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Walter Specht, Stephan Schlenker u.a. (Hrsg.): "Du musst sie lieben" (mobile Jugendarbeit)

Cover Walter Specht, Stephan Schlenker, Christian Reutlinger (Hrsg.): "Du musst sie lieben". Das Gewordensein mobiler Jugendarbeit in zwölf biographischen Bildern Walter Spechts. Frank & Timme (Berlin) 2017. 174 Seiten. ISBN 978-3-7329-0361-0. D: 22,00 EUR, A: 22,00 EUR, CH: 33,00 sFr.
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Thema

Mobile Jugendarbeit ist ein sozialräumlicher und lebensweltorientierter Ansatz, der im aufsuchenden Kontext gegen Ausgrenzungsgefährdung und Teilhabebeschränkung junger Menschen wirkt. Vor dem Hintergrund unsichtbarer Jugend aufgrund des Rückzugs aus dem öffentlichen Raum und der Verhäuslichung junger Menschen, ist Mobile Jugendarbeit als innovatives und flexibles Arbeitsfeld aktuell. Dabei ist die Wahrnehmung ihrer konzeptionellen Genese eng verwoben mit ihren Gründergestalten.

Herausgeber

  • Stephan Schlenker ist Dozent für Soziale Arbeit an der FHS St. Gallen (Schweiz).
  • Christian Reutlinger leitet das dortige Institut für Soziale Arbeit IFSA-FHS und ist Professor für Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit im Bereich Forschung.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band geht als erster Teil aus einem Forschungsprojekt des IFSA-FHS zu der Entstehungsgeschichte, den Kontexten und den Arbeitsansätzen Mobiler und aufsuchender Jugendarbeit hervor.

Aufbau

Im Wesentlichen besteht die Veröffentlichung aus einem narrativen Interview mit Walther Specht, dem „Vater der Mobilen Jugendarbeit“ in Deutschland. Aus einer inhaltlichen Strukturierung gehen 12 als „biographische Bilder“ bezeichnete Kapitel zu Lebensabschnitten Spechts hervor, die die Geschichte Mobiler Jugendarbeit anhand seines biographischen Zeugnisses nachvollziehbar machen. Ergänzt werden die Interviewteile durch fachliche Explikationen, Kontextualisierungen sowie Bildern und Dokumenten aus dem persönlichen Archiv Walther Spechts.

Inhalt

Einleitend wird das Anliegen der Veröffentlichung, das theoretisch und praktisch vielfältige, widersprüchliche und verwirrende Konglomerat von Ansätzen und Sichtweisen im und auf das Arbeitsfeld Mobile Jugendarbeit erläutert, um dann den Interviewten in den folgenden Kapiteln selbst zu Wort kommen zu lassen.

  • Das erste „Bild“ beschreibt Spechts Aufwachsen als Kind in Pforzheim während des 2. Weltkriegs und als Jugendlicher im Nachkriegsdeutschland. Als prägend wird das eigene deviante Verhalten und die darauf folgende Einflussnahme durch die Zugehörigkeit zur Christlichen Pfadfinderschaft beschrieben.
  • Über den zweiten Bildungsweg kommt Specht zur Sozialen Arbeit und erfährt durch ein Praktikum eine Horizonterweiterung in den USA. Hier wird der Grundstein für die ersten konzeptionellen Ideen in Deutschland gelegt.
  • Der Jugendclub 67 wurde als Reaktion auf zunehmende Konflikte mit jungen Menschen in Stuttgart Freiberg gegründet. Specht beschreibt ihn als die „Sternstunde der Mobilen Jugendarbeit“.
  • In der Hochschulwelt Tübingen studiert Specht bei Hans Thiersch Pädagogik. Dabei werden die theoretischen Zugänge ausgeweitet und der Versuch eingeleitet, den Theorie-Praxis-Konflikt zu überbrücken.
  • Seine Dissertation hat den Schwerpunkt „Jugendkriminalität und Mobile Jugendarbeit“ und thematisiert Bandenkriminalität vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Kriminologie.
  • Mit der Baustelle Laienberater spricht Specht ein Bundesmodellprojekt aus den 1970/1980er Jahren an, indem angesehene Gruppenmitglieder zur Befriedung devianter Szenen eingesetzt und ihre Handlungskompetenzen für die Soziale Arbeit nutzbar werden sollten.
  • Im Bild 7 werden die Erfahrungen Mobiler Jugendarbeit in Esslingen mit Rechtsradikale Jugendliche angesprochen und mit einem Zeitschriftenbeitrag von 1993 kontextualisiert.
  • Als Direktor des Diakonischen Werks konnte Specht Anfang der 1990er Jahre auf Basis seiner Feldstudie zum Sozialraum Hoyerswerda einen Standort des Aktionsprogramms gegen Aggression und Gewalt (AgAG) als Reaktion auf die damaligen rechtsradikalen Ausschreitungen begleiten.
  • Das Professionsverständnis des Interviewten gruppiert sich um den Satz „Du musst sie lieben.“ Die damit verbundenen fachlichen Haltungen finden sich in den Arbeitsprinzipien Mobiler Jugendarbeit wieder.
  • Welche Motivation steht hinter dem leidenschaftlichen Eintreten für junge Menschen? Für Walther Specht sind es die eigenen biographischen Erfahrungen, die sich als christliche Nächstenliebe durch die Prägekraft der Christlichen Pfadfinderschaft formiert und sein wissenschaftliches Interesse geleitet haben.
  • Über die Beziehungen des Diakonischen Werks zu den orthodoxen Kirchen Osteuropas bekam Specht Einblicke in die dortigen prekären Lebenswelten marginalisierter Kinder und Jugendlicher, u.a. in Sammelstellen für Straßenkinder oder Kindergefängnissen. 
  • Über die Internationale Gesellschaft für Mobile Jugendarbeit (ISMO e.V.) trug Specht seine Ansätze in die internationalen Fachdiskussionen ein und versteht dies als Arbeiten an der Baustelle Weltfrieden.

Diskussion

Die Herausgeber verstehen die Veröffentlichung als Bilder-, Lese- und Fachbuch.

  1. Als Bilderbuch mit Fotografien aus den privaten Beständen Walter Spechts, Zeitungs- und Fachbeiträgen, biografischen Artefakten und nicht zuletzt der verwendeten Typografie bekommt die Veröffentlichung eine ästhetische Wirkung, die unausgesprochenes greifbar macht (aber auch eine bestimmte Deutung suggeriert): der bündisch-jugendbewegte Habitus des Interviewten und damit die Nähe Sozialer Arbeit zu lebensreformerischen und bündischen Einflüssen, wie sie gerade in einigen Strömungen zur Anfangszeit Sozialer Arbeit in Deutschland enthalten waren.
  2. Zum Lesebuch taugt die Veröffentlichung allein schon durch die farbigen Schilderungen des Interviewten. Die Textstellen sind so zusammengestellt, dass die Leidenschaft Spechts für die jungen Menschen und seine Mobile Jugendarbeit durch die Zeilen hindurch scheint.
  3. Zum Fachbuch werden die Interviewpassagen durch die Explikationen und Kontextualisierungen, die ein dezidiertes Nachlesen ermöglichen. Trotzdem dürfen die im Text getroffenen Aussagen nicht unhinterfragt stehen gelassen werden, denn es handelt sich bei der Veröffentlichung um ein retrospektives, narrativ gegründetes Dokument. Die Recherche einzelner Erzählungen zeigt, dass Spechts Erinnerungen von Dokumentationen an anderer Stelle abweichen. Bei Betrachtung solcher Abweichungen zeigt sich die Verschränkung zwischen professionellem Habitus und Arbeitsfeld. Konkret: Der Polizistenmord als Introitus der Mobilen Jugendarbeit in Stuttgart wird in den damaligen Zeitungsberichten als wilde und planlose Schießerei bezeichnet. Specht beschreibt den finalen Schuss als präzise gezielt und damit den Jugendlichen gegenüber wertschätzend. Solche wertschätzenden Deutungen finden wir auch heute in Arbeitsfeldern wie der Mobilen Jugendarbeit, in denen ernsthaft parteilich für die und mit den Adressaten gearbeitet wird.

Die Veröffentlichung ordnet das begriffliche Chaos in den Feldern aufsuchender Jugend- und Jugendsozialarbeit nicht letztgültig, aber durch die Rückverfolgung der Ideengeschichte Mobiler Jugendarbeit entsteht ein Kategoriengerüst, was zur Klärung der fachlichen Grundlage der diversen Projekte mit ihren heterogenen Aufgabenzuschreibungen beiträgt. 

Fazit

Als Einstieg in die Mobiler Jugendarbeit ist die Veröffentlichung wärmstens zu empfehlen. Sie geht zwar nicht auf die aktuellen Entwicklungen im Arbeitsfeld ein, macht aber – was viel wesentlicher ist – den besonderen Reiz von Jugend- und Jugendsozialarbeit im aufsuchenden Kontext sichtbar und schafft es durch die Persönlichkeit Walter Spechts die Leidenschaft zu wecken. Gerade da es aktuell schwer zu fallen scheint, passendes Personal für die diversen Projekte Mobiler Jugendarbeit zu finden, lässt sich bei der Lektüre dieses Buches eine mögliche Antwort auf die Frage nach der eigenen habituellen Passung erfahren.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. / Dipl. Soz.-Päd. Maria Wolf
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Zitiervorschlag
Maria Wolf. Rezension vom 21.05.2019 zu: Walter Specht, Stephan Schlenker, Christian Reutlinger (Hrsg.): "Du musst sie lieben". Das Gewordensein mobiler Jugendarbeit in zwölf biographischen Bildern Walter Spechts. Frank & Timme (Berlin) 2017. ISBN 978-3-7329-0361-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25440.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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