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Tamás Jules Joshua Fütty: Gender und Biopolitik

Cover Tamás Jules Joshua Fütty: Gender und Biopolitik. Normative und intersektionale Gewalt gegen Trans*Menschen. transcript (Bielefeld) 2019. 256 Seiten. ISBN 978-3-8376-4629-0. D: 34,99 EUR, A: 34,99 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Queer Studies - 21.
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Thema

Bisher blieben im Themenfeld „Sexualisierte Gewalt“ trans* und inter* Personen weitgehend unberücksichtigt. Der vorliegende Band fokussiert nun Gewalt gegen Trans*-Personen und wie diese Gewalt einerseits individuell durch feindselige Menschen erfolgt und wie sie andererseits institutionell strukturiert ist.

Autor

Tamás Jules Joshua Fütty wurde mit dieser Arbeit promoviert. Er ist Politikwissenschaftler und lehrt zu Gender, Diversität und Migration an der Universität Kiel. Darüber hinaus ist er in der Jugend- und Erwachsenenbildungsarbeit engagiert.

Die Dissertation wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Elsa-Naumann-Stiftung gefördert, die Buchpublikation wurde durch eine Förderung der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der HU Berlin ermöglicht.

Aufbau

Beim vorliegenden Buch handelt es sich, einer Dissertation angemessen, um eine klassische Monografie. Methodisch und inhaltlich wird das Themenfeld grundlegend eröffnet und verfolgt.

Inhalt

Fütty fokussiert in der vorliegenden Arbeit, wie „naturalisierte Cis-Zweigeschlechternorm […] mit ihren machtvollen Subjektivierungs- und Verwertungspraktiken die normative Grundlage von Gewalt gegen Trans*Menschen dar[stellt]“ (S. 18), wobei Medizin und Justiz besonders bedeutsam seien. Dabei zeige sich bei genauerer Betrachtung, dass die Gewalt intersektional zu analysieren sei, da sich die Gewalt und auch ganz konkret Morde gegen Trans* weltweit, insbesondere gegen Trans* of Color richteten.

Für die Untersuchung wertete Fütty allgemein zugängliche publizierte Texte und sogenannte „Graue Literatur“ aus, die Gewalt gegen Trans* thematisieren. Fütty schließt an die Analysen zur Biopolitik von Michel Foucault an und geht entsprechend den modernen Regierungsweisen nach. Dabei zeige sich einerseits die große Bedeutung von Medizin und Justiz im Hinblick auf Ausschlüsse, Diskriminierungen und Gewalt – und wie gerade über diese Instanzen in der Bundesrepublik Deutschland Gewalt gegen Trans*-Personen hergestellt wird. Gleichzeitig erweise sich in der Analyse, dass die Gewalt gegenüber Trans* oft individualisiert werde – und es in Deutschland gerade keinen Gewalt-Begriff gebe, der die gesellschaftlich organisierte und sogar erwünschte Gewalt gegen Trans* – so meine Zuspitzung als Rezensent*in – abbilde.

Fütty geht in der Darstellung gründlich den Diskriminierungen und der Gewalt nach, denen Trans*-Personen aktuell in Deutschland ausgesetzt sind, besonders wenn sie „of Color“ sind. Dementsprechend schlägt Fütty eine Fortentwicklung des Gewalt-Begriffes vor, um gerade auch den institutionalisierten Bedingungen Rechnung zu tragen.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch liefert einen guten Überblick über die Verhältnisse, die Diskriminierungen und Gewalt gegenüber trans* Personen begünstigen. Die Darstellungen von Tamás Jules Joshua Fütty sind gut informiert und klar strukturiert und machen deutlich, dass jetzt ganz konkret Änderungen erforderlich und möglich sind. Das diskriminierende und gewaltvolle Transsexuellengesetz könnte abgeschafft und die Kostenübernahme für geschlechtsangleichende Eingriffe durch die Krankenkassen anderweitig gesetzlich festgelegt werden.

Gleichzeitig wirft Fütty einen Fokus auf trans* Personen of Color: Gerade die Gewalt, die sich intersektional an den Schnittstellen verschiedener gesellschaftlicher Diskriminierungs- und Gewaltverhältnisse darstellen, gerieten oft aus dem Blick. Das gelte etwa für die Gewalt gegen Sexarbeiter*innen of Color, die gesellschaftlich kaum zur Kenntnis genommen würden. Das sind wichtige Hinweise, da etwa auch der Unabhängige Beauftragte für Fragen sexuellen Kindsmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, derzeit noch uninformiert über die (sexualisierte) Gewalt gegen inter* und trans* Personen zu sein scheint. Diese Gewalt ist gesellschaftlich institutionalisiert und gehört quasi zum „guten Ton“, dabei wird hier über Justiz und Medizin in sexualisierter Form Leid und Traumatisierung in großem Maße erzeugt.

Tamás Jules Joshua Fütty ist für den Band zu danken, der die Situationen von trans* Personen fokussiert und zudem gut lesbar und nachvollziehbar darstellt und durch die Veröffentlichung gesellschaftliche Veränderung einfordert.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 03.05.2019 zu: Tamás Jules Joshua Fütty: Gender und Biopolitik. Normative und intersektionale Gewalt gegen Trans*Menschen. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4629-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25444.php, Datum des Zugriffs 09.12.2019.


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