die Sünden des Gesetzgebers“ lässt Spencer keinen Zweifel daran, dass die größte „Sünde“ des Staates die Gesetzgebung ist. Er schildert endlos „gesetzesgemachte Übel“, „gesetzesgemachten Unfug“, „unheilvolle Eingriffe“ des Staates, die im Ergebnis das Gegenteil dessen bewirkten, was an Gutem für das Gemeinwohl beabsichtigt war, ohne dass die gewählten Dilettanten dafür gerade stehen müssen. Für Herbert Spencer arbeiten Regierungsstellen wie „umgekehrte Filter“: Man schüttet sauberes Wasser hinein und bekommt verdrecktes zurück. Allerdings schmälert das alles das Vertrauen in das staatliche Handeln nicht. Im Gegenteil, die einschlägig verblödete Bevölkerung fordert „mehr vom Falschen“. Gegen diesen „Götzendienst der Gesetzgebung“ sieht Spencer kein Kraut gewachsen. Demokratie ist eben Mediokratie, die Herrschaft der Mittelmäßigen und Mittelgeistigen.

6. „Der große politische Aberglaube“

Dass auf Zeit gewählte Volksvertreter in England sich selbstherrlich aufführen wie von Gott eingesetzte Könige, ist für Spencer ein Zeichen, dass die Republik eine Fortsetzung der Monarchie mit anderen Mitteln ist. Der große politische Aberglaube in Republik und Demokratie bestehe darin, an die „Mehrheitsherrschaft“ zu glauben. Wenn Menschen sich zu einem bestimmten Zweck zusammenschließen und einen Verein gründen, dann hält man es im Falle auftretender Meinungsdifferenzen für einzig angezeigt und gerecht, dass der Wille der Mehrheit und nicht jener der Minderheit geschehe. Spencer folgt dem nicht. Und führt, wie so oft, Beispiele aus dem bürgerlichen Vereinsleben an, um Analogieschlüsse auf den „Staat“ zu insinuieren: Menschen gründen einen Buchclub und möchten das Lesen fördern. Angesichts neuer gesellschaftlicher Umstände kommt eine Mehrheit des Clubs eines Tages zu der Auffassung, dass die Übung an der Waffe wichtiger sei als das Lesen von Büchern. Das Geld des Clubs geht nun in den Kauf von Waffen und Munition. Ist die unterlegene Minderheit des Buchclubs genötigt, der Mehrheit zu folgen? Ganz und gar nicht. Denn dem Vereinszweck, zu dem man sich einst zusammengeschlossen hat, wird grob zuwider gehandelt. Man hat die gemeinsame Geschäftsgrundlage verlassen. Das entbindet die Minderheit von jeglicher Loyalität gegenüber der Mehrheit.

Diskussion

Die Vernachlässigung der Tüchtigkeit des Einzelnen durch staatliche Bevormundung und damit die Schädigung des Gemeinwohls und die Einschränkung der zivilisatorischen Evolution überhaupt, dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. In vielen seiner Argumentationslinien vermittelt Spencer den Anschein, dem Anarchismus näher zu stehen als dem Liberalismus. Er teilt mit dem Ordoliberalismus die Gegnerschaft zu Marxismus und Sozialismus; ihn trennt vom Ordoliberalismus der Glaube an das Organisationsprinzip des Laisser faire. 1884, als das Buch erschien, durfte man den Traum von der regulierenden Allmacht des „freien Spiels der Kräfte“, also des ungehemmten Marktes, noch träumen. Heute wissen wir, dass es sich um eine Legitimationsideologie der Besitzenden und Vermögenden handelt.

Fazit

„Mensch versus Staat“ ist ein Plädoyer für das Recht des Bürgers auf eigenständiges Handeln, das gegen die Anmaßungen des Staates, den Bürger zu reglementieren und kontrollieren, verteidigt werden muss. Die Aufgabe des alten Liberalismus war es, so heißt es am Schluss, der Macht der Könige eine Grenze zu setzen. Die Aufgabe des modernen Liberalismus, also dem des ausgehenden 19. Jahrhunderts, sei es, der Macht der Parlamente und ihrer Gesetzgebung eine Grenze zu setzen. – Nun aber sind wir 140 Jahre weiter, und der Ruf nach einem starken Staat wird immer lauter.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 28.11.2019 zu: Herbert Spencer (Hrsg.): Mensch versus Staat. Duncker & Humblot (Berlin) 2019. ISBN 978-3-428-15667-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25437.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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