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Kira Gedik, Reinhart Wolff: Kinderschutz in der Demokratie

Cover Kira Gedik, Reinhart Wolff: Kinderschutz in der Demokratie – Eckpfeiler guter Fachpraxis. Ein Handbuch. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 600 Seiten. ISBN 978-3-8474-2303-4. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR.
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Kira Gedik, Reinhart Wolff (Hrsg.) Kinderschutz in der Demokratie, Eckpfeiler guter Fachpraxis, Opladen, Berlin, Toronto 2021: Verlag Barbara Budrich

Zum Thema

Der Kinderschutz wird in den Medien und in der Fachliteratur kontrovers diskutiert. Dabei geht es um mehrere Fragen. Eine Frage ist, inwieweit „Frühe Hilfen“ als Primärprävention, also für alle Eltern, sinnvoll und hilfreich sind. (kritisch dazu Hildenbrand 2014 a und b) Damit im Zusammenhang steht die Frage, wann ein Eingriff in die Autonomie einer Familie von außen sinnvoll und notwendig ist. Wenn es Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung gibt, hat das Jugendamt den Auftrag, dies zu überprüfen und ggf. zu intervenieren. Dies ist soziale Kontrolle im Sinne des Kindeswohls, auf die Eltern unterschiedlich reagieren. Andererseits sollen, wenn dies notwendig erscheint, Hilfen angeboten werden. Damit geht es um das Verhältnis von Hilfe und Kontrolle. Hilfen und Interventionen können unangemessen sein, wenn sie die Autonomie der Familien unangemessen stark einschränken und so eher schaden, aber auch, wenn einzelne ambulante Hilfen nicht ausreichen, das Problem oder die Probleme zu lösen, sodass sich die Probleme verschärfen und wertvolle Zeit verloren ging. Entscheidungen beziehen sich auf eine Zukunft, die häufig nicht genau vorhersehbar ist. Massenmedien greifen vor allem extreme Fälle von Kindeswohlgefährdung auf, seltener aber Strukturprobleme.

Herausgeberin und Herausgeber

Kira Gedik ist Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin. Sie arbeitet in der Praxisforschung. Reinhart Wolff ist Professor im Ruhestand und war vorher an der Alice Salomon Hochschule in Berlin tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach der Einleitung in vier Abschnitte jeweils mehreren Beiträgen gegliedert. Der Anhang enthält mehrere Skizzen, zum Beispiel Anregungen zur Fallreflektion.

In der Einleitung skizzieren die Kira Gedik und Reinhart Wolff das Anliegen des Handbuchs. Vorausgegangen sind einige Veranstaltungen und eine Tagung zum Thema „Dialoge über gelingende Kinderschutzarbeit in der Demokratie – Fakten, Kontroversen Entwicklungen“ im März 2017 ( S. 11) Eingegangen wird auf die kontroverse Diskussion von dem Hintergrund einiger Skandale zu sexuellen Kindesmisshandlungen und zu einigen Todesfällen bei Kindern. Befürchtet wird eine „ Engführung des Kinderschutzes auf Verfolgung und Strafverschärfung“ (S. 9). Ein zentrales Anliegen der Autorinnen und Autoren sei, die „Kultur der Überwachung“ zu überwinden und stattdessen zu einer Kultur der gegenseitigen Unterstützung (a culture of caring) zu kommen. Nach Ansicht des Rezensenten mag dies in vielen Fällen sinnvoll sein, aber nicht in allen. Soziale Kontrolle und Eingriffe auch gegen die subjektiven Interessen von Eltern und Kindern lassen sich nicht immer vermeiden. Eine besondere Bedeutung im Konzept der Herausgeberin und des Herausgebens hat eine demokratische Orientierung „Ziel ist der Aufbau ganzheitlicher, vielseitiger und pro-aktiver demokratischer Hilfesysteme“ (S. 17). Eingegangen wird auch auf Autoren (zum Beispiel Lessenich und Dörre) die den Zustand der Demokratien in diesem Stadium des Kapitalismus kritisieren. Für den Rezensenten stellt sich die Frage, inwieweit das angestrebte Ziel einer guten Fachpraxis in einer global und neo-liberal orientierten Gesellschaft erreichbar ist. Es müsste wohl gegen die Interessen der Mächtigen in diesem Systems erkämpft werden. Seit Anfang der 80er Jahre ist eher eine Entwicklung zur Reproduktion und Verfestigung von Randständigkeit zu beobachten, die durch die Agenda 2010 noch verschärft wurde.

Auf die Einleitung folgt der erste Abschnitt zu „Herausforderungen und Fakten“ mit drei Artikeln:

  • Im ersten Beitrag behandelt Ingo Bode das Thema „Kinderschutz als gesellschaftliches Modernisierungsprojekt“. Dieses Projekt sei demokratisch und emanzipatorisch mit dem Ziel für ein Mindestmaß an gleichen Entfaltungschancen zu sorgen. Der Rezensent fragt sich, inwieweit ein solches Projekt im Kinderschutz überhaupt ernsthaft angestrebt wurde. Auch der Autor geht in seinem Beitrag auf einige Probleme, Inkonsistenzen und Widersprüche im Kinderschutz ein.
  • Um das Ausmaß von Kindesmisshandlungen und Vernachlässigungen von Kindern geht es dann in dem Beitrag Gundula Kaufhold. Die Datenlage sei in Deutschland relativ schlecht, sodass man auf unterschiedliche Kontextstatistiken angewiesen ist. Auf einige dieser Statistiken wie Kriminalstatistik, Todesursachenstatistik und Unfallstatistik wird eingegangen. In der Zusammenfassung stellt die Autorin fest, „dass verlässliche Daten über das Ausmaß von Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch nicht ausreichend zur Verfügung stehen“ (S. 63)
  • Im dritten Kapitel dieses Abschnitts behandelt Margherita Zander das Thema „Gefährdungen von Kindern und Jugendlichen durch Armut“. Festgestellt wird, „dass immer mehr Kinder langfristig in Armutsverhältnissen aufwachsen“. Unterschieden werden zwei Dimensionen: 1. Es kann zu Kindeswohlgefährdungen infolge familiärer Armut kommen, zum Beispiel weil Eltern aufgrund ihrer sozialen Situation überfordert sind. 2 Kinderarmut als öffentliche Gefährdung des Kindeswohls. Im zweiten Fall kann der Begriff der Kindeswohlgefährdung erweitert werden. Es muss sich nicht um Gefährdungen im juristischen Sinne handeln, die zu Interventionen im Rahmen des Kinderschutzes führen müssten. Es handelt sich um politisch bzw. gesellschaftlich verursachte Gefährdung. Eingegangen wird auf unterschiedliche Aspekte wie materielle Lage, soziale Lage, kulturelle Lage und das außerfamiliale Umfeld (u.a. Konzentration von Armut in bestimmten Stadtvierteln[i], soziale Kontakte zu Gleichaltrigen) Auch auf unterschiedliche Reaktionsweisen von Eltern und Kindern und den Parallelen zur Resilienzforschung wird eingegangen. Die Autorin stellt fest: „Steigt die Armut, steigt das Risiko der Kindeswohlgefährdung“ (S. 83) „Es besteht nämlich die Gefahr, dass sich Politik und Gesellschaft an diesen Missstand gewöhnen“ (S. 83) Nach Ansicht des Rezensenten wurde die Gefahr sogar seit 2005 durch die neo-liberale Politik billigend in Kauf genommen.

Der zweite Abschnitt zu den Akteuren enthält fünf Kapitel von denen die ersten vier vor der Herausgeberin und dem Herausgeber verfasst wurden.

  • Begonnen wird mit einem kurzen Kapitel von Kira Gedik und Reinhart Wolff zur Akteursproblematik im Kinderschutz. Der Autor und die Autorin wenden sich gegen „einseitige Subjekt-Objekt Rollenkonzepte“ und plädieren mit Homfeldt u.a. 2008 für ein Konzept, das Kinder und Familienmitglieder stärker als Akteure sieht „Vom Adressaten zu Akteur. Soziale Arbeit und Agency“ (S. 91) Das Kapitel bleibt relativ abstrakt-theoretisch.
  • Es folgt ein Kapitel von Kira Gedik und Reinhart Wolff zu Kindern als Akteure im Kinderschutz. Begonnen wird mit Typisierungen von Kindern, die in der Literatur zum Kinderschutz und in der Politik relevant waren bzw. noch sind. Eingegangen wird auf 8 Typen und mehreren Untertypen, in denen „oft dualistische Subjekt-Objekt Konzeptionen“ (S. 105) im Vordergrund stehen. Es folgt ein Unterkapitel zum Kind als Akteur. Die Autorin und der Autor wenden sich gegen die Vorstellung, Kindheit als Vorstadium zum Erwachsenen-Sein zu verstehen. „Stattdessen seien Kinder als Personen mit eigenen Fähigkeiten, Ressourcen und Bewältigungspotenzialen sowie eigenen Sichtweisen zu verstehen und zu respektieren.“ (S. 102) Eingegangen wird auf Kinder als resiliente Akteure, als parentifizierte Akteure, als verhaltensauffällig agierende Akteure und als Protagonisten. Diese Akteurs-Perspektive ist für das Fallverstehen sicherlich wichtig. Aber der Kontrast mit anderen Perspektiven leuchtet dem Rezensenten nicht ein. Jeder Mensch, auch ein Erwachsener, ist Seiender und Werdender zugleich, er ist Objekt und Akteur. Ein armes Kind zum Beispiel ist Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse und versucht auch, mit seiner Situation zu Recht zu kommen[ii].
  • Im nächsten Kapitel von Kira Gedik und Reinhart Wolff geht es um Familien und Eltern als Akteure im Kinderschutz wobei von einer systemischen Perspektive ausgegangen wird[iii] Eingegangen wird auf die Spannung zwischen Automieansprüchen der Familie einerseits und „wachsenden Ansprüchen und Eingriffen professioneller Umgebungssysteme“( S. 120) anderseits und auf die wachsende Ungleichheit und Armut. Behandelt werden dann sechs typische Konstellationen. Begonnen wird mit armen und ausgegrenzten Familienakteuren. Benachteiligung und Ausgrenzung würden in Fachdiskursen nur am Rande thematisiert und Probleme einer individuellen Pathologie zugeschrieben.[iv] Eingegangen wird auch auf die Erfahrungen und Kompetenzen arme Familien. Gefordert werden ein sozialer Unterstützungsraum und Bildungs- und Coaching-Programme. Der zweite Unterabschnitt handelt von der „unterinstitutionalisieren Familie ohne paradentale Baumeister“. Gemeint sind instabile und junge Paare und alleinstehende junge Mütter, denen es aus verschiedenen Gründen nicht gelingt. „erwachsene paradentale Baumeister der eigenen Familie“ (S. 124) zu werden. Der Begriff „Baumeister“ könnte nach Ansicht des Rezensenten etwas missverständlich sein.[v] Die Autorin und der Autor weisen darauf hin, dass es durchaus stabile Ein-Eltern-Kind Familien gebe, aber auch Frauen, denen dies nicht gelinge. Vorgeschlagen werden u.a. Mehrgenerationenprojekte Elterngruppen und Coaching- Programme[vi]. Im dritten Unterkapitel geht es um multiple „Elternschaftskonstellationen“. Eingegangen wird auf verschiedene Aspekte wie Anzahl der Akteure, nachbarschaftliche und sozio-kulturelle Kontexte, Machtungleichheit, genetische, biologische, rechtliche und soziale Elternschaft. Behandelt wird die „Dominanz von Mutterrollen und Vaterlosigkeit/​Vaterschwäche in der Moderne. Um neu zusammen gesetzte Familien geht es im vierten Unterabschnitt. Begonnen wird mit Ergebnissen einer Studie des Statistischen Bundesamtes zu Haushalten und Familien. U.a. wird festgestellt, dass die Kernfamilie aus gemischt-geschlechtlichen Eltern und einem leiblichen Kind oder mehreren leiblichen Kindern (sozialisatorische Triade) kein „Auslaufmodell“ ist (s.S. 129) Eingegangen wird dann auf „unkonventionelle Familien“ „Unkonventionelle Familie sind solche, in denen die Triade abwesend ist (Funke und Hildenbrand 2009 29ff)“(S. 130) Dies können unterschiedliche Familienformen (u.a. Alleinerziehende, neu zusammengesetzte Familien, Pflegefamilien) sein[vii]. Im Unterkapitel 5 geht es dann um hoch konflikthafte Scheidungs- und Trennungsfälle. „Allerdings nur ein kleiner Teil (nämlich 8 – 10 %) dieser Scheidungs- und Trennungsfälle wird von Fachleuten als hoch konflikthaft eingeschätzt, wie jedenfalls für 2006 angenommen wurde (vgl. Paul/Dietrich 2006)“ (S. 131) Der Rezensent hat hier Zweifel[viii] Eingegangen wird auf typische Eigenschafts- und Verhaltensmerkmale. Im Unterkapitel 6 geht es um die Frage, wie die Resilienz von Familienakteuren gestärkt werden kann. Kritisiert wird, dass der Kinderschutz häufig in Defizitsichtweise steckenbleibe. Das Resilienzkonzept könne hier ein Gewinn sein. Auf 9 Schlüsselprozesse der Resilienz nach Walsh wird eingegangen. Nach Ansicht des Rezensenten würde dies eine sorgfältige Fallanalyse und Fallbearbeitung in Kooperation mit den Akteuren erfordern.
  • Fachkräfte als Akteure im Kinderschutz ist das Thema im vierten Kapitel von Kira Gedik und Reinhart Wolff. Eingegangen wird auf unterschiedliche Aspekte der Arbeit und der Arbeitsbeziehungen und andere Professionen, die in diesen Bereichen tätig sind. Zitate aus MikroArtikeln von Fachkräften verdeutlichen u.a. die Paradoxien der Arbeit.[ix] Behandelt werden Themen wie „Fachkräfte als verunsicherte bedrohte und leidende Akteure“, Fachkräfte als verdächtigende Akteure oder als „reflexive, solidarisch engagierte demokratische Akteure“(u.a. Qualitätsentwicklung). Auf unterschiedliche Positionen von Fachkräften (Jugendamt, freie Träger, Familienhilfe, Erzieherinnen und Erzieher) und Konflikte hätte man vielleicht genauer eingehen können[x].
  • Im fünften Beitrag in diesem Abschnitt behandelt Tom Levold Organisationen als Akteure im Kinderschutz vor dem Hintergrund eines systemtheoretischen Ansatzes. Eingegangen wird u.a. auf das Verhältnis von Organisationen und Professionen. „Damit ist ein unaufgelöstes und wahrscheinlich unauflösbares Spannungsfeld zwischen organisationaler und individuell-professionelle Fallbearbeitung markiert, in dem unterschiedliche Strukturlogiken aufeinanderprallen, die die aktuelle Praxis des Kinderschutzes kennzeichnen“ (S. 155/156) Eingegangen wird auf entsprechende Konflikte. Der Rezensent sieht darin eine mögliche Ursache für De-Professionalisierung bzw. das Misslingen von Professionalisierung[xi]. Es folgt ein Unterabschnitt zu Transformationen im Kinderschutzdiskurs seit Mitte der 70er Jahre. Eingegangen wird auf die Kritik am repressiven Fürsorgesystem, auf die Hinwendung zum dialogischen Kinderschutz der Hilfe statt Strafe und dann der Wandel zu einem kontrollierenden Kinderschutz. Der Rezensent fragt sich, inwieweit diese Diskurse auch in der Praxis angekommen sind. Inwieweit hat sich auch die Praxis verändert[xii]? Es folgt ein Abschnitt zum neuen Management staatlicher Institutionen. Hierzu gehört eine „Verbetriebswirtschaftlichung Ihrer Dienstleistungen“ (S 160). Hierzu gehört die Öffnung des Marktes für private Anbieter, manchmal aber auch Dominanz der Wohlfahrtsverbände und Konkurrenz zwischen den Anbietern. Eine Frage wäre, inwieweit es durch diese Prozesse nicht zu einer Marginalisierung des offiziellen Ziels „Kindeswohl“ kommt[xiii]. Anschließend geht es um professionelle Fallarbeit und Dokumentation in Organisationen. Festgestellt wird ein Spannungsverhältnis. Der „organisationale Zugriff bezieht sich vor allem auf Entscheidungen über Indikation, Aufnahme, Fortsetzung und Beendigung von Hilfen sowie auf die Dokumentation dieser Prozesse ohne die die Organisation ihre Arbeit nicht darstellen und legitimieren kann.“ (S. 162) Akten würden Legitimation genutzt. Der Rezensent sieht hier eine Behinderung der professionellen Qualität der Arbeit[xiv]. Auch professionelle Fallarbeit braucht Dokumentation, vor allem bei längerer Fallarbeit, aber nicht primär zur Legitimation.

Der dritte Abschnitt „Grundorientierungen“ enthält neun Beiträge

  • Begonnen wird mit einem Beitrag von Kira Gedik und Reinhart Wolff zur Hilfe. Im ersten Unterkapitel wird auf Hilfe als selbstverständliche Praxis eingegangen, zum Beispiel innerhalb der Familie oder der Nachbarschaft. Es folgt ein Unterkapitel zu Hilfe als Leitorientierung Sozialer Arbeit. Professionssysteme hätten vor allem in Bereichen gesellschaftliche Bedeutung, in denen sich Menschen aus eigener Kraft nicht mehr selbst helfen könnten[xv]. Eingegangen wird auch auf Luhmanns Begriff „Beseitigung von Problemfällen“[xvi]. Skizziert wird ein mehrseitiges Hilfekonzept mit fünf Dimensionen. Im nächsten Unterkapitel wird ein Konzept zum Kinderschutz vorgestellt, das sich „aus den traditionellen Konzepten armenpolizeilicher Ordnungsmaßnahmen und staatlicher Devianzskontrolle“ (S. 177) löst. Dies würde wohl auf eine Trennung zwischen Hilfe und Kontrolle hinauslaufen[xvii] Eine Hilfeprozessgestaltung in vier Schritten wird vorgestellt. Sie umfasst u.a. eine multi-perspektivische Problemanalyse und Konstruktion eines Hilfeplans.
  • Es folgt ein Beitrag von Jens Beiderwieden zum Dialog. Ausführlich eingegangen wird auf den Dialog in der Philosophie und Literatur. Danach wird der Dialog im Kinderschutz behandelt. Dieser Bezug zur Fachpraxis bleibt jedoch relativ allgemein.
  • Im dritten Beitrag behandelt Patrick Oehler den Zusammenhang von Demokratie und Soziale Arbeit. Die Soziale Arbeit sei Ende des 19. Jahrhunderts in Staaten, die demokratisch waren und auf dem Wege dorthin waren. In dem Grundgedanken der demokratischen Professionalität geht es u.a. Bearbeitung der Folgen sozialer Ungleichheit, um Herstellung von Gleichheit und Gerechtigkeit. In einem Unterkapitel behandelt der Autor die Neuerfindung des Sozialen durch den aktivierenden Sozialstaat, wobei er sich u.a. auf Lessenich bezieht. Eingegangen wird auf die Ideologie, die den Einzelnen die Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zuschreibt[xviii] „Vor dem Hintergrund dieser Neuerfindung des Sozialen und der damit einhergehenden Neudefinition von professioneller Hilfe im Sozialen ist eine Neubesinnung auf die Idee der Demokratie für die soziale Arbeit unerlässlich.“ (S. 206) Nach Ansicht des Rezensenten wäre dies wohl in Gegensatz zwischen der Profession und der neo-liberalen Politik und Gesellschaft. Es folgt eine Darstellung von neun Handlungsleitlinien für eine Praxis, die der Autor als „demokratische Professionalität“ bezeichnet. Der Rezensent fragt sich, inwieweit diese Leitlinien in der Praxis bei schwierigen Fällen durchgehalten werden können. Auch dürfte diese Vorstellung von Demokratie deutlich von der Verfasstheit vieler westlicher Demokratien abweichen[xix]. „Professionen und Institutionen können bei diesen Prozessen eine wichtige Rolle spielen, ja haben eine wichtige Verantwortung bei diesen Prozessen, da sie einüben und Lernen von Demokratie und Solidarität mehr oder weniger fördern können oder eben auch nicht.“ (S. 216)
  • Im nächsten Kapitel behandelt Reinhard Wiesner das Thema Recht. Im ersten Unterkapitel geht es um die Beziehung zwischen elterliche Erziehungsverantwortung und staatlicher Kindeswohlverantwortung. Behandelt werden unterschiedliche Aspekte, u.a. der Vorrang des elterlichen Erziehungsrechts und der elterlichen Erziehungsverantwortung vor dem staatlichen Wächteramt, der Kinderschutz durch das Strafrecht und die Garantenpflicht der Fachkräfte (Unterlassen, Sorgfaltspflicht). Im zweiten Unterkapitel werden Probleme behandelt. Zunächst auf die Prävention eingegangen, die das Ziel habe, Kindeswohlgefährdung zu vermeiden. Behandelt wird das Spannungsfeld zwischen niedrigschwellige Information und Wächteramt bei „Risikogruppen“. Der Rezensent sieht hier die Gefahr, dass einige soziale Milieus stigmatisiert und die Grundrechte ihrer Mitglieder vorschnell eingeschränkt werden[xx] Danach geht es um die Schwelle der Kindeswohlgefährdung. Behandelt wird die Frage, ab wann eine Kindeswohlgefährdung festgestellt werden muss, die zu einer Einschränkung der Elternrechte führt. „Das Interesse an Rechtssicherheit steht die Dynamik wissenschaftlicher Erkenntnisse und gesellschaftlicher Entwicklungen gegenüber“ (S. 226)[xxi] Eingegangen wird dann auf Verfahren der Gefährdungseinschätzung durch das Jugendamt und den Einsatz von Beurteilungsbögen. Auf die Gefahren einer Standardisierung und Reglementierung wird hingewiesen[xxii]. Anschließend wird auf die Beziehung zwischen Jugendamt und Familiengericht eingegangen. Da das Familiengericht zur Amtserhebung verpflichtet ist, könnten einige Verfahren über Monate dauern. Auf die Schutzpflicht freier Träger wird eingegangen. Sie umfasst Gefährdungen durch die Familie, aber auch durch Fachkräfte oder andere Kinder und Jugendliche[xxiii]. Eingegangen wird u.a. auf Kooperation zwischen unterschiedlichen Akteuren im Kinderschutz, Datenschutz, Personalausstattung der Ämter, Konzepte der Öffentlichkeitsarbeit und Qualitätsentwicklung. Zur Qualitätsentwicklung bleibt der Rezensent skeptisch, wenn es um formalisierte Maßstäbe und Grundsätze geht. Dies widerspricht der Strukturlogik professionellen Handeln, die immer auch den Einzelfall einbezieht[xxiv].
  • Im nächsten Kapitel setzt sich Bettina Hünersdorf mit dem risikoorientierten Kinderschutz auseinander. „Der Wandel zum risikoorientierten Kinderschutz (mit der Bedeutung von sicherem Kinderschutz/​Safety) hatte sich in den 90er Jahren im medialen Diskurs angebahnt und ersetzt einen „auf soziale Sicherheit orientierten Kinderschutz“ ( S. 239). Sie stellt die Frage „inwieweit mit diesem auch gesetzlich manifestierten Wandel möglicherweise mehr Probleme im Kinderschutz geschaffen als gelöst werden“ (S. 239)[xxv]. Eingegangen wird u.a. auf den Begriff des Risikos der auf statistisch ermittelte Eintrittswahrscheinlichkeiten beruht und deshalb mit Ungewissheit behaftet ist. Indem Eltern als potenzielle Täter und Kinder als Opfer behandelt werden, würde man „das Erziehungs- und Sorgeverhalten … dekontextualisieren“ (S. 142). Eingegangen wird auf Faktoren der Risikobewertung beim Risk-Assessment. Die Autorin zeigt auf, wie diese zu einer „institutionalisierten Diskriminierung von Familien in prekären Lebenslagen“ (S. 251) führen kann. Eltern würden für die Probleme als verantwortlich erklärt und familienpolitisch erzeugte Risikofaktoren ausgeblendet[xxvi]. Anschließend geht es um die Folgen für das berufliche Handeln im Kinderschutz. Sozialpädagogische Diagnosen, die an subjektiven Erfahrungen ansetzen würden disqualifiziert. Die Autorin fordert „dass die Jugendämter starker in der Pflicht“ sind „Arbeitsbedingungen zu schaffen (Wolff 2015)die eine professionelle Urteilsbildung erlauben, indem die Fallzahlen begrenzt werden“( S. 255) Nach Ansicht des Rezensenten ist dies sogar eine Voraussetzung für die Möglichkeit professionellen Handelns[xxvii] Die Autorin weist darauf hin, dass die gesellschaftlich hergestellte Unsicherheit in prekären Familien sozialpolitisch gewollt oder zumindest mit zu verantworten sei. (s. S. 258)
  • Öffentlichkeit und Politik ist das Thema des Artikels von Felix Brandhorst. Die Soziale Arbeit habe das Mandat, soziale Probleme von Familien und Kindern sichtbar zu machen und sich politisch und gesellschaftlich für die Rechte von Kindern und Eltern einzusetzen. Der Rezensent fragt sich, inwieweit sie dies leistet und auch leisten kann[xxviii] Eingegangen wird auf Medienskandal wobei der Autor mit Verweis auf Burkhardt der Auffassung ist, dass diese von den Medien „produziert worden sind“ (S. 266). Dem würde der Rezensent zustimmen, aber die Medien brauchen auch einen dafür geeigneten Anlass, zum Beispiel Tod oder Missbrauch von Kleinkindern. Burkhards Interpretation des Medienskandals wird skizziert. Deutlich wird unter anderem die Individualisierung des Skandals in einigen Medien, durch die die strukturellen Defizite und Probleme des Jugendamtes und der Amtsvormundschaft in den Hintergrund treten. Eingegangen wird auf unterschiedliche Rollen, die im Medienskandal eingenommen bzw. zugeschrieben wurden und auf „narrative Episoden“. Eingegangen wird hier auf Skandalisierung als Methode innerhalb der Sozialarbeit über die Medien. Der Rezensent sieht hier die Gefahr, dass eine vielleicht berechtigte Kritik an strukturellen Rahmenbedingungen wiederum als „Skandalisierung“ skandalisiert wird[xxix].
  • Es folgt ein theoretischer Beitrag von Michael Winkler zu den Begriffen Erziehung und Bildung. Kritisiert wird u.a. die Position von Rousseau zur Erziehung. Eingegangen wird auf Prozessdynamiken auf drei Ebenen: anthropologisch, sozial-figurativ und praktisch.
  • Anschließend behandelt Thomas Mörsberger das Thema Vertrauen. Auf viele Aspekte wird eingegangen. Zum Begriff Vertrauen stellt er fest: „Die Bedeutungsvielfalt des Begriffs macht es schwer, seinen Inhalt zu umreißen, zumal unterschiedliche kulturhistorische Prägungen zu berücksichtigen sind.“ (S. 310)[xxx]. Skizziert wird eine Typologie mit den Bezugsgegenständen Fachkompetenz, die moralische Integrität, Diskretion und Respekt und Systemvertrauen mit besonderem Bezug auf den Kinderschutz. Dieser Bezug könnte nach Ansicht des Rezensenten noch stärker ausgebaut werden. Es kann zum Beispiel eine Spannung zwischen Diskretion und Dokumentation und Meldepflicht bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung geben. Eingegangen wird auf Anhaltspunkte für die Entwicklung von Vertrauen. Behandelt wird auf die Bedeutung der Vertrauensfrage für die Beziehungsfrage im Kinderschutz. Nach Einschätzung des Rezensenten sind jedoch die Unterschiede zwischen Familiengericht, Polizei und Jugendamt geringer, als der Autor annimmt. Das Jugendamt übernimmt in der Regel die ersten Ermittlungen bei Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung (vgl. Urban-Stahl u.a. 2018) und soll gleichzeitig Hilfe anbieten. Polizei und Familiengericht werden in vielen Fällen, wenn überhaupt, erst später eingeschaltet. Ein etwas stärkerer Bezug auf praktische Fallentscheidungen im Kinderschutz wäre wünschenswert.
  • Es folgt ein Beitrag von Thomas Meysen zu ethischen Aspekten und Dilemmata im Kinderschutz. Das Kapitel basiert auf einem Projekt, in dem der Autor zusammen mit Janna Beckmann drei Jahre zu diesem Thema geforscht hat. Befragt Fachleute in mehreren europäischen Ländern. Zitate aus diesen Befragungen veranschaulichen die Darstellung. Eingegangen u.a. auf eingeschränkte Ressourcen der Fachkräfte, der „Gradwanderung zwischen zu früh und zu spät, zu viel oder nicht genug“ (S. 335) „Vertrauensvolle Arbeitsbeziehungen und Informationsaustausch ohne Einverständnis“ (S. 337) Zum Teil könnte man auch von „professionellen Paradoxien“ (Schütze 2016a) sprechen. Aber auch Qualitätsmängel in einzelnen Einrichtungen, vor allem in Heimen; wird hingewiesen. Anschließend werden Grundlagen für eine ethische Praxis behandelt. Begonnen wird mit „Legitimation und Haltung“. Ein Einschreiten unabhängig vom Einverständnis der Kinder und Eltern bedürfe einer ethischen Legitimation[xxxi]. Gefordert wird eine Grundhaltung die geprägt ist von Respekt, Anteilnahme und Achtung der Menschenwürde. Danach wird dann eingegangen auf den Druck auf Fachkräfte durch Medien und Politik, mit der sie mit „risikoscheu-reaktiven Kinderschutz“ (S. 342) mit Befolgung allgemeiner Regeln reagieren könnten und dabei das eigentliche Ziel des Kindesschutzes aus den Augen verlören[xxxii]- Behandelt werden Selbstbestimmung und Beteiligung, Vertraulichkeit, Umgang mit Unsicherheiten zur Einschätzung der Gefährdungssituation und kulturelle und ethnische Zugehörigkeit. Nach Ansicht des Rezensenten sind Empfehlungen auf dieser allgemeinen Ebene schwierig. Es kann Einzelfälle geben, die relativ eindeutig sind, aber auch Fälle in denen die Einschätzung schwierig und unsicher ist.

Der vierte Abschnitt zu Prozessen enthält 13 Beiträge. Einige dieser Prozesse sind Teil des Hilfeprozesses insgesamt, sodass einige Überschneidungen nicht vermeidbar sind.

  • Begonnen wird mit einem Beitrag von Alexandra Sann, Christopher Pabst und Christine Gerber zu Frühen Hilfen. Die Autorinnen und der Autor stellen die gesetzlichen Grundlagen und das Programm und die Aufgabenfelder vor. Auf die Gefahr einer Stigmatisierung von Familien wird hingewiesen[xxxiii]. Eingegangen wird unter anderem auf Information bei „Willkommensbesuche“, Elternkurse, Eltern-Kind-Gruppen und Netzwerke zur Kooperation. Im zweiten Unterkapitel werden Schwierigkeiten und Herausforderungen in diesem Handlungsfeld dargestellt. Deutlich werden unterschiedliche Auffassungen von „frühen Hilfen“ von der Primärprävention für alle Familien bis zu einem sekundärpräventiven und tertiär-präventiven Verständnis im Zusammenhang mit dem Kinderschutz. Eingegangen wird auch auf eine Kommunalbefragung, an der die Autorin Sann beteiligt war[xxxiv]. Behandelt wird auch die Kooperation mit Institutionen des Gesundheitswesens. Dabei fällt u.a. auf, dass die psychiatrischen und psychotherapeutischen Einrichtungen für Erwachsene und Kinder wenig eingebunden sind[xxxv]. Eingegangen wird u.a. auf das Leitbild Frühe Hilfen des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen und Qualifizierungsmodule dieses Zentrums.
  • Es folgt ein Beitrag von Catrin Draheim, Birgit Habecker und Sigrid Kotterba zu „sorgenvollen“ Hinweisen und Kontaktaufnahmen mit den Hinweisgebern und den Familien[xxxvi] Eingegangen wird auf die Ausgangssituation, auf verschiedene Abläufe bei Kontakten mit Familien, auf Probleme im Aufgabenfeld und bei der Kontaktaufnahme.
  • Der nächste Beitrag von Christian Schrapper handelt von Fallverstehen im Kinderschutz. Auf eine ausführlichere Arbeit von Ader und Schrapper hierzu wird hingewiesen. 20 „Eckpfeiler gelingender Kinderschutzarbeit“ werden skizziert. Auf alltägliche Verstehen, wissenschaftliches Verstehen und professionelles Verstehen wird eingegangen. Hingewiesen wird u.a. auf den Entscheidungsdruck bei Verstehens-Prozesse in der Kinderschutzarbeit und die „stellvertretende Deutung“.
  • Danach behandeln Kira Gedik und Reinhart Wolf das Thema Einschätzung von Gefährdungen durch Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Im ersten Unterabschnitt wird die Aufgabe behandelt. Deutlich wird unter anderem ein komplexer Einschätzung und Abwägungsprozess, der auch eine Einschätzung der zukünftigen Entwicklung beinhaltet. Eine Frage ist, wie die Aufgabe bewältigt werden kann. Die Autorin und der Autor zitieren Peters: „‘Erschöpfte Familie trifft auf ‚ausgezerrte Soziale Arbeit‘“ (S. 415) Eine weitere Frage ist, ob Familien, Eltern und Kinder die Einschätzung der Fachleute nachvollziehen können (S. 420)[xxxvii]. Im zweiten Unterkapitel wird dann auf unterschiedliche Instrument und Methoden zur Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen eingegangen. Unterschieden werden klassifizierende und hermeneutische Verfahren[xxxviii]. Ein Stuttgarter Projekt, das zu einem „Kinderschutzbogen“ führte, wird als Beispiel ausführlicher dargestellt und diskutiert. Im Unterkapitel 3 geht es um Probleme im Kinderschutz. Begonnen wird mit der Risikoorientierung, die zu einem „engen Kinderschutzverständnis“ führe. Dem wird ein ganzheitlicher Ansatz gegenüber gestellt wird (S 433). Eingegangen wird auch auf autoritäre Konzepte des „Forderns und Fördern“ und den Begriff der Risikogesellschaft nach Beck[xxxix] Im Folgendem wird dann auf unterschiedliche Probleme genauer eingegangen. Hierzu gehören unter anderem die Frage nach einer ausreichenden Qualifikation der Fachkräfte, fehlende Räume für reflexive Auseinandersetzungen in Organisationen und „eine Kultur des Zeit- und Handlungsdruck“. Im 4. Unterkapitel werden dann Eckpfeiler guter Fachpraxis behandelt. Für den Rezensenten stellt sich die Frage nach der Durchsetzbarkeit einer solchen idealen Praxis unter den vorgegebenen Rahmenbedingungen.
  • Es folgt ein Beitrag von Helmut Maier zu Hilfebedarf, Hilfenotwendigkeit und Hilfemöglichkeiten. Ausgegangen wird von einem weiten Begriff des Kinderschutzes und einem „systemisch- konstruktivistischen Verständnis“ (S. 455) Unterschiedliche Aspekte werden behandelt. Eingegangen wird auch auf den doppelten Auftrag zwischen Hilfe und Kontrolle. Der Rezensent hat Zweifel, ob in allen Fällen eine „Balance“ zwischen einem hilfeorientierter Dienstleistungskonzept und sozialer Kontrolle gelingen kann. Es wird immer Fälle geben, in denen die Kontrolle dominieren muss und Eltern die Kontrolle als bedrohlich erleben. Eine helfende Haltung kann dann als nicht glaubwürdig gewertet werden, sodass Vertrauen verloren geht. „Hilfenotwendigkeit klären“ wird als Prozessschritt gesehen, wobei auch problematische Folgen und Nebenwirkungen von Maßnahmen zu berücksichtigen sind. Bei der Klärung der Hilfemöglichkeiten geht es nicht nur um die Frage welche passende Hilfe notwendig bzw. sinnvoll ist, sondern auch um die Hilfsangebote, die zur Verfügung stehen. Im zweiten Unterkapitel werden 12 Probleme und Schwierigkeiten im Aufgabenfeld behandelt. Hierzu gehören u.a. die Absicherung der Fachkräfte und Institutionen und unzureichende strukturelle Bedingungen. Dem werden im dritten Unterkapitel „Eckpfeiler guter Fachpraxis“ gegenüber gestellt. Abgeschlossen wird das Kapitel mit Vorschlägen zu einer guten Fachpraxis.
  • Um Entscheidungen im Kinderschutz geht es im nächsten Beitrag von Timo Ackermann. Der Autor will keine Standards formulieren sondern eine Reflexionsanregung geben. Eingegangen wird auf die Aufgabe im Handlungsfeld und danach auf strukturelle Probleme des Entscheidens. Zu den Problemen gehören unter anderem Prognosen in eine ungewisse Zukunft, Unterscheidungen zwischen aktiven“ und „passiven Fällen“, schnelle Kategorisierungen und isolierte Einzelentscheidungen. Es folgt ein Unterkapitel zu Eckpfeilern einer guten Praxis. Vorgeschlagen wird ein Modell eines „idealisierten Entscheidungsprozess“ mit sechs Themen bzw. Aufgaben. Der Autor spricht von „langsamen Entscheiden“, in dem u.a. verschiedene Entscheidungsoptionen reflektiert werden. Die Umsetzbarkeit des Modells ist nach Ansicht des Rezensenten von den Rahmenbedingungen für die Arbeit der Fachkräfte des Jugendamtes und deren Ausbildung abhängig.
  • Es folgt ein Beitrag von Christine Maihorn und Elke Nowotny zur Familienberatung im Kinderschutz. Primär geschieht dies aus psychologischer Perspektive. Im ersten Unterkapitel wird auf grundsätzliche, fachliche und persönliche Herausforderungen eingegangen. Es geht unter anderem um Eltern, deren Fähigkeiten zur Erziehung deutlich eingeschränkt sind, um kurzfristige Hilfe und längerfristige Beratungsprozessen. Im zweiten Unterkapitel geht es dann um die Kontaktaufnahme im Erstgespräch. Gezeigt wird u.a. die Ambivalenz einiger Eltern gegenüber den Hilfsangeboten. Eingegangen mit Beispielen wird auf Kontaktaufnahmen bei Verdacht auf körperliche Misshandlung, emotionaler Vernachlässigung und sexueller Misshandlung Im dritten Unterkapitel wird dann die Beratung als Prozess im Kinderschutzkontext behandelt. Eingegangen wird u.a. auf den „Zwangskontext“, der Aufmerksamkeit in der Beratung brauche, und auf ambivalente Aufträge überweisender Fachkräfte. Im vierten Unterkapitel werden dann Chancen und Grenzen im Beratungsprozess behandelt.
  • Im nächsten Beitrag behandelt Hans-Ulrich Krause das Thema der Erziehung von Kindern außerhalb der Herkunftsfamilie mit dem Schwerpunkt auf stationäre Einrichtung. Begonnen wird mit einer kritischen Darstellung der Ausgangssituation. U.a. geht es um Schichtwechsel und Fluktuation von Fachkräften, und um Verlusterfahrungen bei Kindern unter 6 Jahren durch Trennung von den Eltern, die Kinderschutzprobleme verschärfen können. Auf einen Mangel an empirisch belegten Ergebnisevaluationen und Ansätzen der Qualitätssicherung wird hingewiesen[xl] Im zweiten Unterkapitel geht es um Situationen, in denen es notwendig wird, Kinder und Jugendliche in Obhut zu nehmen. Gefordert wird u.a. „Lebensbedingungen zu schaffen, in denen sie sich angenommen, behütet und liebevoll geschützt fühlen“ (S. 525). Im dritten Unterkapitel plädiert der Autor für eine Kooperation der Heime mit den Eltern, um die Bindungen zwischen Kindern und Eltern während des Heimaufenthaltes zu erhalten. Nur in einem kleinen Teil der Kinderschutzfälle sei eine strikte Trennung von den Eltern erforderlich. Im vierten Unterkapitel werden dann Eckpfeiler guter Praxis behandelt. Es geht u.a. um Partizipation, multiperspektives Fallverstehen und Hilfen zur Erziehung in der Gemeinschaft, um die Nutzung professionellen Wissens und die Verantwortung öffentlicher und freier Träger.
  • Im nächsten Kapitel behandelt Kira Gedik Konflikte und Widerstände in der Kinderschutzarbeit. Das Thema werde, so die Autorin, in der Fachliteratur unterthematisiert. Eingegangen wird auf verschieden Typen von Konflikten wie Trennungs- und Sorgerechtsstreit, Entwicklungskonflikte wie den ödipalen Konflikt, Armutskonflikte und Konflikte zwischen Fachkräften[xli]. Anschließend geht es um das wahrnehmen, thematisieren und durcharbeiten von Widerständen. Einige dieser Widerstände sind ganz oder teilweise bewusst, andere sind unbewusst. Zu den unbewussten Widerständen geht die Autorin auf den Ansatz der Psychoanalyse nach Freud ein. Der Rezensent fragt sich, unter welchen Voraussetzungen Fachleute des Kinderschutzes, unbewusste Widerstände bearbeiten sollten. Dies erfordert eine jahrlange Ausbildung mit Eigentherapie[xlii], ein entsprechendes Arbeitsbündnis und Beachtung der Abstinenzregeln. Benötigt wird auch genügend Zeit, um unbewusste Konflikte und Widerstände mit den Klienten durchzuarbeiten. Eingegangen wird auch auf den politischen Widerstand und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnissen. Hier könnte nach Ansicht des Rezensenten ein Problem sein, dass die Fachlaute als Vertreter es Machtapparats wahrgenommen werden könnten, der für die gegenwärtigen Lebensverhältnisse (z.B. Arbeitslosigkeit oder Armut) mitverantwortlich ist. Es folgt ein Unterkapitel zu Problemen im Arbeitsfeld. Es geht unter anderem um die Gefahr von „stigmatisierenden individuell adressierten Problemzuschreibungen“ (S. 543), Hilfen ohne tragfähige anamnestische und diagnostische Grundlage und prekäre Arbeitsverhältnisse von Fachkräften. Es folgen 12 Eckpfeiler guter Fachpraxis zum Umgang mit Konflikten und Widerständen. Die Umsetzung dieser Eckpfeiler würde wohl eine erhebliche Verbesserung der Ausbildung von Fachkräften und Verbesserung der Arbeitsbedingungen erfordern. Ob hierfür Masterstudiengänge und Fort- und Weiterbildungen (S. 552) ausreichen, ist nach Ansicht des Rezensenten fraglich.
  • Im nächsten Beitrag behandelt Kay Biesel das Thema Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung im Kinderschutz. Auf den gesetzlichen Auftrag zur Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung an die Jugendämter wird eingegangen. Der Rezensent fragt sich, wie ernst der Gesetzgeber diese Ziele verfolgte. Zur Qualitätssicherung gehört auch die Strukturqualität, für die der Gesetzgeber mitverantwortlich ist. Probleme bei der Umsetzung durch die Jugendämter werden behandelt. Hierzu gehören unterschiedliche Ansätze der Jugendämter, fehlende Ressourcen für diese Aufgabe und die Einbeziehung anderer Beteiligter. Der Autor stellt fest: „Von einer solchen Praxis der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung sind wir im Kinderschutz allerdings meilenweit entfernt.“ (S. 563) Dargestellt werden 5 Eckpfeiler gelingender Praxis. Auch werden Vorschläge macht zur Unterstützung eine guten Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im Kinderschutz.
  • Im nächsten Beitrag behandelt Reinhart Wolff das Thema Krisen und Krisenmanagement. Der Schwerpunkt liegt auf Krisen, die von den Betroffenen nicht allein oder nur schwer allein bewältigt werden können[xliii] Zwischen Krisen auf die unterschiedlichen Ebenen wird unterschieden. Der Schwerpunkt liegt dann auf Institutionskrisen von Fachkräften und Institutionen. Kritisiert wird, dass die Skandalisierung von Krisen im Kinderschutz häufig zu schnellen Schuldzuweisungen, die eine gründliche Aufarbeitung von Krisen eher behindere. Der Autor stellt fest, dass es Weiterbildungsangebote zur Krisenkommunikation gebe, aber von Kinderschutzorganisationen nur bedingt wahrgenommen würden.
  • Julian Sehmer, Svenja Marks und Werner Thole behandeln die Themen, welche Bedeutung Studium und Forschung für eine gute Praxis des Kinderschutzes haben bzw. haben könnten. Ausgegangen wird von dem professionstheoretischen Ansatz wonach Studium und Forschung zu einer gelingenden Praxis des Kinderschutzes beitragen können. Hingewiesen wird u.a. auf Studien wonach Studiengänge der Sozialen Arbeit in der Praxis relativ wenig Spuren hinterlassen. Dies dürfte nach Ansicht des Rezensenten auch mit den Studieninhalten und dem Curriculum zusammenhängen. Die Frage ist, welche Inhalte notwendig und ausreichend wären für eine gute Kinderschutzpraxis[xliv]. Zur Forschung unterscheiden die Autoren und die Autorin zwischen quantitativ-heuristischen Ansätzen und qualitativ-rekonstruktiven. Bei der Verwendung amtlicher Statistiken stellt sich für den Rezensenten die Frage, wie zuverlässig diese sind. Man muss von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Bei den rekonstruktiven Ansätzen geht es u.a. um die Analyse von Fällen und von Fallrekonstruktionen und Fallarbeit durch die Praktiker. Im zweiten Unterkapitel werden Probleme der Beziehung von Studium, Forschung und Praxis behandelt. Skizziert werden ein Vermittlungsproblem, ein Versöhnungsproblem, ein Distanzproblem und ein Transferproblem. Im dritten Abschnitt wird der dialogische Wissenstransfer behandelt. Auf das Werk von Paulo Feires hierzu wird eingegangen. Im vierten Unterkapitel geht es um Eckpfeiler für einen dialogischen Wissenstransfer. Zum Studium werden Kasuistik und Forschungswerkstätten (vgl. hierzu z.B. Reim und Riemann 1997) empfohlen. Zur Forschung werden gemeinsam von Forschenden und Praktikern initiierte Forschungsprojekte empfohlen. Hier ist der Rezensent skeptisch. Praktiker, die wissenschaftlich ausgebildet sind, müssen forschen können. Wenn sie aber forschen, tun sie dies nicht als Praktiker. Wissenschaftliche Fallanalysen erfordern eine aufwändige Datenaufbereitung und Datenanalyse. Man müsste die Praktiker also entsprechend freistellen. Möglich wären interdisziplinäre Qualitätszirkel (vgl. zum Beispiel Bahrs, Matthiessen 2007) mit gemeinsamer Arbeit an Daten als Teil einer Fallanalyse.
  • Im letzten Beitrag stellt David Tobis ein Projekt vor, dass den New Yorker Kinderschutz stark veränderte. Ausgangspunkt war die Kritik, dass in den USA (wie auch in Deutschlands) mehr Kinder außerfamilial untergebracht wären als nötig wäre. Durch die Arbeit des Projektes, zu der auch Öffentlichkeitsarbeit mit eigenen Zeitschriften und Demonstrationen gehörten, sank die Zahl der Kinder, die außerhalb der Familie untergebracht wurden, sehr stark. Ein Ziel war Eltern zu befähigen, ihre Kinder wieder in die Familie zu holen. Betroffene Eltern organisierten sich. Die rechtliche Vertretung von Eltern in Kinderschutzverfahren wurde u.a. durch Elternunterstützer, die selbst einmal Betroffene waren, verbessert. Betroffene Eltern wurden weitergebildet, um in Jugendhilfeeinrichtungen mitwirken zu können. Dargestellt werden vier Etappen der Elternbewegung. In der letzten Etappe kam es aus unterschiedlichen Gründen zu Rückschlägen. Es gab weniger Aktivitäten der Organisation von Eltern und Verschlechterungen im Jugendhilfesystem. Im abschließenden Unterkapitel werden einige Ergebnisse zusammengefasst. Auf Elternbewegungen in anderen Ländern wird eingegangen.

Diskussion

Die Beiträge in dem Handbuch sind relativ heterogen. Einige haben einen engeren Bezug zum Kinderschutz, andere sind relativ abstrakt-theoretisch mit geringerem Bezug zu Fachpraxis. In einigen Beiträgen werden bessere Rahmenbedingungen für den Kinderschutz gefordert. Die „Skandalisierung“ von Kinderschutzfällen wird mehrfach kritisiert. Dies dürfte berechtigt sein, wenn Strukturprobleme dadurch individualisiert werden oder der Eindruck erweckt wird, dass diese Fälle typisch für den Kinderschutz sind. Kritik zu diesen spektakulären Fällen kann aber sehr wohl berechtigt und auf strukturelle Mängel hinweisen. Wie auch Tobin (in diesem Band S. 613) zeigt, sind die extremen Fälle nicht typisch für den Kinderschutz. Das Spannungsverhältnis von Hilfe und Kontrolle wird öfters thematisiert. Es fehlen aber Vorschläge zu möglichen Lösungen. Überlegen könnte man zum Beispiel, ob Rollentrennungen zwischen gutachterlichen, ermittelnden und helfenden bzw. sozialtherapeutischen Arbeiten sinnvoll sind.

Grundlegende Reformen wären wohl notwendig, um Problemfamilien eine nachhaltige Hilfe und soziale Integration zu ermöglichen. Dies zeigt auch der Beitrag von Tobis. Einige Beiträge zeigen, dass Medien und politisch Verantwortliche eher die soziale Kontrolle fokussieren. Das ist kostengünstiger, hilft aber weniger denjenigen Familien im Kinderschutz, die nachhaltige Hilfe benötigen und denen damit auch geholfen werden könnte.

Die westlichen Staaten sind (zumindest formal) Demokratien. Dies führt aber noch nicht automatisch zu einer guten Fachpraxis im Kinderschutz. Wie viel eine Gesellschaft für einen guten Kinderschutz und Überwindung von Randständigkeit einzelner Gruppen ausgeben will, wird politisch entschieden. Dabei kann auch politisch in Kauf genommen werden, dass sich neue Randgruppe bilden und andere Randgruppe größer werden. Der neo-liberale Staat setzt vermehrt, nicht nur durch das SGB II, auf soziale Kontrolle und Individualisierung von Problemlagen. Im Kinderschutz kann dies zu De-Professionalisierung führen, denn Lebenspraxen kann man nicht so einfach „steuern“ und „managen“ wie eine Produktion. Andererseits gibt es, wie das Beispiel aus New York zeigt, in der Demokratie die Möglichkeit, Druck für einen besseren Kinderschutz auszuüben.

Die Jugendämter können nicht verhindern, dass es weiterhin Fälle von Kindeswohlgefährdung gibt. Es wird immer Fälle geben, die nicht frühzeitig erkannt werden oder in denen nicht rechtzeitig geholfen oder interveniert wurde. Das ist in anderen Professionen nicht anders. Auch Ärzte können zum Beispiel nicht jede Krankheit rechtzeitig erkennen und erfolgreich behandeln. Eine genaue Überwachung aller Eltern ist nicht möglich und würde auch Eltern pauschal stigmatisieren. Wie andere professionelle Arbeit bleibt die Kinderschutzarbeit auch fehleranfällig. Fehler sollten aber, wenn es keine krassen Kunstfehler sind, ohne Sanktionsdruck nachträglich untersucht werden können.

Fazit

Der Band enthält Beiträge die einen guten Überblick ermöglichen über den Kinderschutz und strukturelle Probleme der Arbeit aufzeigen. Sinnvoll wären mehr Fallbeispiele zu verschiedenen Typen von Kinderschutzfällen.

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[i] Das kann auch Folgen für die Bildungsverläufe haben, wenn sich in den Grundschule Schülerinnen und Schüler aus armen Familien und unterschiedlichen Migrationshintergründen konzentrieren.

[ii] Jugendkriminalität in einer anomischen Gesellschaft kann ein Bewältigungsmuster sein (vgl. Haferkamp 1975 S. 17 ff.), das aber meist langfristig schadet.

[iii] Zur systemischen Perspektive vgl. auch Stierlin 1978, 1980, Welter-Enderlin und Hildenbrand 1986 

[iv] Eine solche Individualisierung kann man auch in der Arbeitsmarktpolitik nach der Agenda 2010 beobachten. Die Jobcenter sind wichtige Akteure bei diesen Familienmit großer Macht.

[v] Eine Familie ist nur zum Teil eine bewusste Konstruktion. Wichtig sind auch latente Sinnstrukturen, die vorbewusst (habitualisiert) oder unbewusst sind (vgl. Stierlin 1980).

[vi] Vgl. auch das Projekt Palme (Franz 1996)

[vii] ‚Es kann auch Familien mit einigen gemeinsamen Kindern und ein Kind von einem Partner mit in die Ehe gebracht wurde

[viii] Eine Frage ist, wie man „hoch konflikthaft“ im Unterschied zu konflikthaft definiert. Konflikte können latent sein und sehr viel später manifest werden. Es geht um Verluste und man kann sich kaum vorstellen, dass dies meist ohne innere und äußere Konflikte abläuft. Trauerprozesse dürften nicht selten sein.

[ix] Einige dieser professionellen Paradoxien (vgl. Schütze 2016 S. 241 -276) sind nicht prinzipiell auflösbar. Dazu gehört zum Beispiel in bestimmten Situationen auf eine unsicheren Datenlage und Prognose, Entscheidungen treffen zu müssen. Einerseits soll der Kinderschutz mögliche Kindeswohlgefährdungen erkennen. Andererseits kann eine überzogene Überwachung zu einer Kolonialisierung von Familienwelten führen, die auch das Kindeswohl gefährden kann.

[x] Vgl. zum Beispiel Reichmann 2018

[xi] Eine relative Unabhängigkeit von ökonomischen Zwängen und Organisationszwängen ist für Professionen konstitutiv. Diese Unabhängigkeit ist immer relativ, entsprechende Spannungen wird es daher immer geben. Werden entsprechende Einflüsse aber dominant, können bestimmte Berufe sich nicht zu Professionen entwickeln und Professionen werden deprofessionalisiert. Ausgegangen wird dabei von einer Professionssoziologie, die nicht mit einer Soziologie der Berufe verschmilzt. ( vgl. Stichweh 1996, S. 57/58)

[xii] Hildenbrand (2014 c) sah in dem neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz eine Professionaliserungschance, die aber verpasst worden sei. Dafür gibt es einige Erklärungen. Eine Frage ist, ob Hilfe auch im erforderlichen Umfang mit der erforderlichen Kompetenz angeboten wurde. Auch wird soziale Kontrolle immer eine der Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe sein. Eine Frage ist dann, wie man professionell und im objektiven Kindeswohl damit umgeht.

[xiii] Ähnliche Tendenzen lassen sich auch im Gesundheitswesen und der Pflege beobachten.

[xiv] Ein Beispiel hierfür ist die Jugendgerichtshilfe. „Wenn von der JGH Erziehungsdefizite von Jugendlichen ins Spiel gebracht werden, dann primär in Form von Behauptungen. Worin diese Erziehungsdefizite genau bestehen und welchen Bezug sie zu dem Tatvorwurf haben, darüber steht weder etwas in den JGH-Berichten …“ (Siegfried Müller 1999, 93) „Sie sind nicht selten lapidar, pädagogisch nichtssagend, unausgewogen und stigmatisierend, diagnostisch wertlos und nicht selten kompetenzanmaßend“ (Müller; Trenczek, 2005, 866) Gohdeund Wolff erklären dies mit der Scheu in der Sozialpädagogik vor Dokumentation in Akten. Die Gutachten der JGH sind danach auch meist kurz und weniger aussagekräftig. „Zwischen diesen gegensätzlichen Tendenzen sich der Erstellung von Akten zu entziehen und gleichzeitig dem Bedürfnis im Sinne der Klienten ’bessere Berichte‘ zu schreiben – scheinen viele Jugendgerichtshelfer gefangen wie der sprichwörtliche Esel zwischen zwei Heuhaufen“ (Gohde und Wolff 1990, 317)

[xv] Das dürfte ein wichtiges Kriterium sein. Professionelle Hilfe in Fällen, in denen die Patienten/​Klienten sich genauso gut selber helfen könnten, kann unselbstständig machen-

[xvi] Die Frage wessen Problem (Gesellschaft, Klient, Job-Center, Stadtviertel etc.) es ist, dürfte man je nach Fall unterschiedlich zu beantworten sein.

[xvii] Eine Frage wäre dann, welche Organisation die fachliche Kontrolle bei akuter Kindeswohlgefährdung übernimmt. Nicht in allen Fällen wird es zu Kooperation und Konsens mit Eltern und Kindern kommen.

[xviii] Vgl. hierzu auch Dahme und Wohlfahrt 2002 und 2017, Wohlfahrt 2009. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Konstruktion von Ungleichheit, die politisch gewollt ist. Randständige werden stigmatisiert, indem sie für ihr Schicksal selbst verantwortlich gemacht werden.

[xix] „Demokratie heißt Selbsterziehung und Information des Volkes. Es lernt nachdenken. Es weiß was geschieht. Es urteilt. Die Demokratie befördert ständig den Prozess der Aufklärung. Parteienoligarchie dagegen heißt: Verachtung des Volkes. Sie neigt dazu, dem Volke Informationen vorzuenthalten. Man will es lieber dumm sein lassen. Das Volk braucht auch die Ziele, die die Oligarchie jeweils sich setzt, wenn sie überhaupt welche hat, nicht zu kennen. Man will ihm stattdessen erregende Phrasen, allgemeine Redensarten, pompöse Moralvorstellungen und dergleichen vorsetzen. Es befindet sich ständig in der Passivität seiner Gewohnheiten, seiner Emotionen, seiner ungeprüften Zufallsmeinungen. Die gemeinsame Schamlosigkeit der Parteienoligarchie spürt sich selber nicht.“ ( Karl Jaspers 1966, 140)

[xx] Vgl. hierzu auch Hildenbrand 2014 a. und 2014 b. Eine flächendeckende Vermeidung von Kindeswohlgefährdungen wird kaum möglich sein. Sie würde auch die Autonomie und Selbstsicherheit von einzelnen Familien beeinträchtigen und damit Schaden anrichten. Diese Autonomie ist wichtig für eine Erziehung in der Familie.

[xxi] Ein Problem ist, dass es häufig „die“ wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht gibt, sondern eher unterschiedliche Hypothesen. Wichtig ist auch die Qualität der Alternativen. Es gibt auch Fallverläufe die zeigen, dass Einrichtungen der Ersatzerziehung die Kindeswohlgefährdung nicht abwenden konnten und manchmal sogar für einzelne Kinder gefährlich waren.

[xxii] Betriebswirtschaftliche Kontrollverfahren werden eine sozialpädagogische Fallanalyse nicht ersetzen können.

[xxiii] Die könnte komplex werden, wenn die Einrichtung zugleich Partei ist, weil es um ihren Ruf geht.

[xxiv] Oevermann (1996, S. 126) spricht von Erklären und Fallverstehen. Der Professionelle allgemeines professionelle Regeln und Wissen auf den Einzelfall anwenden, aber auch den besonderen Fall verstehen.

[xxv] vgl. hierzu auch Luhmann: „Oder die Prävention erweist sich als kausal unwirksam. Oder es war nur eine nützliche Ermutigungsfiktion. Das Risikovertreibungsrisiko bleibt immer noch ein Risiko.“(Luhmann 2003, S. 39, zitiert nach Hildenbrand 2014b, 318). In diesen Fälle können Interventionen selbst zu eine Gefährdung werden, zum Beispiel, wenn ein Kind die Trennung von den Eltern nicht verkraftet.

[xxvi] Ähnliches kann man in der Arbeitsmarktpolitik zu „Bedarfsgemeinschaften“ beobachten. Häufig handelt es sich um die gleichen Klienten wie beim Kinderschutz.

[xxvii] Ich gehe hier von der klassischen Soziologie der Professionen aus, nicht von einem verwässerten Begriff (vgl. Oevermann 1996, S. 70)

[xxviii] Vielleicht ist dies Aufgabe der Wissenschaft. Praktiker können befangen sein, weil das Wohl der Kinder auch von den Institutionen abhängig ist, in der sie arbeiten. Es stellt sich auch die Frage, inwieweit die Praktiker unter den gegebenen Rahmenbedingungen sorgfältige Analysen erstellen können.

[xxix] Inwieweit der neo-liberale Staat die für den Kinderschutz notwendigen Mittel bereitstellt, ist auch eine moralische Frage

[xxx] Der Begriff ist auch stark kontextabhängig.“Der Mensch hat zwar in vielen Situationen die Wahl ob er in bestimmter Hinsicht Vertrauen schenken will oder nicht“ (Luhmann 1989 3. Auflage S. 1) Man kann zum Beispiel im Hinsicht auf die eheliche Treue das Vertrauen verlieren, aber wohl nicht total.

[xxxi] Dazu müsste auch ein fachliche Legitimation gehören: Fallanalyse, soziale Diagnose, Prognose, Indikation

[xxxii] Diese Selbstabsicherung wäre wohl ein Hinweis auf De-Professionalisierung

[xxxiii] Vgl. auch dazu Hildenbrand 2016 a und b. Wenn man Familien nicht unter Generalverdacht stellen will, ist man auf formale Kriterien angewiesen. Familien aus einzelnen sozialen Milieus, die besonders sozial kontrolliert werden, werden dann überdurchschnittlich in den Blick der Fachleute geraten während latente psycho-soziale Probleme so weniger erkannt werden.

[xxxiv] Eine sinnvolle wäre hier die Untersuchung tatsächlicher Fallverläufe

[xxxv] Vgl. hierzu auch Fegert und Schrapper 2004

[xxxvi] Vgl. hierzu auch Urban-Stahl u.a. 2018

[xxxvii] Bei jungen Kindern könnte dies schwierig werden. Auch stellt sich die Frage, ob Fachleute alle wichtigen Informationen (zum Beispiel eine psychiatrische Diagnose) an die Familie weitergaben sollten.

[xxxviii] Nach Oevermann (1996, S. 126/127) gehört zum professionellen Handeln beides.

[xxxix] Der Rezensent würde den modischen Begriff nicht verwenden. Die Risiken in vorherigen Gesellschaften waren nicht geringer. Neu ist eher die neoliberale Umgestaltung des Sozialstaates (schlanker Staat) und die Individualisierung struktureller sozialer Probleme.

[xl] Zu einzelnen Fallverläufen vgl. auch Köttgen 2007

[xli] Zu diesem Thema vgl. auch Messmer 2015 und Reichmann 2018

[xlii] Die erforderlichen Kompetenzen könnten auch in Balintgruppen erworben werden.

[xliii] Lebensgeschichtliche, familiengeschichtliche Krisen (zum Beispiel der Tod eines Familienmitglieds) und Krisen andere Lebenspraxen sind häufig, werden aber meist ohne professionelle Unterstützung mehr oder weniger gut bewältigt.

[xliv] Hierzu könnte auch eine Kasuistik gehören.


Rezension von
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
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Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 30.09.2021 zu: Kira Gedik, Reinhart Wolff: Kinderschutz in der Demokratie – Eckpfeiler guter Fachpraxis. Ein Handbuch. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2303-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25445.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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