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Jens Asendorpf: Persönlichkeitspsychologie für Bachelor

Cover Jens Asendorpf: Persönlichkeitspsychologie für Bachelor. Mit 52 Abbildungen und 39 Tabellen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2019. 4. vollständig überarbeitete Auflage. 253 Seiten. ISBN 978-3-662-57612-0. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 26,00 sFr.

Reihe: Springer-Lehrbuch.
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Thema

Die Persönlichkeitspsychologie steht als akademisches Grundlagenfach und empirische Teildisziplin innerhalb der Psychologie und blickt auf eine der ältesten Verläufe psychologischer Entwicklungen zurück. Aktuell verstehe sie sich als „empirische Wissenschaft von den individuellen Besonderheiten von Menschen in körperlicher Erscheinung, Verhalten und Erleben“, welche sie über Persönlichkeitsunterschiede untersucht (S. 9). Persönlichkeit ist dabei die Akkumulation von Persönlichkeitseigenschaften in ihrer Gesamtheit im Vergleich zu Menschen gleichen Alters und gleicher Kultur. Unterschiede in Ausprägungen der Eigenschaften müssen zeitlich (und situativ) eine gewisse Stabilität aufweisen, um als Disposition verstanden werden zu können und damit einen ausreichenden Erklärungswert zu liefern (S. 3, S. 9 f.). Mit der Untersuchung von Unterschieden zwischen Individuen steht die Persönlichkeitspsychologie orthogonal zur Allgemeinen Psychologie, welche die Gemeinsamkeiten von Menschen herausstellt.

Autor

Jens B. Asendorpf schloss 1973 zunächst ein Studium der Informatik und Mathematik in Berlin und Kiel ab. Anschließend studierte er Psychologie in Marburg und Gießen und begab sich im Jahre 1979 für ein zweijähriges Promotionsstudium zusätzlich nach Yale. Seit 1994 besetzte er den Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Im Oktober 2014 begab er sich in den Ruhestand, ist jedoch nach wie vor an Publikationen unterstützend oder leitend beteiligt. Er beschäftigt sich mit dem Großteil persönlichkeitspsychologischer Fragestellungen.

Entstehungshintergrund

Die aktuell vierte Auflage des Bandes Persönlichkeitspsychologie für Bachelor ist eine komprimierte Fassung ihres großen Bruders: Psychologie der Persönlichkeit (aktuell in 6. Auflage). Sie ist ausgerichtet auf eine einsemestrige, zweistündige Einführung in das akademische Grundlagenfach der Persönlichkeits- und Differenziellen Psychologie. Auch dem psychologischen Laien würde ein Einstieg in dieses ermöglicht – die Ausgabe sei „voraussetzungslos“ (s. Vorwort). Dabei wird der Anspruch erhoben nicht an methodischer Präzision einzubüßen oder sich auf simplifizierte Darstellungen zu beschränken. Es erfordere somit sowohl Arbeit, als auch tiefe methodische Kenntnisse um ein „wirkliches Verständnis“ des Gegenstandsbereiches zu erlangen (s. Vorwort).

Aufbau

Die umschriebenen Vorhaben werden über die gängige Konzeption von Springer-Lektüre bei Bacheloreinführungswerken umgesetzt: Es gibt Highlights an den Seitenrändern, praxisbezogene und forscherische Beispiele, Abbildungen und Kontrollfragen sowie Literaturempfehlungen am Ende jeder Sektion. Inhaltlich gliedert sich der Band wie folgt:

  1. Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis
  2. Kurze Geschichte der Persönlichkeitspsychologie
  3. Persönlichkeitsvariation
  4. Persönlichkeitsbereiche
  5. Persönliche Umwelt und Beziehungen
  6. Persönlichkeitsentwicklung
  7. Geschlechterunterschiede

Inhalt

Das Buch zeichnet zunächst paradigmenorientiert die Geschichte der Persönlichkeitspsychologie nach und gibt einführende Beschreibungen dessen grundständigster Methoden. Auch werden die zentralen Konzepte bzw. Konstrukte anhand dessen Entstehungsgeschichte eingeführt und aufgezeigt, wie sich diese in den Bereichen der Umwelt, Entwicklung und Geschlechter als nützlich erweisen.

Das einleitende Kapitel beschäftigt sich noch weniger mit der Persönlichkeitspsychologie als solcher. Zentralle Begriffe (Persönlichkeit, Disposition) und Denkansätze werden in Abgrenzung zur Alltagspsychologie und anhand von Kriterien (empirischer) Wissenschaften eingeführt. Die Alltagspsychologie wird dabei als weniger systematische Version der Persönlichkeitspsychologie derselben gegenübergestellt. Mit diesem Vorgehen liefert das Kapitel gleichermaßen eine Einführung in die Persönlichkeits- als auch Wissenschaftstheorie. Abschließend werden kurz mögliche Anwendungsbereiche der Persönlichkeitsforschung angeschnitten.

Danach folgt, neben dem Kapitel Persönlichkeitsbereiche, das Umfangreichste. Das zweite Kapitel stellt die historischen Verläufe zentraler Paradigmen, auch anhand ihrer prominentesten Vertreter, reichend bis in die Gegenwart, dar. Dominant sei in der der Psychologie aktuell, in Vereinigung mit Evolutionsbiologie und Molekulargenetik, die neurowissenschaftliche Perspektive. Wie ein Fundament scheine jedoch das dynamisch-interaktionistische Paradigma unter den Grundmauern aller anderen, wie auch dem eigenschaftszentrieten und Informationsverarbeitungs-Paradigma, zu stehen: Reziproke Beziehungen zwischen Umwelteinflüssen und genotypischer Ausstattung eines Individuums, wirkten über die Zeit auf dessen Persönlichkeit ein, wobei jene selbst wieder in wechselseitiger Determination mit den vorherigen stünde.

Das letzte der drei vorbereitenden Kapitel Persönlichkeitsvariation gibt dem Leser die methodische Grundausstattung an die Hand, um die folgenden persönlichkeitspsychologischen Erkenntnisse ansatzweise einordnen und reflektieren zu können. Dies erleichtern Beispiele, anhand welcher die diskutierten Methoden veranschaulicht werden. Die Auswahl dieser ist zwar rudimentär, der Zielgruppe des Werkes allerdings durchaus angemessen und sehr genau auf die Analysen der folgenden Kapitel abgestimmt ist. Auszeichnende Methoden einzelner Teilbereiche, wie Zwillings- und Adoptionsforschung, werden in den jeweiligen späteren Kapiteln behandelt.

Das vierte Kapitel stellt das inhaltliche Zentrum des Gesamtwerks dar. Nachdem zuvor wissenschaftstheoretische, paradigmatische und methodische Wesenszüge der Persönlichkeitspsychologie vermittelt wurden, folgt nun eine Einführung in verschiedene Bereiche der Persönlichkeit. Als Maßstab dienen dabei die im Big-Five (dem international gängigsten Persönlichkeitsinventar) beinhalteten Konstrukte Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit sowie der IQ und die soziale Kompetenz. Asendorpf beschreibt weitere, sowohl historisch und aktuell relevante als auch alltagspsychologisch populäre, Eigenschaften und räumt mit Vorurteilen oder ungerechtfertigten impliziten Annahmen auf. Dies geschieht immer unter Berücksichtigung methodischer oder theoretischer Limitationen der psychologischen Forschung.

Die nächsten und letzten drei Kapitel lassen sich am anschaulichsten als weiterführende Anwendungen der vorangegangenen persönlichkeitspsychologischen Theorien und Forschungsergebnisse verstehen. Sie decken die Bereiche der persönlichen Umwelt und Beziehungen, Persönlichkeitsentwicklung sowie von Geschlechterunterschieden ab. In diesen werden näher diskutiert, inwieweit sich Persönlichkeit und der jeweilige Gegenstandsbereich beeinflussen, beispielsweise in welchem Ausmaß der Verlauf einer Beziehung durch die Persönlichkeit der jeweiligen Partner geformt wird. Dem Leser werden dabei zusätzliche psychologisch relevante Forschungsmethoden und den allgemein forscherischen Prozess betreffende Informationen exemplifiziert an die Hand gegeben. Gemeint ist die Art und Weise, wie aus alltäglichen Ideen prüfbare Hypothesen entstehen, wie und welche Erkenntnisse aus deren Geltungsprüfung abgeleitet werden können und wie diese Erkenntnisse forthin in der Forschung gehandhabt werden.

Diskussion

Der Autor erfüllt den an sich und sein Werk gesetzten Anspruch zweifelsohne: man gewinnt einen Überblick über die wichtigsten Themen Persönlichkeitspsychologie, insofern man die nötige Mühe in die Bearbeitung dieses Sachbuches investiert. Die Konzeption der Springer-Lehrbücher scheint dafür größtenteils hilfreich, bei Zeiten jedoch auch störend. Insbesondere die Beispiele und Kontrollfragen erleichtern den Zugang zu tieferem Verständnis der einzelnen Themengebiete, die absatzweisen Zusammenfassungen erschweren allerdings oftmals das individuelle und freie Zusammenfassen einzelner Sinnabschnitte. So fühlt man sich jederzeit ausreichend unterstützt, zeitweise aber etwas eingeengt.

Die zahlreichen didaktischen Hilfsmittel erschweren zu keinem Zeitpunkt den flüssigen Leseprozess. Der Fließtext lässt sich dank Asendorpfs verständlicher und eingängiger Sprache, sowie der Einbettung gelungener Beispiele in denselben, am Stück lesen und aufnehmen. Auch gelingt es ihm sich, wie (glücklicherweise) vielen Persönlichkeitspsychologen, permanent auf methodische und philosophische Geltungsbereiche der gefundenen Erkenntnisse zu besinnen (vgl. etwa S. 110 f.). So entsteht nie der Eindruck, dass trotz Kürze der Darstellung, an methodischer Präzision eingebüßt wird. Offene Stellen, bei denen es möglich wäre ein Themengebiet weiter auszudifferenzieren, werden sowohl Laien als auch erfahrenen Psychologen kaum erkenntlich und behindern damit zu keinem Zeitpunkt die kritische Darstellungsweise oder den Lesefluss, sondern fördern eher suggestiv die selbstständige Recherche.

Eher dürftig fallen die zusätzlichen Online-Lernmaterialien aus. Abgesehen von Lernkarten und dem Gesamtwerk als kapitelweise gesprochene Audiodateien, sind alle Lerntools bereits im Werk selbst enthalten. Die Lernkarten bieten eine nette Beschäftigung, müssen für eine zielführende und umfassende Klausurvorbereitung allerdings in jedem Fall selbst geschrieben werden.

Einzig angeführter Grund für die hier rezensierte Kurzfassung (im Vergleich zur umfassenden Version Psychologie der Persönlichkeit) ist die Orientierung am zeitlich kürzeren Umfang des Bachelormoduls. Für den psychologisch fortgeschrittenen Leser wird die Wahl eindeutig auf den Erwerb des großen Bruders fallen, da eine selbstständige Selektion der Inhalte durch ausreichendes Vorwissen erleichtert wird. Dass dies dem psychologischen Laien oder Anfänger (besonders bei begleitender Vorlesung) auch ausreichend möglich sein sollte, erscheint zumindest prinzipiell und unter dem Aspekt, dass man in jedem Fall viel Eigeninitiative bei Bearbeitung des Werkes zeigen muss, möglich. Deshalb wird geraten sich mit dem großen Bruder auseinanderzusetzen, egal ob Laie oder Fortgeschrittener. An die Autoren desselben: Wäre es nicht möglich anleitende Markierungen oder eine Lesevorgabe in die Großfassung einzubauen, wie auch umfangreiche Lehrbücher anderer Verlage solche beinhalten, welche eine Orientierung bezogen auf die kürzere Modullänge erlauben? Damit hätte jeder, auch bei wechselnden Interessen und Anforderungen, die passende Lektüre zur Hand.

Ausgelassen wird in der neusten Auflage (im Vergleich zur vorherigen), bedauerlicherweise, der Bereich der Kulturforschung als eigenständiges Kapitel. Dieses kann man separat, für allerdings fast den Preis des Gesamtwerkes Psychologie der Persönlichkeit, aus selbigem erwerben. Da dieses Themengebiet in Hinblick auf kritisch reflektiertes Arbeiten und Denken in der Psychologie, wie kaum ein anderes, prädisponiert, scheint ein weiteres Argument für den Erwerb der umfassenderen Ausgabe vorzuliegen. Für dessen Auslassen wurde jedoch eine weite Auswahl aktuell relevanter Themen (u.a. Big Data und Social Media) hinzugefügt.

Fazit

Asendorpf gelingt es den Bereich der Persönlichkeitspsychologie angemessen kritisch und anschaulich aufzubereiten und entsprechend zu präsentieren. Die einzelnen Kapitel sind trotz ihrer Eigenständigkeit in sinnvoller Art und Weise mit einander verbunden und aufeinander aufbauend, was ein flüssiges Lesegefühl entstehen lässt. Die geübte Kritik, hinsichtlich einzelner Gestaltungsmerkmale, überwiegt an keinem Punkt dem Lob hinsichtlich Verständlichkeit und Reflexivität seiner Darstellungsweise. Einzig die Koexistenz der beiden Brüder macht stutzig.

Summary

Asendorpf meets his demands on delivering a critical and understandable presentation of the most important fields of Persönlichkeitspsychologie, if one is willing to put in the work. The individual chapters, though standing out for themselves, show meaningful links, therefore allowing for a pleasant reading-flow. Raised criticism concerning mostly the style of content-presentation at no time outweighs the benefits of his comprehensive linguistic style and reflexive way of establishing information. The fact that there is a full-featured version (aimed at a higher Bachelor's program workload), which includes the here reviewed one, leads to an uncertainty of which one to choose. With changing demands and interests, one is more prepared with the full-featured version, though it may be more overwhelming for the psychologically unexperienced reader. Whether layman or experienced reader one is advised to inform himself about the other version.


Rezensent
Karik Siemund
Stud. der Psychologie (B.Sc.) und der Mathematik und Philosophie (B.A) an der Universität Heidelberg
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Zitiervorschlag
Karik Siemund. Rezension vom 10.09.2019 zu: Jens Asendorpf: Persönlichkeitspsychologie für Bachelor. Mit 52 Abbildungen und 39 Tabellen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2019. 4. vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-662-57612-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25447.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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