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Lea Hollenstein, Regula Kunz: Kasuistik in der Sozialen Arbeit

Cover Lea Hollenstein, Regula Kunz: Kasuistik in der Sozialen Arbeit. An Fällen lernen in Praxis und Hochschule. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 340 Seiten. ISBN 978-3-8474-2267-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Kasuistik verstanden als Lernen an konkreten und de(Einzel-)Fällen ist in vielen Bereich professionellen Handelns etablierte Praxis und lange Tradition. Man denke nur die an Fallstudien in Medizin oder Psychologie oder Präzedenzfälle in der Jurisprudenz. Auch in der Sozialen Arbeit ist sie seit ihren Anfängen präsent. Mary Richmond publizierte beispielsweis 1917 in ihrem Buch „Social Diagnosis“ eine umfassende Fallsammlung, die Grundlage der Entwicklung ihres Konzepts von „Casework“ wurde. Bis heute spielt Kasuistik eine wichtige Rolle in der professionellen Weiterentwicklung von Sozialer Arbeit. In dem hier vorliegenden Buch verfolgen die Herausgeberinnen das Ziel, Einblicke in fachliche Gestaltungsmöglichkeiten von Kasuistik zu geben, wie sie an der Fachhochschule der Nordwestschweiz umgesetzt werden und gleichzeitig den Fachaustausch über dieses Thema und seine Bedeutung für Ausbildung und Professionalisierung im Fachdiskurs anzuregen (S. 7).

Herausgeberinnen

Dr. des Lea Hollenstein ist Diplom Sozialarbeiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studienzentrum an der Hochschule für Soziale Arbeit an der Fachhochschule der Nordwestschweiz (HSA FHNW) und Studiengangsleiterin des Bachelor Studiengangs Soziale Arbeit. Prof. Dr. Regula Kunz, ebenfalls Dipl. Sozialarbeiterin leitet den Bachelor-Studiengang an derselben Hochschule.

Entstehungshintergrund

Die Fachhochschule der Nordwestschweiz (FHNW) führte im Studienjahr 2013/2014 im Kontext einer curricularen Weiterentwicklung des Bachelor-Studiengangs Soziale Arbeit drei aufeinander bezogene Kasuistik-Module ein. Diese sollen Studierenden über den gesamten Verlauf des Studiums ein systematisches Lernen an Fällen ermöglichen. Dieses Buchprojekt schaffte einen Rahmen einerseits die kasuistischen Zugänge, Ansätze und Verfahren der HSA FHNW darzustellen und andererseits durch Perspektiven von außen zu ergänzen. Um einen gegenseitigen Bezug herstellen zu können wurden Workshops organisiert, auf denen die Autor*innen dieses Buches und Dozent*innen in den kasuistischen Modulen miteinander diskutierten, um ihre Auffassungen zu klären und zu schärfen.

Aufbau

Der Aufbau des Buches gliedert sich nach einem ausführlichen Editorial, das die curriculare Verankerung der Kasuistik Module an der HS FHNW beschreibt und einen Überblick über den Aufbau des Buches gibt, in vier inhaltliche Teile. Der erste Teil soll eine Annäherung an die Thematik Kasuistik in der Sozialen Arbeit leisten. Teil zwei gibt einen Einblick in konkrete Praxen der Kasuistik in der Hochschullehre während Teil drei Einblicke in die kasuistischen Praktiken der Praxis gewährt. Teil vier widmet sich dem Umgang mit Kasuistik an der Schnittstelle zwischen Hochschule und Praxis. Mit einer Übersicht über die Autor*innen endet dieses Buch auf S. 325.

Inhalt

Das Buch beginnt mit einem Editorial der Herausgeberinnen und gliedert sich in drei Abschnitte:

  1. eine kurze Einführung über den Entstehungshintergrund des Buches und dessen Ziele,
  2. eine Einführung über die Kasuistik Module der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, welches fachwissenschaftliche theoretischen Hintergrund und ihre Verankerung im Curriculum, die Struktur und den Fokus der dazugehörigen einzelnen Module und deren didaktisches Konzept beschreiben und
  3. eine Übersicht über Aufbau der vier Teile des Buches und die einzelnen Beiträge des Sammelbandes innerhalb der jeweiligen Teile. Das Editorial endet, wie jeder andere Beitrag in diesem Buch mit einer Liste der verwendeten Literatur.

Teil 1

Teil 1 des Buches ist überschrieben mit „Annäherung an die Kasuistik“ und umfasst 3 Beiträge, die jeweils mit einem Abstract beginnen.

  • Der erste Beitrag ist eine „überarbeitete“ Abschrift eines Gesprächs zwischen Hans Thiersch und Peter Sommerfeld aus dem Jahre 2016 und überschrieben mit dem Zitat „Die Soziale Arbeit braucht ein der Komplexität und Offenheit des Lebens entsprechendes theoretisches Konzept“. Hans Thiersch ist vielfach bekannter Theoretiker der Sozialen Arbeit, der bis zu seiner Emeritierung an der Universität Tübingen lehrte. Peter Sommerfeld hat bei ihm promoviert und seine Theorie „Integration und Lebensführung“ ist unter anderem vom Werk Hans Thierschs inspiriert. Aus dem Gespräch geht hervor, dass das hier vorliegende Buchprojekt bzw. die Idee dazu offenbar eine längere Geschichte hat, der mindestens ein weiteres, nicht aufgezeichnetes Gespräch, vorausgeht. Daher bildet diese Aufzeichnung sozusagen die Keimzelle der Buchidee, die letztendlich den erreichten Diskussions- und Umsetzungsstand an der Fachhochschule der Nordwestschweiz zum Thema „Kasuistik“ abbildet. Im Kern dieses Gespräches geht es darum, den Zusammenhang von Kasuistik und Professionalisierung Sozialer Arbeit aufzuzeigen. Kasuistik an Hochschulen zu integrieren, so die Kernthese bedeute letztlich Reflexions- und Übungsräume zu schaffen, damit professionelles Handeln, welches mit der alltagsweltlichen Komplexität konfrontiert ist, auf unterschiedlichen Ebenen angemessen strukturieren und stabilisieren zu können.
  • Der zweite Betrag stammt von Fabienne Rotzetter. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Professionsforschung und -entwicklung der FHNW. Ihr Thema ist Kasuistik in der Sozialen Arbeit – Einführung und Begriffsbestimmung. Anliegen dieses Beitrages ist es eine diesbezügliche „Orientierungsgrundlage“ (S. 35) für die nachfolgen Beiträge im Band zu schaffen. Die Umsetzung gelingt über einen Rückblick auf die historische Entwicklung, bei der sie eine sozialarbeiterische und eine sozialpädagogische Wurzel unterscheidet. Sie nähert sich dann weiter über begriffliche Verwendungen und Strukturelementen von Kasuistik, sie dann systematisiert. Danach identifiziert sie mit Fall, Relationierung von Allgemeinem und Besonderem, Reflexion, Instruktions-, Entscheidungs- und Anwendungsbezug zentrale der Kasuistik inhärente Themengebiete. Erfreulicherweise bleibt es nicht bei der von Reinhard Hörster entlehnten deskriptiven Begriffsbestimmung eines hybriden und plural strukturierten Mischgebildes (S. 38), sondern sie macht konkrete Vorschläge für eine zukünftige begriffliche Differenzierung: Rotzetter schlägt vor zukünftig, den Begriff der „Fallarbeit“ als Oberbegriff für alle Ansätze und Methoden zu verwenden, welche die Arbeit mit Fällen in der Praxis der Sozialen Arbeit anleiten. Der Begriff der „Kasuistik“ soll demnach für handlungsentlastende Räume verwendet werden, bei denen Lernprozesse im Vordergrund stehen, die aus der Auseinandersetzung mit konkreten Fällen resultieren. Ebenfalls grenzt sie Kasuistik vom Begriff des diagnostischen Fallverstehens ab. (S. 49). Damit ist ein wichtiger Beitrag für die professionelle Weiterarbeit mit diesem Begriffen geleistet.
  • Der dritte Beitrag des ersten Teils, thematisiert die Nutzung verschiedener Wissensformen in der Praxis der Sozialen Arbeit. Er wurde von Cornelia Rüegger und Joel Gautschi verfasst, beide wissenschaftliche Mitarbeiter*innen am Institut für Professionsforschung und -entwicklung an der FHNW, sowie von Roland Becker-Lenz, der Professor an diesem Institut ist. Sie knüpfen inhaltlich am Kasuistikverständnis von Fabienne Rotzetter an und spezifizieren es dahingehend, dass sie Kasuistik als Möglichkeit verstehen aus Fällen und an Fällen für die Wissenschaft zu lernen und die Erkenntnisse aus Analysen, Betrachtungen und Diskussionen zu systematisieren, sowie Regeln und Instruktionen daraus abzuleiten. Dabei stellt sich für sie die Frage, wie professionelle Fachkräfte eine Relation herstellen zwischen Beständen ihres abstrakt-generalisierten Wissens und dem spezifischen Problem, zu dem sie herangezogen werden. Sie unterscheiden dabei die Wissensformen „Wissenschaftswissen“, „professionsspezifisches Fachwissen“, „berufliches Erfahrungswissen“ sowie „Wissen zum konkreten Fall, das im Tun auch erst hergestellt werden muss“ (S. 54). Nach einem Exkurs zur Verbindung von Wissens- und Könnensformen zeigen sie an einem Beispiel aus einem Forschungsprojekt ihre Arbeitsweise der Systematisierung und Regelbildung. So identifizieren sie beispielsweise einen spezifischen Arbeitsstil in der Frage der Vertrauensbildung und argumentieren, dass das kasuistische Studium verschiedener Formen von Arbeitsstilen dazu beitragen kann, das Bewusstsein von Studierenden oder Fachkräfte für die Notwendigkeit einer Relationierung von Wissens- und Könnensformen bzw. deren Unterschiedlichkeit in Verbindung den jeweiligen Vor- und Nachteilen zu schaffen und zu schärfen.

Teil 2

Teil 2 des Sammelbandes befasst sich mit Kasuistik als Kunstlehre in der Hochschule und umfasst insgesamt 6 Beiträge, deren Thematik im Anschluss jeweils nur kurz vorgestellt wird. Die Autor*innen stellen jeweils ihren kasuistischen Zugang vor, mit dem sie das Curriculum an der FHNW füllen.

  • Den Auftakt zu diesem Teil macht Achim Korthaus, er ist Dozent an der FHNW und stellt das kasuistische Konzept der Kasuistik am Studienbeginn vor, welches eng verknüpft ist mit dem Ansatz des situativen Lernens an Schlüsselsituationen vor. Dieses soll Studierende dazu anleiten, Wissen situativ zu entwickeln, aber auch im Rahmen einer partizipativen Gemeinschaft in Comunities of practice (CoP) später immer weiter zu validieren.
  • Ursula Hochuli-Freund, Professorin am Institut für Professionsforschung und -entwicklung stellt anhand Burkhard Müllers Konzept „Multiperspektivische Fallarbeit“ kasuistische Reflexionsfragen. Sie ordnet dieses klassische Konzept in das Curriculum der FHNW sowohl ein, als auch formuliert sie Herausforderung die die Offenheit dieses Konzept für den heutigen state of the art des professionellen Handelns Sozialer Arbeit heute mitbringt.
  • Kasuistik im Kontext von Profession und Disziplin anhand eines systemisch-biografischen Fallzugangs stellen Sabina Babic, wissenschaftliche Assistentin am Institut für Professionforschung und -entwicklung, Lea Hollenstein und Peter Sommerfeld, Professor am Institut für Soziale Arbeit und Gesundheit vor. Sie zeigen anhand eines Fallbeispiels aus einem Forschungsprojekt, wie Studierende mit Hilfe der Theorie von Integration und Lebensführung einen Fall erschließen und mit Hilfe des Verfahrens der systemisch-biografischen Systemmodellierung die Falldynamik auf der Personenebene entwickeln. Lernerfahrung von Studierenden werden mit Hilfe von Zitaten aus Lehrevaluation(en) gezeigt.
  • Einen weiteren kasuistischen Zugang entfalten Maria Solèr, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziale Arbeit und Gesundheit und Nina Hatsikas-Schröder, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Studienzentrum der FHNW. Sie beschreiben aus, wie Kasuistik im Rahmen des systemtheoretischen Paradigmas Sozialer Arbeit Studierende dabei unterstützen kann, auszuloten, „was der Fall ist“ (S. 144) und welche Interventionen möglich sind. Dieses geschieht ebenfalls mit Hilfe eines Fallbeispiels und nutzt dabei die theoretische Figur von Werner Obrecht des systemtheoretischen Paradigmas Sozialer Arbeit als auch das von Kasper Geiser entwickelte Verfahren der Problem- und Ressourcenanalyse.
  • Reinhard Hörster, Professor (i. R.) für Erziehungswissenschaft an der Martin-Luther-Universität zu Halle, hat die Aufgabe übernommen, die vorgestellten kasuistischen Zugänge zu kommentieren und Kasuistik in der Ausbildung Sozialer Arbeit als eine Annäherung an eine Kunstlehre forschenden Lernens zu verorten. Hier kommt er zu dem Ergebnis, dass die unterschiedlichen Zugänge konträre und auch kontroverse Perspektiven fokussieren, diese sich aber auch ergänzen und in allen Fällen forschendes Lernen möglich werden kann. Das stärkt nach seiner Ansicht insbesondere die Stärkung der Forschungsqualifikation Sozialer Arbeit.
  • Das Kapitel explorative Evaluation von Kasuistik-Modulen und von deren Potenzialen zur Theorie-Praxis-Relationierung von Stephan Kösel, Professor in der Fachstelle Praxisausbildung FHNW und Kathrin Schreiber Dozentin an der Höheren Fachschule für Gesundheit und Soziales in Aargau bildet den Schluss des zweiten Teils dieses Sammelbands. Sie stellen darin detailliert das Evaluationskonzept als auch die Ergebnisse der erstmals durchgeführten Pilotstudie 2015 vor. Sie kommen zu dem Fazit, dass die curriculare Verortung der Kasuistik Modul vielfältige Möglichkeiten des forschenden Lernens bietet, welche auch von den Studierenden genutzt werden, aber dass noch Forschungsbedarf besteht bei der Frage, wie Studierende über die Module hinweg bezogen auf die Auswertungskriterien eigenständige Verbindungen herstellen (können).

Teil 3

Die drei Beiträge des dritten Teils befassen sich mit Kasuistik in der Praxis unter dem Aspekt systematisch an und von Fällen lernen zu wollen.

  • Den Anfang macht Susanne Gerber, Sozialarbeiterin und freiberufliche Supervisorin. Sie leuchtet die Möglichkeiten von Supervision als kasuistischem Raum aus. Ausführlich beschreibt das klassische Instrument der Supervision und ihrer Spielarten. Es wird die These vertreten, dass in einer Supervision, Fallsituation „lebendig“ und damit auch über das Erleben wahrgenommen werden könne. Dies ermögliche eine Theorie-Praxis Verknüpfung und eine Anreicherung von Fallsituationen und Begriffen mit sozialarbeitstheoretischem Wissen.
  • Katharina Gerber, ebenfalls Sozialarbeiterin und Supervisorin, knüpft an den vorherigen Beitrag an und konkretisiert diese These an einem Angebot der Familienhilfe als Orte des Lernens an Fällen und darüber hinaus. Supervision wird hier zum einen dazu genutzt, die Arbeit an einem konkreten Fall weiterzuentwickeln und zum anderen, um Unterstützungsstrukturen im Team zu entwickeln. Diese sind z.B. Zusammenarbeit in Tandems, Co-Beratungen und Reflecting-Teams. Dieser vermeintliche „Luxus“ führt, so die vertretene These, letztendlich zu einer verbesserten Qualität des Angebots und damit zu einer verbesserten Lebensqualität der Klient*innen.
  • Ein Beitrag über Kasuistik in der betrieblichen Sozialarbeit von Katja Müggler, Geschäftsführerin einer Firma für betriebliche Sozialarbeit und Edgar Baumgartner, Professor an der FHNW und Leiter des Instituts für Professionsforschung und -entwicklung bildet den Abschluss dieses Teils. Ausgehend von einer Beschreibung des Handlungsfeldes betriebliche Sozialarbeit einerseits und dem konkreten Angebot der Firma von Katja Müggler für Betriebe andererseits werden „Gefäße“ vorgestellt, die Kasuistik in diesem Rahmen ermöglichen sollen.

Teil 4

Der vierte und letzte Teil dieses Sammelbandes ist gerahmt durch den Titel Kasuistik an der Schnittstelle zwischen Praxis und Hochschule. Er umfasst noch einmal vier Beiträge.

  • Achim Korthaus, Simone Pissinger und Ruedi Schaller, (die beiden letztgenannten sind im Autor*innenverzeichnis nicht erwähnt) knüpfen mit einer Beschreibung der Community of Practice (CoP) an den ersten Beitrag des zweiten Teils von Achim Korthaus an, in dem sie die für die Generierung und Dokumentation der „Schlüsselsituationen“ zentrale Instanz näher beschreiben. Ihr Beitrag ist überschrieben mit „…man merkt, dass man auch anders darüber denken kann…“ und stellt einen Erfahrungsbericht zu „situativer Kasuistik (Schlüsselsituationen)“ dar. Kernelement ist ein transkribiertes Gespräch zwischen den Autor*innen, in dem sie ihren Zugang und Erfahrungen mit dem Konzept der Schlüsselsituationen und ihre Rolle in der CoP reflektieren.
  • Im darauffolgenden Beitrag Kasuistik während der Praxisausbildung stellen die Autor*innen Marc Goldoni, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Praxisausbildung und Wissensintegration an der FHNW, Stephan Kösel und Ursula Hochuli-Freund vor, wie die Kasuistik-Module 135a und 135b an der Schnittstelle zwischen Hochschule und Praxis verankert sind. Insbesondere durch die Lage der Module im Curriculum soll eine Pendelbewegung initiiert werden, die eine vertiefende Reflexion an und mit der Praxis ermöglicht und diese systematisiert
  • Stephan Kösel stellt im Anschluss kasuistische Methoden für Praxisausbildende in der Begleitung von Studierenden in Praxisorganisationen während ihrer Praxisphase vor. Dieser Artikel widmet sich der Frage wie Praxisanleiter*innen methodisch unterstützt werden können, Studierende während der Zeit in der Praxis kasuistisch zu begleiten. Vorgestellt werden verschiedene Verfahren, die es ermöglichen sollen, Anleitende und Studierenden über Fälle miteinander systematisch ins Gespräch zu bringen und fallbezogen zu analysieren. Von Besonderer Bedeutung dürfte dabei sein, das situiert organisationale Community Wissen nicht als alleinstehend und besonders für ein bestimmtes Handlungsfeld erscheinen zu lassen, sondern als Wissen der Sozialen Arbeit zu deklarieren.
  • Einen etwas anders gelagerten Blick auf Kasuistik werfen Regula Dällenbach Professorin und Projektleiterin am Institut für Professionsforschung und -entwicklung an der FHNW und Ursula Hochuli-Freund, wenn sie unter der Überschrift Kooperation zwischen Praxis und Hochschule das kasuistische Potenzial von kooperativen Entwicklungsprojekten beleuchten. Vorgestellt werden exemplarisch zwei Projekte, die sich auf die kooperative Entwicklung von Konzepten und Instrumenten überorganisational (BREF-SysD) und auf die kooperative Implementierung von neuen Strukturen, hier die Entwicklung eines Verfahrens innerhalb eines konkreten organisationalen Settings (KoopIN), angelehnt an einen spezifischen Konzeptrahmen (KPG) beziehen. Werden die Projekte selbst als „Fall“ begriffen, lassen sie sich auch kasuistisch lesen, denn bei beiden Projekten, so die Autorinnen stehen neben der Gestaltung der jeweiligen Projektsituationen auch der Erkenntnisgewinn und damit die Erweiterung des Wissens im Fokus der fachlichen Handlungen.

Diskussion und Fazit

Dieses Buch ist ein Sammelband im besten Sinne. Es versammelt einerseits die Vielfalt einer an einer Hochschule versammelten Zugänge und Konstruktionen zu einem Thema, schafft andererseits aber durch gemeinsam geteilte begriffliche Orientierungen rund um Kasuistik und die Perspektive des forschenden Lernens als Kunstlehre eine nachvollziehbare Ordnung. Diese Ordnung spiegelt sich seit 2013 im Curriculum der FHNW und wird durch dieses Buch nun auch nach außen sicht- und nachvollziehbar. Somit wird mit diesem Buch ein Benchmark gesetzt in Bezug auf die systematische Explikation und Umsetzung an der Hochschule von Kasuistik als begriffliche Klärung (Teil 1), als Form der Kunstlehre in der Hochschule (Teil 2), als Möglichkeit in der Praxis an Fällen zu lernen (Teil 3) und an der Schnittstelle von Hochschule und Praxis. Gleichwohl können alle Beiträge auch für sich alleinstehen und bieten somit wichtige Ausgangs- und Orientierungspunkte für alle, die sich in das Thema Kasuistik insbesondere in der Sozialen Arbeit im Allgemeinen und in ihren unterschiedlich möglichen Gestalten in Hochschule und Praxis, sowie an den jeweiligen Schnittstellen im Besonderen beschäftigen möchten. So gesehen, ist dieses Buch ein gutes Beispiel für die von Hans Thiersch im Interview mit Peter Sommerfeld postulierte „strukturierte Offenheit“ (S. 28), die Soziale Arbeit als Profession auszeichnet bzw. auszeichnen sollte.


Rezension von
Rita Hansjürgens
Professorin für Handlungstheorien und Methoden Sozialer Arbeit und Allgemeiner Pädagogik an der Alice Salomon Hochschule Berlin
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Zitiervorschlag
Rita Hansjürgens. Rezension vom 30.01.2020 zu: Lea Hollenstein, Regula Kunz: Kasuistik in der Sozialen Arbeit. An Fällen lernen in Praxis und Hochschule. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-8474-2267-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25446.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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