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Lukas Boehnke, Malte Thran u.a. (Hrsg.): Rechtspopulismus im Fokus

Cover Lukas Boehnke, Malte Thran, Jacob Wunderwald (Hrsg.): Rechtspopulismus im Fokus. Theoretische und praktische Herausforderungen für die politische Bildung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2019. 272 Seiten. ISBN 978-3-658-24298-5. D: 32,99 EUR, A: 33,92 EUR, CH: 36,50 sFr.

Reihe: Research.
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Thema

Theoretische und praktische Herausforderungen des Rechtspopulismus für die politische Bildung für die Zielgruppen Lehrende und Studierende, sowie Praktiker, in der Politischen Bildung und Sozialen Arbeit.

Herausgeber

Die Herausgeber sind an der Hochschule Merseburg im Fachbereich Soziale Arbeit, Kultur und Medien tätig. Lukas Boehnke ist Lehrkraft für Inter- und Transkulturalität und Diversity, Malte Thran ist Professor für Kultur- und Sozialpolitik und Jacob Wunderwald ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt Rechtspopulismus und politische Bildung.

Dazu zahlreiche Mitarbeiter, die im Einzelnen nicht vorgestellt werden: Jack Weber, Leonie J. Keskinkilic, Ina Schildbach, Jan Batzer, Eva Grigori und Jerome Trebing, Josef Kraft und Sofia Sboui, Lasse von Bargen, Nico Wangler, Lara Möller, Kai Dietrich, Erik Weckel.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband stellt, aus gegebenem Anlass, für die politische Bildung Analysen, Kritiken, Interaktions-und Bildungsstrategien zu aktuellen Entwicklungen des Rechtspopulismus vor, dessen Ideologie und unterschiedlichen Strategien auf nationaler und internationaler Ebene. Es soll zum engagierten Nachdenken anregen über Nationalismus und demokratisches Handeln am Beispiel rechtspopulistischer Diskurs- und Handlungsstrategien.

Aufbau

Es handelt sich um einen Sammelband mit zahlreichen Autoren, die unterschiedliche Facetten des Themas bearbeitet haben mit dem Ziel, die Ergebnisse von Untersuchungen für die politische Bildungsarbeit zur Verfügung zu stellen. Die Themen reichen über Definitionen des Populismus, die Gründe des Rechtsrucks, die Europäisierung rechter Nationalparteien, die soziale Frage, Kulturkampf und Identitätskonstruktion, Ästhetik der identitären Bewegung, Zugriff auf die Jugendarbeit, Linkspopulismus als Antwort auf Rechtspopulismus, die Ängste der Leute, die Aporie der politischen Bildung, die rechte Ideologie und ihr Einfluss auf die Mitte der Gesellschaft und erzählbezogene Ansätze in der Jugendarbeit und Erwachsenbildung.

Inhalt

  • Lukas Boehnke, Malte Thran, Jacob Wunderwald: Einleitung (7 Seiten). Von der politischen Bildung werde der Rechtspopulismus als Herausforderung und Bedrohung für die Demokratie verstanden, da dieser Menschenrechte und die repräsentative Demokratie infragestelle. Das Ziel sei, demokratische Kompetenzen zu stärken an der Schnittstelle von wissenschaftlicher Theoriebildung und gesellschaftlicher Praxis. Es werden dann die einzelnen Beiträge vorgestellt und ein kurzes Literaturverzeichnis angefügt.
  • Lukas Boehnke, Malte Thran: Defizitäre Populismusbegriffe: Von der Defizitperspektive zur ideologietheoretischen Analysekompetenz (22 Seiten). Kritik an der normativen Betrachtung des Rechtspopulismus verbunden mit einem Hinweis auf die drei wesentlichen Elemente: Populismus als eine ‚dünne‘ Ideologie i.S. einer Heilslehre, Nativismus als Bedrohung der eigenen Nation und Autoritarismus i. S. einer strikten Durchsetzung oder Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Homogenität als „Antipluralismus“ greife zu kurz, da keine prinzipielle Ablehnung des Pluralismus vorliege. Ein ideologischer Repräsentationsanspruch sei wahr und falsch zugleich und habe eher eine ‚symbolische Substanz‘. Nativismus als eine besondere Form des Nationalismus unterstelle einen naturalisierenden und determinierenden Charakter der Zugehörigkeit zur Nation; als Identitätskonstruktion müsse sie einigend homogen sein. Moderne Normen von Identität seien nicht naturalistisch, sondern eher auf Kultur bezogen im Sinne einer vermeintlich einzigartigen Besonderheit. Die Identität werde bedroht durch eine feindliche Umwelt, die Verteidigung und Selbstbehauptung provoziere. Autoritarismus, „law and order policies“ sei die Antwort auf eine angebliche bedrohte öffentliche Ordnung. Defizite in der Politischen Bildung seien, wenn Lügen nicht durch Faktenchecks entlarvt werden, keine politische Analysekompetenz von Ideologien erarbeitet und keine Aufklärung über strukturelle Problemlagen entwickelt würden. Der Zweck sei, sich mit Argumenten kritisch für demokratische Werte einzusetzen.
  • Jack Weber: Der »Rechtsruck« und seine Gründe (20 Seiten). Der Autor stellt zu den verschiedenen Themen gängige Erklärungen und Gegenthesen auf, die bei einer Diskussion hilfreich sein sollen. Die Themen sind: Warum schließen sich Menschen rechten politischen Vorstellungen, Parteien und Organisationen an? Fünf gängige Erklärungen und (Gegen)-Thesen zum Thema 1. Angst vor Globalisierung und Fremdenangst, 2. Soziale Unzufriedenheit: Bürger schließen sich den Rechten an, weil sie mit ihrer sozialen Lage unzufrieden sind, 3. Einfache Lösungen: Das Volk wünscht einfache Lösungen und wählt deshalb die Rechten, die diese anbieten, 4. Unzufriedenheit mit den Eliten: Die Rechten haben Zulauf, weil weite Teile des Volkes kein Vertrauen (mehr) in die politischen Eliten haben, 5. Populismus und Rattenfängerei: Wähler werden von rechten Populisten verführt, die deshalb so attraktiv sind, weil sie dem Volk nach dem Mund reden und ihre eigentlichen Ziele verschleiern. – Gängige Erklärungen sprächen dem Anwachsen der rechten Bewegungen einen politischen Charakter ab und nähmen die Wähler und urteilende Subjekte nicht ernst. An einer politischen Auseinandersetzung mit den politischen Überzeugungen, mit Nationalismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit führe jedoch keine Weg vorbei.
  • Leoni J. Keskinkilic: Die „Europäisierung“ rechter Nationalparteien. Der Front National, die Alternative für Deutschland und die Idee von Europa (23 Seiten). Die Autorin stellte die Fragen: Auf welche Narrative des Europäischen sich nationale rechte Parteien beziehen, wie sich diese zu den Krisendiagnosen verhalten und welche Rolle Nation, Kultur und Religion für die Gesellschaft spielen. Sie behandelt dann verschiedene Narrative: 1) Die nationale Zugehörigkeit, 2) Nationale Werte und 3) Europa als Ideengemeinschaft und bezieht sich dabei auf die Wahlprogramme der FN und der AfD. Rechtspopulistische Parteien geben vor, die Mehrheit zu schützen und ihre Ordnung zu verteidigen. Dabei wird eine innere und äußere Bedrohung angenommen. Die Narrative eines nationalen Selbst befassen sich mit der nationalen Zugehörigkeit: „Wir wollen entscheiden, wer zu uns kommt,“ mit nationalen Werten: „Wir wahren unser kulturelles Gesicht, unsere westlichen Ideale,“ und propagieren ein Europa als Ideengemeinschaft: „Weil wir zutiefst europäisch denken“. Zum Beweis werden das Verständnis von Nation, Kultur und Religion (die Stellung der Frau, patriarchale Momente, andere Werte), zum Teil rassistisch begründet, zum Teil kulturell durch Hinweise auf die christlich-humanitäre Geschichte unter Ausblendung von Krieg, Verfolgung und Unterdrückung angeführt. Europa erscheint als eine natürlich gewachsene Einheit, die bedroht sei. Dennoch bestehen Unterschiede. Während die FN primär das Volk, die Franzosen, anspreche, sei für die AfD das Feindbild Islam im Zentrum ihrer Rhetorik. Der europäische Bürger werde idealisiert: ‚aufgeklärt, human und tolerant‘. Es gebe aber auch einen anderen europäischen Diskurs, sich kritisch mit Macht, Gewalt und Ungleichheit auseinanderzusetzen.
  • Ina Schildbach: „Die neue deutsche Soziale Frage“ – Armut und Sozialstaatsversagen als Grund für rechtspopulistischen Erfolg? (16 Seiten). Die Autorin geht auf die unmittelbaren Widersprüche und die theoretischen Mängel der Argumentation ein, dass Armut die Ursache für Rechtpopulismus sei. Offensiv werden nationale Antworten auf aktuelle soziale Fragen vertreten und diese benutzt zur Bildung einer Volksgemeinschaft (Butterwegge 2008), gepaart mit einer Abwertung des Nichtdeutschen. Die Vermittlung einer kritischen Perspektive sei eine Aufgabe der politischen Bildung.
  • Lukas Boehnke: Rechter Kulturkampf heute: Identitätskonstruktion und Framing-Strategien der identitären Bewegung (26 Seiten). Identitäre gehen von einer supranationalen Kulturgemeinschaft europäischer Völker aus. Ein zentrales Merkmal ihrer Strategie sei‚ eine methodische Umdeutung in subversivem Gestus, ein Reframing von im kollektiven Gedächtnis erhaltener Elemente von Aktions- und Protestformen mit dem theoretischen und praktischen Ziel, einen völkischen ethnokulturellen Nationalismus zu universalisieren. Elitär in Vereinen organisiert seien Rechte gegen ‚schädliche‘ Migrationsbewegungen, kritisch gegenüber dem liberalen Kapitalismus und einem (Kultur)-Imperialismus. Menschen seien von Natur ungleich, deshalb führten kulturelle Unterschiede notwendig zu sozialen Konflikten.
    Boehnke schlägt vor, die identitäre politische Ideologie als eine Variante des Wertenationalismus zu begreifen. Politisch werde demnach das Volk von elitären Eliten misshandelt und seiner ethnokulturellen Identität beraubt. In der Praxis gehe es um die Mobilisierung von rechten politischen Projekten, in Abgrenzung von der ‚alten‘ Rechten, und die Herstellung einer neuen Elite. Die Framing-Analyse (Verschiebung von Bedeutungen), in den 70er Jahren entwickelt, werde benutzt als Veränderungs- und Mobilisierungsstrategie, um intellektuell den öffentlichen Diskurs zu beeinflussen. Der Erfolg sei allerdings abhängig von 1) der empirischen Glaubwürdigkeit des Materials, 2) der Glaubwürdigkeit derer, die die Frames artikulieren, 3) der Konsistenz und Einheitlichkeit des Framing. Beim Versuch um empirische Glaubwürdigkeit werde mit weithin anerkannten Fakten gearbeitet. Bedrohungsszenarien zu Lasten von Flüchtlingen, Konstruktion der Eigengruppe als schutzbedürftig, die Annahme einer ‚sozialen Volksnatur‘ und Anspruch auf Erhalt der ‚ethnokulturellen Identität‘ im Grundgesetz zielen auch auf ein Reframing des Begriffs der Demokratie: Ohne ethnokulturelle Gleichheit keine echte Demokratie. Aufklärungsarbeit sei notwendig und damit auch eine Aufgabe für die politische Bildung.
  • Jan Batzer: Zur Ästhetik der Identitären Bewegung (20 Seiten). Die neue Ästhetik sorgt für Irritationen in der bürgerlichen Mitte und für Spott in subkulturellen Kreisen, Stichwort ‚Nazi-Hipster‘ – Nazismus kombiniert mit modernem, urbanem Hipster aus subkulturellen und linksalternativem Milieu. Bei der identitären Bewegung handelt es sich um eine straff organisierte Gruppe. Der Einzelne wird im Strategiepapier als ‚lebendiges Flugblatt‘ bezeichnet; er soll physische Auseinandersetzungen vermeiden, Propagandamaterial gestalten und auf positive Außendarstellung achten. Währen der Hipster die Ästhetik des Außenseiters pflegt, findet bei der IB eine bewusste Anbindung an die Gruppe statt. Eine ethnopluralistische Ideologie wird verbreitet mit polarisierenden und sich als Opfer einer Meinungsdiktatur präsentierenden Darstellungen, verbunden mit einer Inszenierung als Elite, die sich engagiert für eine Rettung der nationalen Identität einsetzt. Die Identitären geben sich modern und dynamisch, ihrer ‚naturgegebenen‘ Identität bewusst. In der Form den Hipstern angeglichen, beziehen sie sich inhaltlich jedoch auf Herkunft, Geschichte, Mythos und Natur und bieten die Sicherheit der Peer-group und ein professionelles Marketing in der Herstellung von Identitäten an. Dem Menschen sei von Natur eíne Identität gegeben. In der Ästhetik drückt sich diese Identität aus, und zwar nicht als Zwang, sondern als soziale Praxis und Identifikation. Hipster hingegen müssten sich, nach Meinung des Autors, politisieren um kreative Vorreiter für einen Gegenentwurf zur IB werden.
  • Eva Grigori und Jerome Trebing: Jugend an die Macht – Zugriffe neurechter Bewegungen auf die Jugendarbeit am Beispiel der Gruppen „Identitäre Bewegung“ und „KontraKultur“ (22 Seiten). Inzwischen findet eine intensive Vernetzung der außerparlamentarischen und parlamentarischen Rechten international statt. Zwar versucht man sich vom Nationalsozialismus und dem modernen Neonazismus zu distanzieren, aber ernst zu nehmende Berührungsängste bestehen nicht. Bestimmte Begriffe und Motive werden immer wieder in den Diskurs eingebracht. Beispiele sind „Der große Austausch“ (Renaud Camus‘ apokalyptische Vorstellung der Vernichtung der europäischen Bevölkerung), „Ethnopluralismus“ (globale Apartheid), „Remigration“ (Forderung nach Massenabschiebungen), „Jugend ohne Migrationshintergrund – vergessen, aber nicht wehrlos“ (die vergessene und gleichzeitig wehrhafte Generation). Die ‚Casa Pound Italia‘ expandierte seit den 2000er Jahren mit einer Schüler-, Schülerinnen- und Studierenden-Organisation, die kostenlose kardiologische Untersuchung, Blutspendeaktionen und psychologische Beratung anbietet und sich um Arbeitslose und vorbereitende Kurse für werdende Eltern kümmert. Sozialarbeit wird mit rechtsextremer Ideologie angeboten. Durch Konzerte, Probenräume und eigene Radiosender wird ein subkultureller Zugriff auf die Jugend ermöglicht. Verbindungen existieren nach Graz („patriotische Streetworker“).
    Die Identitären bauen eigene Strukturen innerhalb Deutschlands und Österreichs auf mit einem breiten Angebot an soziokulturellen Aktivitäten. Regional wurde z.B. in der Steiermark gegen ‚überfremdete Jugendzentren‘, die sich für die Integration von Flüchtlingen einsetzten, Front gemacht. Auch wurden regelmäßig Stammtische an einzelnen Orten veranstaltet und zusätzlich Grill- und Kegelabende, Wanderungen, und auch politische Aktionen wie z.B. Transparente aufhängen. Zivilgesellschaftliche kirchliche und behördliche Akteure werden als ‚Agenten des großen Austausches‘ bekämpft. Auf der anderen Seite führt das zu einer Verunsicherung und Ignoranz, insbesondere bei fehlender Unterstützung als Einzelkämpfer, ganz zu schweigen vom Schutz der Betroffenen.
    Jugendarbeit ist weder in Deutschland noch in Österreich ein geschützter Begriff. Innerhalb der verfassungsrechtlich geschützten Spielraums sind Angebote erlaubt und gefördert. Dabei geht es der IB darum, Jugendliche in ihre Einrichtungen zu holen, zu organisieren und gemeinsame Aktivitäten zu ermöglichen unter Nutzung eines falschen Akzeptanzbegriffes, z.B. ohne klare Positionierung gegen Rechtsextremismus. In Österreich gebe es kaum Projekte, die sich mit Rechtsextremismus systematisch kritisch befassen. Zwar sei dieser im Kern ein gesellschaftliches Problem, aber der Zugriff auf die Jugendlichen mit einer Strategie zu menschenfeindlichem Denken und Handeln erfordere aktive Gegenstrategien.
  • Josef Kraft und Sofia Sboui: Linkspopulismus als Antwort auf rechten Populismus? Eine kritische Betrachtung (21 Seiten). Ist Populismus der Kritikstil dieser Epoche (Jann 2017), ausgelöst durch Gefühle der Entfremdung und Nicht-Repräsentiertheit, oder ein Krisenindikator der gegenwärtigen liberalen Demokratie (Mouffe 2007), einer Krise, die einen linken Populismus erfordert? Nach Marcuse (1934) werden aufklärerische Ideale durch das zu ihnen im Widerspruch stehende Recht auf Privateigentum blockiert. So definieren nach Marx Produktionsverhältnisse, die immer auch Eigentumsverhältnisse sind, die Klassenverhältnisse in einer Gesellschaft. Die Befreiung des Menschen muss der Freiheit des unregulierten Marktes weichen (Kühnl 1999).
    Der Staatsrechtler Schmitt, ein Stichwortgeber der Neuen Rechten, und die Anhänger der ‚Konservativen Revolution‘ (eigentlich ein Gegensatzpaar) zielen auf Mobilisierung von elitären Teilen der Bevölkerung gegen den Rest und tragen damit zur Spaltung der Gesellschaft bei. Identitäre Bewegungen in Europa vertreten dieses demokratiefeindliche Gedankenkonstrukt. Für Abendroth (1975) besteht die Einheit in der gleichberechtigten Teilnahme aller an der Regelung der gemeinsamen Aufgaben. Dazu müsse diese Einheit allerdings zu einer Verfassung der gesamten Gesellschaft erweitert werden, wozu auch die Demokratisierung der Wirtschaft gehöre. Das Parlament sei die Koordinierungsstelle und müsse deshalb eine allgemeine Repräsentanz der Bevölkerung widerspiegeln. Die AfD als Schmitt’sche Partei sei – entgegen ihren Versprechungen – nicht demokratisierend und habe auch kein Interesse, soziale Ungleichheiten abzubauen. Da zunehmend auch die Gewerkschaften Mitglieder verlieren, schwinde ihr Einfluss innerhalb der Gesellschaft. Deshalb bestehe Handlungsbedarf in Bezug auf die wirtschaftliche Komponente des Liberalismus, indem die Widersprüche in den Parteien aufgezeigt würden (dazu zahlreiche Beispiele) und eine ‚neue Klassenpolitik’ entwickelt werde, die auch die Wirtschaft in den Dienst der Menschen stelle, was Mitbestimmungsrechte und Bildung (Aufklärung über Wirtschaftspolitik) anbetrifft, und eine Demokratisierung der Gesellschaft ohne Spaltung und Ausgrenzung. Wichtiger als der Aufbau eines Linkspopulismus sei eine Demokratisierung der Wirtschaft, der Aufbau einer gerechteren Gesellschaft, die allen ermöglicht, sich ungeachtet ihrer sozialen Stellung an den politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen zu beteiligen.
  • Lasse von Baren: Die Ängste der Leute ernstnehmen? Das rechtspopulistische heartland und dessen affektive Wirkmacht als Problem für die politische Bildung (20 Seiten). In diesem Beitrag wird versucht, den Zusammenhang von Rechtspopulismus und Angst durch die ‚rechtspopulistische Affektpolitik‘ zu erklären, verknüpft mit der Frage, was das für die politische Bildung bedeutet. Rechtspopulisten geben sich als die ‚wahre Opposition‘, die den Volkswillen vertritt durch Aufgreifen gesellschaftlicher Konflikte und affektiv soziale Angst schürt, die eine Eigendynamik enfaltet, auch wenn sie nur virtuell (Islamierung, Überfremdung, Umvolkung) ist. Damit gibt sie sich den Anschein der einzig wählbaren Alternative und entwickelt ein durch Angst fundiertes verbindendes Schema der Zugehörigkeit. Der Fokus liegt auf Einengung auf bestimmte Themen, die unter dem Affekteinfluss wenig zu einer rationalen Urteilsfindung beitragen. Die politische Bildung wird mit der Paradoxie konfrontiert: Die Angst vor Gemeinschaftszerstörung kann nicht durch rationale Argumente behoben und ihr Geltungs-/Wahrheitsanspruch nicht einfach negiert werden. Das antipluralistische und antidemokratische Weltbild ist eine Herausforderung, der mit ‚Mobilisierung von Gegenaffekten‘ (Argumente, Begegnungen, Einbindung in Entscheidungsprozesse) begegnet werden kann, und semantisch kritisch auf der inhaltlichen Ebene (Dekonstruktion durch Aufdecken von Widersprüchen und Paradoxien).
  • Nico Wangler: Die Aporie der politischen Bildung in Bezug auf Populismus und Extremismusprävention (15 Seiten). Wangler stellt eine Reihe von Thesen auf:
    1. These: Populismus wird in der politischen Debatte und im politikwissenschaftlichen Diskurs unzureichend definiert und somit werden tatsächliche politische Konfliktlinien verschleiert. Zum Beleg führt er das vom Verfassungsschutz angewandte Extremismus-Modell, das Modell einer ‚Übergangszone‘ zwischen Radikalismus und Extremismus und das Modell, dass die Ideologiefreiheit aufgewogen werde dadurch, dass der Stil selbst zur Ideologie werde, an. Er schlägt stattdessen folgende Abgrenzungen vor, ausgehend von einem populistischen oder konviktorischen Verständnis der Politiker von ihren Aufgaben. Wenn populistische Haltungen als negativ und unerwünscht deklariert werden, spielt man ihre Anhänger Radikalen und Extremisten in die Hände. Im komplexen Gefüge von Selbst- und Fremdeinschätzung (Politiker versus Opponent) ergeben sich – tabellarisch dargestellt – zahlreiche Möglichkeiten, die eine Etikettierung erschweren oder unmöglich machen.
    2. These: Die Aporie der politischen Bildung in Bezug auf Populismus sei selbstverschuldet, wenn sie undifferenziert gegen „den Populismus“ vorgeht und freie Meinungsäußerungen verhindert und damit eher zu Solidarisierung als zu Nachdenken führt.
    3. These: In Bezug auf Extremismusprävention sei der politischen Bildung eine Aporie immanent. Unter Zugrundelegung der ‚Affektlogik‘ von Ciompi (2005), dass stimmungsdifferente Informationen nur schwer aufgenommen werden, ist das Angebot einer ‚Meinungsvielfalt‘ als Handlungs- und erlebnisorientierte Variante (Sebstwirksamkeitserfahrung) die beste Prävention.
    4. These: Extremismusprävention gelingt nur mit psychologischer und pädagogischer Bildung. Außer einem Psychologieunterricht (bereits in der Schule) ist das Ansprechen basaler Themen (Fremdenangst, Exklusion und Inklusion, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) wichtig als Schnittmenge zwischen psychologisch-pädagogischer und politisch-sozioökonomischer Bildung. Die Konfliktdynamik kann in einem friedenspädagogischen Ansatz kognitiv deutlich gemacht, muss aber auch emotional erschlossen werden. Die Intervention müsse sich auf die Affekte konzentrieren, auch unter dem Aspekt dass nicht sofort zu einer ‚Ersatzdroge‘ gegriffen wird.
  • Lara Müller: Rechtspopulismus im Kontext rechter Ideologie und dessen Einfluss auf die „Mitte“ der Gesellschaft – Aufgabe, Funktion und Interventionspotenzial politischer Bildung (17 Seiten). Rechtspopulismus richtet sich nach oben (gegen das „Establishment“) und nach unten (gegen sozial schwache und ausländische Gruppen). Die Organisationsstruktur ist im Vergleich mit dem klassischen Rechtsextremismus schwächer, die grundlegende Einstellung der Bevölkerung jedoch stärker. Komplexen Probleme werden mit einfachen Lösungen beantwortet. Zugehörigkeit zum eigenen Volk, Gefahr der „Islamisierung“ und Globalisierung sind Themen einer Agitation gegen die Presse, die demokratischen Repräsentanten und den Verfassungsstaat unter Verwertung vorhandener subtiler Unsicherheiten und Ängste. Nach Decker et al. (2016) ist eine wachsende Popularität rechtspopulistischer und rechtextremer Parteien zu beobachten, entsprechende Einstellungen reichen bis in die „Mitte“ der Gesellschaft. Nach den Untersuchungen hat zwar die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit abgenommen, jedoch bei gleichzeitigem Anstieg von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Erklärungsfaktoren sind soziale und politische Unzufriedenheit und autoritäre Einstellungen zusammen mit einem Gefühl der Einflusslosigkeit und Ohnmacht.
    Aufgabe der politischen Bildung ist, eine Urteils- und Handlungskompetenz zu entwickeln. Es werden verschiedene didaktische Konzepte vorgestellt: ‚Inclusive Citizenship Education‘ in Abwehr von Exclusion bestimmter Gruppen und Teilen der Gesellschaft, ein ‚Bürgerbewusstsein‘ i.S. von politischer Mündigkeit, Kritik- und Urteilsfähigkeit in Bezug auf soziale Differenzen, Vielfalt, Werte, Grundbedürfnisse (z.B. Arbeit), verbindliche Regeln. Darüber hinaus sind politische Denk-, Verhaltens- und Handlungsressourcen in Bezug auf Sachurteile durch Kritikfähigkeit und Selbstreflexion zu entwickeln. Ansetzend bei der Subjektorientierung der Bürger muss ein erweitertes Politikverständnis entwickelt werden, das Herrschafts- und Machtverhältnisse kritisch hinterfragt und auf einen lebenslangen Lernprozess angelegt ist.
  • Kai Dietrich: Erzählungsbezogene Ansätze der Jugendarbeit zur Bearbeitung lebensweltbasierter Ablehnungshaltungen (19 Seiten). Der Beitrag zielt auf die Bildung einer Brücke zwischen ‚aktuellen politischen Debatten und deren lokalräumlicher Verortung‘. Dabei hat insbesondere die Jugendarbeit eine wichtige emanzipatorische Funktion. Eine Praxis, die auf die „reflexive, erfahrungs- und alltagsbezogene Auseinandersetzungen“ zielt, kann Orientierung für das Zusammenleben in einer immer unübersichtlicheren Welt geben. Lokalräume sind Räume in denen sich Gesellschaft konkretisiert. Diese zu analysieren und spezifische Dynamiken bezogen auf gesellschaftliche Widersprüche zu identifizieren, sei die Aufgabe, da hierdurch auch gezielte und der Lebenswelt angepasste Interventionen möglich würden. Die Gefahr sei, dass Ablehnungsdiskurse verstärkt würden, wenn sie ausschließlich als Problem von marginalisierten Teilen der Bevölkerung verstanden würden. Gegenaktivitäten gerieten unter Druck, wenn sie nicht von der etablierten Lokalpolitik unterstützt würden; auch parteiförmige Strukturen würden gestärkt durch positive Kontakte zu den Lokalbehörden. Lokalismus (Lokalpatriotismus, Provinzialismus) sei eine spezifische Form der Gegenbewegung gegen eine entgrenzend wahrgenommene Globalisierung. Die Erzählungen der ‚Zurückgelassenen‘ führten zu Widerständigkeit gegen ‚die Etablierten‘, die sich vor Ort nicht auskennen. Bildung in der Jugendarbeit ziele auf Gebrauchsmöglichkeiten für spezifische Lebenslagen und die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven (Lebensweltorientierung) in Bezug auf einen gemeinsamen kulturellen Rahmen und eine Lebenspraxis. Der individuelle und interindividuelle Raum bestehe aus einem Miteinander aus Ressourcen, Beziehungen und Netzwerken. Dabei seien Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit für sie Soziale Arbeit fundamental. Probleme der Migration müssten in Aushandlungsprozessen gelöst werden und sich an den Erfahrungen und Kompetenzen der konkreten Subjekte orientieren. Erzählungen von Alltag und Lebenswelt könnten für die politische Bildungsarbeit fruchtbar gemacht werden, Reflektion und politisches Handeln anregen. Neue Deutungsoptionen schaffen Solidarität und erweitern den Horizont. Offene Einrichtungen ermöglichen Begegnungen und die Wahrnehmung, das es zu einem Ereignis viele unterschiedliche Geschichten geben kann (Abbau von Klischees, Stereotypen und Vorurteilen).Damit wird die subjektive Wirklichkeit bewusster erfasst und gleichzeitig werden grundlegende Strategien entwickelt für echte und nicht ideologisch verzerrte Problemlösungen.
  • Erik Weckel: Rechtspopulismus, antidemokratische Haltungen und Positionen handlungsorientiert reflektieren – Querschnittsaufgabe und Arbeitsprinzip in der Erwachsenenbildung (20 Seiten). Das Anliegen der Fortbildung ist es, Leiter der Einrichtungen für Erwachsenenbildung, haupt-, neben- oder ehrenamtliche Mitarbeiter im Bereich Bildung, Betreuung, Beratung für die aktuellen politischen Herausforderungen zu sensibilisieren. Die eigene ‚Haltung zur Demokratie‘ soll reflektiert, Präventionsziele in das Angebot integriert und Projektziele unter Berücksichtigung ‚zielgruppenadäquater fachlicher Grundlagen‘ bestimmt werden. Zur Kompetenz gehörten insgesamt 6 Module: Einführung in die Demokratie und Menschenrechte (eigene Beschreibungen und Analyse der Teilnehmer), Demokratie als regierungs-, Gesellschafts- und Lebensform (Auseinandersetzung mit demokratie- und menschenrechtsfeindlichen Einstellungen), Menschen und ihre Lebensumstände (biographische und soziale Ursachen bestimmter politischer Einstellungen), Erprobung pädagogischer Ansätze (Praxis I) und (Praxis II) (Raum für Erfahrungs- und Praxisreflexion) und am EndeReflexion mit dem Ziel kollegialer Beratung und Vorstellung eines eigenen Konzepts.
    Antidemokratische Haltungen und Rechtspopulismus sollen reflektiert und Strategien der Auseinandersetzung entwickelt und in dem jeweiligen Arbeitsbereich umgesetzt werden, um der Herausforderung der Entwicklung totalitärer Tendenzen aktiv kritisch zu begegnen. Dazu werden auch in den folgenden Abschnitten konkrete Hinweise gegeben, wie diese Arbeit strukturiert, inhaltlich gestaltet und Lernprozesse anregend gestaltet werden können, ergänzt durch das Beispiel einer exemplarischen Umsetzung in der Fortbildung einschließlich der Rückmeldungen der Referenten und Teilnehmer.

Diskussion

Dieses Buch enthält mehr, als die Inhaltsangabe leisten kann. Es ist offensichtlich entstanden aus einer jahrelange intensiven und engagierten Auseinandersetzung mit dem Thema, dessen einzelne Facetten von den verschiedenen Autoren bearbeitet und durch Literaturverzeichnisse ergänzt wurden. Auch wenn einzelne Kapitel nicht leicht zu lesen sind, da sich die Autoren oft sehr einer akademischen Sprache und eines entsprechende Stils bedienen, sollte man sich davon nicht abschrecken lassen, da sie viele alltagstaugliche Vorschläge für die politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen enthalten. Ich hätte mir eine etwas leichtere Lesbarkeit (vielleicht sollte man mal einen Journalisten zur Rate ziehen?) und eine klarere Trennung von Information und Meinung gewünscht. Aber positiv finden sich reichlich reflektierte Anstöße zu einer Diskussion und Anregungen für die Praxis der politische Bildungsarbeit.

Fazit

Ich empfehle es als ein Handbuch für Pädagogen, Sozialarbeiter und Politiker, die sich mit dem Sammelbegriff Populismus kritisch reflektierend und vor allem aber auch emotional und affektiv dialogbereit auseinandersetzen und die Erkenntnisse in ihre alltägliche Arbeit einbringen. Damit würde auch einer Spaltung der Gesellschaft Widerstand entgegengesetzt werden, indem einerseits klare Grenzen gesetzt, andrerseits aber auch eine grundsätzliche Dialogbereitschaft mit Andersdenkenden praktiziert wird.

Der Titel fasst den Inhalt etwas zu kurz zusammen: Es geht nicht nur um die Herausforderungen für die politische Bildung, sondern auch darum, wie man diesen Herausforderungen konstruktiv begegnet. Ein wichtiges und lesenswertes Buch.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 11.06.2019 zu: Lukas Boehnke, Malte Thran, Jacob Wunderwald (Hrsg.): Rechtspopulismus im Fokus. Theoretische und praktische Herausforderungen für die politische Bildung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-24298-5. Reihe: Research.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25448.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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