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Silvia Zanotta: Wieder ganz werden

Cover Silvia Zanotta: Wieder ganz werden. Traumaheilung mit Ego-State-Therapie und Körperwissen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. 264 Seiten. ISBN 978-3-8497-0243-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Hypnose und Hypnotherapie.
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Thema

Unbewusste, abgespaltene Traumatisierungen werden im Körpergedächtnis gespeichert. Für das Gelingen einer Psychotherapie ist es in diesen Fällen bedeutsam, den Körper und das Körperwissen einzubeziehen.
Innovativ verbindet Silvia Zanotta aktuelle neurobiologische und psychologische Erkenntnisse aus Ego-State-Therapie, Hypnose und körperorientierter Psychotherapie. Das konzeptionelle Kernstück dieser Synthese ist die interpersonelle neurobiologische Theorie, hier in einer Adaption insbesondere der Ansätze von Stephen Porges (Polyvagaltheorie) und Peter Levine. In ihrem Buch thematisiert die Autorin zudem die Phänomene Dissoziation, Schmerz, Angst, Wut und insbesondere Scham. Mit dem Buch will sie Psychotherapeut*innen profitieren lassen von gut umsetzbaren Anleitungen, Übungen und Interventionen. Transkripte von ausgewählten Therapiesitzungen demonstrieren die praktische Anwendung.

Autorin

Silvia Zanotta, Dr. phil., Psychologin, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin absolvierte therapeutische Ausbildungen in personenzentrierter Psychotherapie, klinischer Hypnose, Traumatherapie PITT und Ego-State-Therapie und Somatic Experiencing. Sie ist tätig als Supervisorin, Ausbilderin / Lehrtherapeutin, Gründerin und Co-Leiterin des Ego-State-Ausbildungsinstituts „Ego-State-Therapie Schweiz“.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint in der Reihe „Hypnose / Hypnotherapie“ des Carl-Auer Verlages. Silvia Zanotta fasst ihre langjährigen Erfahrungen als Psychotherapeutin, Lehrende und Supervisorin zusammen. Das Buch richtet sich insbesondere an Therapeut*innen, die ihr Wissen mithilfe eines körperorientierten Verfahrens erweitern wollen.

Aufbau

Nach zwei Geleitsworten von Gordon Emmerson und Maggie Phillips stellt die Autorin in der Einleitung Grundzüge ihres Ansatzes vor. In den folgenden Grundlagenkapiteln werden einführend die hypnosomatische Ego-State-Therapie, neurobiologische und weitere theoretische Überlegungen vorgestellt. Im dritten Kapitel thematisiert Zanotta Vorteile der Ego-State-Therapie um dann in den weiteren Kapiteln genauer auf Dissoziation und Erstarrung (Kapitel vier), Wut (Kapitel fünf), Scham und Schuld (Kapitel sechs) und im siebten Kapitel auf Schmerzen und somatische Symptome einzugehen. Im umfangreichen achten Kapitel stellt sie praktische Anwendungen in der Therapie vor. Das Buch endet mit kurzen abschließenden Anmerkungen, einer Danksagung und einer Übersicht über Ausbildungsinstitute, dem Literaturverzeichnis und Angaben über die Autorin.

Inhalt

In der umfangreichen Einleitung werden wichtige Schlüsselbegriffe des Buches benannt. Leitsätze sind: „Der Körper kennt den Weg“, „dem menschlichen Organismus wohnt die alte Weisheit der Selbstheilung inne“. Betont wird die Bedeutung von Sicherheit und Bindung in der Psychotherapie und der Ansatz korrigierender Bindungserfahrungen durch direkte Ansprache einzelner Persönlichkeitsanteile zu erreichen. Zudem führt sie ihre leitenden Prinzipien (Seite 14) auf:

  • der im Unbewussten impliziten Lösung von Symptomen (Milton Erickson),
  • der Aktualisierungstendenz im bedingungslos akzeptierenden therapeutischen Rahmen nach Carl Rogers,
  • dem ganzheitlichen, achtsamen Erleben in der sicheren Beziehung im Focusing (Eugene Gendlin),
  • dem Teile-Modell der Ego-State-Therapie
  • und den verschiedenen Ansätzen der Traumalösung auf Körperebene nach. Peter Levine (Somatic-Experiencing- Traumalösung) und der Somatic Ego State Therapy nach Maggie Phillips.

Im ersten Kapitel mit dem Titel „Hypnosomatische Ego-State-Therapie“ werden einleitend Fallbeispiele vorgestellt und weitere grundlegende Anmerkungen zu den Themen Bindung und Sicherheit, Empathie und Mitgefühl, zur Bedeutung der Psychoedukation und zum Vorbild des Therapeuten (im Buch wird die männliche Sprachform benutzt) vorgenommen. Thematisiert wird auch die Selbstregulation des Therapeuten in Bezug auf die Kunst der Beziehungsgestaltung.

Im zweiten Kapitel „Biologische Grundlagen, theoretische Überlegungen“ bietet die Autorin einen fundierten Überblick über das soziale Nervensystem, sie thematisiert grundlegend biologisch angelegte Reaktionen auf Traumata. Thematisiert werden auch die bedeutsamen Auswirkungen positiver Zuwendungen. In Bezugnahme auf Levine erweitert sie den gängigen Traumabegriff, in dem sie betont dass die Reaktion des Organismus auf die wahrgenommene traumatische Situation entscheidender dafür ist, ob posttraumatischer Stress entsteht, als die Frage, ob eine objektiv traumatische Situation vorliegt (S. 66). Der Fokus liegt in ihrem Ansatz somit weniger auf dem Inhalt der traumatischen Erfahrung, sondern auf den Reaktionen und dem Erleben des Klienten. Hieraus ergibt sich das Ziel der Therapie (Seite 74) Klienten zu unterstützen die Verbindung zum Körper, aber auch zu ihren Mitmenschen und Umgebungen wiederherzustellen. Erörtert werden zudem die Bedeutung der Psychoedukation und die des Zusammenspiels des „dreieinigen Gehirns“. Als Hauptkriterien einer erfolgreichen Trauma Therapie nennt die Autorin (S. 88):

  1. die Beziehungsgestaltung über soziale Unterstützung,
  2. die Selbstregulation durch das Regulieren von Grundrhythmen im Körper,
  3. die Koregulation im Kontakt mit einem gegenüber.

Zusammenfassend betont die Autorin, dass im Grunde die Geschichte des Klienten durch die Ego-State-Therapie im Körper neu geschrieben wird.

Im dritten Kapitel schließt sich ein Überblick über die Ego-State-Therapie an, in der im Gegensatz zur Hypnosetherapie und zur Gestalttherapie das Besondere dieser Therapieform im Umgang mit den destruktiv wirkenden Anteilen läge. Diese werden wertgeschätzt, distanziert, externalisiert und utilisiert. Der Therapeut gibt den ungeliebten Teilen zu verstehen, was die eigentliche und ursprüngliche Funktion, die positive Absicht sei. Anhand von Fallbeispielen wird dieses Vorgehen erläutert und im Anschluss eine Zusammenstellung der grundlegenden Interventionen im Kontakt mit destruktiv wirkenden Ego-States vorgestellt.

Das vierte Kapitel thematisiert ergänzend, auch hier wieder insbesondere anhand von Fallbeispielen, die Bedeutung von Dissoziation und Erstarrung.

Wut als Kraft wird im fünften Kapitel thematisiert. Diese Selbstbehauptungs- und Abgrenzungsfunktion gilt es zu würdigen. Erst wenn dies erfolgt ist, können Klienten entscheiden, ob sie dieses Verhalten ablehnen oder verändern wollen. Hierzu werden Ressourcen-States gesucht, mit denen sich die Klienten auf angemessene Weise wehren können. Auch in diesem Kapitel werden mithilfe von Fallbeschreibungen u.a. erörtert, wie in „stiller Weise“ Wut inaktiv „abreagiert“ werden kann oder wie sich Klienten vorstellen können, wie ihre Wut in einen Gegenstand wie die Stuhllehne hineinströmt.

In im Mittelpunkt des sechsten Kapitels stehen Scham und Schuld, da die Autorin davon ausgeht, dass Scham eine zentrale Emotion ist. Alle Pathologien, die mit Selbstbeurteilung und Selbstabwertung zusammenhängen, hätten hiermit zu tun. Vorgestellt werden verschiedenste Formen von Scham und wie mit diesen Phänomenen und auch mit Schuld konstruktiv umgegangen werden kann. Für die Autorin ist es bedeutsam gesunde und ungesunde Schuldgefühle zu unterscheiden. Vorgestellt wird, wie Schuldgefühle durch einen inneren Dialog integriert werden können.

Im kurzen siebten Kapitel wird ein möglicher Umgang mit Schmerzen und anderen somatischen Symptomen angedeutet.

Das achte Kapitel thematisiert praktische Anwendungen dieses körperorientierten Ansatzes. Einführend werden zunächst allgemeine Hinweise gegeben und dann auf ca. 40 Seiten eine Reihe von Übungen vorgestellt.

Diskussion

Ihrem Buch stellt die Autorin ein Zitat von Oskar Wilde voraus. „Am Ende wird alles gut an! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht am Ende.“ Dieses Zitat und auch der Buchtitel „Wieder ganz werden. Traumaheilung.“ ließen eine sehr positivistische Einstellung befürchten, in der das Leid nicht genügend gewürdigt wird und versucht wird, auch die schlimmsten Erlebnisse zu relativieren und umzudeuten. Diese Vermutung bestätigte sich im Text jedoch im Wesentlichen nicht, wenn auch die Autorin erst auf der letzten Seite (S. 250) benennt, dass oftmals nicht eine vollständige Heilung, sondern lediglich eine Linderung der Symptome erreicht werden kann. Diese Anmerkung bezieht jedoch im Wesentlichen auf eine nicht gelungene Beziehung zwischen Klient und Therapeut. Zu wenig wird meines Erachtens gesehen, welche weiteren vielfältigen Phänomene dazu beitragen, dass auch Traumatherapien (wie allgemeinen Psychotherapien) häufig nicht, oder nur begrenzt wirksam sind. Dieser Aspekt ist auch deswegen von Bedeutung, damit Klienten (und auch Therapeuten), die keine Heilung erreichen, nicht das Gefühl haben, versagt zu haben oder gescheitert zu sein. In vielen Fällen ist eben oftmals das angemessene Ziel mit dem Trauma möglichst gut leben zu können.

Bei diesem insgesamt sehr innovativen und kenntnisreichen Buch sollen jedoch noch zwei weitere Aspekte kurz kritisch erwähnt werden. Leider wird bei der Darstellung der Ego-State-Therapie die grundlegende Bedeutung der Gestalttherapie nicht gewürdigt. Anders als dies die Autorin benennt (S. 94), steht auch in der Gestalttherapie der Aufbau einer verlässlichen Beziehung ebenso im Mittelpunkt, wie eine gleichzeitige Arbeit auf mehreren Beziehungsebenen Standard ist. Zudem arbeitete auch die Gestalttherapie schon immer mit der Einbeziehung des Körpers bzw. des Leibes.

An einzelnen Stellen des Buches wird meines Erachtens zu sehr verallgemeinert, wenn beispielsweise angenommen wird (S. 147) dass Essstörungen, wie die Anorexia nervosa oder die Bulimie auf dysfunktionale Familienmuster mit Vernachlässigung zurückgeführt werden können und beispielsweise formuliert wird (S. 147f): „Bei der Bulimie (ohne Anorexie) liegt der Fokus etwas anders: Ein zurückgewiesener Ego-State verausgabt sich dabei, mit anderen Menschen zu rivalisieren, um seine Sehnsucht nach akzeptierender Liebe zu stillen. Der treibende Motor hinter der Bulimie ist also das Bedürfnis, anderen überlegen zu sein.“

Trotzdem ist festzuhalten: Kenntnisreich theoretisch fundiert, praktisch gut nachvollziehbar und einfühlsam thematisiert die Autorin in ihrem Buch den Umgang mit frühen Bindungsabbrüchen, präverbalen Traumata und komplexen Traumatisierungen.

Für den Einsatz dieser interessanten ergänzenden Therapiemethode fehlen jedoch noch empirische Studien über die Wirksamkeit und über mögliche Nebenwirkungen.

Fazit

Für Silvia Zanotta sind die sensomotorisch im Körpergedächtnis gespeicherten Traumata von zentraler Bedeutung. Diese Menschen brauchen insbesondere einen leiblichen Zugang, Methoden der Kognition sind oft nur schwer zugänglich.

In ihren Ansatz stellt sie immer wieder die Bedeutung der therapeutischen Beziehung in den Mittelpunkt. Sie nutzt dabei eine Synthese aus Ego-State-Therapie mit Hypnotherapie und anderen Ansätzen aus der energetischen oder körperorientierten Psychologie. Basis und Bezugspunkt bildet die Ego-State-Therapie, denn diese ermöglicht destruktiv wirkende Anteile in Ressourcen umzuwandeln. Dieser Prozess wird in einem Kapitel über das Schamgefühl, welches im Trauma-Kontext viel zu selten Beachtung finden würde, dargelegt. Ausführlich thematisiert sie unter anderem den Umgang mit Widerständen und destruktiv agierenden Ego-States um korrigierende Beziehungserfahrungen auf der inneren Bühne zu erreichen. Im abschließenden Kapitel bietet sie hierfür einen Fundus an konkreten Anleitungen, Übungen und Interventionen.

Das Buch zeichnet eine Praxisnähe ebenso aus wie die Wissenschaftlichkeit, hier finden sich oft dezidierte Hinweise auf andere Autor*innen. Bereichernd sind auch die vielen Falldarstellungen. Hilfreich zum Verständnis des Buches sind auch die Fallbeispiele und die Zusammenfassungen.

Den Leser*innen mit Vorkenntnissen bietet dieses Buch einen anschaulichen und theoretisch fundierten, mit vielen praktischen Fallbeispielen angereicherten Überblick über die Grundlagen und die Methoden der Einbeziehung des Körperwissens für die Traumatherapie.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 27.03.2019 zu: Silvia Zanotta: Wieder ganz werden. Traumaheilung mit Ego-State-Therapie und Körperwissen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. ISBN 978-3-8497-0243-4. Reihe: Hypnose und Hypnotherapie.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25452.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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