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Stefanie Büchner: Der organisierte Fall

Cover Stefanie Büchner: Der organisierte Fall. Zur Strukturierung von Fallbearbeitung durch Organisation. Springer VS (Wiesbaden) 2018. 319 Seiten. ISBN 978-3-658-19114-6. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.

Reihe: Organisationssoziologie.
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Thematischer Rahmen

Der vorliegende Band beginnt mit einer kurzen Schilderung: „Im Besprechungsraum des Allgemeinen Sozialen Dienstes in Cehlingen hängen Kreisläufe und Grafiken zur Fallbearbeitung an der Wand. Heute stehen drei Fälle zur Besprechung auf der Tagesordnung. So ähnlich die Abfolge der Besprechungen ist, so unterschiedlich sind die hier verhandelten Problemlagen. Soziale Probleme tauchen hier nie allein, sondern immer verwoben, ineinander verschränkt und verkantet auf. Im ersten vorgestellten Fall ist man ohne Genogramm chancenlos, auch nur einen Überblick über die involvierten Beteiligten zu gewinnen. Im nächsten ist es gerade die Überschaubarkeit der Konstellation – eine isoliert lebende Mutter mit ihrem Sohn –, die ahnen lässt, welche Herausforderungen der Fallbearbeitung hier warten. Am Ende der Besprechung schließt sich die Tür und die Fassbarkeit des Falls verfliegt: Telefone klingeln, Eltern warten auf eine Beratung, Stellungnahmen zu einem anderen Fall werden getippt und Hilfeplangespräche für den nächsten Tag vorbereitet“ (S. 21). Die Verfasserin ist damit dicht am Alltag in deutschen Allgemeinen Sozialen Diensten angekommen. Ihre vorliegende explorative Studie, zugleich ihre (überarbeitete) Dissertation aus dem Jahr 2016, mit der sie an der Universität Potsdam promoviert wurde, untersucht die Strukturierung von Fallbearbeitung im ASD aus einer organisationssoziologischen Perspektive.

Verfasserin

Dr. Stefanie Büchner war zum Zeitpunkt der Publikation ihrer Dissertation wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Organisationssoziologie an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Mittlerweile ist sie Professorin am Institut für Soziologie der Universität Hannover.

Inhalt

Für die (im Frühjahr bis Herbst 2012 durchgeführte) Untersuchung der organisationalen Strukturierung von Fallbearbeitung in drei Allgemeinen Sozialdiensten (ASD) und zwei Spezial-/Fachdiensten (zum Kinderschutz) in drei Jugendämtern hat die Verfasserin ein explorativ-vergleichendes qualitatives Forschungsdesign entwickelt, wobei es ihr Anliegen war, in einer vergleichenden Perspektive „heterogene Formen organisierter Fallbearbeitung sichtbar zu machen und das organisationssoziologisch interessante Phänomen arbeitsteiliger Spezialdienste in die Exploration einzubeziehen“ (S. 99). Hierbei bediente sie sich der Methode der Fallkontrastierung, des Fallvergleichs und der Typenbildung (nach Kelle und Kluge) und betrachtete die fünf Organisationseinheiten aus einer äquivalenzfunktionalistischen Perspektive (nach Luhmann). In den Vordergrund der Analyse treten formale Programme und Abteilungsstrukturen, Hierarchien und Personal, aber auch informale Strukturen kommen hierbei in den Blick.

Die formale Struktur des Bandes (nicht untypisch für eine Dissertation) bildet diese Herangehensweise ab:

  • Nach der Einleitung, die mit der eingangs zitierten Schilderung beginnt und einen groben Überblick über die Studie voranstellt (S. 21 – 27),
  • befasst sich Büchner im zweiten Kapitel grundlegend mit Aspekten der „Fallbearbeitung als prekäre(r) Organisationsleistung“, wozu sie insbesondere einschlägige organisationssoziologische Konzepte heranzieht (S. 29 – 98).
  • Das dritte Kapitel hat die erforderlichen methodischen Erörterungen zur Samplingstrategie, der Datenerzeugung und -auswertung sowie zum Forschungsprozess zum Gegenstand (S. 99 – 111).
  • Unter dem Titel „Organisierte Fallbearbeitung in Allgemeinen Sozialen Diensten“ wird im vierten Kapitel die Befundlage ausgiebig dargelegt und ein in fünf „Modulen“ präsentiertes System der Fallbearbeitung (1. die Teilung des Falls: als „Splitting the Case“ bezeichnet; 2. sog. Grenzstellenarrangements „zwischen Verobjektivierung ujnd Versubjektivierung, Kontaktnetz und Zwischensystem“: „Keeping the Case“; 3. fachliche Standards und ihre Relevanz in der Fallbearbeitung: „Sorting the Case“; 4. das „Umschaltproblem“ vor allem zwischen Hilfe und Kontrolle, „Switching the Case“; und 5. Dokumentation(sarbeiten) als „Ausdruck von Formalität und Arbeit“, „Filling the Case“) vorgestellt (S. 113 – 287).
  • Im Schluss ordnet Stefanie Büchner ihre Befundlage noch einmal kurz ein und leitet damit auch zu weiteren Forschungsperspektive über (S. 289 – 295).
  • Im Anhang werden (neben dem obligaten Literaturverzeichnis) die Interviewleitfäden beigefügt.

Diskussion

Die Analyse des empirischen Materials zeige, bilanziert die Verfasserin, „dass die Strukturierungswirkung von Organisationen auf Fallbearbeitung treffender als eine modulare beschrieben werden kann. Fallbearbeitung als modular strukturiertes Geschehen zu begreifen impliziert, dass Organisationen nicht einen, sondern multiple Problemkomplexe der Fallbearbeitung beeinflussen“ (S. 25, Hervorh. i. Orig.).

Mit der Herausarbeitung der oben genannten fünf Module der Fallbearbeitung in drei Allgemeinen Sozialdiensten und zwei Spezial-/Fachdiensten zum Kinderschutz unternimmt sie einen interessanten Systematisierungsversuch: Während die Fallbearbeitung „aus einer Hand“ lange Zeit charakteristisch für die Arbeit im ASD war, verändern ausdifferenzierte Spezial-/Fachdienste für den Kinderschutz diese Praxis. Es ergeben sich in der Logik von Jugendämtern seit bald 20 Jahren veränderte „Zuständigkeiten“ und „Kulturen der Kooperation“ innerhalb der formalen Strukturen eines Jugendamtes und zwischen den Fachkräften der Sozialen Arbeit, die sich auch durch Fort- und Weiterbildung von einem einheitlichen, gemeinsam geteilten Qualifikationskern entfernen, spezialisieren und in der Spezialisierung auch substanziell (sowie fachlich als auch prozessual – und im Übrigen auch habituell!) voneinander abgrenzen.

Daher sind die Fragestellungen, mit denen die Verfasserin an diese Prozesse herangetreten ist, nicht nur aus organisationssoziologischer Sicht- und Deutungsweise relevant, sondern sie können auch zur Erklärung von Prozessen aus der Perspektive der Sozialen Arbeit interessant sein.

Wenn also Stefanie Büchner Unterschiede, Ähnlichkeiten und Folgen der ausdifferenzierte Bearbeitung von Fällen aufzeigt, die Fallbearbeitung in den Limitierungen der Organisation darstellt, Ordnungsschemata der Fallbearbeitung rekonstruiert und deren („Wirkmächtigkeit“) analysiert, das in der beruflichen Praxis hinlänglich bekannte Dilemma des doppelten Mandats betrachtet und schließlich auch die „eigentümliche Expansion von Dokumentationserwartungen im generalisierten ASD bei gleichzeitig geringen Dokumentationserwartungen in den Spezialdiensten“ zum Thema macht (S. 113 f.), dann ist sie auch „mitten drin“ in den Fragestellungen, die sich in der Alltagsbewältigung in Jugendämtern immer wieder stellen.

Zugleich aber bilden drei von weit über 600 Jugendämtern naturgemäß nur einen ausgesprochen kleinen Ausschnitt aus der Praxis in Allgemeinen Sozialdiensten und spezialisierten Fachdiensten (nicht nur für Kinderschutz, sondern eben auch Pflegekinderwesen, Adoption, Jugendhilfe im Strafverfahren) ab. Die vorliegende Studie bestätigt dabei einerseits in der beruflichen Praxis auffindbare „quasi-empirische Befunde“ derjenigen, die sich aus vor allem praktischer, zum Teil auch theoretischer Perspektive mit der Arbeitsweise Allgemeiner Sozialer Dienste befassen und einen Zusammenhang zwischen Organisationsstruktur, organisationaler Einbindung des ASD in eine Behördenstruktur, Kooperation mit inner- und außerbehördlichen Fach- und Spezialdiensten und -akteuren sowie informeller Organisationskultur vermuten. Andererseits können die von Büchner aufgezeigten Mechanismen den Praktiker*innen in den Leitungen von Allgemeinen Sozialdiensten und Jugendämtern nur erste Anhaltspunkte liefern, die in eine Organisationsentwicklung einfließen könnten. Die Reichweite außerhalb organisationssoziologischer Kontexte erscheint mir doch aus der Sicht der beruflichen Praxis eher begrenzt, auch wenn die Verfasserin doch guten Mutes ist, wenn sie schreibt, dass ihre Sichtweise einer modularen Strukturierung der Fallbearbeitung „auch das Aufzeigen von Bezügen und Wechselwirkungen zwischen Modulen“ erleichtert und zugleich „Generalisierungsmöglichkeiten und Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen“ bietet – Letzteres wird nicht zu bezweifeln sein.

Fazit

Es liegt somit mit dieser Untersuchung eine sehr interessante und niveauvolle Betrachtung der Fallbearbeitungspraxis in drei ausgewählten Jugendämtern aus organisationssoziologischer Perspektive vor. Was sie freilich für die Praxis der Jugendämter bedeutet, das wäre noch zu klären.


Rezension von
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Professur für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 21.04.2020 zu: Stefanie Büchner: Der organisierte Fall. Zur Strukturierung von Fallbearbeitung durch Organisation. Springer VS (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-19114-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25449.php, Datum des Zugriffs 09.08.2020.


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